DeutschWissen und Gesellschaft

Das schlechte Gewissen – Quälgeist oder Ressource?

Sicherlich gibt es niemanden, der es nicht kennt, den nicht zumindest ab und an das „SG“ verfolgt, das schlechte Gewissen! Was steckt eigentlich hinter diesem Quälgeist, wozu dient das „SG“, ist es vielleicht doch sogar nützlich? Dr. Maja Storch und Prof. Dr. Gerhard Roth haben sich mit diesem Phänomen befasst und interessante Fakten über den Plagegeist herausgefunden. Maja Storch beantwortet im Gespräch unsere Fragen dazu.

Eröffnen wir das Gespräch mit einer Frage, die man bei diesem Thema natürlich stellen muss: Heute schon SG gehabt?

Bisher habe ich Glück gehabt! Jetzt ist es 11.30 am Vormittag, draußen scheint die Sonne, meine Rosen duften und momentan genieße ich eine SG freie Zeit. Ich hoffe, das bleibt für den Rest vom Tag so, das wäre fein.

 

Das schlechte Gewissen ist für uns sicherlich oft ein Quälgeist – aber warum gibt es das SG dann überhaupt, welchen Sinn hat es, warum kann es auch Ressource sein?

Das schlechte Gewissen dient zum einen dem Zusammenhalt der Sippe, denn es sorgt dafür, dass wir uns nach bestimmten Normen verhalten, die dem Zusammenleben förderlich sind und Streit vermeiden. Zum anderen ist es auch ein individuelles Alarmsystem für Situationen oder Abläufe, die einem selbst nicht gut tun. Diese schädlichen Abläufe können sich auf körperliche Vorgänge beziehen – zum Beispiel bei Rauchen oder dann, wenn man die tägliche Gymnastik ausfallen lässt. Sie können sich aber auch auf psychische Zustände beziehen – etwa dann, wenn man sich zu etwas hat breitschlagen lassen, obwohl man weiß, dass man dringend Pause benötigen würde.

 

Sie schreiben „Jedes Gefühl in uns will einen Grund haben“ – d.h., wir suchen unbewusst zwangsläufig nach einer Erklärung, warum es uns gut oder schlecht geht?

Das ist eine bekannte sozialpsychologische Theorie. Man geht davon aus, dass man eine Veränderung des eigenen Befindens wahrnimmt und dann als Folge für diese Veränderung nach einem Grund sucht. Das ist ja grundsätzlich auch sinnvoll, denn die Veränderung des Befindens soll ja auf etwas aufmerksam machen. Das Problem ist nur, dass wir manchmal mit der Interpretation der körperlichen Befindlichkeitsänderung ziemlich daneben liegen können.

 

Wie kommt es, dass man aber auch dann ein schlechtes Gewissen haben kann, wenn rational gar kein Grund dafür besteht?

Aus der Sicht des Unbewussten besteht eben durchaus ein Grund. Das Unbewusste bewertet Situationen nach anderen Kriterien als der Verstand. Es geht eben aus Sicht unseres Verstandes nicht rational, sondern irrational vor. Aber die Tatsache, dass die Bewertung des Unbewussten nicht mit der Verstandesbewertung übereinstimmt, ändert nichts an dem Alarmzeichen, das ist die Schwierigkeit. Gerhard Roth beschreibt ausführlich die verschiedenen Ebenen des Unbewussten, auf die der Verstand einfach keinen Zugriff hat. Das ist neurobiologisch einfach so, diesem Fakt muss man ins Auge schauen, ob es einem gefällt oder nicht.

 

Sie geben 3 Optionen an, die man im Umgang mit dem SG hat, welches sind diese und welche Erfolgsaussichten haben sie?

Die drei Optionen sind: SG zum Schweigen bringen, SG mildern und SG aufgreifen. Erfolgsaussichten haben alle drei, wenn man Geduld und Ausdauer mitbringt.

 

Was verbirgt sich hinter dem SG-Cocktail und dem SG-Heiltrank?

Der SG-Cocktail besteht aus viel Cortisol, wenig Serotonin und wenig Oxytocin. Wenn das schlechte Gewissen gemildert werden soll, dann muss das Stresshormon Cortisol heruntergefahren werden, gemischt mit einer großen Dosis Beruhigung durch Serotonin und dem Gefühl von Geborgenheit durch das Oxytocin.

 

Mithilfe des Zürcher Ressourcen Modells (ZRM) lässt sich das schlechte Gewissen bändigen, wie lässt sich die Herangehensweise kurz beschreiben?

Die Schwierigkeit beim Umgang mit dem SG ist die Tatsache, dass wir unbewusste Ebenen des Gehirns annäherungsweise erreichen müssen, die durch Verstandestätigkeit nur schwer bzw. gar nicht beeinflusst werden können. Das Zürcher Ressourcen Modell verfügt über diverse Methoden, die das Unbewusste adressieren. Durch die Arbeit mit Bildern können wir die Bewertungssignale des Unbewussten, so genannte somatische Marker direkter erfahrbar machen. Ein Motto-Ziel synchronisiert bewusste und unbewusste Bewertung. Über die Körperarbeit mit Embodiment können limbische Ebenen sehr gut angesprochen werden. Und mit der Affektbilanz kann ich überprüfen, ob meine bewusste Haltung auf entsprechende Resonanz des Unbewussten stößt.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch, wir wünschen einen SG-freien Tag!

 

 

 

Dr. Maja Storch

Dr. Maja Storch wurde 1958 geboren. Die Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin ist Inhaberin und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich (ISMZ), einem Spin-off der Universität Zürich. Zusammen mit Dr. Frank Krause hat sie das Zürcher Ressourcen Modell ZRM entwickelt, ein wissenschaftlich fundiertes Selbstmanagement-Training. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Motivation, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstmanagement, Ressourcenaktivierung, Training und Coaching. Sie ist C-Kirchenmusikerin und Organistin und versieht regelmäßig Orgeldienst in ihrer Kirchengemeinde. Zu ihren Themen hat sie zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen verfasst. Sie ist Herausgeberin der ZRM-Bibliothek im Hogrefe Verlag.