DeutschWissen und Gesellschaft

Glück im Garten finden

Das Gärtnern ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen, es ist absolut im Trend und es ist eine Betätigung, der immer mehr Menschen nachgehen – und zwar mit dem klaren Vorhaben, es sich dadurch gut gehen zu lassen. Der neue Garten, er ist ein Wohlfühlgarten.

Vielen Menschen hilft das Gärtnern in der Lebensbewältigung nicht nur, weil sie vielfältige Bewegungsmuster suchen, sondern weil sie auch die Suche nach Sinn und Bedeutung antreibt. Wenn Sie, vom Alltag gestresst, als erstes in den Garten gehen, um dort etwas zu tun, dann muss das nicht unbedingt ein körperlicher Ausgleich sein. Es kann auch den Versuch darstellen, in einer Art und Weise zu agieren, die ihnen anderswo untersagt ist oder, die sie sich selbst untersagen. Dafür eignen sich bestimmte Gegebenheiten des Gärtnerns tatsächlich besonders gut. Ja, man kann durchaus sagen, dass so einiges von dem, was man dort tut, eine verborgene Bedeutung hat. Der man sich auch öffnen muss.
 

Aussaat – Hoffnung und Optimismus

Etwas auszusäen ist immer etwas Faszinierendes. Beginnen Sie doch mal damit, sich das Saatgut genauer anzuschauen. Tagetes, Salat, Mohn, was auch immer. Ein trockenes Irgendwas. Wie ein Stückchen Holz oder ein Brötchenbrösel sieht es aus. Und es kann teilweise Jahre herumliegen und nichts passiert. Man hat bei Ausgrabungen gefundenes Saatgut nach Jahrhunderten wieder zum Keimen gebracht. Und diesen Zauber vollbringen Sie in ihrem Garten.

Viele von uns haben ihre ersten Gärtnererfahrungen im Kindesalter gemacht, haben vielleicht Daheim auf der Fensterbank in kleinen Töpfen Sonnenblumenkerne ausgesät, die plötzlich mit langen Stielen dastanden und nach Licht gierten. Das erste Mal ist immer unvergesslich. Und bei vielen bleibt hoffentlich die Faszination. Hier beginnt ein Leben. Unglaublich fein, klein und weich. Und wer sogar schon einmal Baumsamen zum Keimen gebracht hat, sollte sich bewusstmachen, dass dieses der Startpunkt sein kann für ein Leben, dass Tausend Jahre dauert.

Natürlich ist diese Aussaat etwas zutiefst Optimistisches. Bewahren Sie sich im Garten diesen Optimismus. Immer wieder, Jahr für Jahr. Optimismus ist dabei mehr als nur so etwas, wie eine sympathische Eigenschaft. Untersuchungen haben ergeben, dass optimistische Menschen gesünder, dass sie erfolgreicher und auch in ihren Beziehungen glücklicher sind. Spannend ist an dieser Stelle, dass die Psychologie mittlerweile den Ausdruck, von dem „erlernten Optimismus“ kennt. Sprich, ob Sie nun ein eher pessimistischer oder ein eher optimistischer Mensch sind, liegt Ihnen nicht einfach nur so in die Gene gelegt, Sie haben zumindest einen Teil Einfluss darauf. Und dieser erwächst natürlich aus Ihren täglichen Erfahrungen und wie Sie sich diese erklären. Deswegen: Nutzen Sie den Garten, Nutzen Sie gezielt solche Handlungen, wie die Aussaat und erfreuen Sie sich ganz gezielt an den Prozessen, die Sie da in Gang setzen und die sie aktiv beobachten.

Chao-Hsiu Chen

Blüht eine Blume, zeigt sie uns die Schönheit. Blüht sie nicht, lehrt sie uns die Hoffnung.

Pflege – Auf den Knien und gebeugt am Boden – Demut und Verantwortung

Trotz aller Mode am Hochbeet – woran ja auch die Gartentherapie und die Therapiegärten nicht unbeteiligt sind, findet das Ganze, was wir so tun, halt doch zu unseren Füssen statt. In gebückter demütiger Haltung über den Boden kriechend. Nelson Mandela spricht hier davon, dass der Garten, wie ein zu pflegendes Kind sei und er beschreibt weiter: „Einen Samen in die Erde zu legen, ihm beim Wachsen zuzusehen, die Pflanze zu pflegen und dann zu ernten bot eine einfache, aber dauerhafte Zufriedenheit.“ Sich um etwas zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen ist keine wirkliche Bürde für uns Menschen, wenn wir diese uns selbst ausgesucht haben. Auch hier kann man gerne an seine Kinderzeit zurückdenken. Wer hatte beispielsweise nicht irgendwann den Drang zum Haustier. Die Verantwortungsübernahme für andere Menschen ist ein bedeutsamer Faktor, wir wissen aus Untersuchungen, dass es sogar einer der sichersten Wege zum persönlichen Glück darstellt. Im Garten sehen wir, wie wir dieses auch auf unsere nichtmenschliche Umwelt übertragen. Also eben nicht „Macht Euch die Erde untertan“, sondern: „…auf dass ihr sie pfleget und bewahret“. Mit der Aussaat starten wir Prozesse, mit der Pflege begleiten wir sie. Wir geben also auch etwas an die Eigenverantwortung der Pflanze zurück. Und wenn dort die Dinge dann gedeihen, dann ist das ein Bild für Lebenskraft. In unserem Garten steht dafür das Aufplatzen der Knospen, die sich um Stäbe windenden Ranken der Bohnen oder die Ausbildung von Blüten.

Manchmal ist es aber nicht nur die Begleitung des Wachsens, die uns als Symbol guttut, sondern sogar das vermeintliche Gegenteil. Das Herausreißen, das Entfernen, das Luft schaffen. Frau Dr. Branka Antić-Štauber von der Organisation "Snaga žene" im bosnischen Tuzla behandelt vor Allem Frauen und Kinder, die im Bosnienkrieg so Schlimmes erlebt haben. Mord, Vergewaltigung, Verschleppung. Und Sie erzählt davon, wie diese Frauen aus Gefangenschaft und Folter heimkehrten und wie sie daheim auch ihre Gärten verwildert und zugewachsen vorfanden. Eben jene Arbeit, nämlich dort wieder Luft zu schaffen, aufzuräumen, so Antić-Štauber hatte beobachtbar einen so positiven Effekt für die Frauen gehabt, - eben, weil sie es auf sich übertragen konnten,- dass die Einrichtung dadurch beschloss Gartentherapie in ihr Behandlungsspektrum aufzunehmen. Wenn also auch Sie mit Hingabe in Ihrem Garten für Ordnung sorgen, so besteht kein Grund dazu, dieses irgendwie abzuwerten. Möglicherweise brauchen Sie genau das und es ist gut, wenn Ihnen ihr Gärtnern das bietet. Gärtnern bedeutet mit offenen Augen zu beobachten und wahrzunehmen, was dieser Organismus Garten denn gerade benötigt. Positives Gärtnern bedeutet gleichzeitig auch darauf zu achten, was einem dieses darüber erzählt, was einem selbst guttut.

Johann Wolfgang von Goethe

Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder Jahreszeit, in jeder Stunde das ganz Gehörige zu tun, wird vielleicht von niemand mehr als vom Gärtner verlangt.

Ernte – Dankbarkeit

Und dann am Ende etwas ernten. Auch dieser Akt beinhaltet wieder mehr als nur ein Einfahren der Produktion. Gärtner produzieren keine Pflanzen, sie kultivieren sie. Im Garten ist auch diese Ernte immer eine Mischung aus durchaus wohlverdientem Ergebnis, aber eben auch das Annehmen einer Art Geschenk des Universums. Oder können Sie mir erklären, warum es manchmal so gute Apfeljahre gibt, in denen man gar nicht weiß, wohin mit all dem Guten und dann wieder richtig schlechte erleben muss? Wohl jede Kultur kennt daher unterschiedliche Varianten von Erntedank und niemals ist es nur so etwas, wie das Abholen der verdienten Boni. Ja, im Garten kann ich es spüren, dass ich Teil von etwas bin. Während ich bei anderen Hobbys, beispielsweise in meiner Werkstatt zwar mit Mühe ein Brett zersägen kann und als Ergebnis die erwartbaren zwei Bretter erhalte, ist das im Garten komplett anders. Es gibt keine mathematische Formel für das Verhältnis von Aufwand und Materialeinsatz auf der einen und einem Ergebnis auf er anderen Seite. Man bräuchte da als Rechengröße eben schon so etwas, wie einen Faktor X, der hineinspielt. Und der ist nun einmal nichts Anderes als „das große Ganze“.
Wer dieses „große Ganze“ des Universums erleben möchte, der braucht sich nur einen Quadratmeter Boden zu nehmen, eine Handvoll Samen oder Knollen, sich selbst dazu gesellen und dann möge er am Ende bitte schön sein Staunen genießen. Auch Dankbarkeit wird mittlerweile von der Psychologie als eine Fähigkeit gesehen. Und mehr noch, aus Untersuchungen weiß man, dass diese Fähigkeit das eigene Wohlempfinden erheblich erhöht. Und so ist es eine übliche Intervention geworden, dass Klienten Dankesbriefe schreiben, an Personen, denen sie sich verbunden fühlen. Und es geht Ihnen danach nachweislich besser.

Meine Anregung an Sie. Schreiben Sie doch auch einfach einmal auf, wofür Sie dankbar sind. Setzen Sie sich auf Ihre Lieblingsgartenbank und fangen Sie an zu sammeln!

Hörtipp: Andreas Niepel bei Jörg Thadeusz

Andreas Niepel

Andreas Niepel ist Gärtner, Phytotherapeut, systemischer Coach, registrierter Gartentherapeut nach IGGT und seit 1992 Leiter der Abteilung Garten /Gartentherapie an der VAMED Klinik Hattingen, einer Fachklinik für neurologische und neurochirurgische Rehabilitation. Seit 2009 ist er Präsident des Dachverbandes der Gartentherapie, der Internationalen Gesellschaft GartenTherapie ( IGGT).