DeutschWissen und Gesellschaft

Eine Gesellschaft zwischen Narzissmus, Hysterie und Abhängigkeit

Von Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider.

Menschenkette zeigt Solidarität gegen Narzissmuss

Eine sich verändernde Gesellschaft mit ihren hohen Ansprüchen und großen Herausforderungen setzt viele Menschen unter Druck

In den westlichen Gesellschaften bestehen hohe Ansprüche an die individuelle Entwicklung. Als allgemein erstrebenswerte Ziele werden Karriere, Erfolg, Ansehen, Geld, Schönheit und Gesundheit angesehen. Gleichzeitig stellen die Globalisierung, die Digitalisierung sowie die Klimakrise und die damit verbundenen Probleme, wie Schnelligkeit, Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit enorme Herausforderungen für die Menschen dar. In der Folge dieser Hintergrundbedingungen geraten Individuen zunehmend unter Druck und eine große Gruppe von Menschen erleben zunehmend Ungerechtigkeit und mangelnde Anerkennung. Dazu weisen viele Individuen Schwierigkeiten auf, ein stabiles Selbstwertgefühl herauszubilden, sowie eine mangelnde Fähigkeit mit Widersprüchlichkeit und Unsicherheit umzugehen. Dies ist vor allem ein Ausdruck einer defizitären Entwicklung der Persönlichkeit, die neben den Einflüssen von genetischen und konstitutionellen Faktoren, vor allem ein Resultat der frühen Erfahrungen in den wichtigen Beziehungen darstellt.
Insbesondere Personen mit mangelnden emotionalen, kognitiven und handlungsbezogenen Kompetenzen, reagieren mit Frustration und dem Eindruck gesellschaftlich an den Rand gedrängt zu sein. (Ehrenberg 2002).
Daraus resultieren oftmals Gefühle der Unsicherheit, Motivationskrisen, Erschöpfung bis hin zu relevanten psychischen Erkrankungen wie z.B. Angststörungen, Depressionen oder Suchtkrankheiten.

Krankheiten und deren Chronifizierung als Folge einer Überdiagnostik und -therapie der Medizin

Diese Tendenz wird noch durch ein offensives medizinisches Handeln ergänzt, dass häufig vorschnell diagnostische Bewertungen vornimmt und vor dem Hintergrund der unterschiedlichsten diagnostischen Zuschreibungen entsprechende therapeutische oder rehabilitative Maßnahmen indiziert. Allerdings haben epidemiologische Untersuchungen gezeigt, dass die Zahl an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen über die letzten Jahrzehnte relativ stabil gewesen ist. Stattdessen sind durch die modernen psychiatrischen Diagnosesysteme die Krankheitskonzepte ausgeweitet worden. Die Schwelle ab wann vom Vorliegen einer psychischen Erkrankung ausgegangen wird, ist in diesen Systemen kontinuierlich abgesenkt worden (siehe z.B. Frances 2013).

Betroffen sind hiervon häufig Menschen aus sozial schwachen Schichten, mit einer geringeren Bildung und einem niedrigen Familieneinkommen. So gehören oftmals insbesondere Arbeitslose zu dieser Gruppe, die aufgrund ihrer sozial und ökonomisch kritischen Lage durch die Abhängigkeit von Hartz IV (demnächst Bürgergeld), sich bereitwillig arbeitsunfähig schreiben lassen, um dem Druck zu begegnen ggf. wieder eine Arbeit aufnehmen zu müssen oder Leistungskürzungen hinzunehmen. Diese permanenten „Krankschreibungen“ stellen unter einer gewissen Perspektive einen relevanten Krankheitsgewinn dar und führen in vielen Fällen zu massiven Chronifizierungsprozessen und Frühberentungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit.

Das medizinische Versorgungssystem in allen seinen ambulanten, klinischen und rehabilitativen Facetten treibt die Prozesse der Medikalisierung unter anderem auch aus ökonomischen Gründen voran. Offensive Diagnostik und wiederholte oftmals wenig suffiziente Therapie führen zur Chronifizierung und oftmals steht am Ende dieses Prozesses die Frühberentung. Die dazu gehörige psychosoziale Dimension stellen insbesondere Abhängigkeitsgefühle dar.

Die negative Rolle der Medien

Dieser Transfer primär sozialer Probleme in Handlungsmaxime der Medizin umzuwandeln – verstanden als Medikalisierung (siehe Illich, Schneider) – wird gestützt durch die öffentliche Meinung, die insbesondere durch die unterschiedlichen Medien angeschoben wird. Die öffentlichen Medien weisen eine enorme Tendenz zur hysterischen Berichterstattung auf,  die durch Dramatisierung und pausenlose Beschallung mit negativen Nachrichten gekennzeichnet ist, wie sich noch einmal deutlich durch die Coronapandemie und aktuell durch den Ukrainekrieg zeigt. Die sozialen Medien bauschen nicht nur auf, sondern verfälschen vielfach Nachrichten und umfassen oftmals aggressive, entwertende und ausgrenzende Inhalte oder Botschaften. Diese wenden sich z.B. gegen Migranten, Menschen mit Behinderungen oder mit einer abweichenden sexuellen Orientierung. Dabei werden sowohl konkrete Individuen avisiert, beleidigt oder bedroht als auch ganze Gruppen von Menschen.  

Moderne Krankheiten

Individuen weisen die Neigung auf, sich die Ursachen von Ereignissen und Erfahrungen, aber auch eigene körperliche oder seelische Befindlichkeiten erklären zu wollen (Kausalattribution). Unter dem Einfluss der hier diskutierten Entwicklung zur Medikalisierung werden sich Individuen selbst zunehmend kritisch beobachten und rasch bereit sein, sich selbst in mehr oder weniger großen Ausschnitten als psychisch oder körperlich belastet zu sehen und entsprechend medizinische oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Für die psychischen Störungen stehen und standen neben den bereits genannten Krankheiten im engeren Sinne vor allem die Konzepte des Burn-Outs oder des Mobbings hoch im Kurs. Diese beiden Konzepte haben den Vorzug, dass sie die Betroffenen entstigmatisieren, da mit ihnen Ursachen verbunden werden, die vordergründig außerhalb der Verantwortung des Individuums liegen. Beim Burn-Out hat sich der Einzelne so sehr engagiert und verausgabt, dass er irgendwann in der Folge des Engagements „ausgebrannt“ ist und neben der Demotivierung noch unterschiedliche Symptome auf der psychischen (Ängste und Depressionen) und körperlichen Ebene (z.B. Erschöpfung oder Schlafstörungen) aufweist. Für sein Engagement sollte er eigentlich gefeiert werden; nun ist er durch die Anforderungen seines Berufes im Gesamt der damit verbundenen Aufgaben und organisatorischen Strukturen und Prozesse nicht mehr in der Lage sein Engagement fortzuführen. Und auch beim Mobbing ist es nicht das Individuum, das versagt hat, sondern es sind die anderen oder gar die Organisation, die es mobben und „kaputt“ gemacht haben. Beide modernen Krankheiten dienen der Entlastung von Individuen, solange die psychischen Erkrankungen noch als Ausdruck von persönlicher Schwäche oder Schuld angesehen werden. Diese Haltung nimmt m.E. jedoch zumindest in den liberaleren Gesellschaften zunehmend ab.

Ein Problem ergibt sich jedoch oftmals für die therapeutischen Ziele und Prozesse. Wenn die ursächlichen Faktoren außerhalb des Individuums liegen, muss eigentlich die Umwelt verändert werden. Die Frage, welche Anteile auf der persönlichen Ebene diese Konstellation des Burn-Outs forciert haben, wird oftmals nicht oder nur geringfügig berücksichtigt. Dazu können z.B. berufliche Ziele gehören, für die das Individuum nur ungenügende emotionale, kognitive und handlungsbezogene Kompetenzen aufweist. Oder das persönliche Umfeld passt aus verschiedenen Gründen nicht zu den beruflichen Anforderungen. Dazu können z.B. Mangel an emotionaler Unterstützung innerhalb der Partnerschaft oder der Familie gehören, oder es gibt neben dem Beruf keine ergänzenden positiven Erlebnisebenen wie z.B. Hobbies oder Interessen. Auch beim Phänomen des Mobbings sind es eigentlich die anderen, die sich ändern müssten oder sollten. Die klinische Erfahrung zeigt m.E. allzu oft, dass Menschen, die sich gemobbt fühlen, aversiv auf die Perspektive des Therapeuten oder der Therapeutin reagieren, was die Person wohl selbst für Anteile mit sich bringt, dass sie immer wieder in interpersonelle Schwierigkeiten mit anderen gerät.

Selbstwertprobleme, Identitätsschwäche und psychische Labilisierung

Die oftmals vorfindbare Tendenz zu autoritären politischen Einstellungen sowie der Orientierung an rechtsextremen Gruppen dient der Selbstwert- und der Identitätsstabilisierung über die Entwertung anderer sozialer Gruppierungen, Migranten oder Flüchtlinge.  

So ist auf den unterschiedlichen Ebenen eine Tendenz zu einer hysterisch anmutenden Verarbeitung von alltäglichen Erfahrungen festzustellen, die häufig aus einer überhöhten Sensibilität von Individuen resultiert, die einen Ausdruck unserer schnelllebigen und überhitzten Zeit darstellt. Diese Entwicklung wird durch die Heftigkeit und Dramatisierung der öffentlichen Meinung durch die Medien, aber auch durch die Politik weiter gefördert.  

In den letzten zwei Jahren sind mit der Pandemie und seit Februar 22 durch den Krieg in der Ukraine noch erneute, die Menschen massiv belastenden Herausforderungen aufgetreten, die vielfach deren Fähigkeit zur Bewältigung überfordern. Daraus resultieren massive Ängste und Verunsicherung. Die Pandemie (z.B. social distancing) und sicherlich auch die Kriegsereignisse werden die psychischen Probleme noch weiter verschärft haben. Gerade für Kinder und Jugendliche hat die Herausnahme aus den Schulen und Horten massive Probleme zur Folge gehabt. Welche psychosozialen und ökonomischen Folgen aus den mit der Pandemie verbundenen Restriktionen und dem Krieg resultieren, wird sich erst in der Zukunft zeigen. 

Was ist zu tun?

Erst wenn unsere Gesellschaft weniger profitorientiert ist, wird eine Welt vorstellbar, die gerechter und stärker an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist und weniger Raubbau an den Ressourcen der Natur treibt.  Dafür dürfen die neokapitalistische Logik der westlichen Industriestaaten sowie die totalitären und hegemonialen Tendenzen von China, Russland etc. nicht länger die Politik bestimmen! Diese Ziele stehen noch in weiter Ferne und sind nur schwer realisierbar!

Was kann bereits heute geschehen, um einen Weg dorthin zu bahnen? Wir sollten unsere Norm- und Wertvorstellungen kritisch reflektieren: Dies bedeutet, dass wir unsere persönlichen Ziele weniger am persönlichen Erfolg und Ansehen ausrichten, sondern eine stärkere Beziehungsorientierung herausbilden. Dies hängt wie bereits oben angesprochen, von unseren frühen Beziehungserfahrungen und späteren Entwicklungen ab. Die egozentrischen Grundzüge unserer Gesellschaft zu verändern, benötigt einen langen Atem und Initiativen auf vielen Ebenen. Eltern müssten die Fähigkeit herausbilden, diese Haltungen im Zusammenspiel mit ihren Kindern zu vermitteln. Dazu gehört, dass unsere Gesellschaft sukzessive andere soziokulturelle und interaktionelle Standards herausbildet, die weniger konsumorientiert sowie auf die Verringerung der materiellen Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen ausgerichtet sind.

Diese Entwicklung kann nur auf der Ebene politischer Initiativen erfolgen, wobei davon auszugehen ist, dass weniger die politischen Parteien, die an der Regierung sind, Träger derartiger gesellschaftlicher Umbrüche sind. Es sind Bürgerinitiativen im  Sinne von Graswurzelaktivitäten notwendig, die als Initiativen vor Ort zu unterschiedlichen Themen und Zielen arbeiten und sich in einem nächsten Schritt zu einer weiteren und umfassenderen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen schließen.   

Einen wichtigen Aspekt stellt eine Veränderung der Medien dar, die sich nicht länger vor allem mit ihrem Alarmismus auf negative Informationen stürzen sollten, sondern auch positive Inhalte bzw. Lösungsansätze bei krisenhaften Ereignissen thematisieren sollten. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass Menschen resignieren und eine weitere Einschränkung ihres Gefühls der Selbstwirksamkeit erfolgen wird.     

Um zu verhindern, dass Menschen, wie oben dargelegt, chronische psychische oder psychosomatische Probleme entwickeln, ist eher eine Aufklärung über die sozialen Hintergründe im Rahmen einer Beratung angezeigt. Diese sollte ihnen die sozialpolitischen Ursachen ihrer Situation verdeutlichen; die Selbstverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit fördern. Die Lösung sozialer Problemlagen gehört nicht in die Hand der Medizin, sondern liegt primär auf der gesellschaftspolitischen Ebene.

Bedauerlich ist die aktuelle Hinwendung zur biologisch-technologischen Medizin durch die Pandemie, die den Menschen tendenziell wieder auf seine biologischen Dimensionen reduziert.

Literatur:

Ehrenberg, A. (2008). Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Frances, A. (2013). Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Köln: Dumont.

Illich, I. (1975). Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens (4.Aufl.). München: Beck.

Schneider, W. (2022). Eine Gesellschaft zwischen Narzissmus, Hysterie und Abhängigkeit. Hogrefe: Bern.

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider ist 1952 in Wolfsburg geboren und hat Psychologie und Medizin in Marburg/Lahn und Münster studiert. Nach Facharztausbildungen in der Psychiatrie und Psychosomatischen Medizin in Lübeck und Bochum ist er an der Ruhr-Universität Bochum 1991 habilitiert worden und hat gleichzeitig seinen Abschluss der psychoanalytischen Ausbildung bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) absolviert. Von 1995 bis 2018 war er Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Neben seinen klinischen und wissenschaftlichen Interessen, vor allem im Bereich der Psychotherapie- und Diagnostikforschung, interessiert und engagiert er sich auch für sozialpolitische Themen. Seit Ende der 90er Jahre hat er gemeinsam mit Kollegen das Institut für Psychotherapie, Gesundheitswissenschaften und Organisationspsychologie aufgebaut und geleitet, das neben der Weiterbildung zur Psychotherapie auch Beratungsaufgaben für Firmen und Institutionen durchgeführt hat. Nach seiner Emeritierung ist er weiterhin in der Psychotherapieausbildung und Facharztweiterbildung zu Fragen der Psychosomatischen Medizin involviert.

https://wolf-g-schneider.com/

 

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