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CAN Stop – gegen problematischen Cannabiskonsum

Das manualisierte Gruppenprogramm CAN Stop richtet sich an junge Menschen, die einen problematischen Cannabiskonsum aufweisen. Ziel ist es, Teilnehmende dabei zu motivieren, ihren Konsum zu überdenken und zu reduzieren oder dauerhaft zu beenden. Wir sprachen mit Herrn Prof. Dr. Thomasius, Frau Dr. Baldus und Herrn PD Dr. Reis aus dem Autor*innenteam.

Das Gruppenprogramm wendet sich an junge Menschen, die einen problematischen Cannabiskonsum haben – ab wann kann man davon sprechen?

Rainer Thomasius:
CAN Stop richtet sich an junge Menschen, die Cannabis konsumieren und ihren Konsum kritisch überdenken wollen. Unsere Haltung bei dem Gruppentraining CAN Stop ist, die Teilnehmenden zu einer Konsumreduktion oder Abstinenz zu ermutigen, ohne dabei moralischen Druck auszuüben. Wir gehen also mit dem Widerstand der Teilnehmenden. Von einer Definition des „problematischen Cannabiskonsums“ haben wir daher bewusst abgesehen. Wir wollen den Betroffenen gerne selbst überlassen zu überlegen: Ist mein Konsum bereits problematisch? Viele junge Cannabiskonsumierende stehen ihrem Konsum durchaus ambivalent gegenüber. Sie bemerken Motivations- und Leistungseinbußen und registrieren auch, dass Hobbies und nicht konsumierende Freunde auf der Strecke bleiben. Auf der anderen Seite steht der Eindruck, ohne Cannabis nicht mehr einschlafen zu können oder etwas ganz Wichtiges im Leben zu verlieren, wenn der Konsum aufgegeben wird. Diese Ambivalenz versuchen wir herauszustellen, indem die Teilnehmenden die Vor- und Nachteile des Konsums abwägen und ihre Änderungszuversicht gestärkt wird.

Wie groß sollten die Gruppen sein, in denen mit CAN Stop gearbeitet wird?

Christiane Baldus:
Wir empfehlen eine Gruppengröße zwischen sechs und zehn Teilnehmenden im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Bei der Zusammensetzung der Gruppe sollte auf eine einigermaßen ausgewogene Geschlechterparität geachtet werden. Auch ist es hilfreich den Konsumstatus der Teilnehmenden bereits bei der Zusammenstellung der Gruppe zu berücksichtigen.  Das Zusammenbringen von abstinenten und konsumierenden Teilnehmenden kann zur Folge haben, dass die abstinenten Teilnehmenden es als schwierig empfinden, wenn andere von ihrem Konsum erzählen. Das Programm ist sowohl für aktuell Konsumierende geeignet, es lässt sich aber auch in der Rückfallprophylaxe für bereits abstinente junge Menschen sinnvoll einsetzen.

Funktioniert es sowohl mit ambulanten als auch mit stationären Gruppen?

Christiane Baldus:
Ja, das CAN Stop Manual kann sowohl im ambulanten als auch im stationären Kontext verwendet werden: für beide Varianten gibt es im Manual eine eigene Anleitung für die Durchführung der Sitzungen. Der Unterschied zwischen den beiden Varianten ist darin begründet, dass der Konsum unter manchen stationären Bedingungen verboten ist, wie zum Beispiel auf einer Jugend-Suchtstation oder im Jugendstrafvollzug Im ambulanten Setting können die Durchführenden häufig davon ausgehen, dass die Teilnehmenden aktuell konsumieren und dies auch offen angesprochen werden kann.

Sie arbeiten unter anderem mit der Methode des „Motivational Interviewing“, wie funktioniert diese?

Olaf Reis:
Im Motivational Interviewing versucht der Interviewer, durch Techniken der reflektierenden Befragung im Interviewten eine Veränderungsmotivation zu erreichen. Dabei befragt die Interviewerin die Konsumentin zunächst ganz wertfrei nach ihren Gründen für den Konsum. Es geht also zunächst darum, alle Gründe und den Konsumenten ernst zu nehmen, empathisch und akzeptierend zu sein. Argumente für die Verhaltensänderung kommen auch über Fragen ins Spiel, Ambivalenzen werden herausgearbeitet, etwa der Widerspruch von Dazugehören wollen und Selbständigkeit, sollten dies Konsummotive sein. Im CAN Stop Training geschieht dies in der Gruppe, wobei sich die Konsumenten gegenseitig die Argumente über das Für und Wider des Konsums liefern und gemeinsam eine Veränderungsbereitschaft entwickeln können.

Wer kann mit CAN Stop arbeiten, muss man eine bestimmte Ausbildung dazu haben?

Olaf Reis:
Nein. Das Training ist so angelegt, dass die Trainierenden lediglich ein großes Interesse für die Thematik und Erfahrungen mit Jugendlichen mitbringen sollten. Diese Offenheit ist ein wesentliches Merkmal des Trainings, mit dem versucht werden sollte, so viel Präventionsinput wie möglich mit einem vertretbaren Aufwand direkt an die Konsumierenden zu bringen. Deshalb wurde CAN Stop nicht nur von TherapeutInnen, sondern auch von BerufsausbilderInnen, oder VollzugsbeamtInnen durchgeführt. Diese Idee, „Laien“ zu Trainierenden zu machen, veranlasste die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ dazu, das Projekt bereits im Jahr 2011 auszuzeichnen. CAN Stop ist ja kein Therapieprogramm, sondern ein Präventionsmanual. Sollten sich Jugendliche nach CAN Stop über ihre Problematik klar werden und für eine Therapie oder weitere Hilfen nach einer Therapie entscheiden, hat das Programm sein Ziel erreicht. Natürlich hat das Programm sein Ziel auch erreicht, wenn es den Teilnehmenden besser gelingt, ihren Konsum zu kontrollieren oder zu reduzieren. Unabhängig davon lässt sich das Programm auch sehr gut in therapeutischen Kontexten einsetzen, beispielsweise in Suchtambulanzen oder Therapiestationen.

Welche Haltung sollten Trainierende haben, die CAN Stop durchführen?

Olaf Reis:
Wir haben die Trainierenden in der CAN Stop Studie nach ihren Haltungen und Eigenschaften befragt, diese dann mit den Ergebnissen des Trainings korreliert und uneinheitliche Ergebnisse erzielt. Beispielsweise stellte sich heraus, dass Gruppen mit jüngeren Trainierenden höhere Quoten in der Konsumreduktion aufwiesen, ältere hingegen für die Haltequote, d.h. das „Dabeibleiben“ der Jugendlichen bedeutsam waren, was aber beides wichtige Dinge sind. Eine längere Berufserfahrung war auch gut für den Therapieerfolg – am besten in einem sozialen Beruf. Die Haltung zur Legalisierung und eigene Konsumerfahrungen der TrainerInnen waren unterschiedlich in den Settings. Am wenigsten KonsumentInnen gab es unter den JustizvollzugsbeamtInnen. Dies hatte aber keinen Einfluss auf die Trainingsergebnisse. Ein höherer Schulabschluss war hilfreich, eine zusätzliche Suchttherapieausbildung machte hingegen keinen Unterschied. Entscheidend ist, dass die TrainerInnen die differenzierte Herangehensweise des Trainings mittragen und anerkennen, dass Cannabis ein Schädigungspotenzial hat. Das Training wird jedoch nicht nur von den TrainerInnen beeinflusst, sondern auch von den Umgebungsbedingungen, dem „Setting“. So gelten in einer Justizvollzugsanstalt beispielsweise starke Restriktionen, wie sie im Umfeld von Berufsausbildungen nicht gelten.

Zu CAN Stop wurde eine Studie durchgeführt, was waren die Ergebnisse?

Christiane Baldus:
In der zugehörigen Studie konnten wir zeigen, dass Personen, die an dem CAN Stop-Programm teilnahmen, die Zahl der Tage, an denen sie im vergangenen Monat konsumiert haben, signifikant senken konnten, wohingegen ein derartiger Rückgang in der Kontrollgruppe, die nur eine Standardbehandlung oder -beratung erhalten hatte, nicht zu verzeichnen war. Das interpretieren wir als eine erwünschte Wirkung von CAN Stop.

Wie würden Sie die Vorteile des Programms beschreiben, warum ist es so wirkungsvoll?

Christiane Baldus:
Ein großer Vorteil von CAN Stop ist – neben der Evidenzbasierung – darin zu sehen, dass dieses Programm sehr abwechslungsreich und lebendig ist und gezielt auf die Lebenswelt und Erfahrungen von Adoleszenten eingeht. Die Anleitenden dürfen ganz unterschiedlichen Berufsgruppen angehören: es gibt keine Voraussetzungen in der therapeutischen Qualifikation und Ausbildung. Als Durchführende haben sich in unseren Studien Lehrer, Psychologinnen, Justizvollzugsbeamte oder interessierte Ehrenamtliche als gleichermaßen geeignet erwiesen. Wichtig ist jedoch, dass man die prinzipielle Haltung teilt, dass der Konsum von Cannabis – insbesondere durch junge Menschen – keine gute Idee ist. Wir empfehlen Interessierten, an einer Schulung zum CAN Stop-Programm teilzunehmen. Nähere Informationen dazu finden Sie unter www.dzskj.de.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Rainer Thomasius

Prof. Dr. Rainer Thomasius, geb. 1957. 1978–1985 Studium der Medizin in Hamburg. Seit 2006 Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) sowie des Bereichs Suchtstörungen an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Dr. Christiane Baldus

Dr. Christiane Baldus, geb. 1977. 1996–2002 Studium der Psychologie in Jena, State College und Tübingen. Seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ).

PD Dr. Olaf Reis

PD Dr. Olaf Reis, geb. 1963. 1984–1989 Studium der Psychologie in Jena. Seit 2003 Forschungskoordinator / Abteilungsleiter Forschung an der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklungspsychopathologie, Suchtprävention, sozialer Wandel.

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