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Änderungsmotivation steigern

Von Dr. Katrin Hötzel und Dr. Ruth von Brachel

Menschen sind in unterschiedlichen Kontexten und Situationen mit der Schwierigkeit, sich für eine Verhaltensänderung zu entscheiden und zu motivieren, konfrontiert. Beispiele dafür sind im Beratungskontext, im Gesundheitsbereich sowie im Arbeits- oder Privatleben zu finden:

  • Wie kann ich mich endlich überwinden, mehr Sport zu treiben?
  • Inwiefern bin ich bereit, mein Konsumverhalten und Leben insgesamt umweltfreundlicher zu gestalten?
  • Ist es wirklich ein Problem, dass ich so viel arbeite, oder sehen das nur alle anderen so?
  • Wie soll ich es schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn dies doch die beste Hilfe bei Stress ist?
  • Will ich mein Leben in meiner derzeitigen Partnerschaft weiterführen oder bleibe ich nur aus Gewohnheit und Bequemlichkeit?
  • Rede ich mir möglicherweise nur ein, dass mein Job mich glücklich macht und will ich eigentlich lieber etwas ganz anderes mit meinem Leben anfangen?

Manchmal werden für derartige Schwierigkeiten professionelle Helfer*innen hinzugezogen. Dies kann beispielsweise ein*e Berater*in oder ein*e Psychotherapeut*in sein. Die Klärung der Motivation und ggf. Steigerung der Änderungsmotivation wird häufig von beiden Seiten – also beispielsweise sowohl vom Berater bzw. von der Beraterin als auch von dem bzw. der Ratsuchenden – als besondere Herausforderung empfunden.

Was ist Änderungsmotivation?

Definition: Veränderungsmotivation beschreibt die Bereitschaft eines Menschen, Bemühungen in funktionale Zielverfolgung zu investieren. (Hötzel & von Brachel, 2022)

Funktionale Zielverfolgung bedeutet in dem Zusammenhang, dass durch das gewählte Verhalten kurz- und langfristig Ziele im Einklang mit den Grundbedürfnissen und Werten der Person realisiert werden (Cox & Klinger, 2004). Insofern kann man motivationale Schwierigkeiten auch als Schwierigkeiten bei der Zielverfolgung verstehen. So liegt beispielsweise ein Zielkonflikt vor, wenn ich eine berufliche Karriere anstrebe und gleichzeitig viel Zeit mit meiner Familie verbringen möchte.

Die Forschung hat gezeigt, dass sich Änderungsmotivation schlecht als ein globales Konstrukt (dies meint z. B. die Motivation, sich insgesamt gesünder zu ernähren) abbilden lässt. Vielmehr kann sie für unterschiedliche Bereiche eines Problems verschieden ausfallen (z. B. kann sie bezüglich der gesunden Ernährung für weniger Zucker- und Alkoholkonsum hoch sein, für weniger Fleischkonsum und mehr Vollkornprodukte aber eher gering).

Die Phasen der Veränderung

Ein bekanntes Modell zur Erläuterung motivationaler Abläufe geht auf Prochaska und DiClemente (1984) zurück. Ihre „stages of change“ haben sich für die praktische Umsetzung geeigneter Methoden bewährt und stellen die Grundlage vieler Messinstrumente zur Erfassung von Änderungsmotivation dar.

Abbildung: Die Phasen der Veränderung (angelehnt an Prochaska & DiClemente, 1984)

Im Ursprungs-Modell werden fünf aufeinander folgende Stufen („stages“) oder Phasen definiert, welche durch unterschiedliches Involviertsein in den Veränderungsprozess gekennzeichnet sind. Das „eingeschränkte Problembewusstsein“ beschreibt als erste Stufe einen Zustand, in welchem die Person sich des Problems nicht bewusst ist oder nicht gewillt ist, etwas zu verändern. In der darauffolgenden Phase der „Nachdenklichkeit“ denkt die Person zwar über eine Veränderung nach, steigt aber noch nicht aktiv in den eigentlichen Änderungsprozess ein. In der dritten Phase, der „Vorbereitung“, entscheidet sie sich dann für eine Veränderung und leitet die für den Auftakt notwendigen Maßnahmen ein, während in der sich anschließenden „Handlungsphase“ aktiv an der Verhaltens- bzw. Einstellungsmodifizierung gearbeitet wird. In der letzten Phase, der „Aufrechterhaltung“, werden die erzielten Erfolge stabilisiert. Typischerweise ergeben sich während des Voranschreitens durch die Phasen der Veränderung häufig Rückfalle von späteren in frühere Phasen, bevor ein stabiler Erfolg zu verzeichnen ist.

Welche Faktoren haben einen Einfluss auf die Änderungsmotivation?

Es gibt verschiedene Faktoren, die im engen Zusammenhang mit Änderungsmotivation zu sehen sind. Einige lassen sich recht klar aus den oben beschriebenen Phasen der Veränderung nach Prochaska und DiClemente ableiten.

Problembewusstsein: Zunächst einmal muss überhaupt ein Problembewusstsein vorliegen. Solange eine Person ihr Problem als unproblematisch sieht, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für eine Veränderung aktiv werden. Ein Mangel an Informationen kann in dem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen.

„Alle meinen, ich rauche zu viel. Dabei kenne ich viele, die ganz andere Laster haben. So schlimm können die paar Zigaretten dagegen nicht sein.“

Kosten und Nutzen: Liegt ein Problembewusstsein vor, müssen die Kosten des Problemverhaltens dessen Nutzen überwiegen, damit eine Person aktiv wird. Solange der Leidensdruck nicht überwiegt bzw. die Veränderung nicht deutlich erstrebenswerter erscheint als der Status quo, ist die Inangriffnahme einer Veränderung äußerst unwahrscheinlich.

„Ich bin die ganze Zeit hin- und hergerissen: Eine Trennung von meiner Partnerin wäre auf eine Art sehr entlastend und befreiend. Aber was ist mit den Kindern? Die würden vermutlich stark darunter leiden.“

Ziele und Werte: In engem Zusammenhang mit erlebten Kosten und Nutzen stehen von der Person wahrgenommene Diskrepanzen zu persönlichen Zielen und Werten. Solche Diskrepanzen entstehen, wenn eine Person ihr (Problem)Verhalten als mit bestimmten Grundsätzen unvereinbar erlebt. Wenn uns bestimmte Ziele oder Werte sehr wichtig sind, möchten wir uns ungern konträr zu diesen Verhalten.

„Eigentlich ist mir eine gesunde Lebensweise und ein fürsorglicher Umgang mit meinem eigenen Körper sehr wichtig. Es gefällt mir deshalb gar nicht, dass ich momentan nach der vielen Arbeit fast jeden Abend mit einer Tüte Chips auf der Couch versacke.“

Selbstwirksamkeit: Letztlich braucht es aber auch noch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die durchaus wünschenswerte Veränderung auch in die Tat umsetzen zu können. In dem Zusammenhang ist auf Banduras (1977) Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung zu verweisen. Eine Handlung wird nicht initiiert werden, wenn keinerlei Vertrauen darin besteht, sie auch realisieren zu können.

„Ich würde so gerne einen beruflichen Neuanfang wagen. Aber wie soll ich das schaffen? Ich traue mir überhaupt nicht zu, mich irgendwo zu bewerben und nochmal ganz von vorne anzufangen.“

Wie kann Änderungsmotivation gestärkt werden?

Die oben genannten Faktoren stellen mögliche Ansatzpunkte dar, um die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung positiv zu beeinflussen. Im besten Fall kann der Veränderungsprozess beschleunigt werden.

Problembewusstsein herstellen: Wenn kein Problembewusstsein vorliegt, liegt das erste Teilziel zur Steigerung der Änderungsmotivation in einer Herstellung dessen. Eine wohldosierte Informationsvermittlung kann dafür hilfreich sein. Abgesehen davon können Argumente, welche die Person bei behutsamer Exploration von sich aus benennt, zusammengetragen werden. In dem Zusammenhang ist eine wertschätzende und empathische Haltung des Beraters bzw. der Beraterin bei der Gesprächsführung unerlässlich. Das Motivational Interviewing (Miller & Rollnick, 2015) bietet einen guten Überblick diesbezüglich.

Die Ambivalenz auflösen: Wenn Kosten und Nutzen eines (Problem)Verhaltens bereits bewusst sind, ist die Überwindung der Ambivalenz als größtes Hindernis für die Veränderung zentral. Eine Auflistung der Pro- und Contra-Argumente kann dafür einen guten Überblick geben und Struktur schaffen. Ebenfalls können emotionsaktivierende Techniken zum Einsatz kommen, z. B. das Schreiben von Briefen an „Freund*in“ und „Feind*in“ bzw. unterschiedliche Arten von Stuhltechniken. Auch die Arbeit mit Werten und Zielen kann hilfreich sein, um Ambivalenzen zu überwinden.

Ziele und Werte nutzen: Wahrgenommene Diskrepanzen zwischen dem eigenen (Problem)Verhalten und bedeutsamen Zielen oder Werten können wie ein „Motor“ für den Veränderungsprozess fungieren. Insofern kann die Erarbeitung persönlicher Ziele und Werte ein wichtiger Schritt sein. Diese müssen wiederum mit den (Problem)Verhalten in Beziehung gesetzt werden, um Diskrepanzen aufzudecken. Häufig werden in dem Zusammenhang auch konfrontativere Verfahren gewählt, z. B. die Beschriftung des eigenen Grabsteins zur Bewusstmachung der Dinge im Leben, deren Stellenwert die Person als besonders bedeutsam ansieht.

Selbstwirksamkeit erhöhen: Die Wahrscheinlichkeit einer Verhaltensänderung wird erhöht, wenn ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dies auch schaffen zu können, vorliegt. Insofern kann eine Verbesserung der Selbstwirksamkeit notwendig oder hilfreich sein, um die Veränderung wirklich in die Tat umzusetzen. Dies kann z. B. durch ressourcenorientierte Ansätze und Elemente der lösungsorientierten Kurzzeittherapie unterstützt werden: Die Fokussierung eigener Stärken oder die Exploration von früheren Erfolgen sind mögliche Techniken diesbezüglich.


Quellen:

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191-215.
Cox, W. M. & Klinger, E. (2004). Handbook of motivational counseling: Concepts, approaches, and assessment. Hoboken: John Wiley & Sons.

Hötzel, K. & von Brachel, R. (2022). Änderungsmotivation fördern. Reihe: Standards der Psychotherapie, Band 10. Göttingen: Hogrefe.
Miller, W. R. & Rollnick, S. (2015). Motivierende Gesprächsführung (3. Aufl.). Freiburg im Breisgau: Lambertus.
Prochaska J. O. & DiClemente, C. C. (1984). The transtheoretical approach. Crossing traditional boundaries of therapy. Homewood, IL: Dow Jones-Irwin.

Dr. Katrin Hötzel

Dr. Katrin Hötzel, geb. 1980. 2000-2006 Studium der Psychologie in Bochum. 2006-2009 Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. 2009 Approbation als Psychologische Psychotherapeutin. 2009-2014 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum sowie im Fachgebiet Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Osnabrück. 2014 Promotion zum Thema „Steigerung der Änderungsmotivation bei Anorexia und Bulimia nervosa“. Seit 2014 Geschäftsführung des Studiengangs Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum. Ebenfalls seit 2014 staatlich anerkannte Supervisorin sowie Zusatzqualifikation für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Arbeitsschwerpunkte: Änderungsmotivation, Essstörungen.

Dr. Ruth von Brachel

Dr. Ruth von Brachel, geb. 1983. 2001-2006 Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. 2007-2010 Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. 2010 Approbation als Psychologische Psychotherapeutin. Seit 2009 bis heute Wissenschaftliche Mitarbeiterin in zwei DFG-geförderten Projekten sowie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Ruhr-Universität Bochum. 2014 Promotion mit dem Titel „Measuring and Enhancing Motivation to Change in Women with Eating Disorders”. Seit 2018 staatlich anerkannte Supervisorin. Arbeitsschwerpunkte: Änderungsmotivation, strukturierte Diagnostik.