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Einfühlsame Kommunikation

Erst, wenn wir uns selbst kennen richtig gelernt haben, können wir zu einer erfolgreichen Kommunikation mit anderen kommen. Wir verstehen, dass der eigene Blickwinkel nur einer von mehreren ist und können andere Standpunkte akzeptieren und wertschätzen. Was dafür nötig ist, erzählen uns die Autorinnen Prof. Dr. Petra Jansen und Dr. Stefanie Richter im Interview.

Der Untertitel Ihres Buchs lautet „Wie wir uns selbst und andere wahrnehmen“. Inwieweit ist es denn wichtig, über seine Selbstwahrnehmung nachzudenken, um richtig zu kommunizieren?

Die Selbstwahrnehmung ermöglicht uns, ein differenziertes Bild über die Facetten, die unsere eigene Person ausmachen, zu erlangen. Man (er)kennt seine Stärken und Schwächen, ist sich seiner Eigenschaften bewusst. Vielleicht hat man im Laufe der Zeit festgestellt, dass man dazu neigt, gern für sich zu sein und nicht so viel zu reden. Diese Wesensart kann bei einem redseligen Menschen Irritation hervorrufen, sogar als Ablehnung interpretiert werden. Ist man sich dessen bewusst, kann man Probleme vermeiden. Dann signalisiert einem das Stirnrunzeln des Gegenübers beim Gespräch möglicherweise: Ah, ich hab‘ es mal wieder übertrieben mit dem Telegrammstil.

Das Beispiel zeigt aber auch, dass es immer um die Passung zwischen den Kommunikationspartnern geht und darum, zu erkennen, dass die Facetten des Gegenübers anders sind und seine Reaktion aus dieser Andersartigkeit resultiert. Weiterhin wird klar, dass es genauso auf die Bewusstheit des Gegenübers ankommt: Wenn er weiß, dass er redselig ist, und dass es einfach Menschen gibt, die nicht so zum Erzählen neigen, wird der Redselige mit dem Wortkargen besser zurechtkommen, man trifft sich irgendwo in der Mitte.

Schließlich – und das ist einer der Gründe dafür, dass wir das Buch geschrieben haben – kann die Andersartigkeit zum Geschenk werden: Der Redselige freut sich über den guten Zuhörer, der Wortkarge über eine unterhaltsame Geschichte.

Sie schreiben auch über die Rolle unbewusster Kommunikationsmuster, was ist darunter zu verstehen?

Als unbewusste Kommunikationsmuster kann man zum einen Muster aus der Kindheit verstehen, die uns leiten, zum anderen aber auch unbewusste Einstellungen, die unser Verhalten/unsere Kommunikation bahnen. Nehmen wir das oben genannte Beispiel der kurzgefassten Kommunikation. Nicht jeder interpretiert die wortkarge Art des anderen wie dargestellt als Ablehnung. Vielleicht liegt es daran, dass man früher von der wütenden Mutter mit Schweigen bestraft wurde. So entstehen mehr oder weniger bewusste Annahmen, wie das Verhalten/die Kommunikation des anderen zu deuten ist, die aber in der heutigen Situation überhaupt nicht unbedingt stimmen müssen.

Neben den in der Kindheit angelegten Mustern, die uns eben oft nicht bewusst sind, gibt es auch noch unbewusste Einstellungen, die mit unseren expliziten nicht immer übereinstimmen müssen. Stellen Sie sich vor, Sie diskutieren mit dem Autoverkäufer über Nachhaltigkeit und die Frage nach der Bedeutung der E-Mobilität. Während Ihre explizite Einstellung, die Sie formulieren, positiv ist – E-Mobilität ist förderungswürdig und wichtig – kann es vielleicht sein, dass Sie implizit, also eher unter- oder vorbewusst, eine andere Einstellung haben, und dies ein Grund ist, der Sie von dem Kauf eines E-Autos abhält. Vielleicht führt es zur Verwunderung bei dem Autoverkäufer, der ja nur Ihre expliziten positiven Argumente kennt.

Neben den kognitiven, emotionalen und physischen Facetten, die unsere Persönlichkeit prägen, betonen Sie die Wichtigkeit der transzendentalen Facette, die bisher zu wenig beachtet wurde. Welche Rolle spielt sie für eine gelingende Kommunikation?

Für uns ist die transzendentale Facette ebenso bedeutsam wie die anderen drei Facetten, sie wurde nur unseres Erachtens bislang zu wenig beachtet. Es ist wichtig zu erkennen, dass, wenn der Kommunikationspartner eine stark ausgeprägte transzendentale Facette hat, er vielleicht aus einem „höheren“ Angebundensein heraus argumentiert. Wenn man z.B. erkennt, dass wir alle eins sind, dass das Ego und die vielen Dinge, mit denen wir uns gewöhnlich identifizieren, aus einer höheren Warte keine Rolle spielen, dann kann das die Kommunikation fördern. Sie wird sachlicher und konstruktiver, da die eigene Person weniger wichtig ist und man „mehr an einem Strang zieht“. Es geht dann nicht mehr darum, den anderen in der Kommunikation von der eigenen Sicht der Dinge überzeugen zu wollen, sondern vielmehr darum, die eigene Ansicht zu teilen, unabhängig davon, wie der andere reagiert oder was wir erwarten, wie er reagieren könnte. Aber grundsätzlich geht es auch erst einmal darum, zu erkennen, dass es diese transzendentale Komponente gibt, und dass es Menschen gibt, die aus dieser Komponente heraus kommunizieren.

Ein wichtiger Aspekt für gelungene Kommunikation ist die Bereitschaft, sich selbst und anderen Fehler zu verzeihen. Warum fällt uns das oft so schwer?

Fehler werden in unserer Leistungsgesellschaft oft als etwas Schlechtes angesehen; es fängt schon in der Schule an, wo möglichst wenig rote Anmerkungen mit einer guten Note belohnt werden. Dabei wird häufig vergessen, dass Fehler zum Menschsein dazu gehören. Weil das so ist, kommen wir unweigerlich mit dem Verzeihen in Kontakt; laut Duden geht es dabei darum, „erlittenes Unrecht o. Ä. den Urheber nicht entgelten [zu] lassen, nicht grollend, strafend usw. darauf [zu] reagieren.“

Beim Verzeihen, einem komplexen Prozess, kommt es z.B. auf das eigene Anspruchsniveau an. Der eine Schüler kann sich nicht verzeihen, keine Bestnote erreicht zu haben, der andere ist froh über ein „Bestanden“. Genauso verhält es sich mit den Fehlern der anderen: Welche Erwartungen stellt man an sie? Dazu spielen die Reue des Verursachers sowie der Schweregrad des Fehlers eine Rolle.
Letzterer reicht von einer unfreundlichen Bemerkung bis hin zu schweren Traumata oder anderen weitreichenden Fehlern, die ganze Gruppen von Menschen betreffen.

Manchmal möchte man gerne verzeihen, aber es gelingt einfach nicht. Dann versucht man eventuell, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, denn Verzeihen kann nicht erzwungen werden, sondern ergibt sich aus der Verarbeitung des Fehlers. Dazu gehört, bestimmte Gefühle in Reaktion auf erlittenes Unrecht wirklich wahr- und anzunehmen. In etwa so: „Ich ärgere mich sehr über die abwertende Bemerkung der Kollegin zu meiner Präsentation! Das kränkt mich und es ist völlig normal, dass es das tut!“ Oft überspringen wir diesen Punkt und sagen: „Ja, die Bemerkung war nicht so nett, aber ich sollte da wirklich drüberstehen. Sie meint es bestimmt nicht so! Ich sollte ihr verzeihen!“ Und wenn man selbst einen Fehler gemacht hat? Hilfreich ist, sich den Fehler einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen sowie die dazugehörigen Gefühle (Scham, Wut, Trauer …) zu durchleben und anzuerkennen.

In einem Beispiel im Buch wandelt ein fröhlich lächelndes Kind die Atmosphäre in einem Zugabteil positiv. Welche Rolle spielen solche Aspekte einer nonverbalen Kommunikation?

Dass nonverbale Aspekte bei der Kommunikation eine Rolle spielen, ist schon länger bekannt. Watzlawick sagte bereits, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Auch ohne Sprache erfährt die Kommunikationspartnerin über die Körperhaltung oder den Gesichtsausdruck eine Botschaft. Darüber hinaus können z.B. auch gezielt eingesetzte Berührungen den Kommunikationsprozess beeinflussen. In dem Beispiel von dem fröhlich lächelnden Kind im Zug geht es aber noch um etwas anderes, nämlich um eine eher indirekte Kommunikation. Durch das freundliche Kind verändert sich vielleicht die „Atmosphäre“ im Zugabteil. Da jedoch Gefühle und Stimmungen bei jeder Kommunikation mitschwingen, und uns nicht unbedingt bewusst sind, können solche positiven Erfahrungen die Stimmung steigern und so die Kommunikation positiv beeinflussen. Die Bedeutung der Situation wurde schon in zahlreichen Kommunikationsmodellen bedacht, allerdings bezog sie sich oft auf ein bestimmtes Setting (z.B. ein Gespräch mit der Chefin). Doch allein die Atmosphäre, unabhängig von der konkreten Situation, spielt eine wichtige Rolle, leider ist sie schwer messbar!

Sie benutzen das Bild vom „Brillentausch“ – wirklich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen erscheint schwierig. Gibt es Möglichkeiten, es tatsächlich einzuüben?

Zum Perspektiventausch gehört ein generelles Interesse am Gegenüber und die Überzeugung, dass dessen Perspektive eine Bedeutung hat, wir müssen unserem Gesprächspartner also Respekt und Wertschätzung entgegenbringen. Das hört sich zunächst sehr einfach an, aber manchmal ertappen wir uns vielleicht auch dabei, dass wir unsere Sichtweise als die WIRKLICH einzig richtige ansehen. Dabei hilft es zum einen, sich bewusst zu machen, dass man selbst nicht alles weiß und zum anderen, sich auf die Sachebene zu konzentrieren. Das Wissen des anderen über die Sache kann das eigene Wissen erweitern und somit die eigene Perspektive bereichern.

Bei diesem Prozess hilft Achtsamkeit – Achtsamkeitsübungen ermöglichen es, Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, wie z.B. die eigene Sichtweise oder die des anderen. Man hat dann nicht mehr den Anspruch, die Kommunikationspartnerin überzeugen zu wollen. Um Respekt und Wertschätzung für den anderen zu fördern, könnten z.B. loving kindness Meditationen praktiziert werden, wobei es aber vielleicht auch nicht immer Meditationen sein müssen. Wissenschaftliche Arbeiten haben gezeigt, dass die Perspektivenübernahme auch trainiert werden kann.

Letztendlich glauben wir, dass jeder die Dinge praktizieren sollte, die ihn selbst glücklich machen. Vielleicht ist es für den kognitiv orientierten Menschen das Lösen einer komplizierten Gleichung und für den Menschen mit einer hohen physischen Ausprägung ein Marathonlauf usw. Der innere Frieden, der sich dadurch einzustellen vermag, wird es auch ermöglichen, die Perspektive des anderen anzunehmen.

Wenn man zu zweit ein Buch schreibt, kann dies auch eine Herausforderung auf kommunikativer Ebene sein. Haben Sie bei der Zusammenarbeit etwas über ihre eigenen Kommunikationsmuster gelernt?

Wir kennen uns rund zwanzig Jahre und haben schon oft zusammengearbeitet, von daher gab es dabei keine Überraschungen oder neue Erfahrungen. Dazu kommt, dass wir uns in vielen Facetten ähnlich sind. Das betrifft unsere Ansichten zu den im Buch besprochenen Themen, aber auch die Arbeitsweisen, z.B. was die Entscheidungsfindung angeht. Komplizierter wäre es, wenn die eine tagelang grübelt, die andere aber zu schnelleren Entschlüssen neigt. Wir tendieren beide eher in die schnellere Richtung. So gesehen fordern wir uns, was unsere Kommunikationsmuster angeht, beim gemeinsamen Schreiben eines Buches nicht heraus. Natürlich gibt es trotzdem auch Unterschiede, z.B. hinsichtlich der Art zu schreiben oder bzgl. der Detailbezogenheit vs. dem visionären Herangehen. Um diese auszugleichen, geben wir uns unsere Texte gegenseitig zum Überarbeiten, so dass beide mit dem Endergebnis zufrieden sind.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Dr. Petra Jansen

Prof. Dr. Petra Jansen studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Anthropologie, Ethnologie, Psychologie und Mathematik, und promovierte 1999 an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg in kognitiver Psychologie zur Kognition von Distanzen in virtuellen Umgebungen. Von 1999 bis 2008 war sie am Institut für Allgemeine Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf beschäftigt, wo sie sich 2005 zum Thema der Entwicklung der räumlichen Kognition habilitierte. 2008 wurde sie Lehrstuhlinhaberin für Sportwissenschaft an der Universität Regensburg. Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist die Untersuchung der Verbindung von Motorik, Emotion und Kognition sowie die Untersuchung der Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Verfahren. Petra Jansen ist zertifizierte Lehrerin für Mindfulness-Meditation.  Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Dr. Stefanie Richter

Dr. Stefanie Richter studierte Psychologie mit Schwerpunkt Neuropsychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie 2001 über die Steuerung von Armbewegungen promovierte. Anschließend forschte sie an der Universität Duisburg-Essen und der Eberhard-Karls-Universität Tübingen zu motorischen und kognitiven Funktionen des Kleinhirns sowie visuell-räumlichen Fähigkeiten im Kindesalter. An der Universität Regensburg befasste sie sich anschließend mit dem Thema Yoga bei Kindern im Grundschulalter. Stefanie Richter arbeitet heute als freie Autorin und ist Mutter eines 13-jährigen Sohnes.

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