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Wenn das Gewissen nicht mehr schweigt: Moralische Verletzung verstehen und behandeln

Von Dr. Philipp Herzog.

Ein junger Sanitäter kehrt aus dem Einsatz in einem Kriegsgebiet zurück. Er hat Leben gerettet – aber auch dabei zusehen müssen, wie Verwundete starben, weil er sie nicht rechtzeitig erreichen konnte. Eine Altenpflegerin kündigt nach über zwanzig Jahren ihre Stelle. Sie kann es nicht mehr ertragen, Menschen in Würde sterben zu lassen, während sie täglich gegen eine Institution kämpft, die Menschlichkeit aus Zeit- und Kostengründen einschränkt. Ein Lehrer wechselt den Beruf, nachdem er monatelang tatenlos mitansehen musste, wie ein Kind misshandelt wurde – und jede Meldung zur Kindeswohlgefährdung an das Jugendamt im Sande verlief. Eine junge Richterin wird neu in der Beurteilung bei Asylverfahren eingesetzt. Sie muss häufig auf Aktenlage und begrenzten Informationen Entscheidungen über den Verbleib von geflüchteten Menschen treffen. Trotz schwerer Einzelschicksale muss sie aufgrund des aktuell gültigen Asylrechts Entscheidungen gegen den Verbleib treffen.

Ärztin sitzt verzweifelt vor Klinik in Schutzkleidung Moralische Verletzung Bild: Shutterstock / eldar nurkovic

Was diese Menschen verbindet, ist nicht nur eine tiefe Erschöpfung durch ihren Beruf. Es ist eine Konfrontation mit Ereignissen, bei denen Personen gegen ihre eigenen tief verankerten moralischen Werte verstoßen (oder das Gefühl haben, dass andere dies in schwerwiegender Weise getan haben). Ein Leiden, das nicht unbedingt durch Bedrohung entsteht, sondern durch den Bruch mit dem, was man für richtig hielt. Dabei kann die Person selbst gehandelt, zugesehen oder nicht gehandelt haben. Entscheidend ist die Diskrepanz zwischen dem eigenen moralischen Kompass und dem erlebten Handeln. Die negativen psychischen Auswirkungen, die aus dem Erleben eines (oder mehrerer) solcher Ereignisse resultieren können, wird als Moralische Verletzung (engl.: „Moral Injury“) bezeichnet (Herzog, 2024).

Ursprünglich geprägt durch Beobachtungen bei Kriegsveteran*innen, hat sich das Phänomen inzwischen in vielen anderen nicht-militärischen Kontexten gezeigt – etwa in der Gesundheitsversorgung, im Justizsystem, bei der Polizei, im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr und im sozialen Sektor (z. B. Schule, Jugendhilfe). Pandemien, Kriege und eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung haben moralische Dilemmata ins Zentrum öffentlicher Debatten gerückt. Dieser Beitrag will zeigen, was eine Moralische Verletzung ist, wie sie entsteht, wen sie betreffen, wie sie behandelt werden kann – und was Psychologie, Gesellschaft und Politik daraus lernen können. Denn während psychische Belastungen vielerorts (endlich) enttabuisiert werden, bleibt die moralische Dimension von Verletzbarkeit bislang zu oft unsichtbar.

Was ist eine Moralische Verletzung?

Die klinisch-psychologische Erforschung von Moralischer Verletzung (MV) ist insgesamt vergleichsweise jung. Der Begriff „Moralische Verletzung“ wurde im Kontext der psychischen Gesundheit erstmals in den 1990er Jahren von Jonathan Shay, einem Psychiater der US-Armee, im Zusammenhang mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) geprägt. Er beschrieb damit das Leiden von Vietnamveteran*innen, die nicht nur traumatisiert waren, sondern zutiefst erschüttert in ihrem Vertrauen auf militärische Führung, Kameradschaft und ihr eigenes moralisches Handeln. Knapp über die Hälfte aller traumatisierten Patient*innen zeigen ein einzigartiges Muster von Symptomen: Kampfbedingte PTBS geht zu etwa einem Drittel auf die Konfrontation mit einem moralisch verletzenden Ereignis. Später griffen Forscher*innen, insbesondere Brett Litz und seine Forschungsgruppe, den Begriff auf und entwickelten systematische Definitionen (Litz et al., 2009). 

Litz & Walker (2025) definieren Moralische Verletzung (MV) in einer aktuellen Übersichtsarbeit in der weltweit renommierten Fachzeitschrift „Annual Review of Clinical Psychology“ als „ein potenzielles klinisches Problem, das bedeutende funktional beeinträchtigende Veränderungen in Folgendem umfasst (sinngemäß nach Litz et al., 2022, S. 4):

  1. Wahrnehmungen des Selbst und Anderer (d. h. Verschiebungen in den Vorstellungen über persönliche oder kollektive Menschlichkeit),
  2. Moralisches Denken (d. h. moralistische Urteile über das Selbst und andere, wie Selbstzensur und Verurteilung),
  3. Soziales Verhalten (d. h. soziale Ausgrenzung, soziale Zurückweisung und Verlust von wertgeschätzten, wertschätzenden und verwandtschaftlichen Bindungen),
  4. Moralische Emotionen und Stimmungen,
  5. Selbstverletzendes/sabotierendes Verhalten, und
  6. Veränderungen in Überzeugungen über Sinn und Zweck des Lebens (d. h. Infragestellung des Glaubens und des Lebenssinns, Rückzug aus religiösen Gemeinschaften und ein Gefühl der Leere/Zwecklosigkeit),

…bezogen auf eine schlimmste und gegenwärtig am meisten belastende Erfahrung, die das Tun oder das Unterlassen von Handlungen umfasst oder das Opfersein bzw. Zeug*insein von Handlungen, die tief verankerte moralische Überzeugungen und Erwartungen verletzen.“

Wie entsteht eine Moralische Verletzung?

Nach dem Erleben eines sog. potenziell moralisch verletzenden Ereignisses (PMVE) entwickelt eine beträchtliche Anzahl von Menschen psychische Beschwerden im Zusammenhang mit einer MV (z. B. chronische Schuld), einschließlich Symptome einer PTBS, Depression, Angststörung, Substanzkonsumstörung und Suizidalität. Wie aus der Definition erkennbar, handelt es sich um Erlebnisse, die tief verankerte moralische Überzeugungen und Erwartungen verletzen (z. B. durch Unterlassen, Mitansehen oder Ausführen solcher Handlungen). Solche Ereignisse erfüllen meist drei Bedingungen:

  1. Ein moralischer Wert ist vorhanden. Die betroffene Person weiß oder glaubt zu wissen, was das „Richtige“ wäre.
  2. Es kommt zum Bruch mit dem Maßstab, der dem moralischen Wert zugrunde liegt. Entweder durch das eigene Handeln, durch Unterlassung – oder durch das Verhalten anderer (z. B. Vorgesetzte, Institutionen).
  3. Es bleibt keine Möglichkeit zur direkten Wiedergutmachung. Die Situation wird als unumkehrbar oder ungerecht empfunden.

Typische Situationen, die moralische Konflikte auslösen können, sind etwa:

  • Sanitäter*innen, die aus Selbstschutz einen Verwundeten zurücklassen 
  • Pflegekräfte, die Sterbende ohne Beistand lassen müssen
  • Polizist*innen, die unverhältnismäßige Gewalt erleben oder selbst anwenden
  • Lehrer*innen, die bei Mobbing oder Kindeswohlgefährdung übergangen werden
  • Soldat*innen, die Zivilist*innen gefährden oder Komplizenschaft erleben

Manche solcher Ereignisse entstehen plötzlich und dramatisch – andere Situationen schleichen sich ein, etwa durch chronische Überforderung, strukturelle Gewalt (z. B. Mangel an Ressourcen, durch widersprüchliche Vorgaben, durch fehlende Anerkennung) oder systemisches Versagen. Menschen mit starkem Sinn für Gerechtigkeit, Empathie und Pflichtbewusstsein geraten in moralischen Dilemmata häufiger in eine innere Zerrissenheit – gerade, weil sie moralisch verantwortlich handeln wollen, aber nicht können oder die Umstände es ihnen nicht erlauben. Diese paradoxe Konstellation – dass gerade moralisch integre Menschen an ihrer Moral leiden – ist ein zentrales Charakteristikum von MV.

Was ist der Unterschied zu moralischem Stress?

Wie aus der Definition ebenso ersichtlich wird, zeigen Menschen mit einer MV oft Symptome wie tiefe Schuldgefühle, übermäßige Scham und Selbstabwertung, sozialen Rückzug, Suizidgedanken, Sinnverlust, misstrauische oder zynische Weltsicht (z. B. gegenüber Institutionen oder Führungspersonen), oder das Gefühl, „nicht mehr dieselbe Person“ zu sein – eine Entfremdung vom eigenen Selbst. Sie zeigt aber auch, dass das Erleben eines PMVE noch nicht eine MV definiert. Eine Studie zeigt kürzlich, dass nur etwa jede zehnte Person, die mit einem solchen Ereignis konfrontiert war, von Symptomen im Zusammenhang mit einer MV berichtet (Maguen et al., 2024). Folglich kann es zu unterschiedlichen Symptomverläufen nach solchen Ereignissen kommen. Eine Längsschnittstudie mit Veteran*innen hat gezeigt, dass sich ihre persönlichen Einschätzungen von einem PMVE im Laufe der Zeit sehr unterschiedlich entwickeln können – zum Beispiel resilient oder erholend versus anhaltend belastend oder zunehmend verschlechternd (Levinstein et al., 2024). Dabei zeigte sich, dass ein stabiler, widerstandsfähiger Umgang mit solchen Erlebnissen mit weniger posttraumatischem Stress verbunden war. Ein heuristisches Erklärungsmodell betrachtet Unterschiede zwischen moralischem Stress und MV auf einem Kontinuum (Litz & Kerig, 2019): dort werden moralisch relevante Lebenserfahrungen (d. h. moralische Stressoren mit unterschiedlicher Ereignishäufigkeit) und entsprechender Reaktionen (d. h. Ergebnisse mit unterschiedlicher Prävalenz in der Bevölkerung) entlang eines Kontinuums eingeordnet, die das Ausmaß psychologischer, sozialer und spiritueller Schäden und Beeinträchtigungen beeinflussen.

Wie ist der Zusammenhang zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)?

Oft wird die MV mit PTBS in einem Atemzug genannt. Tatsächlich können beide Problematiken in Abhängigkeit der Erlebnisse gemeinsam auftreten (wie z. B. häufig bei Soldat*innen) – sie unterscheiden sich jedoch in Ursache, innerem Erleben und gedanklicher Verarbeitung:

Posttraumatische Belastungsstörung

Bedrohung der eigenen Sicherheit

Emotionen: Angst, Hilflosigkeit

Häufig durch äußere Gewalt

Ziel: Sicherheit wiederherstellen

Moralische Verletzung

Bruch mit eigenen moralischen Überzeugungen

Emotionen: Schuld, Scham, Wut

Häufig durch moralische Dilemmata

Ziel: Moralische Integrität wiederherstellen

Diese Unterschiede sind nicht nur theoretischer Natur – sie haben große Bedeutung für die Therapie, wie später noch dargestellt wird.

Wer ist von Moralischer Verletzung betroffen?

MV sind nicht auf eine Berufsgruppe oder Arbeitskontext beschränkt. Sie entstehen überall dort, wo Menschen mit hoher Verantwortung, begrenztem Handlungsspielraum und existenziellen Entscheidungen konfrontiert sind. Daneben können auch andere besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen (z. B. Geflüchtete) betroffen sein, ebenso wie Personen aus der Presse (z. B. Journalist*innen) und dem sozialen Bereich (z. B. Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen). Besonders anfällig sind jedoch Tätigkeiten im sogenannten „High Stakes“-Sektor – also Berufe, die mit Fürsorge, Macht oder Kontrolle über andere Menschen verbunden sind. Dazu zählen bspw. folgende Berufsfelder:

Militär. Soldat*innen erleben nicht nur Gewalt – sie müssen häufig Entscheidungen unter moralischem Druck treffen: Ist der Gegner wirklich gefährlich? Darf ich schießen? Habe ich Zivilist*innen gefährdet? Besonders gravierend wirken sich Situationen aus, in denen Menschen aktiv zum Tod anderer beitragen oder in der Rückschau erkennen, dass ihr Handeln nicht gerechtfertigt war – etwa durch falsche Befehle, Fehlinformationen oder strukturelles Versagen. Aber auch das Gefühl, von der eigenen Führung verraten worden zu sein, ist ein starker Auslöser für MV im militärischen Kontext. 

Gesundheitssektor. Im medizinischen Bereich sind MV besonders verbreitet – oft schleichend und chronisch. Pflegekräfte berichten von Situationen, in denen sie aufgrund von Personalmangel, Zeitdruck oder institutionellen Vorgaben gegen ihr Berufsethos verstoßen müssen: etwa, wenn sie aggressive Patient*innen ruhigstellen, obwohl andere Lösungen angemessener wären. Auch Ärzt*innen schildern moralische Konflikte – etwa, wenn ökonomische Zwänge medizinische Entscheidungen diktieren oder sie in Notaufnahmen triagieren müssen. Die COVID-19-Pandemie hat diese Probleme dramatisch zugespitzt. Viele Pflegekräfte verließen ihren Beruf nicht aus Überforderung – sondern weil sie sich gezwungen sahen, gegen ihre eigenen Werte zu handeln.

Rechtlicher Sektor. Auch im rechtlichen Sektor können Menschen moralisch verletzt werden – etwa dann, wenn sie gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen oder mitzutragen, die ihren inneren Werten widersprechen. So kann es für Richter*innen belastend sein, wenn sie aufgrund gesetzlicher Vorgaben ein Urteil fällen müssen, das sie persönlich als ungerecht empfinden. Pflichtverteidiger*innen wiederum geraten mitunter in innere Konflikte, wenn sie Personen verteidigen sollen, von deren Schuld sie überzeugt sind – oder wenn sie das Gefühl haben, dem Mandat ethisch nicht gerecht werden zu können.

Sicherheitssektor. Polizist*innen und Einsatzkräfte sind regelmäßig mit Extremsituationen konfrontiert – Gewalt, Tod, Gefahr. Aber MV entstehen nicht allein durch äußere Bedrohungen, sondern auch durch Zuschauen-Müssen, ohne helfen zu können, durch das Erleben unverhältnismäßiger Gewalt im Kolleg*innenkreis oder durch Anweisungen, die dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden widersprechen. Ein Beispiel: Eine Polizistin wird Zeugin, wie ein Kollege bei einer Festnahme unnötige Härte anwendet. Sie greift nicht ein – aus Loyalität oder Angst vor Sanktionen. Später fühlt sie sich mitschuldig, beginnt an sich selbst und ihrem Beruf zu zweifeln.

Wie wird eine Moralische Verletzung behandelt?

Im Gegensatz zur PTBS ist die MV bislang keine anerkannte Diagnose im Sinne des ICD oder DSM. Sie ist daher kein eigenständiges Krankheitsbild – sondern ein Erlebens- und Leidenszustand, der mit verschiedenen psychischen Symptomen einhergehen kann. Die therapeutische Arbeit zielt nicht auf „Heilung“ im engeren Sinn (bzw. darauf, das Geschehene „ungeschehen“ zu machen) ab – sondern auf Sinnstiftung, neue Formen von Verantwortung und Identität zu entwickeln, und moralische Integrität wiederaufzubauen. Während sich die Forschung zur Behandlung der PTBS über Jahrzehnte entwickelt hat, steckt sie bei MV noch in den Anfängen. Es gibt jedoch vielversprechende therapeutische Ansätze.

Zunächst einmal ist wichtig zu betonen, dass trotz der dargestellten Unterschiede zwischen PTBS und MV wissenschaftlich geprüfte traumafokussierte Psychotherapien Symptome im Zusammenhang MV, wie z. B. übersteigerte Schuld- und Schamgefühle, wirksam reduzieren können (für einen Überblick siehe Herzog et al., 2023). Dazu zählen insbesondere die Prolongierte Expositionstherapie und die Kognitive Verarbeitungstherapie. Hierbei ist zentral, die ungünstigen Überzeugungen und Erwartungen, die sich aufgrund der Erlebnisse in der Folge entwickelt haben, in der Psychotherapie zu verändern. Solche Gedanken beziehen sich bspw. auf den Bedeutungsverlust („Ich habe das Gefühl, dass mein Leben weniger Sinn hat.“), übermäßige Schuldzuschreibung („Ich gebe mir selbst die Schuld.“), Selbstabwertung („Ich habe das Gefühl, dass ich es nicht verdiene, glücklich zu sein.“), Aggression gegenüber anderen („Die Menschen verdienen keine zweite Chance.“) sowie mangelnde Selbstfürsorge und Selbstsabotage („Man sollte mir nicht vergeben.“), ebenso wie Gedanken über das Denken, also z. B. im Zusammenhang mit Grübeln („Ich denke darüber nach, wie ich mehr hätte tun können.“) und Sorgen („Ich mache mir Sorgen, dass andere mich nicht verstehen.“).

Hinzu kommen alternative und ergänzende therapeutische Ansätze, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Patient*innen mit MV zugeschnitten sind. Aktuell gibt es sechs verschiedene Methoden, wovon fünf auf Militärpersonal abzielen und bisher nur eine in der Zivilbevölkerung geprüft wurde.1 Zur Behandlung von MV in der Zivilbevölkerung existiert das „Arbeitsbuch zur Selbstvergebung“, welches an zwischenmenschlichen Straftäter*innen untersucht wurde. Zu den MV-spezifischen Behandlungen für das Militär zählen die „Trauma-informierte Schuldreduktionstherapie“ und die religionsübergreifende, ressourcen-orientierte und spirituell integrierte Gruppentherapie „Spirituelle Stärke aufbauen“. Spezifisch für kampfbedingte MV entwickelte, besonders vielversprechende Interventionen sind der emotionsfokussierte Ansatz „Adaptive Offenlegung“ (engl.: „Adaptive Disclosure (AD)“) und das kognitiv-behaviorale Behandlungsprogramm „Auswirkungen des Tötens im Krieg“ (engl.: „Impact Of Killing in war (IOK)“). Zusätzlich existiert das Programm „Acceptance and Commitment Therapy (ACT) bei Moralischen Verletzungen“ mit dem Ziel, psychische Flexibilität zu erhöhen. Bei diesem achtsamkeitsbasierten, werteorientierten Ansatz steht die Erörterung der Bedeutung von Schmerz, wenn Werte verletzt werden, die Überprüfung der sich daraus ergebenen Vor- und Nachteile von MV sowie der Wiederbelebung von Werten im Vordergrund. Oft geht es darum, mit Schuld, Scham und Sinnfragen so umzugehen, dass sie nicht lähmen, sondern integrierbar werden – ein Verständnis von Schuld als Teil der menschlichen Erfahrung und Ausdruck erschütterter moralischer Integrität. Weitere interdisziplinäre Angebote und behandlungsrelevante Aspekte (z. B. komplementäre und integrative Ansätze, Seelsorge oder spirituelle Begleitung, versöhnende Elemente, Vergebung, Stigma beim Hilfesuchverhalten und Auswirkungen auf Behandler*innen) sollten im Rahmen einer umfassenden Behandlung mitbedacht werden.

[1] Dieser Umstand ergibt sich aus der Forschungsgeschichte: MV wurde erstmals bei Soldat*innen und Veteran*innen beobachtet.

Schlusswort

Die moralische Integrität in einer verletzlichen Welt zu wahren ist herausfordernd. Im schlimmsten Fall können psychische Symptome in der Folge von Ereignissen, welche gegen die eigenen moralischen Maßstäbe verstoßen haben, auftreten: das klinische Phänomen der Moralischen Verletzung. Eine MV sitzt oft sehr tief: Sie erschüttert das Selbstbild, das Weltbild – und das Vertrauen in die eigenen Werte. Sie ist also nicht nur psychisch schmerzhaft – sie kann zu langfristigen, existenziellen Krisen führen. MV ist kein Randthema und es braucht (auch gesellschaftlich) Mut, solche Erfahrungen und damit verbundenes Leid zu thematisieren. Sie sind ein Schlüssel zum Verständnis moderner Belastungserfahrungen – von Soldat*innen, Polizist*innen und Richter*innen bis zu Pfleger*innen und Lehrer*innen. Und sie erinnern uns daran, dass es manchmal nicht die Angst ist, die uns verletzt – sondern unser Gewissen. MV ist jedoch kein ausschließlich berufliches, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen. Ebenso wenig entsteht sie ausschließlich durch rein individuelles Versagen – sie ist eingebettet in gesellschaftliche Strukturen. Dieser Beitrag ist ein Appell für mehr Sensibilisierung von MV: Institutionen müssen anerkennen, dass Strukturen moralisches Leid verursachen können – nicht nur Menschen. Führungspersonen brauchen ethische Reflexion und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Organisationen müssen Räume für moralische Integrität schaffen – nicht nur für Effizienz. Letztlich ist eine Moralische Verletzung der Ausdruck von Moral – nicht von deren Fehlen.

 

Literatur
Herzog, P. (2024). Moralische Verletzung: Konzept, Klinische Modelle, Erfassung und Behandlung. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 53(4), 167–186. https://doi.org/10.1026/1616-3443/a000777

Herzog, P., Kaiser, T., & de Jongh, A. (2023). Wie Mythen der traumafokussierten Psychotherapie eine adäquate Versorgung erschweren: Ein Plädoyer zur Implementierung evidenzbasierter Verfahren in Deutschland. Psychotherapeutenjournal, 22((1/2023)), 30–36.

Levinstein, Y., Zerach, G., Levi-Belz, Y., & Bonanno, G. (2024). Trajectories of moral injury and their associations with posttraumatic stress symptoms among recently discharged Israeli veterans. Journal of Psychiatric Research. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2024.07.025

Litz, B. T., & Kerig, P. K. (2019). Introduction to the Special Issue on Moral Injury: Conceptual Challenges, Methodological Issues, and Clinical Applications. Journal of Traumatic Stress, 32(3), 341–349. https://doi.org/10.1002/jts.22405

Litz, B. T., Plouffe, R. A., Nazarov, A., Murphy, D., Phelps, A., Coady, A., Houle, S. A., Dell, L., Frankfurt, S., Zerach, G., Levi-Belz, Y., & The Moral Injury Outcome Scale Consortium. (2022). Defining and Assessing the Syndrome of Moral Injury: Initial Findings of the Moral Injury Outcome Scale Consortium. Frontiers in Psychiatry, 13, 923928. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.923928

Litz, B. T., Stein, N., Delaney, E., Lebowitz, L., Nash, W. P., Silva, C., & Maguen, S. (2009). Moral injury and moral repair in war veterans: A preliminary model and intervention strategy. Clinical Psychology Review, 29(8), 695–706. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2009.07.003

Litz, B. T., & Walker, H. E. (2025). Moral Injury: An Overview of Conceptual, Definitional, Assessment, and Treatment Issues. Annual Review of Clinical Psychology. doi.org/10.1146/annurev-clinpsy-081423-022604

Maguen, S., Griffin, B. J., Pietrzak, R. H., McLean, C. P., Hamblen, J. L., & Norman, S. B. (2024). Using the Moral Injury and Distress Scale to identify clinically meaningful moral injury. Journal of Traumatic Stress, 37(4), 685–696. doi.org/10.1002/jts.23050

Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Philipp Herzog

Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Philipp Herzog ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters am Fachbereich Psychologie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und approbierter Psychotherapeut mit Vertiefung in Verhaltenstherapie. Nach mehrjähriger praktischer Tätigkeit in verschiedenen Ambulanzen und Kliniken, insbesondere mit Patient:innen mit Trauma- und belastungsbezogenen, dissoziativen und Persönlichkeitsstörungen, liegen seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte vor allem in der Erforschung der Folgen von traumatischen Erlebnissen, wie z. B. der Posttraumatischen Belastungsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Seit seiner Zeit als Gastwissenschaftler an der Harvard University begeistert ihn besonders das Thema Moralische Verletzung.

https://psy.rptu.de/aes/klinische-psychologie-und-psychotherapie-des-erwachsenenalters/team/post-doctoral-researcher-faculty-position/dr-philipp-herzog  

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