„Du schaffst das, Merle!“ Ein Kinderroman über Perfektionismus und Prüfungsangst
Im neuen Buch von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund treffen wir auf bekannte Figuren wie Häsin Lotte und Bärin Frieda aus „Lotte, träumst du schon wieder?“ oder Fuchs Jaron aus „Jaron auf den Spuren des Glücks“. Doch im Mittelpunkt steht dieses Mal Ente Merle, die unter Prüfungsangst und Notenstress leidet. Sie kämpft mit dem eigenen Perfektionismus – ein Phänomen, das viele Kinder und ihre Angehörigen und Lehrkräfte kennen. Wie kommt es zu diesem Druck, was löst er aus? Wie können Kinder lernen, Selbstvertrauen zu entwickeln und sich selbst liebevoll anzunehmen? Wir haben mit den Autor*innen über ihr Buch und das dahinterstehende Anliegen gesprochen.
In Ihrem neuen Buch geht es um Perfektionismus bei Kindern und Jugendlichen. Die junge Ente Merle leidet unter Perfektionismus und Prüfungsangst. Wie äußert sich so ein «ungesunder» Perfektionismus bei Kindern und Jugendlichen?
Ein ungünstiger Perfektionismus zeigt sich vor allem darin, dass Kinder und Jugendliche sich extrem hohe, manchmal unerreichbare Ziele setzen. Dabei richten sie sich sehr stark nach äußeren Normen und Bewertungen: Sie «müssen» Bestnoten erzielen, sportliche Erfolge einheimsen oder einen tadellosen Körper haben. Kinder wie Merle können sich über diese Erfolge aber kaum freuen. Sie sind höchstens erleichtert, wenn die Prüfung gut ausfiel und denken gleich an den nächsten Test. Für sie steht nicht der Erfolg im Vordergrund, sondern das Vermeiden von Misserfolgen, Fehlern und Abwertung von außen. Betroffene Schüler/innen leiden sehr unter Prüfungsängsten und fürchten sich davor, andere zu enttäuschen oder ausgelacht zu werden.
Demgegenüber steht ein gesundes Leistungsstreben. Das zeigen Schüler*innen, denen gute Leistungen auch wichtig sind, die sich aber Ziele setzen, die erreichbar sind, die sich selbst etwas zutrauen und Fehler als Teil des Lernprozesses sehen.
Welche Rolle spielen genetische Faktoren und Epigenetik im Vergleich zur Erziehung beim Entstehen von Perfektionismus?
Beides spielt eine Rolle. Die Forschung zeigt, dass sich Perfektionismus teilweise auf genetische Ursachen zurückführen lässt. Je nach Studie wird dieser Anteil mit zirka 25 bis 50 % beziffert (z.B. Kamakura und Team, 2003; Tozzi und Team, 2004; Moser und Team, 2012; Wade & Bulik, 2007; Iranzo-Tatay und Team, 2015).
Gleichzeitig ist aber auch die Erziehung bedeutsam. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten, wie diese Perfektionismus begünstigen kann.
Manche Eltern haben sehr hohe Standards und reagieren ungehalten, wenn Kinder diese nicht erfüllen. Die Kinder erleben eine bedingte Wertschätzung: Wenn ich leiste und gut bin, bekomme ich von meinen Eltern Zuwendung, Nähe und Liebe. Gelingt es mir nicht, wenden sie sich von mir ab, sind kühl und distanziert oder bestrafen mich.
Andere Eltern möchten keinen Druck aufsetzen, sind aber selbst perfektionistisch und machen sich viele Sorgen um ihre Leistungen und darüber, wie andere sie sehen. Über Modelllernprozesse schauen sich manche Kinder diesen Umgang mit Leistungssituationen ab. Das ist für Eltern oft sehr schwierig: Sie möchten ja auf keinen Fall, dass ihre Kinder dieselben Ängste erleben! Also betonen sie dem Kind gegenüber, dass es sich keine Sorgen machen soll und es nicht schlimm sei, eine schlechte Note zu haben. Diese Botschaften können beim Kind aber kaum ankommen, da es sieht, dass das Verhalten seiner Eltern dieser Haltung widerspricht. Wir hoffen, dass unser Buch es selbst perfektionistischen Eltern ermöglicht, gemeinsam mit ihrem Kind über dieses Thema zu sprechen und vielleicht auch eigene Ansichten zu verändern. Wenn das gelingt, können Eltern zu wunderbaren Bewältigungsmodellen werden. Und genau von solchen Vorbildern, die sich eigene Schwierigkeiten eingestehen und zeigen, dass sie gewillt sind, daran zu arbeiten, können Kinder sehr viel lernen.
Zu guter Letzt kann Perfektionismus auch entstehen, wenn Eltern sich allgemein viele Sorgen machen, schwarzmalen und immer wieder am Kind zweifeln. Oft haben Kinder dann das Gefühl, sie müssten unbedingt gut sein, damit sich die Eltern endlich entspannen können. Oder sie glauben, den Eltern beweisen zu müssen, dass sie doch zu etwas fähig sind.
Das Buch heißt «Du schaffst das, Merle!» Das soll natürlich Mut und Zuversicht vermitteln, aber es setzt Merle auch unter Druck, wenn sie das von ihrer Mutter oder ihren Freund*innen hört. Wie kommt das?
Merle empfindet solche Aussagen nicht als Ermutigung. Vielmehr fragt sie sich sogleich: «Und wenn nicht? Was wird dann passieren?». In der folgenden Stelle erklärt sie gleich selbst, warum sie das belastet:
Merle schüttelt den Kopf: „Ich muss hier dringend weitermachen. Die Aufführung ist schon übernächste Woche! Esst ruhig ohne mich, ich mache mir später ein Müsli.“
Da watschelt Mama Ente heran und zupft Merle am Flügel: „Ach komm, das wird bestimmt klappen. Du darfst dich einfach nicht so unter Druck setzen. Ich bin mir sicher, du schaffst das. Du hast bisher doch auch alles geschafft.“
„Warum sagst du das immer? Das nervt!“, ärgert sich Merle und schüttelt den Flügel ihrer Mama ab.
„Was bist du denn jetzt so giftig? Ich will dir doch nur Mut machen! Außerdem stimmt es ja: Du denkst immer, dass es schlecht läuft und am Ende ist doch wieder alles super“, beteuert die Mama und setzt sich auf eine der beiden Schaukeln. Während sie langsam hin und herpendelt, mit festem Blick auf die Bäume, murmelt sie: „Erklär es mir. Ich möchte dich wirklich gerne verstehen.“
Schweigend legt Merle die Geige in den Kasten zurück und setzt sich auf die kleinere Schaukel neben ihrer Mutter. Für eine Weile schauen beide in das Grün des Waldes und sagen nichts.
Schließlich scharrt Merle mit den Schwimmfüßen in der feuchten Erde: „Ich weiß auch nicht. Aber … immer, wenn du sagst `Du schaffst das` oder `Du kannst das ganz bestimmt`, dann setzt mich das irgendwie noch mehr unter Druck. Weil … es sich so anhört, als könntest du dir gar nicht vorstellen, dass ich etwas nicht schaffe. Und dann kriege ich Angst, dass du total geschockt und enttäuscht von mir wärst, wenn es doch nicht klappt. So als hättest du dann ein ganz anderes Bild von mir.“
Zum Glück hört Merles Mutter ihr zu und versteht so den Kern der Ängste. Merle braucht nicht die Versicherung, dass sie es schaffen wird, sondern die Sicherheit, dass ein Misserfolg nichts an der Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter ändern wird.
Welches elterliche Verhalten begünstigt perfektionistische Tendenzen bei Kindern besonders stark? Und welche Auswirkungen kann das haben?
Unserer Erfahrung nach ist besonders die bedingte Wertschätzung für Kinder schlimm. Wenn sie also erleben, dass Eltern oder Lehrkräfte ihre Zuwendung von Leistung abhängig machen. Bei manchen Kindern reicht es dazu schon, wenn sich die Eltern intensiv über Erfolge freuen. Oft hören wir in Beratungen von Kindern und Jugendlichen den Satz: „Meine Eltern freuen sich immer so, wenn ich gut bin – die wären sicher sehr enttäuscht, wenn das mal nicht so ist!“ Oft stimmt dieser Umkehrschluss aber gar nicht und die Jugendlichen sind sehr erleichtert, wenn Eltern ihnen dies vermitteln können. Das darf auch Merle erleben:
Da steigt Mama Ente von der Schaukel, wendet sich ihrer Tochter zu und umarmt sie fest mit den Flügeln. Sie drückt ihr einen Kuss auf den Kopf und murmelt ihr ins Gefieder: „Weißt du, ich habe dir nicht umsonst den Namen Merle gegeben. Er bedeutet schließlich „helles, strahlendes Meer“. Und dieses helle, strahlende Meer trägst du immer in dir, egal was passiert. Auch wenn ein Sturm aufzieht und sich der Himmel verdunkelt. Wie könnte ich da wegen irgendwelcher Noten ein anderes Bild von dir bekommen?“
Versunken in die warme, kuschlige Umarmung ihrer Mutter ist es Merle, als könne sie das helle, strahlende Meer tief in ihrer Brust spüren: Als wäre da ein unberührbarer Kern in ihr, der wertvoll ist und bleibt, ohne sich beweisen zu müssen. Was für ein tröstlicher Gedanke! Und wie um allerletzte Zweifel auszuräumen, fragt Merle leise: „Aber wärst du wirklich nicht enttäuscht?“.
Mit beiden Flügeln umschließt Mama Ente das Gesicht ihrer Tochter und blickt ihr tief in die Augen: „Nein. Ich wäre ganz sicher nicht enttäuscht von dir. Weißt du auch, warum? Weil es für mich gar nicht darum geht, ob du diese Schule schaffst, sondern ob diese Schule zu dir passt. Ich staune immer wieder, wie sehr du dich für deine Ziele einsetzt. Aber du darfst dich auch fragen, ob dir die Academia guttut. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist das einfach nicht der richtige Weg für dich.“
Merle lauscht den Worten ihrer Mutter und spürt, dass sie ihr glauben kann. Sie atmet auf und fühlt sich mit einem Mal befreit. Das helle, strahlende Meer in ihr dehnt sich aus und überstrahlt den Druck, die Kälte und Härte. „Ich hab dich lieb, Mama“, flüstert sie und schmiegt sich noch etwas fester an.
Leider gibt es aber auch Eltern, die ihre Kinder bei (vermeintlichen) Misserfolgen tatsächlich mit Liebesentzug und Kälte strafen. Manchmal aus der falschen Überzeugung heraus, dass sie ihnen dadurch den Wert von Fleiß und Anstrengungsbereitschaft vermitteln können.
Welche Warnsignale sollten Eltern, Lehrkräfte oder andere Bezugspersonen besonders wahrnehmen, um dann gegensteuern zu können?
Perfektionistische Kinder lernen oft sehr verbissen. Sie haben ganz klare Vorstellungen davon, wie etwas gemacht werden muss, können sich davon kaum lösen oder sich helfen lassen. Oft gönnen sie sich kaum Pausen und reagieren gestresst, wenn man ihnen vorschlägt, für heute mit dem Lernen aufzuhören. Eltern berichtet dann oft, dass das Kind zwar gute Noten schreibt, aber Aufwand und Ertrag nicht in einem gesunden Verhältnis stehen.
Ein anderes, klares Zeichen sind oft Prüfungsängste. Bei vielen Kindern und Jugendlichen kreisen die Gedanken bereits beim Lernen ständig um den jeweiligen Test. Sie haben den Eindruck, alles ganz genau wissen zu müssen und sich keine Fehler leisten zu dürfen.
In den meisten Fällen erkennen Eltern und Lehrkräfte den Perfektionismus der Kinder. Das Problem liegt eher darin, dass sie diesen nicht ernstnehmen, solange die Kinder und Jugendlichen gute Leistungen erbringen. Oft hört man dann Sätze wie «ja, aber sie ist ja gut» oder «es wäre ja gar nicht nötig, dass er sich so unter Druck setzt. Er kann es doch». Es hilft den Betroffenen aber nicht, wenn man ihre Ängste bagatellisiert. Viele perfektionistische Kinder behalten ihre Sorgen und Ängste mit der Zeit dann für sich, weil sie sich nicht verstanden fühlen. Dabei führt Perfektionismus auch bei guten Leistungen zu einem starken Leistungsdruck und ist oft ein Vorläufer für Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Essstörungen oder ein Burnout.
Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche heute perfektionistischer sind als von einigen Jahrzehnten. Woran liegt das, ist es vor allem der Druck aus den sozialen Medien, der eine Rolle spielt?
Diese Frage ist in der Forschung noch nicht eindeutig geklärt. Social Media scheint aber einen Einfluss zu haben - Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der Erfolg und Schönheit ständig sichtbar und vergleichbar sind. Was sie dort sehen, sind meist idealisierte Ausschnitte: perfekte Bastelprojekte, außergewöhnliche Leistungen, muskulöse oder sehr dünne, inszenierte Körper und einen Lifestyle, den sich nur die wenigsten werden leisten können. Für viele Kinder und Jugendliche entsteht der Eindruck: „So müsste ich auch sein.“ Studien zeigen, dass intensive Mediennutzung mit einem stärkeren Hang zum Perfektionismus einhergeht (Danielsen und andere, 2023; Vanhoffelen und andere, 2025).
Gleichzeitig steigt gesamtgesellschaftlich der Druck, sich ständig optimieren zu müssen. Nicht nur online, sondern auch in Sport und Schule. So wenden heute deutlich mehr Eltern sehr viel Zeit auf, um ihren Kindern beim Lernen und der Prüfungsvorbereitung zu helfen. Damit signalisieren sie aber auch, dass es sehr wichtig ist, gute Leistungen zu erbringen. Wir hatten schon Kinder und Jugendliche im Coaching, die uns erklärten: «Meine Eltern haben so viel in mich investiert – jetzt muss ich einfach gut sein!»
Darüber hinaus erleben wir durch die globalen Geschehnisse der letzten Jahre auch mehr gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Verunsicherung. Perfektionismus könnte für manche Menschen auch ein Versuch sein, ihre Ängste durch möglichst makellose Leistung „in den Griff“ zu bekommen und dadurch mehr gefühlte Kontrollierbarkeit zu erfahren.
Natürlich spielt auch der Kontext Schule eine große Rolle, es geht im Buch darum, dass Merle mit dem Übertritt auf ein anspruchsvolles Internat wechselt, das hohe Ansprüche an die Kinder stellt. Wie kann Schule, wie können Lehrkräfte mit perfektionistischem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen umgehen?
Schulen können viel tun, um den Leistungsdruck zu reduzieren und die Freude am Lernen zu erhalten. Gerne möchten wir einige Punkte herausgreifen, die auch für perfektionistische Schüler*innen besonders wichtig sind.
Insgesamt wirkt ein Umfeld stärkend, in dem sich alle gleichermaßen willkommen und gesehen fühlen – unabhängig von ihren Noten. Der Druck steigt schnell, wenn Kinder und Jugendliche merken, dass die „Lieblinge“ der Lehrkraft diejenigen sind, die schulisch am besten abschneiden.
Auch die häufig beschworene Fehlerkultur ist wichtig. Dabei reicht es allerdings nicht aus, am Anfang des Schuljahres ein Poster mit der Aufschrift „Fehler sind Helfer“ oder „Fehler sind Freunde“ an die Wand zu hängen. Zentral ist es, diese Botschaft auch durch eine entsprechende Haltung zu verkörpern, und beispielsweise vorsichtig zu sein mit Aussagen wie „Das müsstet ihr jetzt aber langsam können.“, „Von dir hätte ich mehr erwartet“ oder „Du hast schon wieder nicht zugehört!“ Insbesondere in Momenten der gefühlten Unzulänglichkeit oder bei schlechten Noten benötigen Schüler*innen die Sicherheit, dass auf der Beziehungsebene zur Lehrkraft trotzdem alles in Ordnung bleibt.
Konkurrenzkampf und Wettbewerbsorientierung wirken sich ebenfalls negativ aus. Je stärker Lehrpersonen Schüler*innen miteinander vergleichen, den Notenschnitt auf das Whiteboard schreiben, den Notenspiegel auf dem korrigierten Test vermerken, die Kinder vor der Klasse stehend abfragen oder sie bei Wissenslücken „schmoren lassen“, desto mehr Stress entsteht bei den Schüler*innen. Setzen wir hingegen vermehrt auf kooperatives Lernen, leiten die Kinder dazu an, sich gegenseitig zu unterstützen und stellen sicher, dass sich auch leistungsschwache Kinder in den Unterricht einbringen können, so wirkt dies entlastend.
Zu guter Letzt wäre es wichtig, dass wir Schule konsequent als Ort des Lernens -und nicht als Ort des Könnens- gestalten. Es darf nicht vorwiegend darum gehen, im Unterricht und in Tests lediglich richtige Antworten zu produzieren; Die Kinder brauchen Räume zum Selbstentdecken, zum Ausprobieren, zum Scheitern und einen neuen Anlauf nehmen.
In diesem Zusammenhang ist es wertvoll, Schüler*innen ein dynamisches Selbstkonzept zu vermitteln, das heißt, ihnen bewusst zu machen: meine Leistungen sind kein alleiniger Spiegel meiner Intelligenz oder Begabung; Was ich noch nicht kann, das kann ich in kleinen Schritten lernen, auch ich kann wachsen und mich weiterentwickeln. Dafür brauchen sie Bezugspersonen die ihnen zeigen, dass ihr Einsatz Wirkung zeigt und eine gute Note kein Zufall ist, sondern auch etwas mit der guten Vorbereitung, der aktiven Teilnahme am Unterricht, den Lernstrategien etc. zu tun hat. Perfektionistische Kinder und Jugendliche wischen ihre Erfolge nämlich nur allzu schnell mit einem „das war halt Glück!“ oder „die Lehrerin war nett.“ Etc. beiseite.
Im Buch werden tolle Übungen vorgestellt, mit denen Kinder/Jugendliche lernen können, gelassener mit Fehlern umzugehen und sich weniger unter Druck zu setzen. Können Sie einige davon kurz vorstellen?
Aufgrund unserer Arbeit mit perfektionistischen Kindern und Jugendlichen und auch unserer persönlichen Erfahrungen mit diesem Thema wussten wir, dass es keine schnelle Lösung für diese Schwierigkeiten gibt. Perfektionistische Kinder und Jugendliche reagieren gerechtfertigterweise meist allergisch darauf, wenn man ihnen einbläuen will, einfach mehr an sich selbst zu glauben oder Fehler nicht so persönlich zu nehmen.
Deshalb dürfen unsere Leser*innen gemeinsam mit Merle ganz behutsam im Laufe einer längeren Geschichte neue Erkenntnisse gewinnen, eigene Ansprüche hinterfragen und einen anderen Zugang zu Fehlern und Misserfolgen finden. Im Anschluss an die Geschichte findet sich dann eine Art „Workbook“, das den Transfer in den Alltag mit konkreten Übungen festigt. Ein erstes Beispiel: In Merles Abenteuer wird der Perfektionismus zunächst externalisiert: die junge Ente entdeckt ihren „Tyrannicus“, eine personifizierte kritische und verurteilende Stimme, die sich immer einschaltet, wenn sie etwas Neues lernen oder Leistung erbringen soll. Dieses „Nach außen Projizieren“ ist eine Technik aus der systemisch-lösungsorientierten Beratung. Sie erlaubt es Menschen, Schwierigkeiten aus der Distanz zu betrachten und Scham abzubauen. Die Leser*innen haben dann die Möglichkeit, ihren eigenen Tyrannicus zu zeichnen und ihm auf die Schliche zu kommen: In welchen Situationen wird er laut? Welche Abwertungen knallt er ihnen um die Ohren? Im nächsten Schritt lernen die Kinder und Jugendlichen, die Lügen des Tyrannicus zu entlarven und zu hinterfragen, zum Beispiel den Gedanken „Ich bin zu dumm – ich schaff das sowieso nicht.“ Wichtig ist uns auch, das Selbstmitgefühl mit unseren Leser*innen zu trainieren. Dazu gibt es inzwischen mehrere Studien, die dessen entlastende Wirkung auf perfektionistische Menschen nachweisen. Wenn der Tyrannicus also tobt, beginnen die Kinder, innerlich „Stopp!“ zu sagen und sich zu fragen: „Was würde ich einer lieben Freundin oder einem guten Freund in dieser Situation sagen?“ Das hilft dabei, der Selbstkritik eine sanftere, ermutigende, liebevolle innere Stimme entgegenzusetzen.
Der Übungsteil vereint wissenschaftlich abgesicherte Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie, den systemisch-lösungsorientierten Ansätzen sowie der Akzeptanz-und Commitmenttherapie.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Alle Abbildung stammen von Marcus Wilke und sind dem Buch “Du schaffst das, Merle!” entnommen.
Stefanie Rietzler
Stefanie Rietzler ist Psychologin mit Weiterbildung in bindungsbasierter Beratung und Therapie. Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching. Sie ist schweizweit für Seminare, Vorträge, Supervisionen und Weiterbildungen rund um das Thema Lernen im Einsatz. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der Beratung von Familien ADHS-Betroffener sowie im Lerncoaching mit Jugendlichen und Erwachsenen. In diesem Zusammenhang hält sie immer wieder Gastvorlesungen für verschiedene (Fach-) Hochschulen.
Fabian Grolimund
Fabian Grolimund, geboren 1978, ist Psychologe und leitet gemeinsam mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Besonders gern setzt er seine Kreativität und Fantasie ein, um etwas Neues entstehen zu lassen: eine spannende Geschichte, einen hilfreichen und praktischen Ratgeber, ein interessantes Seminar oder Kurzfilme für Eltern, Lehrkräfte, Kinder und Jugendliche. Dazu sitzt er am liebsten in einem gemütlichen Café.
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