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Hommage an die Menschlichkeit in der Pflege

Am 30.11. ist Sr. Liliane Juchli in Bern verstorben – eine der grossen Frauen nicht nur in der Pflege. Wer sie kennenlernte, entdeckte eine kluge, warmherzige und humorvolle Frau, die jeden in ihren Bann zog, ohne es zu beabsichtigen. Ihre Leistungen zur Entwicklung der Profession Pflege sind unbenommen. Was für sie zählte, waren ein waches Bewusstsein, ein lebhafter Geist und ein grosses Herz. Ein Beitrag von Elke Steudter aus dem Jahr 2013 zum 80. Geburtstag von Sr. Liliane Juchli.

Als eigenständige und kompetent agierende Fachdisziplin hat sich die Pflege in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Im Spannungsfeld zwischen traditionellem Erbe und zukunftsorientierter Profession kann die Menschlichkeit als verbindendes Element dienen und die Pflege insgesamt bereichern.

Bildquelle: SBK

Die Menschlichkeit ist die wichtigste Tugend

Der Gedanke des französischen Philosophen und Schriftstellers Luc de Clapiers Vauvernargues (1715–1747) «Die Menschlichkeit ist die wichtigste Tugend» stellt hohe Anforderungen an jeden Einzelnen. Und möglicherweise gilt dies in besonderer Form für all Diejenigen, die täglich mit und für Menschen arbeiten, die alt oder krank oder leidend sind. Wie und wo aber hat die Menschlichkeit in den vielfach hektischen Alltagssituationen der Pflege (noch) ihren Platz? Oder muss die Frage ganz anders gestellt werden, nämlich: Wie kann Menschlichkeit helfen, die Pflege wahrlich professionell zu machen?

Menschlichkeit als pflegerisches Grundprinzip:

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Pflege und grosse Verfechterin der Menschlichkeit wird 80 Jahre alt – Schwester Liliane Juchli. Mit ihren Werken zu den Grundlagen der Pflege hat sie massgeblich die Disziplin beeinflusst, ihr den Weg zum professionellen Beruf geebnet und den Prozess dahin mit ihren Lehrbüchern begleitet. In diesem Prozess hat sich auch Liliane Juchli entwickelt, was sich gut an den jeweiligen einleitenden Vor- und Geleitwörtern zu ihren Büchern ablesen lässt. Wichtig und zentral dabei war und ist ihr aber immer die Menschlichkeit, ohne die Pflege für Liliane Juchli gar nicht denkbar ist. Dafür bringen Pflegende ihr viel Anerkennung und Bewunderung entgegen. Dies wurde eindrücklich auf dem diesjährigen SBK-Kongress in St. Gallen deutlich, indem die Teilnehmenden Liliane Juchli im Gespräch mit Rebecca Spirig erleben konnten. Hier traf sich christlich geprägte Pflegetradition mit promovierter Pflegewissenschaft und beide Seiten verstanden und ergänzten sich prächtig. Dabei ging es auch darum, wie Professionalität und Menschlichkeit in der heutigen Pflege vereinbar sind und was dies für die Disziplin bedeutet.

Menschlichkeit – was ist das?

Menschlichkeit beginnt zunächst bei jedem selbst und nimmt daher sehr individuelle Züge an. Menschlichkeit muss in der täglichen Begegnung mit den Anderen gelebt und erfahren werden. Im Duden findet sich zum einen «das Sein, Dasein als Mensch, als menschliches Wesen», aber auch «menschliche Haltung und Gesinnung» als Erklärung (W002). Der Begriff geht auf das lateinische humanitas zurück. Zu den humanitären Grundsätzen zählen die prinzipielle Gleichheit aller Menschen, die Menschenwürde, die Toleranz und die Achtung der Anderen und deren Überzeugungen (W003). So wundert es nicht, dass sich die Wurzeln der Menschlichkeit neben der christlichen auch in der humanistischen Tradition finden. Der deutsche Dichter und Theologe Johann Gottfried Herder (1744–1803) hat sich ausführlich mit der Humanität beschäftigt und sich in vielen Briefen dazu geäussert. Er versteht Humanität als etwas, was dem Mensch zu eigen ist, was ihn ausmacht. Dabei ist die Fähigkeit zur Menschlichkeit keine naturgegebene Eigenschaft, sondern sie muss im Laufe des Lebens erworben werden (Herder, 2013). Westliche Gesellschaften sind geprägt von humanistischen Grundsätzen, die vielfach auf die Ethik von Immanuel Kant (1724–1804) zurückgehen. Als deutscher Philosoph sieht er Menschlichkeit als Aufgabe jedes Einzelnen indem er fordert: «Die höchste Aufgabe des Menschen ist zu wissen, was einer sein muß, um ein Mensch zu sein.»

Professionalität – was ist das?

Kaum ein pflegerisches Leitbild oder eine Ausschreibung zur Weiterbildung oder zum Studium kommt ohne den Begriff «professionell» aus. Versucht man aber zu erklären, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, stösst man schnell an seine Grenzen. So meint professionell häufig «Pflege als Beruf» und kann als Synonym für «gekonnte Beruflichkeit» verstanden werden (Nittel, 2000: 70). Professionalität stellt dabei «… eine schwer bestimmbar Kombination, eine Schnittmenge von Wissen und Können dar.» (Nittel, 2000: 71). Für den Bereich der Pflege ist dabei anzufügen, dass sich das Wissen immer mehr auf wissenschaftliches Wissen abstützen muss. Als professionell werden Pflegefachpersonen in der Praxis wahrgenommen, wenn sie ihr Fachwissen reflektiert und flexibel auch in komplexen und spezifischen Pflegesituationen anwenden können. Verwendet wird dann aber vielfach der Begriff der kompetenten Pflegenden, eine Stufe, die im Sinne Benners nach zwei bis drei Jahren im gleichen Praxisfeld erlangt wird (Benner, 2012).

Menschlichkeit als Verbindung zwischen Professionalität und Patient:

Eine Pflege, die den Anforderungen des Gesundheitswesens und den Bedürfnissen der Patienten und Patientinnen gerecht werden kann, fusst auf aktuellem Fachwissen. Die Forderung nach einer evidenzbasierten Pflege – also die anhand von Forschung und Studien erworbenen Kenntnisse in der Pflege zu nutzen – findet hier ihre Grundlage. Die Professionalisierungsbemühungen der letzten Jahre tragen zunehmend Früchte. Diese Professionalisierung zeigt sich auch an den stetig zunehmenden auf Tertiärstufe A aus- und weitergebildeten Pflegefachpersonen. Manchmal kann dabei der Eindruck entstehen, dass die Bereiche Evidenzbasierung und Professionalität eine so grosse Bedeutung erhalten, dass andere Facetten der Pflege zu kurz kommen bzw. diese Elemente nicht zusammen, sondern lediglich isoliert gedacht werden. Dabei geht es nicht um die Idee – entweder professionell oder menschlich. Vielmehr geht es um das sowohl professionell als auch menschlich. Menschlichkeit kann dann als verbindendes Element zwischen wissenschaftlichem Wissen und Können einerseits und in der Begegnung mit dem Anderen andererseits verstanden und genutzt werden. Wie sonst soll all das Fachwissen die Patienten, aber auch die anderen Teammitglieder erreichen? Professionell engagierte Pflegende schaffen die Verbindung zwischen ihrer Fachexpertise und dem Beziehungsaufbau zu Anderen meist ohne grosse Anstrengung. Und nicht selten liegt das an der gelebten Mit-Menschlichkeit und an einem echten Interesse am Gegenüber.

Mit-Menschlichkeit als Voraussetzung für die Arbeit im Team:

Das mit-menschliche Miteinander und die Fähigkeit der offenen und unvoreingenommenen Begegnung mit dem Anderen sollten Pflegende aber nicht nur in Bezug auf die pflegebedürftigen Personen umsetzen. Auch im intra- und multiprofessionellen Team ist Menschlichkeit möglicherweise die Grundvoraussetzung für ein gelingendes Miteinander. Neid, Missgunst, nicht vorhandenes Vertrauen in die beruflichen Fähigkeiten und Spekulationen sind denkbar ungünstige Faktoren, um die anfallenden Aufgaben zu erledigen und die angestrebten Ziele gemeinsam zu erreichen. Aktuell wird viel über die Unterschiedlichkeit in Pflegeteams diskutiert und wie damit umgegangen werden kann und soll und an manchen Orten werden Konzepte für das Diversity-Management erstellt. Wäre es aber nicht sehr viel einfacher und zielführender sich zunächst auf das Gemeinsame zu besinnen und nicht den Fokus zuerst auf das Trennende zu legen? Allen Menschen gemein ist das Menschsein – eine grössere Verbindung kann es kaum geben. Denn: «Solange uns die Menschlichkeit miteinander verbindet, ist es völlig egal, was uns trennt.» (Ernst Ferstl, 1955, österreichischer Lehrer und Dichter).

Voraussetzung schaffen und Möglichkeiten erkennen:

Wie kann nun Menschlichkeit und professionelle Pflege im Alltag sichtbarer werden? Pflegende sollten sich über ihr Menschenbild im Klaren sein und die Reflexion darüber bewusst im Pflege- und Beziehungsprozess integrieren. Vielleicht erfordert Menschlichkeit in der professionellen Pflege auch Mut – Mut sich gegen inhumane Verhaltensweisen zu behaupten und sich nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen. Hilfreich sind hier Vorbilder, die einen auf das Wesentliche aufmerksam machen und ab und zu in Gesprächen wie am SBK-Kongress daran erinnern. Denn vielleicht kommt es am Ende des Tages lediglich darauf an, ob man heute ein Mensch war.

Dr. Elke Steudter

ist Pflegewissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Weiterbildung, Aarau und an der Careum Hochschule Gesundheit, Zürich.