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Frankfurter Akkulturationsskala

Nach der Migration in ein anderes Land durchleben Menschen eine Phase der Akkulturation, die mit großen Belastungen einhergehen kann. Dadurch können Wohlbefinden und Gesundheit beeinträchtigt werden. Die Frankfurter Akkulturationsskala kann in dieser Situation Hinweise auf mögliche Ursachen und Risikofaktoren geben. Außerdem ist mit ihr auch die Evaluation von Interventionen möglich, die die Integration von Migrant*innen unterstützen sollen.

Wir haben mit Prof. Dr. Stephan Bongard gesprochen, der sich seit Langem mit dem Thema Akkulturation beschäftigt und einer der Autoren der Frankfurter Akkulturationsskala ist.

Gegenseitiger Austausch kultureller Konzepte

Was versteht man unter psychologischer Akkulturation?
Unter Akkulturation werden in der Psychologie all jene Prozesse verstanden, die auftreten, wenn Mitglieder unterschiedlicher Kulturen dauerhaft in direkten Kontakt zueinander treten. Es kommt dann zu einem Austausch kultureller Konzepte. Besonders sichtbar wird dieser Austausch im kulinarischen Bereich. Ähnliche Prozesse finden aber auch im weniger sichtbaren emotionalen und mentalen Bereich statt, dann sprechen wir von psychologischer Akkulturation.

Was hat Sie motiviert, eine Akkulturationsskala zu entwickeln?
Ich habe mich in meiner Dissertation mit Herz-Kreislauf-Reaktionen als Bestandteil der Kampf-Fluchtreaktion auf Stress beschäftigt. Als es dann in den Neunzigerjahren vermehrt zu Übergriffen auf Migrant*innen in Deutschland kam, nahm ich an, dass Migrant*innen, die sich potenziell bedroht fühlen müssen, auch stärkere Stressreaktionen aufweisen müssten. Ich nahm jedoch an, und wir konnten das auch zeigen, dass dies auch von dem Ausmaß der – wie ich es damals noch nannte – Integration der Proband*innen abhängt. Deshalb haben wir eine Skala entwickelt, mit der wir dieses Ausmaß an „Integration" erfassen wollten. Daraus ist dann später die FRAKK geworden.

Auf welche besonderen Herausforderungen sind Sie bei der Entwicklung gestoßen?
Eine besondere Herausforderung bestand und besteht darin, dass das Verfahren auch für jene Migrant*innen zugänglich sein soll, die die deutsche Sprache nicht oder nur unvollkommen beherrschen. Wir haben uns deswegen entschlossen, alle Items auf demselben Blatt unmittelbar hintereinander sowohl in der Herkunftssprache als auch in deutscher Sprache darzubieten. Eine weitere Herausforderung bestand darin, eine möglichst repräsentative Normstichprobe zu rekrutieren, da einige Gruppen, wie z.B. Hausfrauen und Personen mit geringer formaler Bildung, für Befragungen schwerer zugänglich sind.

Die FRAKK misst Akkulturation im Sinne eines zweidimensionalen Konstrukts. Welchen Vorteil birgt die Erfassung von der Orientierung sowohl zur Herkunftskultur als auch zur Aufnahmekultur für die befragte Person?
Die Erfassung von Akkulturation durch die FRAKK erfolgt sehr differenziert, indem sowohl die Orientierung zur Herkunftskultur als auch die Orientierung zur Aufnahmekultur erfasst wird. Hierbei wird also nicht nur nach Migrant*in oder Nicht-Migrant*in unterschieden und es wird auch nicht einseitig der Fokus auf die Anpassung an die deutsche Kultur gelegt. Vielmehr wird gleichermaßen erfasst, inwiefern eine Person mit Migrationsgeschichte ihre Herkunftskultur beibehält und als Teil ihrer Identität pflegt und inwiefern sie sich zur neuen Gesellschaft hin orientiert. Eine solche Sichtweise stärkt die Individualität der Migrant*innen und erfasst Eigenschaften einer Identität, die Teil beider Kulturen (Herkunfts- und Aufnahmekultur) sein kann.

Nicht nur in Deutschland einsetzbar

Die FRAKK bezieht sich auf die Akkulturation in Deutschland. Bei mehreren Fragen wird speziell auf Deutschland oder die deutsche Sprache verwiesen. Ist das Verfahren prinzipiell auch in anderen Ländern einsetzbar?
Ja, die FRAKK ist prinzipiell auch in anderen Ländern einsetzbar. Wir haben sie bei polnischstämmigen Migrant*innen in Irland, bei chinesischstämmigen Migrant*innen in den USA sowie bei Migrant*innen aus dem Maghreb in Frankreich eingesetzt und auch hier hat sich die Skala jeweils in der länderspezifischen Formulierung bewährt. Jedoch ist zu beachten, dass die Gütekriterien, die wir in der Handanweisung berichten, erst einmal nur für die deutsche Version gültig sind.

Gibt es länderspezifische Besonderheiten der psychologischen Akkulturation, die beachtet werden müssen?
Ja, die gibt es. Wir gehen zwar davon aus, dass der Akkulturationsprozess prinzipiell bei allen Kulturen nach den gleichen Prinzipien verläuft, aber es gibt unterschiedliche „Distanzen" zwischen Kulturen. Bei Migrant*innen aus Kulturen mit großer Distanz zum Aufnahmeland ist von einem komplexeren Akkulturationsprozess auszugehen. Außerdem ist anzunehmen, dass es eine Rolle spielt, wie viele Personen aus dem Herkunftsland bereits im Aufnahmeland sind, die Hilfestellungen bei der Anpassung an die neue Gesellschaft geben können oder aber auch eine mögliche Separation befördern.

Die FRAKK in Forschung, Klinik und nicht klinischen Einrichtungen

Die FRAKK kann sowohl in der Forschung als auch in klinischen und nicht klinischen Einrichtungen eingesetzt werden. Was wären z.B. typische Fragestellungen, bei denen die FRAKK zum Einsatz kommen kann?
Die FRAKK kann und sollte man überall dort einsetzen, wo man an einem differenzierteren Bild von Migrant*innen als Stichprobe oder auch von einer individuellen Person mit Migrationsgeschichte interessiert ist. So konnten Kollegen aus der verhaltenstherapeutischen Ambulanz unseres Instituts zeigen, dass bei geflüchteten Patientinnen eine depressive Symptomatik und die Schwere eines Traumas umso geringer ausgeprägt war, je mehr sich die Patientinnen als zur Aufnahmekultur hin orientiert beschrieben.

Kollegen aus der Arbeitspsychologie konnten zeigen, dass bei aus dem Ausland angeworbenen Pflegekräften ein positiver Zusammenhang zwischen der Orientierung an der Aufnahmekultur und Arbeitszufriedenheit sowie Burnout-Symptomatik bestand.

Dies sind zwei Beispiele aus der Forschung, die auch für Praktiker von Bedeutung sein dürften.

Items liegen in vielen Sprachen vor

Migrant*innen sind eine sehr heterogene Gruppe. Sie unterscheiden sich zum Beispiel darin, wie lange und in welcher Generation sie in Deutschland leben, welche Sprachkenntnisse sie haben, aus welchem Herkunftsland sie kommen. Inwieweit ist dies beim Einsatz der FRAKK zu berücksichtigen und spielt es bei der Auswertung eine Rolle?
Ja, das stimmt, Migrant*innen sind eine sehr heterogene Gruppe. Trotzdem haben wir bei der Normierung der FRAKK nur zwischen Migrant*innen der ersten und zweiten Generation differenziert. Auch wenn Migrant*innen aus Herkunftsländern mit z.B. hoher kultureller Distanz einen längeren Akkulturationsprozess durchlaufen als Migrant*innen mit geringer kultureller Distanz, soll dies in den Testwerten der FRAKK abgebildet werden können.

Sprachkenntnisse sind integraler Bestandteil des Akkulturation-Konzeptes. Von einigen Autoren werden sie auch an sich als Indikator für Akkulturation betrachtet. Wir haben deshalb sprachbezogene Items im Fragebogen aufgenommen. Da die Items in vielen Sprachen vorliegen*, ist eine darüber hinausgehende Beachtung der Sprachkenntnisse nicht notwendig. Wie immer ist psychologische Diagnostik aber auch hier ein komplexer Prozess und es ist nicht mit dem Vorlegen eines Fragebogens getan. Das bedeutet, dass die Testwerte im Rahmen einer umfassenden Individualdiagnostik in die individuelle Lebensgeschichte und vor dem jeweiligen soziobiografischen Hintergrund eingeordnet werden sollten.

Im Manual zur FRAKK werden Personen, die in Deutschland geboren wurden, als Migrant*innen zweiter Generation bezeichnet, nicht als „Personen mit Migrationshintergrund". Personen, die hier geboren wurden, könnte dies verwundern. Warum haben Sie sich für diesen Begriff entschieden?
Nach der offiziellen Definition des Bundesamtes für Statistik umfasst der Begriff Person mit Migrationshintergrund auch jene Personen, die selbst immigriert sind, sodass dieser eher als ein Überbegriff für Migrant*innen der ersten und der zweiten Generation zu sehen ist. Um eine Differenzierung zwischen Personen mit eigener Migrationserfahrung und ohne eigene Migrationserfahrung beizubehalten, haben wir uns für die Bezeichnung der Generationen entschieden.

Wer kann das Testverfahren anwenden?
Jede Person, die über eine Ausbildung und damit über Kenntnisse und Erfahrungen in psychologischer Diagnostik verfügt.

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* Die FRAKK kann neben der deutschen Sprachversion auch in Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Türkisch und Spanisch über den Verlag bezogen werden.

Vier Akkulturationsstrategien

Was muss bei der Ergebnisrückmeldung an die Teilnehmer*innen beachtet werden?
Generell ist natürlich im Rahmen jeder Ergebnisrückmeldung von einer wertenden Formulierung abzusehen.

Außerhalb des Forschungskontextes wäre ich darüber hinaus eher zurückhaltend, was die Klassifikation von Proband*innen als integriert, assimiliert, separiert oder marginalisiert angeht. Derartige Kategorisierungen können ebenfalls als negative Etikettierung erlebt werden. Die Kriterien für diese Kategorisierung wurden zudem eher pragmatisch gewählt und sind sowohl theoretisch als auch empirisch bislang noch nicht hinreichend abgesichert.

Im Fokus einer Ergebnisrückmeldung würde ich die erhaltenen dimensionalen Testwerte darstellen und Proband*innen darlegen, dass sie sich im Fragebogen als unterdurchschnittlich, durchschnittlich oder überdurchschnittlich orientiert zur Aufnahme- bzw. Herkunftskultur beschrieben haben.

Bezieht das Ergebnis Wertungen mit ein, zum Beispiel einer gelungenen („richtigen“) oder nicht gelungenen („falschen”) Akkulturation?
Nein, keinesfalls. Die Testergebnisse sind absolut wertfrei zu interpretieren. Die FRAKK kann erfassen, inwieweit sich die Testperson zur Herkunftskultur und/oder zur Aufnahmekultur hin orientiert. Ob aus dieser jeweiligen Orientierung psychologischer Stress entsteht oder nicht, muss individuell abgeklärt werden.

Internationale Forschungsergebnisse zeigen allerdings, dass besonders Personen, die die Akkulturationsstrategie der Integration verfolgen, d.h. Personen, die sich sowohl zur Herkunftskultur als auch zur Aufnahmekultur hin orientieren, weniger psychologischen Stress berichten. In unseren eigenen Arbeiten finden wir meist, dass in Deutschland auch die Strategie der Assimilation mit weniger Stress verbunden ist, und die Strategie der Marginalisierung (geringer Bezug zu beiden Kulturen) ist meist mit ungünstigen Belastungswerten assoziiert.

Herr Bongard, vielen Dank für das Gespräch!

Stephan Bongard hat das Verfahren auch in einem einstündigen Webinar vorgestellt. Eine Aufzeichnung können Sie hier erwerben: Webinar FRAKK-Skala.

Prof. Dr. Stephan Bongard

  • 1983 – 1988: Studium der Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Rheinisch-Westfälischen-Technischen-Hochschule (RWTH) Aachen

  • 1988 – 1997: Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. wissenschaftlicher Assistent an der HHU-Düsseldorf, dort

  • 1993: Promotion zum Dr. rer. nat., Titel der Dissertation: "Leistungsverhalten und kardiovaskuläre Reaktivität in Situationen aktiver und passiver Bewältigung"

  • 1995 – 1996: Visiting Assistant Professor, Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, University of Oklahoma, Oklahoma City, OK, USA

  • 1997: Wechsel an die Goethe-Universität Frankfurt, dort

  • 2000: Habilitation mit der Schrift.: "Ärgerausdrucksverhalten in unterschiedlichen Lebensbereichen und assoziierte kardiovaskuläre Belastungen"

  • 2001 – 2003: Lehrstuhlvertretung (Allgemeine und Biologische Psychologie) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, anschließende Rückkehr an die Goethe-Universität Frankfurt und dort

  • Seit 2006: außerplanmäßiger Professor am Institut für Psychologie der Goethe-Universität Frankfurt

  • 2014/15: Research Fellow an der University of Minnesota, Minneapolis, MN, USA