DeutschKlinik und TherapieSchule und Entwicklung

Die eigene Wahrnehmung der Welt spielerisch darstellen

Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl und Gabriele Meyer-Enders sind beide in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie tätig. Sie erzählen von ihrem breiten Erfahrungsschatz mit projektiven Verfahren – und von den Möglichkeiten, die Tests wie der Sceno-2 bergen.

SCENO-Test, Mädchen mit Testmaterial

Zuerst einmal ganz grundsätzlich: Was ist ein projektiver Test?

Gabriele Meyer-Enders:
Eine Projektion ist, was ich in einem Gegenstand oder einem vieldeutigen Bild sehe und was dies für Fantasien bei mir auslöst. Klassische Beispiele für solche Tests sind zum Beispiel der Baumtest, der Rorschach- oder der Scenotest.

Gerd Lehmkuhl:
Mit projektiven Verfahren versuchen wir, Wünsche, Gedanken, Motive und Ideen von Personen zu erfassen, die diese vielleicht sonst nicht direkt äussern könnten. Gerade wenn wir mit Kindern in der Therapie arbeiten, ist es hilfreich, ihre Lebenswelt mit projektiven Tests zugänglich zu machen.

Was sind die Vorteile der Nutzung von projektiven Tests in der Therapie von Kindern und Jugendlichen?

Gabriele Meyer-Enders:
Kinder können in Interaktion mit solchen Verfahren ausdrücken, was ihnen nicht bewusst ist oder wofür sie kein Vokabular haben.

Gerd Lehmkuhl:
Wenn wir einen Weg über Objekte und Bilder wählen, können abstrakte Themen fassbarer gemacht werden. Kinder und Jugendliche bieten im Kontext von projektiven Verfahren Narrative an, die sie ohne diese nicht erzählen könnten.

Welche Bedeutung haben projektive Verfahren aus Ihrer Sicht für die Psychodiagnostik im Therapiebereich?

Gerd Lehmkuhl:
Im Therapiekontext bergen projektive Messverfahren Möglichkeiten, in einer Tiefe auf ganz neue Inhalte hinzuweisen. Sie können als Ergänzung neben anderen Diagnostikinstrumenten dazu dienen, ein umfassendes, komplettes Bild der Ausgangslage zu erhalten. Ausserdem bieten sie unabhängig von der Therapierichtung Anlass zum Generieren von Hypothesen und Vorgehensweisen in der Therapie.

Gabriele Meyer-Enders:
Zentral ist es, sich als Therapeutin oder Therapeut dafür zu öffnen, was einem ein Mensch entgegenbringt. Es gibt in der Therapie von Kindern und Jugendlichen kein allgemeingültiges «Backrezept», das immer hilft. Entscheidend ist, ob ich mich auf das Kind und dessen individuelle Situation einlassen kann. Verfahren wie der Scenotest helfen dabei.

Sie haben den Scenotest modernisiert, er wird nun als Sceno-2 publiziert. Welche Änderungen haben Sie vorgenommen und wieso?

Gabriele Meyer-Enders:
Der Scenotest enthält viele verschiedene Puppen, Tiere und kleine Gegenstände. Die Menschenfiguren wurden aktualisiert. Wir haben nun eine grössere Varianz in den Figuren, zum Beispiel hinsichtlich des Alters: Es gibt Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche. Es liegen zudem ethnisch diversere Figuren vor, damit sich auch Kinder und Jugendliche mit internationaler Biografie damit identifizieren können. Ausserdem wird der technologische Wandel berücksichtigt, weshalb es statt einem klassischen Fernseher einen Flachbildschirm gibt.  Auch enthält der Sceno-2 ein Handy und ein Tablet, die heute zur Lebensrealität gehören.

Gerd Lehmkuhl:
Die Welt hat sich seit Publikation des ersten Scenotests verändert. Darum musste auch das Material entsprechend aufgefrischt werden. Die Erweiterung und Verbesserung des Tests stellt die Umwelt der Kinder realistisch und aktuell dar. Dazu gehört, zu zeigen, dass es eben nicht nur weisse Menschen gibt. Die häufigsten Szenen, die Kinder und Jugendliche mit den Materialien des Tests bilden, betreffen die Familie. Daher war es für uns von hoher Priorität, die Familie so zu gestalten, dass eine Identifikation damit möglich ist.

Gabriele Meyer-Enders
Manche Gegenstände und Figuren haben sich hingegen nur wenig verändert, etwa die Tiere. Wenn man den Sceno-Kasten öffnet, sieht man trotz aller Anpassungen nach wie vor sofort: Das ist der Scenotest! Die bewährte Grundstruktur ist unverändert geblieben.

Wie nutzt man den Sceno-2?

Gabriele Meyer-Enders:
Der Test gibt dem Kind die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung der Welt spielerisch mit verschiedenen Objekten darzustellen. Ich fordere das Kind auf, mit den Dingen, von denen es sich angesprochen fühlt, eine Szene oder ein Bild aufzubauen. Wenn es fertig ist, kann es mir ein Zeichen geben und anschliessend sprechen wir darüber, was die Geschichte hinter seiner Szene ist. Damit kann ein Dialog gestartet werden, der als Ausgangslage für weitere Exploration in der Therapie dienen kann.

Gerd Lehmkuhl:
Es sind Geschichten, die durch den Scenotest einen klaren Rahmen, einen konkreten Aufhänger bekommen. Kinder und Jugendliche können anhand der Püppchen und Objekte anschaulich erzählen, was sie beschäftigt. Es gibt dafür viele Projektionsflächen, wie Elternfiguren, Grosselternfiguren, Tiere, Bäume… Die Umgebung des Kindes wird präsent. Und damit auch mögliche Schwierigkeiten, mit denen es hadert.

Gabriele Meyer-Enders:
Der Sceno-2 hilft auf vielfältige Weise, das Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu beobachten und zu interpretieren. So konnte ich beispielsweise bei einem Kind klar sehen, dass ein Förderprogramm Nutzen zeigte: Der Umgang mit den Gegenständen änderte sich deutlich zwischen dem ersten und zweiten Kontakt mit dem Scenotest. Ist ein Kind eher schüchtern und nervös in der Therapie, hat es mit dem Kasten voller Figuren die Erlaubnis, den Therapeuten oder die Therapeutin kurz auszublenden und sich zu vertiefen. Da wirkt der Test als Eisbrecher. Der Sceno-2 spricht an; er enthält Spielzeug, das neugierig macht, weil es aus dem üblichen Spielzeugangebot herausfällt und trotzdem vertraut wirkt.

Gerd Lehmkuhl:
Ein mit dem Sceno-2 gebildetes Szenenbild bietet Anlass dazu, eine Art «biografischen roten Faden» zu finden. Damit haben wir einen wichtigen Zugang zur Biografie unserer Klientinnen und Klienten.
Nicht zuletzt ist es auch dieser spielerische, nonverbale Charakter, der den Test ausmacht: Kinder spielen oft lieber, als dass sie alles ausführlich besprechen. Insofern ist der Sceno-Kasten ein angemessenes Medium für dieses Alter.

Gabriele Meyer-Enders:
Letztlich bleibt ein Bild mehr im Gedächtnis als jedes Wort.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. em. Dr. med. Gerd Lehmkuhl

Univ.-Professor em. Dr. med. Dipl.-Psych. Gerd Lehmkuhl, 1988-2014 Lehrstuhl und Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität zu Köln. 1989-2000 Vorsitzender des Alfred-Adler-Instituts Köln, 1989-2013 verantw. Langjähriger Herausgeber der Zeitschrift für Individualpsychologie und langjähriger Mitherausgeber der Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie der Leitfäden für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Buchveröffentlichungen.

Gabriele Meyer-Enders

Gabriele Meyer-Enders, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Supervisorin, Dozentin und Sonderschulpädagogin, eigene Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, tiefenpsychologisch orientiert. Sie ist mit ihrem Mann Begründerin des KIKT, Kölner Instituts für Kindertherapie, das in die KIKT Akademie e.V. übergegangen ist, mit ihr als 1. Vorsitzenden. In ihrer 20jährigen Tätigkeit als Sonderschulpädagogin hat sie den Scenotest bei zahlreichen Gutachten schon im pädagogischen Bereich einsetzen können. Durch die Beschäftigung mit therapeutischem Spielmaterial war sie schon früh an einer Revision des Scenotest interessiert und beteiligt.

Empfehlung des Verlags

SCENO-2 Der Scenotest-2 revidierte und aktualisierte Fassung des Scenotests von Gerdhild von Staabs. von Gerd Lehmkuhl, Gabriele Meyer-Enders, Ulla Breuer, Volker Tschuschke, Franz Wienand
Beim Scenotest handelt es sich um ein materialintensives psychodynamisches Verfahren zur Erfassung von unbewussten Problemen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Das Verfahren wurde ursprünglich sowohl als Untersuchungsinstrument als auch für die Behandlung konzipiert. Der Scenotest gibt dem …

Was sagt der Dorsch zu:

projektive Tests, projektive Verfahren [engl. projective tests; lat. proicere nach vorne werfen], [DIA, PER], Bez. für eine Gruppe von Tests, bei denen für das Zustandekommen der Reaktion des Pb auf den Teststimulus der Mechanismus bzw. der dynamische Prozess der Projektion stattfindet. Die projektiven Verfahren bzw. projektiven Tests setzen somit voraus, dass der Pb seine Einstellungen, Motive, Personmerkmale etc. in die Deutungen und Gestaltungen, die er bei dem Test vorzunehmen hat, projiziert. ...