Radikalisierte Kinder und Jugendliche
Von Prof. Dr. Marc Allroggen
Wenn eine mutmaßlich islamistische 13jährige mit einem Messer auf eine Betreuerin einsticht oder ein 12jähriger einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt plant, dann sind dies sicherlich zunächst einmal Einzelfälle. In den vergangenen Jahren wird aber eine Zunahme von auch gewaltbereitem Extremismus in der Gesellschaft wahrgenommen, von der auch Kinder und Jugendliche nicht ausgenommen sind. Sie sind nicht nur mit dem Thema in Medien und Familien konfrontiert, sondern zeigen auch selber häufig demokratiefeindliche oder extremistische Einstellungen. Zudem ist eine Zunahme von insbesondere rechtsextremistisch motivierten Straftaten bei Jugendlichen zu verzeichnen. Für Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, aber auch Eltern stellt sich daher die Frage, wie es zu solchen Entwicklungen kommen kann, wie diese frühzeitig wahrgenommen werden können und insbesondere, wie solche negativen Entwicklungen verhindert werden können.
Was sind die Gründe für eine Radikalisierung?
Wenn Jugendliche oder Kinder sich radikalisieren, dann hat das oft zunächst wenig damit zu tun, dass diese sich vertieft mit einer bestimmten Ideologie oder Religion auseinandergesetzt haben. Bei vielen Radikalisierungsverläufen geht es eher darum, dass die Betroffenen in einer persönlichen Krise nach Halt und Orientierung suchen. Der Anschluss an eine extremistische Gruppe oder auch nur die Übernahme von extremistischen Inhalten können dazu führen, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen ein Gefühl von Zugehörigkeit erfahren oder sich als Teil von etwas Besonderem erleben. Hinzu kommt, dass extremistische Narrative scheinbar einfache Antworten auf komplexe Problemlagen bieten. Die damit verbundene Reduktion von Komplexität kann Sicherheit vermitteln, ebenso können gesellschaftliche Entwicklungen als Auslöser für persönliche Krisen interpretiert werden, was eine emotionale Entlastung mit sich bringen kann. Die tatsächlichen Inhalte extremistischer Narrative sind dabei weniger von Bedeutung als die Einflüsse von Freunden, Bezugspersonen oder über soziale Netzwerke.
Welche Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet?
Radikalisierungsprozesse verlaufen sehr unterschiedlich, wobei sowohl individuelle Faktoren als auch Einflüsse des sozialen Umfeldes und gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle spielen können. Auf individueller Ebene können Aspekte wie eine mangelnde soziale Unterstützung, Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, bestimmte Persönlichkeitszüge aber auch traumatische Erfahrungen zu einer erhöhten Vulnerabilität für extremistische Einflüsse führen. Kommen dann aktuelle Verlusterlebnisse oder Belastungen hinzu, die die eigene Fähigkeit zur Bewältigung aktueller Krisen übersteigt, so kann der Anschluss an eine extremistische Gruppe oder ein extremistisches Netzwerk zu einer vorübergehenden Stabilisierung führen. Aber auch das Scheitern an Entwicklungsaufgaben wie dem Aufbau stabiler Beziehungen zu Gleichaltrigen, der Entwicklung einer realistischen Zukunftsperspektive oder der Bewältigung schulischer Anforderungen kann zu Verunsicherung führen und somit anfällig machen für extremistische Narrative. Einige Jugendliche erleben auch in Zusammenhang mit der Ablösung von ihren Eltern eine gewisse Identitätskrise, in der extremistische Netzwerke und Inhalte Orientierung geben können. Hierbei spielt auch eine Rolle, dass Jugendliche in hohem Maße durch Peers beeinflussbar sind. Gerade über Social Media können Kinder und Jugendliche ungefiltert und ohne dass erwachsene Bezugspersonen dies mitbekommen extremistischen oder gewaltbefürwortenden Einflüssen ausgesetzt sein.
Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen bei Radikalisierungsprozessen?
Es ist wichtig zu betonen, dass es sich bei einer Radikalisierung um keine psychische Erkrankung oder einen krankhaften Prozess handelt. Nichtsdestotrotz kann auch das Vorliegen einer psychischen Erkrankung die Vulnerabilität für Radikalisierungsprozesse erhöhen. So können beispielsweise stark negative oder dichotome Denkmuster im Rahmen einer Depression die Übernahme extremistischer Inhalte begünstigen, bei sozialen Ängsten kann das Angebot der sozialen Integration in eine (radikale) Gruppe attraktiv erscheinen oder bei bestimmten Persönlichkeitsstörungen kann die Suche nach Anerkennung ein bedeutsamer Faktor sein. In diesen Fällen kann der Anschluss an ein extremistisches Netzwerk auch einen Bewältigungsversuch der Erkrankung darstellen.
Was sind Folgen einer Radikalisierung?
Die Auseinandersetzung oder Konfrontation mit extremistischen Inhalten muss nicht zwingend mit einer Gefährdung der betroffenen Kinder und Jugendlichen einhergehen. Viele Jugendliche neigen dazu, vorübergehend extreme oder radikale Positionen einzunehmen, ohne dass damit eine Gefährdung verbunden sein muss. Vielmehr können solche Prozesse auch wichtige gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Auch radikalisieren sich Jugendliche nicht, wenn sie zufällig auf extremistische Inhalte in Sozialen Medien stoßen. Vielmehr sind die Jugendlichen gefährdet, bei denen der Radikalisierungsprozess ein emotionales Bedürfnis befriedigt oder der Stabilisierung bei einer Entwicklungskrise oder psychischen Erkrankung dient. In diesem Fall kann die Radikalisierung eine funktionale Lösung des zugrundliegenden Problems verhindern. Auch kann es im Rahmen des Radikalisierungsprozesses zu einem zunehmenden sozialen Rückzug von unterstützenden Personen kommen, was eine grundlegende Lösung des eigentlichen Problems zusätzlich verhindert, oder wichtige Entwicklungsaufgaben wie der Schulbesuch werden vernachlässigt. In diesem Falle besteht eine mögliche Entwicklungsgefährdung und es kann auch zu psychischen Belastungen oder Erkrankungen in der Folge der Radikalisierung kommen.
Auch die Begehung von Straftaten kann eine Gefährdung darstellen, einerseits für die Kinder und Jugendlichen aufgrund der damit verbundenen (strafrechtlichen) Konsequenzen, aber insbesondere auch für Dritte. Jugendliche und jungen Erwachsene sind zunehmend an der Planung oder Durchführung extremistischer Gewalttaten beteiligt. Extremistische Gewalttaten können dabei in Zusammenhang mit einer zunehmenden Radikalisierung entstehen, wobei hier dann auch gruppendynamische Aspekte eine Rolle spielen können oder der Einfluss über soziale Netzwerke. Zunehmend von Bedeutung sind aber auch Gewalttaten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei denen eher eine grundlegende Gewaltbereitschaft als ein tiefergehender Radikalisierungsprozess ursächlich eine Rolle spielt, sowie die Taten von sogenannten Einzeltätern. Diese agieren in der Regel außerhalb eines engeren extremistischen Netzwerkes und persönliche Krisen oder schwere psychische Erkrankungen sind primär tatauslösend, während ideologische Motive der Tat eher einen Bedeutungsrahmen geben, als dass sie tatsächlich als ursächlich für diese anzusehen sind.
Welche Möglichkeiten der Prävention sind sinnvoll?
Extremismusprävention wird grundsätzlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und sollte sich daher nicht auf einzelne Projekte zur Demokratieförderung beschränken oder auf die Angebote von Fachberatungsstellen der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. Vor dem Hintergrund der oben dargestellten Entstehungsbedingungen sollten Ansätze der Prävention zunächst darauf abzielen, dass Kinder und Jugendliche resilient werden gegenüber negativen Einflüssen wie extremistischen Netzwerken. Hierzu bedarf es kontinuierlicher Präventionsangebote zur Verbesserung der Stresstoleranz und Emotionsregulation sowie der Perspektivenübernahme. Idealerweise sollten diese Angebote kontinuierlich erfolgen und sich an alle Kinder und Jugendliche richten. Dementsprechend ist eine Etablierung von entsprechenden fortlaufenden Trainingskursen für sozial-emotionales Lernen länderübergreifend im Schulkontext die wichtigste Präventionsmaßnahme zur Verhinderung einer Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen. Eine primär kognitiv ausgerichtete Demokratieförderung hat hingegen wenig Effekte.
Ebenso bedeutsam ist es, Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ebenso wie Eltern für Hinweise auf eine negative Entwicklung zu sensibilisieren. Hinweise wie ein vermehrter sozialer Rückzug, Schulabsentismus oder ein vermehrt aggressives Verhalten müssen nicht zwingend auf eine Radikalisierung hindeuten, sollten aber dazu führen, dass das Gespräch mit betroffenen Kindern und Jugendlichen gesucht wird, um mögliche Ursachen für die Verhaltensänderung zu identifizieren sowie Unterstützungsangebote zu besprechen. Diese Sensibilisierung für krisenhafte Verläufe kann auch helfen, extremistische Gewalttaten zu verhindern.
Nicht zuletzt gehört zu einem gesamtgesellschaftlicher Präventionsansatz auch eine grundlegende Debatte darüber, wie wir insbesondere im politischen Diskurs miteinander und über Menschen sprechen. So führt eine Marginalisierung oder Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen sowohl zu einer Legitimation von Gewalt gegenüber diesen Gruppen als auch zu einer Förderung von Radikalisierungsprozessen in marginalisierten Gruppen, da diese sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen und zunehmend von dieser abwenden und abschotten. Beispielhaft kann hier auf Debatten verwiesen werden, in denen Flucht und Migration unverhältnismäßig mit dem Thema Innere Sicherheit verknüpft und somit extremistische Narrative mit einem starken dichotomen Weltbild des „Wir gegen sie“ verstärkt werden.
Lesen Sie hier auch den OA-Artikel: „Extremistische Einstellungen bei Patientinnen und Patienten in der kinder- und jugendpsychiatrischen und -psychotherapeutischen Behandlung“
Prof. Dr. med. Marc Allroggen
Prof. Dr. med. Marc Allroggen ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie tiefenpsychologischer Psychotherapeut. Er ist Leitender Oberarzt und Leiter der Sektion Institutsambulanz und Forensik der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Entstehungsbedingungen hochexpressiver Gewalt und Gewalt in Institutionen sowie Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie.