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DeutschKlinik und Therapie

Folgen komplexer Traumatisierung behandeln

Von Janine Borowski. 

Wie sich wiederkehrende und anhaltende Traumatisierung auswirkt, kann sehr individuell sein. Deshalb begegnen uns in der Behandlung komplexer Traumafolgestörungen verschiedenartige Beschwerdebilder. Viele Betroffene zeigen neben den Kernsymptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung kompensatorische Störungen, wie etwa Zwänge, Ängste, Essstörungen oder Substanzabhängigkeiten sowie eine persönlichkeitsprägende Symptomatik.

Gruppentherapie nach komplexem Trauma Illustration von Menschen in einem Stuhlkreis Abbildung: Shutterstock / M7Studio

Oftmals kommen Menschen, die schon früh in ihrem Leben interpersonelle Gewalt erfahren mussten. „Kindheitstrauma“ oder „Entwicklungstrauma“ – diese Beschreibungen sind mehr als eine Diagnose. Es sind Lebensbedingungen, unter denen die Betroffenen aufwachsen mussten. Bedingungen, die nicht nur durch schreckliche Erlebnisse geprägt waren, sondern zusätzlich durch das Fehlen stärkender, schützender und umsorgender (Beziehungs-)Erfahrungen. Wir begegnen also oftmals Menschen mit einem Mehr an Belastung und gleichzeitig einem Weniger an inneren und äußeren Ressourcen. Dieses „Weniger“ zeigt sich vor allem in Schwierigkeiten der Emotionsregulation, einem in der Regel stark negativen Selbstbild und dysfunktionalen Beziehungsmustern. Unter den daraus resultierenden Beeinträchtigungen und immer wieder auftretenden Problemen in Beziehungen zu anderen leiden die Betroffenen häufig nicht minder als an den konkreten „Kernsymptomen“. Immer wieder geraten Sie in ungesunde Beziehungsstrukturen, haben Schwierigkeiten eigene Wünsche und Bedürfnisse klar für sich zu erkennen oder gar zu formulieren und durchzusetzen. Manche isolieren sich stark aufgrund von hohem Misstrauen anderen gegenüber oder weil sie schlicht nicht wissen, wie sie auf gesunde Weise mit anderen in Kontakt treten können.

ESTAIR hilft, funktionale und hilfreiche Beziehungsmodelle aufzubauen

Das Programm ESTAIR setzt genau dort an. In insgesamt 3 Modulen werden die Bereiche Emotionsregulation, Selbstkonzept und Beziehungsmuster in der Behandlung adressiert, wobei das Kernstück des Verfahrens der Abbau dysfunktionaler sowie der Aufbau funktionaler, hilfreicher Beziehungsmodelle darstellt.
 

ModulInhalte
EmotionsregulationFörderung der Emotionswahrnehmung
Aufbau hilfreicher Strategien im Umgang mit Emotionen
Emotionsorientierte Lebensgestaltung (Umgang mit Belastung)
SelbstkonzeptTraumabezogene Annahmen und Überlebensregeln
Hinterfragen dysfunktionaler Selbstkonzepte
Aufbau von Selbstmitgefühl
Zwischenmenschliche BeziehungenErkennen traumaverbundener, dysfunktionaler Beziehungsmuster
Förderung von Handlungsfähigkeit in Beziehungen
Aufbau von Bindungsfähigkeit
Erlernen von Strategien im Umgang mit verschiedenen Machtverhältnissen

Zunächst findet ein gemeinsamer Austausch darüber statt, inwieweit sich gesunde und ungesunde Beziehungen voneinander unterscheiden. 

  • Welche Merkmale haben gesunde Beziehungen? 
  • Welche Art von Umgang miteinander wünsche ich mir in meinen Beziehungen? 
  • Wie gelingt eine gesunde Grenzziehung? 
  • Wie kann ich es lernen Nähe zuzulassen und echte Verbindungen aufzubauen?

 

Die Betroffenen lernen schrittweise einen Umgang mit den immer wiederkehrenden Stolpersteinen in der Nähe-Distanz-Regulation, etwa zu den Themen Kontaktaufbau, Selbstsicherheit, Nähe zulassen und Konfliktfähigkeit. Neben der Vermittlung konkreter sozialkompetenter Fertigkeiten geht es vor allem darum, die eigenen dysfunktionalen, von den vergangenen Erfahrungen geprägten Beziehungsmuster zu identifizieren. Dafür werden Situationen aus dem aktuellen Alltag ausgewählt, die als schwierig erlebt werden oder aversive Gefühlszustände auslösen. Gemeinsam mit den Patient*innen wird analysiert, welche Annahmen über sich selbst und welche Annahmen über die Gefühle und Gedanken des Gegenübers vorliegen – welche Beziehungserwartung der Situation also zugrunde liegt und das Erleben und Verhalten steuert.

Typische nach Trauma auftretende Beziehungsmuster sind etwa „Wenn ich etwas von anderen erwarte, werde ich eh enttäuscht“, „Wenn ich Schwäche zeige, werde ich abgelehnt“ oder „Wenn ich Nein zu etwas sage, werde ich verlassen“. Sowohl im „Leben da draußen“ als auch im therapeutischen Setting selbst geht es dann in der Therapie darum, korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen, nämlich „Wenn ich etwas von anderen erwarte, werde ich ernst genommen“, „Wenn ich Schwäche zeige, werde ich unterstützt“ oder „Wenn ich Nein zu etwas sage, wird meine Grenze akzeptiert“.

Was bedeutet das für unsere Behandlung?

Die Bedeutsamkeit neuer Erfahrungen mit anderen verdeutlicht, wie sinnvoll es ist, ESTAIR als Gruppentherapie durchzuführen, da jede Gruppensitzung die Möglichkeit korrigierender Beziehungserfahrungen bieten kann. Die Teilnehmer*innen hören einander zu, nehmen sich ernst, sind füreinander da und unterstützen sich gegenseitig. All das sind in der Regel neue und heilsame Erfahrungen, die von den Betroffenen als positiv bewertet werden und ihre Sicht auf sich und andere verändert. 

Darüber hinaus funktioniert die Therapiegruppe als ein „sicherer Ort“, an dem neue Verhaltensweisen in der Interaktion mit anderen mittelbar erprobt werden können. Dies geschieht durch angeleitete Rollenspiele, aber vor allem auch durch die sich auf natürliche Weise entwickelnde Gruppendynamik, die therapeutisch aufgegriffen und „bearbeitet“ wird. Die Patient*innen erhalten sowohl von der Therapeutin bzw. dem Therapeuten als auch den anderen Gruppenmitgliedern eine direkte Rückmeldung zu ihrem Erleben und Verhalten. Neue Kompetenzen können unmittelbar und mit Unterstützung der Gruppe ausprobiert werden. Diese Art der korrigierenden Interaktionen innerhalb der Gruppe fördert ein direktes Lernen zwischenmenschlicher Fertigkeiten und stärkt neue Beziehungsmodelle. 

Mit ESTAIR Beziehungsmuster verstehen, Konflikte konstruktiv bearbeiten

Selbstverständlich bietet so ein Zusammenkommen verschiedener Personen auch mehr Möglichkeiten für Konflikte. Die Patient*innen bringen ihre dysfunktionalen Beziehungsmuster in die gruppentherapeutische Arbeit hinein, was gelegentlich zu herausfordernden Situationen führen kann. Neben dem, was Therapeut*innen auf der Basis einer verlässlichen Allianz entgegenbringen können, bietet ESTAIR mit den konkreten Interventionen zur Bearbeitung dysfunktionaler Beziehungsmuster zusätzlich nutzbare Tools für die Klärung solcher teilweise komplexen zwischenmenschlichen Dynamiken. 

Eine Dynamik, die oftmals im Verlauf einer Behandlung entsteht, ist etwa die, die der Täter-Opfer-Dynamik entspricht. Patient*innen erleben sich beispielsweise wieder in der Rolle des Opfers, etwa durch ein direktives Vorgehen in der Therapie („Sie setzen mich mit all den häuslichen Übungen zu sehr unter Druck.“, „Ihre Fragen in der vergangenen Sitzung haben sehr viel in mir hervorgeholt, es ging mir die ganze Woche schlecht deshalb“) oder durch verschiedene Gesprächsanteile während der Sitzung („Nie komme ich dazu von mir zu erzählen, weil andere so viel berichten. Ich habe den Eindruck, hier nicht gesehen zu werden“, „Ich gehöre nicht dazu“). Genauso gut kann es passieren, dass sich Therapeut*innen angegriffen fühlen und in der Rolle des Opfers wiederfinden, etwa, wenn Ärger oder destruktive Kritik geäußert wird („Sie können mir offenbar einfach nicht helfen.“; „Ich habe alles gemacht, was Sie vorgeschlagen haben, nichts davon hilft.“). Die dahinterstehenden Beziehungsmodelle können auch nonverbal deutlich werden, wenn Patient*innen beispielsweise nicht mehr zu den vereinbarten Terminen erscheinen, sich dafür aber mit einer Krise am Wochenende melden. 

Das ESTAIR-Handwerkszeug unterstützt bei einer für die betroffene Person schonenden und wertschätzenden Auflösung. Gemeinsam kann eruiert werden, welche Überzeugungen über sich und andere hinter dem Problemverhalten stehen, welche traumaassoziierten Beziehungserwartungen damit verbunden sind und welche hilfreicheren Alternativen zur Verfügung stehen und ausprobiert werden können. Jede Art der Interaktion innerhalb der Gruppe kann also als Chance dafür genutzt werden, die Sicht auf Beziehungen und die eigene Wirksamkeit darin neu zu ordnen.

Dipl.-Psych. Janine Borowski

Studium der Psychologie und anschließende Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin in Hamburg. Approbation für Psychotherapie mit Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Seit 2010 in der Psychiatrischen Institutsambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig, seit 2017 in der Spezialambulanz für Traumafolgestörungen, seit 2019 in der Rolle der therapeutischen Leitung. Einen Schwerpunkt bildet die Behandlung von komplexen Traumafolgestörungen. Nach Supervision durch die Autorin Marylene Cloitre (PhD) Behandlerin, Supervisorin und Dozentin für das Therapieprogramm “STAIR-NT”.

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