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100 Jahre Rorschachtest

Der Rorschachtest wird hundert Jahre alt. Anlässlich dieses großen Jubiläums erzählt Hugo Lüscher, Rorschach-Experte, wie das geschichtsträchtige Verfahren entstanden ist und was ihn daran fasziniert.

Wenn Sie jemandem den Rorschachtest in einem Satz erklären müssten - wie würde dieser Satz lauten?

Sag mir, was du siehst, und ich sage dir, wer du bist.

Sie haben sich jahrzehntelang intensiv mit diesem Verfahren beschäftigt. Über vierzig Jahre haben Sie es als Dozent den Studierenden nähergebracht. Wie kamen Sie zu dieser Passion?

Als Werkstudent besuchte ich eine Vorlesung zum Rorschachtest. Ich benötigte Geld und wurde von der Dozentin als Semester-Assistent angestellt. In dieser Zeit erwarb ich viel theoretisches Wissen über den Test, schrieb sogar ein Buch darüber. Schnell wuchs meine Begeisterung für das Verfahren und seine Differenziertheit. Ich merkte, was da alles drinsteckt, was das für ein Potenzial hat. Als die Dozentin aufgrund von Nachwuchs selbst nicht mehr so viele Rorschach-Vorlesungen halten konnte, sprang ich ein – und blieb.

Aus Ihrer Erfahrung als Dozent: Was passiert mit den Leuten, wenn sie sich intensiver damit auseinandersetzen?

Studierende haben mir öfters gesagt, sie hätten durch diese Vorlesung gelernt, psychologisch zu denken. In den Vorlesungen fiel mir auf, dass der Rorschachtest ein sehr gutes Modell ist, dies zu lernen.

Das Verfahren baut darauf auf, dass Bezüge zwischen den psychologischen Kriterien hergestellt werden. Um die Persönlichkeit zu beschreiben, entsteht somit ein dynamisches Netz von Zusammenhängen, die einander beeinflussen. Mit dem Rorschachtest beginnt die Psychologie zu leben. Eine gute Verbildlichung dessen sind für mich Mobilés, z.B. diejenigen des Künstlers Alexander Calder.

Apropos Künstler: Auch der Schweizer Hermann Rorschach, der den Originaltest entwarf, war nicht nur Psychiater, sondern auch Künstler.

Genau. Und zunächst war er einfach begeistert von den für den Test charakteristischen Tintenklecksen, ohne direkt an eine Umsetzung in Form eines Verfahrens zu denken. Die sogenannte Klecksographie war zu seiner Zeit sehr bekannt, es war ein beliebtes Spiel für Feste: Man gab Tinte auf ein Papier, faltete es und fragte einander: «Was siehst du darin?» Rorschach selbst trug wegen seiner Freude daran in der Schule den Spitznamen «Klecks».

Später stellte Rorschach Tintenfleck-Versuche mit den Schulkindern eines Kollegen an, der Lehrer geworden war, um deren Fantasie zu erforschen. Als er eine Dissertation las, in der der Autor mit Tintenklecksarten gedeutete Inhalte untersuchte, kam Rorschach auf die Idee, mit den Klecksen die Persönlichkeit zu erforschen. Ihm wurde bald klar, dass die gesehenen Inhalte der Bilder nicht das Wichtigste waren. Er stieß auf zentrale Kriterien wie Form oder Farbe. Ihm fiel auf, dass teilweise sogar Bewegungen in den Tintenklecksen gesehen wurden. Aus diesen Überlegungen und Untersuchungen heraus entwickelte er schließlich den Rorschachtest

Die zehn Klecks-Bilder des Tests machen einen zufälligen Eindruck. Sind sie so spontan entstanden, wie es den Anschein macht?

Nein, tatsächlich hat Rorschach die Tintenkleckse nachgebildet und intendierte gewisse Eindrücke. Es handelt sich nicht nur um zufällig aus Tinte entstandene Bilder. Er sah, worauf es ankam, und gestaltete die ursprünglichen Kleckse aktiv um. Dabei gab er gezielt Elemente hinzu, die einen bestimmten Eindruck erwecken. So wollte er beispielsweise mit einer der zehn Tafeln die Wahrnehmung einer Fledermaus auslösen und gestaltete sie daher fledermausartig. Hier zeigt sich auch ein wichtiger Unterschied: Der Rorschachtest ist für mich nicht ein projektiver Test, sondern, wie auch für Rorschach selbst, ein Wahrnehmungstest. Er erfasst etwa, ob man in einem Fleck eine Fledermaus wahrnimmt. Wäre er projektiv, würde er zum Beispiel erfassen, ob jemand glaubt, diese im Tintenklecks ersichtliche Fledermaus sei ‘traurig’ oder ‘fliege nach Hause’.

Woher stammen die Informationen zur Entstehung der Tafeln?

Der früh an einer Bauchfellentzündung verstorbene Rorschach hinterließ zwei Kinder. Bei diesen fand man Jahrzehnte später eine Kiste, in denen die Vorläufer der finalen Tafeln enthalten waren. Ursprünglich arbeitete Rorschach mit vielen verschiedenen Tafeln und hat dann nach und nach jene aussortiert, die kaum Antworten bei den getesteten Personen generiert haben.

Neben der Geschichte der Tafeln förderte die Kiste des Weiteren eine Vielzahl an Zeichnungen zutage. Darunter befanden sich zum Beispiel auch Porträtzeichnungen seines Chefs, die Rorschach in der psychiatrischen Klinik anfertigte, in der er als Assistenzarzt arbeitete. War er verantwortlich für die Gestaltung eines bunten Abends in der Klinik, unterhielt er die Leute mit seiner Kunst.

Breite Bekanntheit für seinen Test gab es erst nach seinem Tod. Mittlerweile ist der Test in verschiedenen Varianten weltweit verbreitet und es gibt eine internationale sowie über 30 nationale Rorschach-Gesellschaften.

Was war Ihre Motivation, so lange am Rorschachtest dranzubleiben?

Je länger man sich mit dem Test beschäftigt, desto mehr geht die Welt der menschlichen Psyche für einen auf. Und meine eigene Welt ist deswegen ganz klar reicher geworden. Sogar mein Privatleben ist erheblich davon geprägt: Mit meiner Frau bin ich auf einem Rorschach-Kongress zusammengekommen. Sie ist auch «Rorschächlerin» und hatte beruflich ebenfalls damit zu tun. Wir tauschen uns seit jeher viel darüber aus und ich denke, dies hat uns in unserer persönlichen Entwicklung vorangebracht.

Was wünschen Sie sich zum Jubiläum des Rorschachtests für die nächsten hundert Jahre?

Dass das reiche Wissen rund um diesen Test erhalten bleibt. Der Rorschachtest steht dafür, nicht auf Mode-Strömungen der Psychologie aufzuspringen, sondern die Vielschichtigkeit und Diversität von uns Menschen zu berücksichtigen. Ich hoffe, dass Therapien und Tests dies auch in Zukunft schaffen.

Hugo Lüscher

Hugo Lüscher wurde 1948 geboren. Er absolvierte eine 4jährige Lehre als Elektroniker und die Matura auf dem zweiten Bildungsweg. An der Universität Zürich studierte er Psychologie, Psychopathologie und Englische Literatur. 41 Jahre lang war er Dozent für Psychodiagnostik an der Hochschule für Angewandte Psychologie in Zürich und lehrte dabei unter anderem auch den Rorschachtest. 13 Jahre lang leitete er den Psychologischen Dienst an einer Psychiatrischen Privatklinik. Seither ist er in eigener Psychotherapeutischen Praxis und auch als Supervisor und Ausbilder für Psychotherapie und Psychodiagnostik tätig. Hugo Lüscher gründete 1996 die Schweizerische Rorschachgesellschaft und ist deren Präsident.  

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Rorschach-Test, Formdeute-Test,  1992, H. Rorschach, [www.testzentrale.de], [DIA, PER], projektiver Test. AA keine Altersbegrenzung. Um 1911 begann Hermann Rorschach mit der Entwicklung seines auf der Deutung von symmetrischen Klecksgebilden beruhenden projektiven Verfahrens. Aus seinen Forschungsergebnissen schloss Rorschach, dass sich aus den Deutungen Rückschlüsse auf Persönlichkeitsstruktur (Persönlichkeitsmerkmal) und Dynamik eines Menschen ziehen lassen. ...

 

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