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Schatten über der Partnerschaft

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen und bestimmen das Leben nicht nur der Betroffenen selbst, sondern auch das von Partner*in und Familie. In „Schatten über der Partnerschaft“ zeigt Prof. Dr. Guy Bodenmann Wege auf, wie Paare eine Depression gemeinsam bewältigen können. In unserem Gespräch beschreibt der Autor die Auswirkungen der Störung auf die Partnerbeziehung, aber auch, wie man Ressourcen nutzen kann, um erfolgreich damit umzugehen.

Vieles kann einen Schatten über eine Partnerschaft werfen, Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme, körperliche Erkrankungen – wie lang ist der Schatten, den eine Depression wirft?

Ja, viele kritische Lebensereignisse werfen Schatten auf eine Partnerschaft und gehen mit unterschiedlichen und vielfältigen Belastungen einher. Viele der genannten Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme, schwere Krankheiten oder Behinderungen können zudem zu einer Depression führen, sodass Depressionen die anderen Belastungen noch schwerwiegender machen.

Depressionen werfen besonders lange Schatten, da sie sehr viele Bereiche einer Beziehung betreffen: den Austausch von Gefühlen, die Häufigkeit und Qualität der Gespräche, die Rollen- und Aufgabenverteilung, die Gestaltung der Freizeit, die Pflege des sozialen Netzwerkes, die Erziehung der Kinder, gemeinsame Zukunftspläne, die Sexualität.  

Sehr bekannt ist die Postnatale Depression, die „Wochenbettdepression“, die natürlich nur Frauen ereilt – gibt es generell Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei depressiven Erkrankungen, gibt es z.B. auch typisch „männliche“ Formen?

Postnatale Depressionen sind relativ häufig. Rund jede zehnte Frau ist davon betroffen. Aber auch bei Vätern treten schwere Verstimmungen nach der Geburt des Kindes häufig auf, sodass postnatale Depressionen bei beiden Geschlechtern vorkommen.

Während man bislang davon ausging, dass Frauen doppelt so häufig wie Männer von Depressionen betroffen sind, setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass sich die Depressionen bei Männern häufig in anderen Symptomen äußern und daher diagnostisch verkannt werden, weshalb davon auszugehen ist, dass sie letztlich gleich häufig daran leiden wie Frauen. Die „männliche Depression“ geht häufig mit Symptomen wie sozialem Rückzug, Negieren von Traurigkeit und Kummer, der Weigerung, Hilfe anzunehmen, ungerichtetem Aktivismus und Agitiertheit, offener oder verdeckter Hostilität, Ärgergefühlen und Aggression oder Suchmittelkonsum einher.

Wie nehme ich als Partner*in wahr, dass das Gegenüber unter einer Depression leidet?

Man stellt Veränderungen im Denken (z.B. Konzentrationsfähigkeit, Inhalte der Äußerungen), bei den Gefühlen (Niedergeschlagenheit, Bedrückung), Interessen (Verlust von Interessen und Freude an Aktivitäten, welche bisher gerne ausgeführt wurden), dem Energieniveau (Lethargie und Passivität oder Agitiertheit), dem Verhalten (häufiges Klagen, im Bett liegen, Verlangsamung) oder auch bezüglich der sexuellen Interessen fest. Die Interaktion wird einseitiger, das Gegenüber interessiert sich nicht mehr gleichermaßen für einen, erzählt nur von sich. Es fehlt an verbalem und nonverbalem Feedback. Gerade wenn man einen Menschen wie den Partner/die Partnerin gut kennt, fallen diese Veränderungen im Wesen und Verhalten auf.

Auch die Partner in einer von Depression überschatteten Beziehung leiden, welche typischen Beschwerden und Symptome können auftreten?

Das Leiden der Partner*innen drückt sich häufig ebenfalls in depressiven Symptomen aus. Rund 40% von ihnen leiden ebenfalls unter einer klinischen Depression. Sie zeigen aber auch typische Stresssymptome wie Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Verspannungen, Verdauungsbeschwerden und häufig somatische Beschwerden. Ihr Immunsystem ist geschwächt, daher sind sie anfälliger für Krankheiten. 95% der betroffenen Partner*innen berichten von einem Schatten über ihrem Leben durch die Depression des anderen.

In Ihrem Buch geht es darum, Wege aufzuzeigen, um die Herausforderung einer Depression gemeinsam zu bewältigen. Wie können Paare ihre Ressourcen in solch einer Situation noch nutzen?

Zum einen ist es wichtig, Depressionen bei Personen in einer Partnerschaft als Phänomen zu verstehen, das beide betrifft. Nicht nur der/die Depressive leidet, sondern das Leben Beider ist durch die Depression tangiert und überschattet. Wenn es einem nicht gut geht, beeinflusst dies auch das Befinden des anderen. Diese Sicht verändert das Bewusstsein von psychischen Störungen, da viele davon ausgehen, einschließlich vieler Therapeut*innen oder Ärzt*innen, dass die Depression mittels individueller Psychotherapie, Medikation oder einer Kombination zu behandeln sei. Der Partner/die Partnerin geht dabei häufig vergessen oder wird nur marginal in die Psychotherapie einbezogen, um im Rahmen einer Psychoedukation zu erklären, was eine Depression ist und wie er/sie den Therapieprozess unterstützen kann. Dass auch diese engste Bezugsperson leidet und unsere therapeutische Unterstützung braucht, haben viele nicht im Gesichtsfeld.

Zum anderen gilt es, die Ressourcen des Paares zu aktivieren und zu stärken. Beide leiden, aber beide haben auch Ressourcen. Wenn die Depression als gemeinsame Herausforderung gesehen wird, kann es gelingen, beide in ihre Kraft zu führen, um gemeinsam den Alltag und die psychische Störung zu bewältigen.

Wenn die Depression als gemeinsame Herausforderung gesehen wird, kann es gelingen, beide in ihre Kraft zu führen, um gemeinsam den Alltag und die psychische Störung zu bewältigen.

Was versteht man unter „We-Disease“, wie ist hier das Vorgehen?

Diese Sicht der Depression als gemeinsame Herausforderung, als Aufgabe, welche beide Partner*innen betrifft nennt man „We-Disease“. Sie nimmt auf das „Wir-Gefühl“ des Paares Bezug, auf dieses Bild, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen. Anstatt die Depression als die Angelegenheit des direkt Betroffenen zu verstehen, wird sie als Bewältigungsaufgabe des Paares definiert. Dadurch werden die Synergien genutzt. Dies bedeutet, dass ebenfalls auf therapeutischer Seite dem Partner/der Partnerin Gehör geschenkt werden soll. Er/sie soll in regelmäßigen Abständen in die Therapiesitzungen einbezogen werden und auch Raum erhalten, über seine/ihre Situation und Bedürfnisse zu sprechen. Das Paar als Ganzes soll gestärkt werden, um die Depression zu überwinden und beide in ihren Ressourcen zu halten oder sie dahin zurückzuführen.

Wenn ein Paar gemeinsam die Herausforderungen einer Depression annimmt und die Beziehung erhalten kann – bedarf es dann überhaupt noch professioneller Hilfe?

Häufig haben wir es mit langwierigen, chronischen Depressionen und Rezidiven zu tun. Die Paare stoßen an Grenzen, wenn die psychische Störung zu viel Raum über längere Zeit einnimmt, da die bisherigen Herausforderungen im Leben weiterhin fortbestehen und bereits an den Kräften zehren. So summiert sich die Belastung bezüglich der Depression zu den täglichen beruflichen, persönlichen, familiären und sozialen Herausforderungen hinzu. Die ganze Bürde zu tragen kann das Paar überfordern. In diesem Fall sollte es professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Das Buch versteht sich einerseits als Sensibilisierung für eine neue Sicht auf eine Depression, indem diese nicht losgelöst vom Kontext, d.h. der sozialen Einbettung, in unserem Fall die Paarbeziehung, verstanden und behandelt wird. Andererseits versucht das Buch, den Paaren konkrete Hilfestellung zu einem gelingenden Umgang mit Depressionen zu geben, indem sie sich auf ihre gemeinsamen Kräfte besinnen.

Sie geben im Buch viele Beispiele, gab es für Sie als Paartherapeut besondere, mutmachende Augenblicke in der Behandlung von Partnerschaften unter dem Schatten einer Depression?

Eine solche Episode war, als ich eine depressive Frau bat, ihrem (nicht-depressiven) Mann zuzuhören, wie er von seinen Sorgen berichtet und sie aufforderte, diese nachzuvollziehen und sich zu überlegen, wie sie ihn unterstützen könnte. Zuerst war sie verunsichert, wusste nicht, ob sie das könne. Sie war sich gewohnt, dass er ihr zuhörte und ihr half, den anderen Weg herum hatte sie die Gewohnheit verloren. Am Ende sagte sie zu ihrem Partner: „Es war so schön, mal nicht in der Rolle der defizitären Person zu sein, die abhängig und bedürftig ist, anderen zur Last fällt und nichts zurückgeben kann. Ich habe mich gut gefühlt, dich zu unterstützen, dir auch etwas sein zu können. Das gibt meinem Leben wieder Sinn. Es ist so anstrengend und entwürdigend, immer nur zu nehmen.“

Genau um das geht es. Anstatt eine „Krankenrolle“ (Person mit Depression) und eine „Gesundenrolle“ (Partner*in) festzulegen, sollten wir beide ins Spiel bringen. Ich vergleiche dies im Buch mit dem Bild von zwei Ruderern. Beide sollten in gleicher Stärke synchron rudern, damit das Boot vorankommt. Und indem sie dies tun, bleiben sie wichtig, fühlen sich wertvoll.  

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Guy Bodenmann

Prof. Dr. Guy Bodenmann ist ordentlicher Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich. Zuvor leitete er während 14 Jahren das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stress und Partnerschaft, Partnerschaft und psychische Störungen, Partnerschaftskonflikte und die Entwicklung von Kindern sowie die Prävention und Therapie von Beziehungsstörungen.

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