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Palliative Care: Begleitung sterbender Muslime

Der Umgang mit Menschen fremder Kulturen kann verunsichern – besonders, wenn es darum geht, Sterbende zu begleiten und Verstorbene zu versorgen. Viele Pflegende haben Angst, in dieser sensiblen Situation etwas falsch zu machen, sagt die Pflegeexpertin Imran Karkin. Sie gibt einen Einblick, was bei Muslimen am Lebensende zu beachten ist und wie eine gute kultursensible Pflege gelingen kann.

Der Koran, die heilige Schrift der Muslime

Frau Karkin, Sie sind Pflegewissenschaftlerin und halten Vorträge zum Thema Sterben im Islam. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
Ich bin selbst Muslima und in einem sehr traditionellen Umfeld groß geworden. Mit 16 Jahren habe ich eine Ausbildung als Sozialbetreuerin gemacht und danach in der Pflege gearbeitet. Schon damals war ich sehr neugierig zu sehen, wie Muslime gepflegt und in ihrer letzten Lebensphase begleitet werden. Ich wusste ja, dass es mich und meine Familie auch irgendwann treffen wird. Später habe ich dann Pflege- und Gesundheitswissenschaften studiert und während dieser Zeit das Sterben unserer Nachbarin mitbegleitet. Da hatte ich die Möglichkeit, den gesamten Sterbeprozess sowie die Versorgung nach dem Tod sowohl aus der Sicht einer Betroffenen als auch der einer angehenden Expertin zu beobachten und habe gemerkt: Es muss noch einiges getan werden, um religiöse und kulturelle Bedürfnisse ausreichend zu erfüllen. Seitdem ist es für mich eine Herzensangelegenheit, eine Schlüsselperson zwischen den muslimischen Patientinnen und Patienten und den Pflegenden zu sein.

Anzahl sterbender Muslime in Gesundheitseinrichtungen nimmt zu

Wie oft kommt es vor, dass Muslime im Spital oder in einer Pflegeeinrichtung sterben?
Das lässt sich nicht genau beziffern, aber die Anzahl sterbender Muslime in Gesundheitseinrichtungen wird zunehmen. In Deutschland leben zirka 4,5 bis 5,5 Millionen Muslime, in der Schweiz sind es rund 380.000. Damit ist der Islam in beiden Ländern mit rund 5,4 Prozent der Gesamtbevölkerung die zweitgrößte Religion nach dem Christentum. Meine Großeltern sind vor etwa 60 Jahren nach Deutschland gekommen, diese Generation hat also mittlerweile zum Teil das Sterbealter erreicht.

Werden muslimische Menschen heute noch überwiegend im Familienkreis gepflegt?
Ja, wenn es möglich ist, werden Muslime bis zu ihrem Tod zu Hause gepflegt. Aber auch unsere Kultur befindet sich im Wandel. Viele muslimische Frauen sind heute berufstätig und haben keine Zeit, ihre Angehörigen rund um die Uhr zu pflegen. Für die ältere Generation gilt es noch als Schande, ein Familienmitglied von einer anderen Person pflegen zu lassen oder gar in eine Pflegeeinrichtung zu geben. Das sehen sehr viele junge muslimische Frauen heute anders und sind für professionelle Unterstützung aufgeschlossen. Von daher kann man davon ausgehen, dass die Anzahl der Menschen in Pflegeeinrichtungen oder der Spitex in den nächsten 10 bis 20 Jahren definitiv ansteigen wird.

Was bedeutet der Tod für Muslime?
Muslime glauben an ein Leben nach dem Tod. Der Zeitpunkt des Todes wird dabei von Gott festgesetzt. Der Tod ist für Muslime nicht das Ende der Existenz, sondern eine Art Übergang ins Jenseits oder eine Heimkehr zum Schöpfer. Ein Vers aus dem Koran sagt: „Wahrlich, von Gott kommen wir, und wahrlich, zu ihm werden wir zurückgebracht.“ Dieser Vers wird laut ausgesprochen, wenn jemand aus dem Umfeld stirbt oder Muslime über Themen wie Sterben und Tod sprechen. Das erinnert daran, dass unser Leben diesseits vergänglich ist und wir ebenso zu unserem Schöpfer heimkehren werden. Trotz ihres Glaubens ist es für die Angehörigen natürlich sehr schwer, von den liebsten und engsten Menschen Abschied zu nehmen.

Ein Muslim darf nicht durstig sterben

Einem sterbenden Muslim soll häufig zu trinken angeboten werden, er darf nicht durstig sterben. Warum ist das so?
Nach dem islamischen Glauben besucht der Teufel in den letzten Stunden den Sterbenden und bietet ihm Wasser an, wenn er seinen Glauben verrät. Um ihn nicht in Versuchung zu führen, dürfen Muslime im Sterbebett keinen Durst haben. Deswegen sollten Angehörige, aber auch Pflegende auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Wenn der Sterbende nicht trinken kann, sollte man ihm die Lippen befeuchten. Meine verstorbene Nachbarin wollte in ihren letzten Stunden zum Beispiel unbedingt noch Milch trinken. Wir haben ihr diese gegeben, und sie war darüber sehr froh und ist nach ein paar Stunden friedlich gegangen.

Was sollten Pflegende in der Begleitung von sterbenden Muslimen sonst noch beachten?
In islamischen Ländern kümmert sich die Familie um den Sterbenden. Meistens sind sie rund um die Uhr am Sterbebett und versuchen, die individuellen Patientenbedürfnisse und -wünsche in der letzten Lebensphase zu erfüllen. Hier sollten wir eng mit den Angehörigen zusammenarbeiten. Wenn es Sprachbarrieren gibt, ist es sinnvoll, Pflegende einzubinden, die die gleiche Sprache sprechen. Ist das nicht möglich, kann man sich an eine muslimische Gemeinde oder Moschee wenden, zum Beispiel wenn es darum geht, rituelle Waschungen durchzuführen. Sterbende und Kranke sind nach dem Koran nicht mehr zum Gebet verpflichtet. Dennoch bemühen sich viele, die rituellen Waschungen und Gebete im Sterbebett durchzuführen, um sich besser auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten.

Rituelle Waschungen: außere und innere Reinheit

Was bedeuten diese rituellen Waschungen?
Sie symbolisieren äußere und innere Reinheit. Erst nach einer solchen Waschung wird das Pflichtgebet verrichtet und aus dem Koran rezitiert. Im Sterbebett haben religiöse Pflichten wie die islamische Waschung, das Pflichtgebet oder die Koranrezitation eine zentrale Bedeutung, um damit letztmalig Rechenschaft über die bislang verantworteten Taten im Leben abzulegen, im Angesicht Gottes um Busse zu bitten und letztlich vor dem Tod Reinheit zu erlangen. Wenn ein sterbender Muslim selbst nicht mehr in der Lage ist, diese Waschung auszuführen, dies aber tun möchte, kann auch ein Angehöriger das für ihn übernehmen. Es muss dann aber ein Muslim sein.

Was sollten Pflegende sonst noch wissen?
Eine gleichgeschlechtliche Pflege ist sehr wichtig. Muslimische Frauen nehmen ungern die Hilfe von einer männlichen Pflegeperson in Anspruch und könnten ein solches Angebot sogar als Respektlosigkeit oder Intimitätsverletzung werten. Entscheidend ist vor allem, mit dem Sterbenden und den Angehörigen zu sprechen. Nur so können Pflegende wichtige religiöse und kulturelle Bedürfnisse ermitteln. In meinen Seminaren werde ich manchmal gefragt, ob es eine Checkliste für die Pflege von sterbenden Muslimen gibt. Die habe ich aber nicht, denn jeder Mensch lebt seine Religion und Kultur sehr individuell.

Das Glaubensbekenntnis hat eine zentrale Bedeutung für die Sterbebegleitung

Sterbende Muslime sollen in Richtung Mekka schauen, einen Finger zum Himmel heben und das muslimische Glaubensbekenntnis sprechen. Läuft das in der Praxis so ab?
Das muslimische Glaubensbekenntnis, die Shahada, lautet: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Mohammed sein Prophet ist“. Sie ist für die Sterbebegleitung von zentraler Bedeutung. Sterbende Muslime sind bestrebt, in ihren letzten Augenblicken die Shahada abzulegen, da dies den direkten Übergang ins Paradies bedeutet. Kann der Betroffene dies nicht selbst tun, übernehmen das die Angehörigen oder andere Muslime und flüstern das islamische Glaubensbekenntnis in das rechte Ohr des Sterbenden, damit er sich daran erinnert. Wenn die gesundheitliche Lage es zulässt, kann der Sterbende den Zeigefinger auch zum Himmel heben. Das ist aber meistens nicht der Fall. Die sterbende Person wird je nach Möglichkeit auf die rechte Seite gelegt, damit sie mit dem Gesicht nach Mekka schaut.

Wie viele Angehörige begleiten den Sterbenden?
Meistens sind die engsten zwei bis drei Angehörigen bei dem Sterbenden. Bei einer großen Familie kann es so organisiert werden, dass maximal zwei oder drei Familienmitglieder im Zimmer sind, damit der Sterbende auch ausreichend Ruhe hat. Hier sollten Pflegende sich mit den Angehörigen absprechen und die Besuchszeiten so organisieren, dass das Spital, das Heim, aber auch die Bettnachbarn sich dadurch nicht gestört oder eingeschränkt fühlen.

Versorgung von Verstorbenen: Die islamische Waschung

Wie werden muslimische Verstorbene traditionell versorgt?
Wenn der Arzt den Tod bestätigt hat, wird der Verstorbene für die Leichenwaschung und Einkleidung vorbereitet. Dazu werden Zahnprothesen, Kleidung und auch Schmuck entfernt. Wichtig ist zu wissen, dass die Berührung des verstorbenen Muslims durch Nicht-Gläubige als Respektlosigkeit angesehen wird. Deswegen sollte man mit den Angehörigen absprechen, ob eine Unterstützung bei der Versorgung des Leichnams erforderlich ist oder nicht. Die islamische Waschung und Einkleidung können ausschließlich durch einen anderen Muslim des gleichen Geschlechts vollzogen werden. Die Praxis sieht in dieser Rolle hier zumeist Verwandte oder einen Imam vor. Meistens werden die Waschung und Einkleidung von zwei Personen übernommen. Bei Frauen machen das zum Beispiel die Tochter und die Tante.

Gibt es weitere Besonderheiten?
Wichtig ist, dass die Totenwaschung unter fließendem Wasser erfolgt. Dafür kann die Einrichtung, wenn möglich, mobile Badewannen oder Badeinrichtungen bereitstellen. In meisten Fällen werden die islamische Waschung und Einkleidung in einer naheliegenden Moschee durchgeführt. Nach der Waschung und Einkleidung können enge Verwandte noch ein letztes Mal Abschied nehmen.

Wo und wann findet die Beisetzung statt?
In der Regel findet sie schnellstmöglich noch am selben oder am nächsten Tag statt. Nach dem islamischen Glauben gehört der Verstorbene zur Erde und hat erst seine Ruhe, wenn er im Grab liegt. Manchmal ist auch eine Überführung in das Heimatland erforderlich. Mittlerweile gibt es muslimische Vereine, die den Prozess rund um den Tod übernehmen. Muslime zahlen dort ein und erhalten im Sterbefall innerhalb von wenigen Stunden Unterstützung. Diese Vereine kümmern sich zum Beispiel um eine Überführung und damit zusammenhängende Konsulatsaufgaben, planen die Flüge und organisieren die Beisetzung. Sie nehmen den Angehörigen alle bürokratischen Aufgaben ab, sodass sich diese Zeit für ihre Trauer nehmen können.

Pflegeeinrichtungen und Moscheen können zusammenarbeiten

Sollten Pflegeeinrichtungen und Spitäler einen Imam einbinden?
Das ist kein Muss, aber in vielen Fällen von Vorteil. Angehörige fühlen sich aufgehoben und sicher, wenn ein Imam in den Sterbeprozess eingebunden wird. Ich habe zahlreiche ehrenamtliche Projekte gestartet, um Pflegeeinrichtungen und Moscheen zusammenzubringen. Oft können über diese Kontakte auch Freiwillige aus islamischen Gemeinden gewonnen werden, die Muslime in den Einrichtungen unterstützen. Ich sage in Moscheen immer: Geht auf die Mitarbeiter in den Spitälern und Einrichtungen zu und gebt ihnen eure Kontaktdaten. In Weiterbildungen und Vorträgen in Pflegeeinrichtungen empfehle ich wiederum, Kontakt zu islamischen Gemeinden herzustellen. So hat man jemanden im Hintergrund, der sich mit dem muslimischen Glauben auskennt und die Sprache spricht. Ich finde, beide Seiten sollten sich aufeinander zubewegen.

Gibt es Unterschiede in Bezug auf Sterberituale zwischen unterschiedlichen islamischen Gemeinschaften und Ländern?
Die islamischen Rituale und Pflichten sind in allen Ländern gleich und gelten für alle Muslime – ob in der Türkei, Saudi-Arabien oder Afrika. Dennoch gibt es natürlich kulturelle oder traditionelle Unterschiede, auch innerhalb der islamischen Welt. Deshalb sollten die muslimischen Rituale um regionale und individuelle Rituale und Wünsche ergänzt werden. Vielleicht wünscht sich ein sterbender Muslim, dass in seinen letzten Stunden nochmal ein türkisches Instrument gespielt wird. Diesem Wunsch sollte man nachkommen.

Wie traditionell sind die in der Schweiz oder Deutschland lebenden Muslime noch?
Muslime sollte man niemals als eine homogene Gruppe betrachten. Es gibt unterschiedliche Wurzeln – kulturelle, ethnische, aber auch religiöse – und unterschiedliche islamische Gemeinschaften wie Sunniten oder Aleviten. Und es gibt natürlich unterschiedliche familiäre und lebenspraktische Einstellungen. Die in Deutschland und der Schweiz lebenden Muslime der 1. und 2. Generation sind eher traditionell, auch wenn das pauschal nicht immer gilt.

Wie viel müssen Pflegende über den Islam wissen, um kultursensibel pflegen zu können?
Diese Frage wird mir in Seminaren oft gestellt und ich antworte meist: „Wir haben fünf Weltreligionen, unter den fünf Weltreligionen gibt es nochmal Untergruppierungen, dann hat jedes Land seine eigene Kultur und vielleicht sogar jede Stadt. Und hinzu kommt nochmal die Familienkultur …“ Es ist unmöglich von den Pflegenden zu erwarten, dass sie sich noch zusätzlich mit einzelnen Religionen, Kulturen, Traditionen auseinandersetzen. Sie sind durch den normalen Alltag schon genug gefordert.

Kommunikation ist entscheidend

Was empfehlen Sie dann, um kultursensibel zu pflegen?
Entscheidend ist die Kommunikation. Man sollte schon in der Anamnese oder während der Begleitung erfragen, ob es religiöse und kulturelle Wünsche oder auch Tabus gibt. Sinnvoll ist ein gewisses Basiswissen, zum Beispiel, dass Muslime keinen Alkohol trinken und kein Schweinefleisch essen. Wichtig finde ich auch, der fremden Kultur möglichst unvoreingenommen zu begegnen und sich bewusst zu machen, wie stark wir selbst von der eigenen Kultur geprägt sind.

Was können Pflegende tun, wenn sie unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen?
Ein häufiges Problem ist, dass Pflegende sich nicht trauen, kulturspezifische Fragen zu stellen. Kultur und Religion sind sensible Themen, viele haben Sorge, dass ihre Fragen falsch verstanden werden könnte. Bei uns gibt es türkisches Sprichwort: „Nicht zu wissen, ist keine Schande, nicht zu lernen, ist eine Schande!“ Deshalb sage ich immer: „Trauen Sie sich, Fragen zu stellen! Fragen Sie: Wie machen Sie das in Ihrer Kultur? Welche Bedürfnisse haben Sie? Wie kann ich Sie unterstützen?“ Angehörige freuen sich sehr darüber. Fragen sind ein Zeichen für das Interesse an anderen Religionen und Kulturen. Sie können helfen, Vertrauen aufzubauen. Meiner Meinung nach kann man hier nicht viel falsch machen. Den meisten Angehörigen ist bewusst, dass sich Pflegende nicht auskennen. Sie freuen sich umso mehr auf ein solches Gespräch.

Nach Gemeinsamkeiten suchen

Was raten Sie Pflegenden sonst noch?
Im Umgang mit fremden Kulturen ist es hilfreich, eher nach Gemeinsamkeiten als nach Unterschieden zu suchen – nur dadurch können Unsicherheiten abgebaut werden, die im Kontakt mit anderen Kulturen entstehen. Und wenn religiöse Fragen auftreten, die sich nicht im direkten Gespräch klären lassen, rate ich dazu, Kontakt zu einer muslimischen Gemeinde aufzunehmen – zu einem Imam oder einem Freiwilligen der Gemeinde.

Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste, um sterbende Muslime gut zu begleiten?
Das Wichtigste, dass der Sterbende und seine Angehörigen sich verstanden fühlen und die letzten Wünsche – egal ob Muslim, Christ oder Jude – erfüllt werden. Denn jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Religion oder Ethnie hat ein Recht auf ein würdevolles Sterben. Dazu sollte man die individuellen Bedürfnisse und Wünsche ermitteln und umsetzen. Um das zu verwirklichen, brauchen Pflegende Ressourcen, Instrumentarien und möglichst auch Fort- und Weiterbildungen zur kultursensiblen Pflege. Hilfreich sind auch separate Räume für Gebete und den Abschied.

Das Interview führte Brigitte Teigeler, NOVAcura.

Dieses Interview wurde zuerst in der NOVAcura, unserer Fachzeitschrift für die Pflege, veröffentlicht.