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Macht das moderne Leben krank?

Von Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier, MPH
PD Dr. Dr. med. Nicole Bender

 

Macht das moderne Leben krank?

Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie unser modernes Leben körperlich und seelisch krank macht. Wir leiden in einer ständig schneller werdenden Arbeits- und Konsumwelt unter chronischem Stress und sehen uns in einem Hamsterrad, dem wir nicht entrinnen können. Arbeit und Freizeit gestalten wir meist ohne Rücksicht auf unseren Biorhythmus. Rund um die Uhr wirken verschiedenste Umweltreize auf uns ein. Unsere ausufernden Städte sind oft Betonwüsten ohne Grün. Die meisten Menschen leben dort in Kleinfamilien oder Singlehaushalten. Obwohl wir ständig auf andere Menschen treffen, haben wir immer weniger persönliche Kontakte. Stattdessen verbringen viele Menschen bereits heute einen Teil ihrer Zeit in virtuellen Welten. Gleichzeitig nimmt die Zahl der einsamen Menschen zu.

In dieser Umwelt sind wir ständig Lärm ausgesetzt. Luft, Wasser und Böden sind verschmutzt. Immer mehr neue chemische Stoffe gelangen über die Umwelt in Nahrung, Trinkwasser und Atemluft. Meist sind es Substanzen, die unser Immunsystem nicht kennt. Zahlreiche Studien konnten nachweisen, dass inzwischen Bewegungsmangel und der Konsum von industriell hergestellter, hochkalorischer Nahrung in einem kausalen Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Diabetes mellitus Typ II und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen. Die Corona-Pandemie hat zudem gezeigt, dass globalisierte Wirtschaftskontakte, weltweites touristisches Reisen, der Handel mit Wildtieren und die Ausdehnung der Wohngebiete bis an die Grenzen bislang unerschlossener Gebiete dazu führen, dass wir immer häufiger in Kontakt zu fremden Spezies kommen. Neuartige Krankheitserreger können so auf den Menschen überspringen und sich über globalisierte Handelskontakte und Ferntourismus extrem schnell verbreiten.

Mismatch – wenn unsere Anpassung mit der Umwelt nicht mehr übereinstimmt

Unsere heutige Umwelt unterscheidet sich also deutlich von der Umwelt vor einigen hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Wir leben nicht mehr in Umwelten, an die wir uns im Laufe unserer Evolution als Homo sapiens angepasst haben, sondern haben uns – insbesondere seit Beginn der industriellen Revolution vor gut 200 Jahren – eine völlig neue Umwelt geschaffen.

Unsere genetische Ausstattung, und damit auch unsere Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen, konnte mit den rasanten Umweltveränderungen nicht schritthalten.

Es kam zu einer Mismatch-Situation, bei der Anatomie und Physiologie nicht an die neue, menschengemachte Umgebung angepasst sind.

Inzwischen gibt es sehr viele Hinweise darauf, dass dieser Mismatch die wichtigste ultimate Ursache der häufigsten globalen Gesundheitsprobleme wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ II, Allergien oder depressive Erkrankungen ist. Genetische Anpassungen an Umweltveränderungen vollziehen sich in der Regel über mehrere Generationen hinweg. Es kann Jahrhunderte dauern, bis sich eine Genvariante in einer Bevölkerung durchsetzt, die den Menschen in der geänderten Umwelt einen Vorteil bringt (Beispiel: Milchverträglichkeit im Erwachsenenalter durch Laktasepersistenz-Genvariante). Andererseits verfügen wir noch immer über Genveränderungen, wie z. B. einen Funktionsverlust im Uricase-Gen, der es schon unseren Menschenaffen-Vorfahren erlaubte, Fruktose aus den saisonalen Früchten besser zu nutzen und in Körperfett für magere Zeiten umzuwandeln. Der ganzjährig hohe Fruchtzucker-Gehalt unserer Nahrung trägt heute zu unserer Anfälligkeit für Übergewicht bei. Zwarerlauben uns epigenetische Mechanismen kurzfristige, individuelle Anpassungen über die Regulierung des Aktivitäts-Grads unserer Gene. Diese werden jedoch nur in seltenen Fällen an die nächste Generation vererbt. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass dank Medizin, Prävention und gezielter Gesundheitsförderung die natürliche Selektion und damit auch die langfristige Anpassung an unsere menschengemachte Umwelt eine immer geringere Rolle spielt.

Hinzu kommt, dass es während unserer Evolution nie wichtig war, exponentielles Wachstum zu verstehen oder Zeithorizonte, die weit über die eigene Lebensspanne hinausgingen. Unsere frühen Vorfahren mussten nur selten Ressourcen mit fremden Menschen teilen oder zugunsten kommender Generationen verzichten. Dies alles trägt heute dazu bei, dass es uns schwerfällt, unsere großen globalen und individuellen (Gesundheits-)Probleme zu lösen. Es wird immer offensichtlicher, dass wir hierzu Wissen benötigen, das die evolutiven genetischen und epigenetischen Aspekte mit menschlichem Verhalten, Umwelt und Krankheitsentstehung verknüpft, und zwar nicht nur auf der individuellen, medizinischen Ebene (Evo-Med), sondern v.a. auch im Bereich von Public Health (Evo-Pub).

Evolutionäre Medizin und Evolutionäre Public Health

Ziel unseres Buches „Evolution und Gesundheit“ war es daher, diese Bereiche miteinander zu verknüpften und so das Potential von Evo-Med und Evo-Pub aufzuzeigen. Wir wollten insbesondere deutlich machen, dass unmittelbare, proximate Erklärungen für medizinische Phänomene und Public-Health-Ereignisse meist nicht ausreichen, um alle Aspekte von Gesundheit und Krankheit beim Menschen auf individueller und auf Populationsebene zu verstehen. Nur mit Hilfe ultimater, evolutionsbiologischer Erklärungen können wichtige Zusammenhänge zwischen unserer evolutionären Ausstattung, den zwischenmenschlichen, evolutionär beeinflussten sozio-kulturellen Interaktionen und der durch den Menschen stark beeinflussten Umwelt aufgezeigt werden.

Das Buch, das sich vorrangig an Studierende der Medizin, der Gesundheitswissenschaften und der Pflegeberufe, aber auch an interessierte Laien richtet, versucht Antworten auf die zahlreichen Fragen zu finden, die sich hieraus ergeben. Hierzu werden zuerst einige Grundlagen der Evolutionsbiologie und der menschlichen Evolution erläutert, soweit sie für das Verständnis der Zusammenhänge von evolvierter Krankheitsanfälligkeit und im Laufe des Lebens einwirkenden Umwelteinflüssen nötig sind.  

Der Leser und die Leserin werden dabei mitgenommen auf eine Reise durch die Zeit und um die Welt, bei der sie die Wanderungen unserer Vorfahren nachvollziehen.

Es werden Begegnungen verschiedener Bevölkerungsgruppen aufgezeigt und Anpassungen an die neuen Umwelten geschildert. Der Fokus des Buches liegt dabei auf public-health-relevanten Themen.  Typische Beispiele hierfür sind frühere und aktuelle Migrationswellen und die damit verbundenen lokalen Mismatch-Situationen, die Entstehung von Pandemien und Antibiotikaresistenzen, der Einfluss unserer Ernährung auf das menschliche Mikrobiom und die Gesundheit sowie die Einflüsse auf die Entwicklung unserer Körpergröße. Es wird erklärt, welche Auswirkungen die Gesundheit im Mutterleib und während der ersten Lebensjahre auf unsere Gesundheit im weiteren Leben hat, welchen Einfluss Mikroorganismen bereits von Geburt an auf unser Immunsystem ausüben und wie dies alles mit unserer Anfälligkeit für Allergien und Autoimmunkrankheiten zusammenhängt.

Das Buch schaut jedoch nicht nur auf die Vergangenheit des Menschen und auf die Auswirkungen von evolutiven Prozessen auf die Gegenwart, sondern auch auf mögliche Entwicklungen der Zukunft. Wie wird sich die immer größere Zahl an Menschen auf die körperliche und psychische Gesundheit des Einzelnen auswirken? Wie werden wir uns in Zukunft ernähren? Werden neue Entwicklungen in der Medizin Krankheiten vollständig beseitigen können? Und wirkt Evolution auch in Zukunft auf den Menschen ein? Auch wenn nicht alle diese Fragen schon jetzt umfassend beantwortet werden können, bietet das Buch spannende und zukunftsweisende Forschungsansätze, die kritisch diskutiert werden. Die Leserin und der Leser sollen sich ein eigenes Bild davon machen können, woher wir kommen, warum wir sind, wie wir sind, wohin die Reise gehen könnte und welche Möglichkeiten der Einflussnahme - etwa mit Hilfe von Public Health-Maßnahmen - wir bereits jetzt haben.

 

Quellen

Habermann-Horstmeier, L., Bender, N. Life Course Approach to Health – Gesundheit im Verlauf des Lebens. Hogrefe Verlag, Bern 2021

Stearns, S.C., Medzhitov, R. Evolutionary Medicine. Oxford University Press, Oxford 2015

Wells, J.C.K., Nesse, R.M., Sear, R., Johnstone, R.A., Stearns, S.C. Evolutionary public health: introducing the concept. The Lancet 2017; 390(10093): 500-9

Brüne, M., Schievenhövel, W. Oxford Handbook of Evolutionary Medicine. Oxford University Press, Oxford 2019

 

Dr. Lotte Habermann-Horstmeier

Dr. Lotte Habermann-Horstmeier ist Leiterin des Villingen Institute of Public Health (VIPH). Nach einem Medizinstudium in Marburg promovierte sie dort im Fachbereich Neurophysiologie. Später absolvierte sie ein Master-Studium Public Health an den Universitäten Zürich, Bern und Basel. Sie ist Ernährungsmedizinerin und hat neben einer Weiterbildung in Sonderpädagogik auch ein Grundstudium in Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften durchlaufen. Ihr Masterstudium Umweltwissenschaften steht kurz vor dem Abschluss. Sie ist Autorin zahlreicher Fach- und Lehrbücher mit interdisziplinärem Ansatz im Bereich Gesundheit und Gesundheitsförderung.

PD Dr. Nicole Bender

PD Dr. Nicole Bender ist Leiterin der Forschungsgruppe Klinische Evolutionsmedizin am Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich. Nach dem Medizinstudium an der Universität Bern und einigen klinischen Jahren absolvierte sie dort ein MD PhD am Institut für Ökologie und Evolution. Parallel dazu promovierte sie am Historischen Institut der Universität Bern zum Dr. med. Im Rahmen einer Facharztausbildung in Prävention und Gesundheitswesen am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern absolvierte sie ein Master-Studium in Epidemiologie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Seit 2016 forscht sie am Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich vor allem zur Evolution der menschlichen Ernährung und des Übergewichtes.