Mythen des Alterns: Warum wir ganz anders altern, als wir denken
Schon lange bevor wir selbst alt sind, entwickeln wir Vorstellungen davon, was Altern bedeutet. Diese Bilder prägen nicht nur, wie wir ältere Menschen wahrnehmen. Sie können auch beeinflussen, was wir uns später selbst noch zutrauen, wie wir gesundheitliche Veränderungen einordnen und welche Möglichkeiten wir für unser Leben sehen. In ihrem Buch „Die sieben Mythen des Alterns“ hinterfragen Jana Nikitin und Christina Ristl verbreitete Annahmen über das Älterwerden. Im Interview sprechen die beiden Autorinnen darüber, was die psychologische Forschung über das Alter weiß, weshalb ältere Menschen besonders vielfältig sind und wie wir uns von hartnäckigen Klischees lösen können.
Bild: Anna Marie Nikitin
In Ihrem Buch stellen Sie sieben Mythen des Alterns auf den Prüfstand. Welche dieser Mythen prägen unser Bild vom Alter besonders stark, und warum lohnt es sich, sie wissenschaftlich zu hinterfragen?
Jana Nikitin:
Es gibt viele Mythen über das Altern, besonders hartnäckig sind Mythen, die Altern fast automatisch mit Verlust verbinden: Wir werden krank und vergesslich, einsamer, unflexibler, „grantiger“, wie die Österreicher gerne sagen, oder irgendwann nicht mehr gebraucht. All diese Veränderungen kann es geben. Aber die Forschung zeigt eben auch, sie sind längst nicht so allgemeingültig und unausweichlich, wie wir häufig denken. Gleichzeitig gibt es Entwicklungen und Stärken im Alter, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Christina Ristl:
Und genau deshalb lohnt sich der Faktencheck. Denn wir sprechen hier nicht über irgendeine Bevölkerungsgruppe, sondern über unsere eigene Zukunft. Wir entwickeln schon früh Vorstellungen davon, wie alte Menschen sind – lange bevor wir uns selbst zu den Älteren zählen. Mit den Jahren können diese Vorstellungen mitbestimmen, was wir uns noch zutrauen, wie wir Veränderungen erklären und welche Möglichkeiten wir überhaupt für uns sehen. Wenn ich überzeugt bin, dass Lernen im Alter ohnehin nichts mehr bringt, beginne ich vielleicht gar nicht erst mit etwas Neuem. Wenn ich dagegen weiß, dass Lernen weiterhin möglich ist, treffe ich womöglich eine ganz andere Entscheidung. Deshalb wollten wir wissen: Was am Älterwerden ist tatsächlich unvermeidbar – und wo setzen wir uns Grenzen, die die Forschung so gar nicht kennt?
Schon im Vorwort wird deutlich: „Den einen alten Menschen gibt es nicht.“ Warum ist diese Erkenntnis so zentral, wenn wir über Altern, Altersbilder und gesellschaftliche Klischees sprechen?
Jana Nikitin:
Weil wir beim Alter einem interessanten Denkfehler unterliegen: Wir sprechen von „den alten Menschen“, als wären sie eine ziemlich einheitliche Gruppe. Tatsächlich passiert über das Leben eher das Gegenteil. Wir sammeln unterschiedliche Erfahrungen, treffen unterschiedliche Entscheidungen, leben unter unterschiedlichen Bedingungen – und werden uns dadurch mit den Jahren tendenziell unähnlicher, nicht ähnlicher.
Trotzdem reduzieren wir Alter häufig auf wenige Bilder: Da sind auf der einen Seite die fitten „Golden Agers“, die reisen und das Leben genießen, und auf der anderen die gebrechlichen, hilfsbedürftigen Alten. Die Wirklichkeit dazwischen ist sehr viel vielfältiger.
Christina Ristl:
Und diese Vielfalt ist wichtig, weil wir sonst leicht vom Klischee auf die einzelne Person schließen – irgendwann auch auf uns selbst. Das sieht man schon bei ganz alltäglichen Dingen. Wenn mit 40 der Rücken schmerzt, denken wir vielleicht, „zu wenig bewegt“. Passiert dasselbe mit 70, lautet die Erklärung schneller „Das ist eben das Alter.“ Und damit verändert sich auch, was wir als Nächstes tun: Suche ich nach einer Ursache, gegen die ich etwas unternehmen kann, oder halte ich die Veränderung für unausweichlich?
Genau deshalb sagt das Geburtsdatum über einen einzelnen Menschen viel weniger aus, als wir ihm häufig zutrauen. Wer wissen möchte, wie es einem Menschen geht, was er kann oder was er noch vorhat, muss die Person kennenlernen – nicht ihr Alter.
Wie beeinflussen Altersbilder unsere Gesundheit, unser Verhalten und unser Wohlbefinden im Alter?
Christina Ristl:
Altersbilder können unser Älterwerden auf drei Wegen beeinflussen. Der erste ist psychologisch: Was ich vom Alter erwarte, beeinflusst meine Ziele, auch was ich mir selbst zutraue. Der zweite führt über unser Verhalten: Wenn ich überzeugt bin, dass ich auch im Alter etwas für meine Gesundheit tun kann, werde ich eher aktiv; halte ich körperlichen Abbau dagegen für ohnehin unvermeidbar, erscheint eigenes Handeln weniger sinnvoll. Und schließlich gibt es einen physiologischen Weg: Vor allem negative Altersbilder können negativen dauerhaften Stress auslösen, der mit körperlichen Reaktionen einhergeht.
Jana Nikitin:
Das Interessante ist, dass sich daraus unterschiedliche Entwicklungen ergeben können. Positive Altersbilder können uns Handlungsmöglichkeiten eröffnen, ausschließlich negative können sie einschränken. Über die Zeit können unsere Erwartungen so dazu beitragen, dass sich das eigene Älterwerden tatsächlich eher in die Richtung entwickelt, die wir erwartet haben.
Ein entscheidender Punkt ist dabei, wie wir Veränderungen erklären. Wir haben auch in unserer eigenen Forschung gesehen, dass Menschen negative Veränderungen gerne dem Alter zuschreiben. Das klingt zunächst banal, hat aber eine wichtige Konsequenz: Das Alter selbst kann ich nicht verändern. Wenn „Ich werde eben alt“ meine Erklärung ist, erscheint deshalb schnell auch die Situation unveränderbar.
Dabei geht es nicht darum, jede Veränderung schönzureden. Die interessantere Frage lautet: Ist es wirklich das Alter – und wenn ja, ist damit tatsächlich schon gesagt, dass ich nichts mehr tun kann?
Ein Beispiel ist die Lebenserwartung. Wie alt wir werden und wie lange wir leben, ist nicht nur biologisch bedingt. Etwa 80 Prozent hängen mit Verhalten und Umwelt zusammen und nicht nur mit den Genen.
Longevity, Anti-Aging und Biohacking versprechen ein längeres, gesünderes Leben. Was sagt die psychologische Altersforschung dazu: Sollten wir das Altern bekämpfen oder besser verstehen lernen?
Christina Ristl:
Gesund und möglichst lange zu leben ist natürlich ein wunderbares Ziel. Aber „gesund älter werden“ und „nicht alt werden wollen“ sind zwei verschiedene Dinge. Die psychologische Forschung zeigt, dass das höhere Alter durchaus eine sehr gute Lebensphase sein kann: Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit bleiben bei vielen Menschen lange erstaunlich stabil – trotz zunehmender Verluste.
Deshalb würde ich das Ziel anders formulieren: nicht möglichst lange jung bleiben, sondern möglichst lange gut leben. Dafür müssen wir Altern nicht besiegen, sondern verstehen.
Jana Nikitin:
Darin steckt ein interessantes Paradox. Medizinisch können wir heute sehr viel mehr behandeln als früher. Gleichzeitig betrachten wir das Alter zunehmend durch eine medizinische Brille. Dann wird aus dem sinnvollen Ziel, Krankheiten zu verhindern oder zu behandeln, schnell die Vorstellung, Altern selbst sei eine Krankheit.
Damit geht aber die Vielschichtigkeit dieser Lebensphase verloren. Der Mensch besteht auch mit 70 oder 80 nicht nur aus seinen medizinischen Befunden.
Gesund altern klingt oft nach individueller Verantwortung. Wie viel können wir selbst beeinflussen, und wo braucht es bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen, etwa bei Bildung, Einkommen, Teilhabe oder Altersdiskriminierung?
Jana Nikitin:
Wir können einiges beeinflussen, aber wir haben nicht alle dieselben Möglichkeiten. Bildung, Einkommen, Arbeits- und Wohnbedingungen oder der Zugang zu guter medizinischer Versorgung hängen damit zusammen, wie gesund Menschen älter werden. Selbst individuelles Gesundheitsverhalten lässt sich davon kaum trennen: Es ist leichter, gesund zu leben, wenn die eigenen Lebensbedingungen das auch ermöglichen.
Christina Ristl:
Und diese Unterschiede entstehen nicht erst mit 70. Wir altern unser ganzes Leben. Welche Möglichkeiten wir hatten, welchen Belastungen wir ausgesetzt waren und in welchem Umfeld wir gelebt haben, sammelt sich über Jahrzehnte an.
Deshalb gefällt mir die Gegenüberstellung „Eigenverantwortung oder Gesellschaft“ nicht besonders. Für gutes Altern brauchen wir beides: Bedingungen, die Menschen Möglichkeiten eröffnen – und die Freiheit, diese Möglichkeiten für das eigene Leben zu nutzen.
Eine der Mythen lautet: „Im Alter wird man nicht mehr gebraucht.“ Welche gesellschaftlichen Beiträge älterer Menschen werden häufig übersehen, in Familien, im Ehrenamt, in der Arbeitswelt oder in der Nachbarschaft?
Jana Nikitin:
Vor allem all das, was in klassischen Wirtschaftsrechnungen kaum sichtbar wird. Ältere Menschen betreuen Enkelkinder und Angehörige, engagieren sich in Vereinen, Gemeinden und Nachbarschaften, geben Wissen weiter oder unterstützen ihre Familien. Viele Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens würden ohne dieses Engagement kaum funktionieren.
Mir ist aber genauso wichtig: Daraus darf nicht der nächste Mythos entstehen – dass man im Alter besonders aktiv, produktiv und nützlich sein müsse. Wer sich engagieren möchte, soll Möglichkeiten dazu haben. Wer nach einem langen Arbeits- und Familienleben weniger Verpflichtungen möchte, genauso. Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, wie viel er leistet.
Ihr Buch enthält viele konkrete Übungen, zum Beispiel zu eigenen Altersbildern, zum zukünftigen Ich oder zur subjektiven Gesundheit. Warum war Ihnen wichtig, dass Leserinnen und Leser nicht nur Wissen mitnehmen, sondern auch selbst ins Nachdenken kommen?
Christina Ristl:
Weil wir in der Forschung mit Durchschnittswerten arbeiten – aber kein Mensch diesem Durchschnitt entspricht. Die Übungen schlagen deshalb die Brücke zum eigenen Leben: Was bedeutet Älterwerden für mich? Wie stelle ich mir mein zukünftiges Ich vor? Wofür möchte ich gesund bleiben?
Und manches lässt sich sogar als kleines Alltagsexperiment ausprobieren. Das gefällt mir an der Psychologie: Man liest nicht nur etwas über Menschen, sondern entdeckt plötzlich etwas über sich selbst. Genau das wollten wir mit dem Buch ermöglichen.
Im Schlusswort geht es darum, sich das Alter „zurückzuerobern“. Was meinen Sie damit, und was können wir als Einzelne und als Gesellschaft dafür tun?
Christina Ristl:
„Zurückerobern“ bedeutet für uns, aus dem Wissen auch Konsequenzen zu ziehen. Wenn wir wissen, dass viele unserer Vorstellungen vom Alter mit der Realität wenig zu tun haben, sollten wir ihnen auch nicht die Macht geben, unser eigenes Leben oder das Leben anderer zu begrenzen. Für das eigene Älterwerden heißt das: Unsere Erwartungen sollten uns nicht schon im Voraus Möglichkeiten nehmen, die vielleicht sehr wohl zu unserem Leben gehören könnten.
Gleichzeitig entstehen solche Vorstellungen nicht im luftleeren Raum. Wir alle tragen dazu bei, welches Bild vom Alter in unserer Gesellschaft entsteht – durch das, was wir älteren Menschen zutrauen, wie wir über sie sprechen und welche Möglichkeiten wir ihnen eröffnen. Und genau deshalb betrifft auch die gesellschaftliche Seite jeden von uns ganz persönlich: Wir alle gestalten mit, was Altsein in unserer Gesellschaft bedeutet – lange bevor wir selbst alt sind. Und irgendwann leben wir in genau dieser Gesellschaft.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. Mag. rer. nat. Christina Ristl
Dr. Mag. rer. nat. Christina Ristl promovierte an der Universität Wien im Bereich Psychologie des Alterns bei Jana Nikitin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Altersbildern und wie sie dazu beitragen, dass Menschen im Alter erfüllende Beziehungen und ein sinnvolles Leben führen können. Ihr Anliegen ist es, psychologisches Wissen über das Älterwerden verständlich und lebensnah zu vermitteln. In öffentlichen Veranstaltungen, Medienauftritten und Beratung macht sie wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Christina Ristl lebt mit ihrer Familie in Wien, spielt Klavier und ist überzeugt, dass jede Lebensphase mehr Möglichkeiten bereithält, als man oft denkt.
Univ.-Prof. Dr. Lic. Phil. Jana Nikitin
Univ.-Prof. Dr. Lic. Phil. Jana Nikitin ist Professorin für Psychologie des Alterns an der Universität Wien. Sie studierte Psychologie an der Universität Zürich, wo sie auch promovierte und habilitierte. Nach Stationen an den Universitäten Tromsø und Basel wurde sie 2020 nach Wien berufen. Ihre Forschung gilt der Frage, wie Menschen ihre Entwicklung bis ins hohe Alter aktiv gestalten können. Gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe veröffentlicht sie auf der Webseite der Psychologie des Alterns die Reihe „Neues aus der Forschung“, in der aktuelle Studien für die Öffentlichkeit verständlich zusammengefasst werden. Jana Nikitin verbringt ihre freie Zeit am liebsten mit der Familie und in den Bergen. Ihr Motto fürs Altern ist: Man wächst mit den Herausforderungen.
Empfehlung des Verlags
Wie prägen Vorstellungen vom Älterwerden die Art, wie wir altern? Christina Ristl und Jana Nikitin, Alternsforscherinnen an der Universität Wien, gehen dieser Frage nach. In 7 Kapiteln nehmen sie die hartnäckigsten Mythen rund um das Alter unter die Lupe - von der Gleichsetzung mit Krankheit über de…
Das könnte Sie auch interessieren
„Alt sind immer die anderen?“ – Altersbilder im Generationenvergleich
Jung und fit ist das Ideal und niemand möchte als „alt“ gelten. Wie alt fühlen sich Menschen in verschiedenen Altersgruppen tatsächlich und wie…