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Ins Gesicht eines Menschen sehen

Von Dr. Diana Staudacher.

Leitbilder sind allgegenwärtig in den helfenden Berufen. Doch was ist ein Menschenbild? Der Mensch vor meinen Augen – was sehe ich in ihm? Kulturell dominierend ist die Vorstellung des “autonomen”, “selbstständigen”, “unabhängigen” Menschen. Diese Sichtweise wird dem Erleben erkrankter, verletzter, alternder oder trauernder Menschen nicht gerecht. Umso wichtiger ist es, über Menschsein nachzudenken – und sich selbst ins Gesicht zu sehen.

Ältere Patientin und Pflegeperson weiblich, Patienten hält Pflegende an den Armen, sie schauen sich ins Gesicht Bild: Shutterstock / Ground Picture

Ausgesetzt an die Verwundbarkeit

Erkrankte, traumatisierte, trauernde, alternde und sozial fragile Menschen führen der Gesellschaft etwas vor Augen, das nicht leicht zu akzeptieren ist: Menschsein ist Verletzlichsein – Exponiertsein und Offensein gegenüber allem, was dem Menschen zustoßen kann (Bauman, 2016). Körper und Psyche haben keine schützende Grenze. Sie sind der Außenwelt und den anderen ausgesetzt: „Offenheit – das ist die Verwundbarkeit der Haut. Sie ist der Beleidigung und Verletzung ausgesetzt. […] Das Ich ist verletzlich, vom Scheitel bis zur Sohle – bis in das Mark seiner Knochen“ (Levinas, 1987, S. 92). 

Menschen sind betroffen 

  • von körperlichen und seelischen Verletzungen, Krankheit und Sterblichkeit
  • von lebenszyklischen Erfahrungen in Kindheit und Alter
  • von Trennungen, Beziehungsbrüchen, Verlusten, Trauer und Einsamkeit
  • von „Social Harm“ durch Gewalt, soziale Fragilität, Exklusion, Marginalisierung, Stigmatisierung, Diskriminierung, Missachtung und Entwürdigung
  • von „Political Violence“ durch Krieg, Genozid, Folter und Repression
  • von Natur- und Umweltkatastrophen (Fineman, 2010; Gibbs, 2018; Nixon, 2013; Pemberton, 2015; Sousa, 2013; Strub, 2014).

Verdrängte Fragilität

Verletzlichsein ist „der Teil von uns, den wir nicht ertragen können“ (Striker, 2021, S. 289). Autonomie und Unverletzlichkeit sind Denkfiguren, die uns vor der Konfrontation mit Endlichkeit und Sterblichkeit schützen sollen. Diese Denkfiguren machen es Menschen leicht, sich „als einheitlicher und vollständiger betrachten, als sie tatsächlich sind […]. Sie halten den Menschen fern von dem, was ihm am meisten Angst macht‟ (Ruti, 2008, S. 498). Das Menschenbild der Autonomie „übertüncht das Fragile, Brüchige, Verletzende der menschlichen Existenz – das Ausgesetztsein an Verletzung und Gebrochenheit, an Mangel und Zerstörbarkeit‟ (Ruti, 2008, S. 483). Verletzlichsein ist eine universale Erfahrung. Sie betrifft jeden Menschen – ohne Ausnahme. Somit wäre zu erwarten, dass Verletzlichsein den Ausgangspunkt bildet, um Gesellschaft zu gestalten. Dies trifft jedoch nicht zu. Gesellschaftliche, rechtliche und politische Systeme „widerspiegeln nicht die grundlegende Realität des menschlichen Daseins – das Verletzlichsein. […] Sie privilegieren Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit‟ (Fineman, 2017, S. 133). Was könnte verhängnisvoller sein für eine Gesellschaft als ein Menschenbild, das unsensibel ist gegenüber den realen Bedürfnissen verletzlicher Menschen?

"Wounded Humanity"

Leitbilder sind allgegenwärtig in helfenden Berufen. Doch was ist ein Menschenbild? Warum könnte es wichtig sein – ebenso wichtig wie ein Leitbild? Im Gesundheitswesen ist das Verletzlichsein des Menschen stets vor Augen. Dennoch steht auch hier „Autonomie‟ im Fokus. Patient*innen „werden in ihrer Würde respektiert, solange sie Meister ihres eigenen Lebens sind“ (Delmar, 2013, S. 980). Wo bleibt der Respekt vor dem geschwächten, erschöpften, hilfebedürftigen Menschen? 

Es war Edmund Pellegrino (1920–2013), der die Bedeutung des Menschenbildes für die helfenden Berufe hervorgehoben hat: Therapeutisches Handeln ist geleitet durch „Vorstellungen und Ideen, die wir vom Menschen haben […]. Die schwierigsten Fragen der Ethik, der Politik, des Rechts und der Medizin sind in jedem entscheidenden Punkt auf diese Bilder und Vorstellungen zurückzuführen. Die Macht dieser Bilder liegt darin, dass sie leitend sind für Handlungen und Entscheidungen in der Praxis‟ (Pellegrino, 1976, S. 101). 

Edmund Pellegrino prägte den Begriff „Wounded Humanity“: Personen, die sich an helfende Berufe wenden, haben „Verletzungen ihres Menschseins“ erlebt (Pellegrino, 1981, S. 72). Daher sollte „Wounded Humanity“ im Zentrum stehen. Respekt gilt dem von Krankheit, Trauma, Sucht, Alter oder sozialer Fragilität gezeichneten Menschen (Pellegrino, 1999). Wie hat die Erkrankung oder Lebenserfahrung „das Menschsein der betroffenen Person verletzt“? (Pellegrino, 1981, S. 71). Gefragt ist die Fähigkeit der Fachperson „einzutreten in die jeweils einzigartige Erfahrung“ des Verletztseins (Pellegrino, 1981, S. 71). Die Fachperson sollte „diese Situation in sich selbst so weit fühlen, wie es ihr Empfindungsvermögen zulässt. Gelingt dies nicht, fühlen sich Patienten alleingelassen und gedemütigt‟ (Pellegrino, 2008, S. 1).

Im Spiegel

Verletzlich, gefährdet und sterblich ist auch die Fachperson. Sie „sieht den Patienten an – und erkennt in ihm sich selbst‟ (Pellegrino, 1980, S. 67). Wie in einem Spiegel wird deutlich: Dies könnte auch ich sein! (Mosher & Danoff-Burg, 2007). Früher oder später wird auch die Fachperson in einer ähnlichen Situation sein: „Ich kann anderen nur auf der Grundlage meiner eigenen Verletzlichkeit wirklich begegnen. Zugleich geht mir die Verletzlichkeit der anderen nahe“ (Zielinski, 2019, S. 5). Vielleicht ist dies das Zentrum der Humanität – und der innerste Kern des ‚Therapeutischen: „Zu erkennen, dass wir die Verletzlichkeit des Gegenübers teilen, ermöglicht […] einen Blick von gleich zu gleich. Dieser Blick gibt dem Gegenüber seine Würde und Selbstachtung zurück“ (Zielinski, 2019, S. 5). Für Patient*innen scheint dies ein Schlüsselmoment zu sein. Sie machen eine humane Erfahrung – eine Erfahrung des geteilten verletzlichen, geschwächten, fragilen Menschseins (Kohut, 1984). Könnte es sein, dass „gemeinsames Durchleben“ und „Two-Personness“ ebenso wichtig sind wie individuelle Autonomie und Personenzentrierung? 

Gerade in Krankheits- und Krisensituationen scheint „I-Sharing“ besonders wichtig zu sein – „die Vorstellung, dass eine andere Person in diesem Moment meine subjektive Erfahrung mit mir teilt‟ (Pinel, 2006, S. 243). 

Menschen haben lebensgeschichtlich tiefere, „archaische“ Bedürfnisse: Frühe Lebenserfahrungen sind geprägt durch eine „Zwei-Körper-Erfahrung“ – Kind und Mutter bildeten ein gemeinsames biologisches System. In Zeiten der Krankheit, Erschöpfung und Krise ist es wichtig, „zurückkehren“ zu können – zu einer entlastenden, stützenden „Two-Personness“ – als Essenz der therapeutischen Erfahrung (Bromberg, 1998).

Sich selbst ins Gesicht sehen

Einem erkrankten Menschen ins Gesicht zu sehen, zeigt der Fachperson, wer sie selbst. Jede Patientenbegegnung ist – unbewusst – auch eine Selbstbegegnung „mit äußerster Klarheit und Dramatik“ (Atwood, 2011, S. 13). Die Konfrontation mit eigenem Verletzlichsein kann verstörend sein. Viele reagieren mit „reflexartigem Selbstschutz‟ (Benjamin, 2014, S. 1). Sie ziehen sich mental aus der Situation zurück. Diese ist eine natürliche Überlebensreaktion („kognitive Distanzierung“). Der Anblick menschlichen Leidens kann eine Stressreaktion auslösen (Gleichgerrcht & Decety, 2014). Menschen in helfenden Berufen sind permanent mit emotional belastendsten Situationen konfrontiert – mit Krankheit, Sterben und Leiden in jeder Form. Affektive Teilhabe und emotionale Resonanz […] werden durch Stress blockiert‟ (Gleichgerrcht & Decety, 2014, S. 2). Für Patient*innen hat dies einschneidende Folgen. Ihnen fehlt die Schlüsselerfahrung des geteilten Verletzlichseins: „Wer bin ich, wenn andere meine Erfahrung nicht teilen können? ‟ (Pinel, 2018, S. 85). 

Inwieweit können sich Fachpersonen ihrem eigenen Verletzlichsein stellen? Die eigene Lebensgeschichte spielt eine tragende Rolle: Konnte die Fachperson in der Kindheit verletzendes Erleben mit anderen teilen? Haben Menschen sie aufgefangen in Situationen der Schwäche, der Hilflosigkeit und des Nicht-mehr-könnens? (Fraser, 2013). Es ist wichtig, die Lebensgrundlagen des helfenden Handelns zu bedenken (Grebow, 2010). „Wounded Humanity“ teilen zu können, ist nicht selbstverständlich. Es braucht eine Gesellschaft des Mit-Tragens - „weil die Bürde eine gemeinsame ist‟ (Benedetti, 2006, S. 104).

Reflexionsfragen – zum Nachdenken

  • Wer in einem helfenden Beruf arbeitet, „hält das Leben eines Menschen in den Händen“ (Løgstrup, 2010, S 25). Wie lässt es sich erklären, dass das Menschenbild eher wenig thematisiert wird – im Vergleich zu Leitbildern, ethischen Prinzipien oder Konzepten wir „Würde“? 
     
  • Was würde sich verändern durch ein Menschenbild im Zeichen von „Wounded Humanity“? Jede Patientin, jeder Patient bringt eine eigene „Verletzungsgeschichte“ mit. Gerade in helfenden Berufen wäre ein Bewusstsein für menschliche „Verletzungsgeschichten“ wichtig: „[D]ie am eigenen Leib erlebten […] Verwundungen und Versehrungen, [ziehen] die die physische und psychische Integrität von Menschen […] oft nachhaltig in Mitleidenschaft. Wenn darauf keine achtsame und anerkennende, empathische Antwort folgt, sondern neue, wie immer subtile Verletzungen durch Blicke und Gesten oder Worte, entstehen oft Teufelskreise fortgesetzter Verwundungen‟ (Straub 2014, S. 85). 
     
  • Es ist eine „Dysrepräsentation“, wenn ein gesellschaftlich dominantes Menschenbild nicht der realen menschlichen Lebens- und Erfahrungswelt entspricht (Straub, 2014, S. 88). Menschen fühlen sich verkannt in ihren Bedürfnissen und Anliegen. „Eine ‚Erziehung zum Menschen‘ [sollte] Menschen als Personen auffassen, deren Erlebnisgründe […] in sozialen Verletzungsverhältnissen gebildet und geprägt worden sind‟ (Straub, 2014). Sollte eine solche Pädagogik nicht auch für die helfenden Berufe zum Tragen kommen? 
     

Kann gelebte Professionalität ohne ein vertieftes Menschenbild auskommen? Oft wird Professionalität auf ökonomisch verwertbare Fachexpertise und Kompetenz reduziert. Die „gelebte Professionalität‟ der Fachperson als Mensch verliert mehr und mehr an Bedeutung: „Nach fast tausend Jahren wird 'Wissen' von der inneren Einstellung des Menschen losgelöst. Dadurch wird Wissen unpersönlich und entmenschlicht ...‟ (Bernstein, 2000, 86). Wie wandelt sich das Menschenbild im Zeitalter der Technologisierung? In einer hochtechnologisierten Welt ist das Bild der „Wounded Humanity‟ vielleicht wichtiger denn je.

Literatur

Bauman, Z. (2016). The refugee crisis is humanity’s crisis. New York Times, 16.5.2016.

Benedetti, G. (2006). Symbol, Traum, Psychose. Vandenhoeck & Ruprecht. 

Benjamin, J. (2014). The discarded and the dignified. Part 3. From the 'Failed Witness' to 'You are the eyes of the world'. https://publicseminar.org/2014/12/the-discarded-and-the-dignified-part-3/

Delmar, C. (2013). Delmar C. The interplay between autonomy and dignity: summarizing patients voices. Medicine, Health Care and Philosophy, 16(4), 975–981. 

Fineman, M. (2008). The vulnerable subject: Anchoring equality in the human condition. Yale Journal of Law and Feminism, 20, 1–24.

Fineman, M. (2010). The vulnerable subject and the responsive state. Emory Journal of Law, 251, 255–256.

Fineman, M. (2017). Vulnerability and inevitable inequality. Oslo Law Review, 4, 133–149.

Fineman, M. (2019) Vulnerability and social justice. Valparaiso University Law Review, 53(2), 341–370.

Gibbs, J. (2018). The politics of vulnerability: Affect, relationality, and resistance in UK austerity. London School of Economics.

Gleichgerrcht, E. & Decety, J. (2014). The relationship between different facets of empathy, pain perception and compassion fatigue among physicians. Frontiers of Behavioral Neuroscience, 11(8), 243.

Grebow, H. (2010). Seeing with our senses: An exploration of the origins of analytic knowing. International Journal of Psychoanalytic Self Psychology, 5(3), 307–333. 

Levinas, E. (1987). L`humanisme de l`autre homme. Livre de Poche. 

Mosher, C. & Danoff-Burg, S. (2007). Death anxiety and cancer-related stigma: A terror management analysis. Death Studies, 31(10), 885–907.

Nixon, R. (2013). Slow violence and the environmentalism of the poor. Harvard University Press. 

Pellegrino, E. (1976). Medicine, philosophy, and the image of man. The Journal of Medicine and Philosophy, 1(2), 101–103.

Pellegrino, E. (1981). Being ill and being healed: some reflections on the grounding of medical morality. Bulletin of the New York Academy of Medicine, 57(1), 70–79. 

Pellegrino, E. (2008). The lived experience of human dignity. In B. Lanigan (ed.), Human dignity and bioethics. Nova Science Publishers, 513–539.

Pellegrino, E. (2020). The human person, the physician, and the physician's ethics. Linacre Quarterly, 87(4), 381-386. 

Pemberton, S. (2015). Social harm. Policy Press.

Pinel, E., Long, A., Landau, M., Alexander, K. & Pyszczynski T. (2006). Seeing I to I: A pathway to interpersonal connectedness. Journal of Personality and Social Psychology, 90, 243–257.

Ruti, M. (2008). The fall of fantasies: a Lacanian reading of lack. Journal of the American Psychoanalytical

Association, 56(2), 483–508.

Sousa, C. (2013). Political violence, collective functioning and health: a review of the literature. Medicine, Conflict, and Survival, 29(3), 169–197.

Straub, J. (2014). Verletzungsverhältnisse. Erlebnisgründe, unbewusste Tradierungen und Gewalt in der sozialen Praxis. Zeitschrift für Pädagogik, 60(1), 7–35.

Striker, H.-J. (2021). Comprendre la condition handicapée. Réalité et dépassement. Érès.

Zielinski, A. (2019). Pour une éthique de la relation: la dimension relationnelle de l’autonomie et de la vulnérabilité. 
https://halage.info/wp-content/uploads/2019/01/Agata-Zielinsky-Autonomie_et_vulnerabilite.pdf

Dr. phil. Diana Staudacher

Dr. phil. Diana Staudacher, Studium der Humanmedizin, Germanistik und Slawistik an der Universität Tübingen. Forschungsaufenthalte in Rom, Moskau und St. Petersburg. Verlagsausbildung in Stuttgart und Bern.

Diana Staudacher arbeitet als wissenschaftliche Assistentin in der Direktion Pflege und MTTB im Universitätsspital Zürich sowie als Lektorin und Dozentin für wissenschaftliches Schreiben an der Fachhochschule St. Gallen (OST) im Departement Gesundheit. Sie ist als freie Publizistin tätig und verfasst Buchbeiträge/Artikel im Themenbereich „Gesundheit“ zur Förderung des Transfers zwischen Wissenschaft und Praxis.

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