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Gerontologie kompakt – ein innovatives Lehrbuch

Von Kathrin Kürsten.

Das Lehrbuch „Gerontologie kompakt“ entstand aus dem Wunsch heraus, Studierende verschiedener Fachrichtungen, die an der Versorgung alternder und alter Menschen beteiligt sind, in einem Werk zu berücksichtigen. Dabei fokussierten sich die Herausgebenden auf die Zielgruppe der Studierenden der Professionellen Pflege und Sozialen Arbeit in den Bachelor- und Masterstudiengängen. Jedoch auch für die in der alltäglichen Praxis Tätigen sollte es ein praktikables Lehrbuch sein und einen Mehrwert bringen. Das Anliegen ist, dass Lesende die jeweils andere Disziplin (besser) kennenlernen, die entsprechenden Aufgabenbereiche abstecken können, aber vielmehr auch, dass sich die Beteiligten der Schnittstellen bewusst werden und somit die große Bedeutung der zunehmend wichtiger werdenden Interdisziplinarität erfassen.

Mit diesem Beitrag wird Lesenden ein kleiner Einblick in das Lehrbuch „Gerontologie kompakt“ und sein innovatives Konzept gegeben, das bisher eine Alleinstellung in der wissenschaftlichen Community innehat.

Einzelteile ergeben ein Ganzes

Die adäquate Betreuung und Pflege von alternden und alten Menschen erfordert das Wissen über Erkenntnisse vieler verschiedener Wissenschaften. Möge manch einem zunächst die Medizin als erste Assoziation in den Sinn kommen oder vielleicht noch die Ethik, die besondere Bedeutung für das Altern und potenzielle Entscheidungen am Lebensende hat. Aber wer würde sich umgehend über die bunte Vielfalt alter und alternder Menschen in der LGBT–Community Gedanken machen? Das Lehrbuch „Gerontologie kompakt“ bietet den Lesenden eine Übersicht mittels 15 Fachbeiträgen von anerkannten Expert*innen auf ihrem jeweiligen Fachgebiet. Keinesfalls kann dies den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so ist es jedoch als Anstoß für die eigene thematische Vertiefung gedacht.

Im ersten Teil werden Lesenden grundlegende Gedanken zum Alter(n) aus der Perspektive von Philosophie, Theologie, Ethik und der Pflegepolitik dargelegt. Hier findet sich für manch jemanden vielleicht die Antwort auf die persönliche Frage, was das Alter(n) ist, welche Wurzeln die Pflege hat, wie pflegerische Entscheidungsfindungen ablaufen und – ganz profan – wer bzw. wie politische Entscheidungsfindungen hier maßgeblich eine Rolle spielen (können).

Im folgenden zweiten Teil werden weitere disziplinäre Zugänge eröffnet, die das Alter und den Alterungsprozess als Interessensgegenstand haben. Aus psychologischer Perspektive erfahren Lesende, wie sich Menschen in ihren eigenen Alterungsprozess verhalten und sich selbst dabei im sozialen Gefüge erleben. Die Geriatrie als Fachdisziplin der Medizin, berichtet von der speziellen Versorgung betagter und hochbetagter Menschen. Die Soziologie beschäftigt sich mit der deutschen Sozialpolitik, wobei Lesenden nicht nur ein Einblick in die einzelnen Teilbereiche gegeben wird, sondern die großen Zusammenhänge der deutschen Sozialpolitik offengelegt werden. Die Pflegewissenschaft klärt die Lesenden darüber auf, warum die Professionelle Pflege Theorien und Konzepte bedarf und welche Stärken und Schwächen die soziale Pflegeversicherung in Deutschland hat. Die Geragogik wendet sich dem Bilden und Lernen im Alter zu. Dieser Beitrag zeigt deutlich, dass die „geistige Fitness“ zum gelingenden Alter(n) von großer Bedeutung ist, womit offensichtlich wird, dass es für Professionelle Pflege und Soziale Arbeit ein Ziel sein muss solche Angebote entsprechend zu gestalten. Mit einem Beitrag über die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Unterstützung älterer Menschen in verschiedenen Settings – und in welchen gesellschaftlichen Bedingungen Soziale Altenarbeit realisiert wird – bahnt sich nun an, was im dritten Teil folgt.

Hier findet sich der Kern des Lehrbuches: Die Schnittstellen zwischen Professioneller Pflege und Sozialer Arbeit im gemeinsamen Handlungsfeld. Dabei wird deutlich, dass neben Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Kompetenzen der Berufsgruppen existieren und es gilt, eben jene für die interdisziplinäre Begleitung alternder und alter Menschen optimal zu nutzen.

Der vierte Teil gibt Einblicke in die Gerontologie abseits des Mainstream. Hier finden sich Themen, die selten in Lehrbuchformaten zu finden sind. Lesende lernen die Kritische Gerontologie kennen, erfahren etwas über die Lebenswelten von alten und alternden nicht-normativ lebenden/liebenden Menschen, setzen sich mit der hospizlich palliativen Versorgung in Langzeitpflegeeinrichtungen auseinander und erhalten einen Einblick in einen Masterstudiengang, der Studierende von Gesundheitsberufen mit jenen aus Nicht-Gesundheitsberufen zum größtmöglichen Benefit für die Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen vereint.

Im abschließenden fünften Teil findet sich ein Interview zwischen zwei Fachpersonen aus Pflegewissenschaft und Sozialer Arbeit. Im Austausch über das Buch, dessen Stärken, aber auch seine Schwächen. Dabei ergeben sich einige Anregungen für vielfältige Möglichkeiten, wie zukünftig die Interdisziplinarität zwischen Sozialer Arbeit und Gerontologischer Pflege vorangetrieben werden kann.

Und was ist daran innovativ?

Der innovative Charakter des Lehrbuches findet sich zum einen in Teil vier, aber auch und ganz besonders in seiner Entstehung. Die Herausgebenden wollten ein Lehrbuch für Studierende schaffen. Es stellte sich die Frage: Was benötigen Studierende eigentlich wirklich, was erwarten sie und welche Inhalte sind für sie wichtig? Um hierauf eine Antwort zu finden, wurden Studierende gefunden, die zum Gelingen des Projektes beitragen wollten. Sie erhielten in Kleingruppen jeweils einen Beitrag und konnten unter der Nutzung einiger Leitfragen Kritik, Lob, Anregungen, Änderungswünsche usw. an die Autor*innen äußern. Diese erhielten anschließend die entsprechende Rückmeldung und bearbeiteten ihre Beiträge dahingehend – wo immer ihnen dies angemessen erschien. Und das war im weitaus größten Teil der Fälle durchaus möglich. So kamen z.B. die weiterführenden Literaturangaben der jeweiligen Autor*innen nur in das Lehrbuch, weil die Studierenden diesen Wunsch äußerten. Durch dieses doch recht zeitaufwändige Procedere, insbesondere in Zeiten von Covid 19, wo vieles sich verzögerte, entstand ein Lehrbuch, das durchaus den Anspruch erheben kann, dass es auf die gewünschte Zielgruppe ausgerichtet ist und entsprechende Inhalte liefern kann.

Abschließend

darf nicht unerwähnt bleiben, dass allein die Entstehungsgeschichte des Buches zukunftsweisende Anregungen gegeben hat. Corona zwang uns alle in die heimischen Büros und lehrte die Verwendung von Videokonferenztools verschiedenster Art und Weise. Daraus ergab sich der unschätzbare Vorteil, dass man ohne größere Probleme „direkt“ kommunizieren konnte, statt ausschließlich über Telefonkonferenz oder E-Mail-Verkehr. So fand der Austausch mit den Studierenden beispielsweise auch mittels mehrerer Online-Meetings statt. Diese Chance sollten sich alle Expert*innen für einen (in diesem Fall interdisziplinären) Fachdiskurs zukünftig weiterhin nicht entgehen lassen. Sehen Sie es als Tipp der Herausgebenden für die eigene Forschungstätigkeit: nicht in alle alten Muster zurückfallen.

Kathrin Kürsten

Kathrin Kürsten ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Angewandte Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, Promovendin an der Vinzenz Pallotti University in Vallendar.

  • Ehemals Realschullehrerin für Deutsch und Erdkunde
  • Altenpflegefachkraft
  • Pflegemanagerin, M.A.