DeutschKlinik und Therapie

NET – Narrative Expositionstherapie

In unserer Reihe Fortschritte der Psychotherapie ist soeben der Band zur Narrativen Expositionstherapie erschienen. Autor Prof. Dr. Frank Neuner erklärt im Interview die Methode, die Geschichte der NET und die besonderen Vorzüge bei der Behandlung schwer traumatisierter Menschen.

Die NET ist eine traumafokussierte Psychotherapiemethode – inwieweit unterscheidet sie sich von anderen Methoden, wie funktioniert sie?

Wie andere traumafokussierte Therapieverfahren auch versucht die NET zu erreichen, dass traumatisierte Patientinnen und Patienten ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten können, so dass diese sich nicht mehr unkontrolliert ins Bewusstsein drängen. Im Unterschied zu anderen Methoden der Traumatherapie erkennt die NET an, dass viele Menschen, insbesondere Opfer von Kindesmisshandlung, häuslicher Gewalt, Krieg und Flucht nicht nur ein, sondern häufig eine ganze Reihe von traumatischen Erfahrungen erleben mussten. Statt der Verarbeitung eines sogenannten Index-Traumas geht es also um die Aufarbeitung der ganzen Lebensgeschichte, der guten und der schlechten Zeiten, und der schlimmen Erlebnisse im Zusammenhang des Lebens.

Wie ist die Narrative Expositionstherapie erstanden?

Die Narrative Expositionstherapie wurde als kurzes und pragmatisches Verfahren zur Anwendung in Krisengebieten entwickelt. Es konnte gezeigt werden, dass auch Laien, die keine ausgebildeten Psychotherapeutinnen sind, unter bestimmten Voraussetzungen mit der NET erhebliche Erfolge in der Behandlung auch in krisenhaften Regionen wie Uganda oder Sri Lanka erreichen können. Also dort, wo Traumatherapie besonders notwendig ist, weil es aufgrund von Krieg und Katastrophen so viele traumatisierte Menschen gibt und gleichzeitig so wenige Therapeutinnen und Therapeuten. Heute wird die NET auch als die Therapie oder ein Therapiebaustein von Psychotherapeutinnen in vielen Ländern eingesetzt, um komplexe Traumafolgen zu behandeln.

Wie effektiv ist die NET, was sind ihre Stärken?

In vielen Evaluationsstudien konnte gezeigt werden, dass die NET etwa die Erfolgsquoten von anderen traumafokussierten Therapieverfahren erreicht, und sie wird in maßgeblichen Leitlinien zu den Therapien erster Wahl gezählt. Im Kontext Krieg und Flucht ist die NET besser evaluiert als andere Therapieverfahren. Die besondere Stärke ist der Nachweis der Wirksamkeit in unsicheren Regionen, und die vergleichsweise geringe Rate an Therapieabbrüchen. Hier zahlt sich aus, dass die Therapie das ganze Leben betrachtet, was die Patientinnen und Patienten dazu motiviert, die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse abzuschließen.

Welche Voraussetzungen gibt es bezüglich der Personen, die NET ausführen wollen, welche therapeutische Haltung sollten sie einnehmen?

Neben den typischen Grundvoraussetzungen für Psychotherapie wie Offenheit gegenüber Wertvorstellungen und Kulturen und Einfühlungsvermögen ist es für die NET wichtig, gleichzeitig mitfühlend gegenüber dem Menschen und unerschrocken gegenüber dem Trauma und den damit verbundenen Gefühlen zu sein. Nur so können die Betroffenen eine Beziehungserfahrung machen, in der sie sich trotz ihrer oft schamhaft erlebten Vergangenheit so angenommen fühlen, so wie sie sind, einschließlich ihrer Erlebnisse und Vergangenheit.

Was versteht man unter „heißem und kalten Gedächtnis“?

Heißes und kaltes Gedächtnis sind Metaphern für die Repräsentationen der traumatischen Erlebnisse in nicht-deklarativen und deklarativen Gedächtnissystemen. Das betrifft den Kern der gegenwärtigen Traumatheorien: Dass die traumatischen Erlebnisse exzessiv in ihren affektiven und sensorischen Bestandteilen abgespeichert wurden, aber nur marginal und bruchstückhaft in der eigenen sprachlich vermittelbaren Lebensgeschichte. Es fehlt das Narrativ, die bedeutungsgebende Erzählung der Ereignisse im Zusammenhang des Lebens, was ist genau passiert, wann und wo war das, was bedeutet das für mich und die Welt? Diese Erzählung holen wir nach in der Therapie.

Eine Übung bei der NET ist die „Lebenslinie“, wie funktioniert sie?

Die Lebenslinie ist sozusagen die Vorbereitungsübung der Erzählung. Es geht darum, mit einfachen Symbolen die wichtigsten Ereignisse des Lebens in eine Reihenfolge zu bringen. Das ist der Einstieg in die Chronologie, die danach die Erzählung leiten wird. Die Lebenslinie sieht einfach und spielerisch aus, ist aber eine Herausforderung, weil hier oftmals zum ersten Mal einzelne traumatische Erlebnisse überhaupt angesprochen und eingeordnet werden.

Die Narrative Expositionstherapie ist eine Methode, die, wie Sie betonen, nicht politisch und sozial neutral ist. Welchen Einfluss könnte die NET gesellschaftlich haben?

Ein Phänomen ist weltweit im Kontext von Krieg und Verfolgung zu beobachten, aber auch im Zusammenhang mit anderen Traumatisierungen, wie Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt. Die Opfer sind häufig diejenigen, die am wenigsten Gehör finden. Das liegt auch daran, dass kaum jemand die Geschichten von Gewalt und Schmerz hören möchte. Trauma ist seit jeher mit Schweigen auf allen Seiten verbunden. Die Opfer tun sich aufgrund ihrer Traumatisierungen schwer, ihre Geschichten in Worte zu fassen. Auf der anderen Seite nimmt das Schweigegebot in der Gesellschaft unterschiedlichste Formen an. Schweigen besteht aus ablehnender Interesselosigkeit und Unglauben aber oft auch aus einer bevormundenden psychologisierenden Betonung der Gefahr des Redens über Traumata. Es wir gerne betont, Reden über Gewalterfahrungen sei gefährlich für die Betroffenen selbst und für die Zuhörerinnen, so dass davor gewarnt werden muss. NET vertritt eine andere Haltung. Nicht das Reden ist gefährlich, sondern die Gewalt selbst und die Sprachlosigkeit. Im Richtigen Kontext ist die Erzählung die Grundlage für die Heilung und der erste Schritt dabei, den Opfern auch eine Stimme zu geben. Denn die Stimmen der Opfer sind so wichtig, um auch Wunden der Gesellschaft anzugehen, um für Gerechtigkeit einzutreten und um in der Gemeinschaft zu lernen, was Gewalt bedeutet, einfühlbar und direkt.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Dr. Frank Neuner

Prof. Dr. Frank Neuner promovierte 2003 der Universität Konstanz. Im Jahr 2004 erhielt er den Dissertationspreis der Stiftung Wissenschaft und Gesellschaft sowie den Nachwuchspreis der Abteilung für Klinische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Im Jahr 2004 wurde er als Juniorprofessor an die Universität Konstanz berufen. Neben seiner akademischen Laufbahn erhielt er die postgraduale klinische Ausbildung am Zentrum für Psychiatrie, Reichenau, mit der Approbation in Psychotherapie im Jahr 2003. Im Jahr 2008 wurde er zum Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an die Universität Bielefeld berufen. Seitdem ist er Leiter der Universitätsambulanz für Psychotherapie Bielefeld. Im Jahr 2008 wurde er zum Honorarprofessor an der Mbarare University of Technology and Science in Uganda ernannt.