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Selbstfürsorge für Psychotherapeuten – Warum wir unsere eigenen Ressourcen gut im Blick haben sollten

Psychotherapeut*innen versuchen ihren Patient*innen zu vermitteln, wie sie ihre eigenen Ressourcen aktivieren und Selbstfürsorge in ihr Leben integrieren können. Dabei wird häufig vergessen, dass Selbstfürsorge auch für Psychotherapeut*innen selbst von großer Bedeutung ist. Unsere Autorinnen Miriam Deubner-Böhme und Uta Deppe-Schmitz erklären, warum.

Auch für Psychotherapeut*innen ist es wichtig, einfach mal die Seele baumeln zu lassen und für sich selbst zu sorgen.

Es gibt gute Gründe, dass Psychotherapeut*innen ganz bewusst ihre Ressourcen zur Förderung der eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit aktivieren sollten:

  • Selbstfürsorge ist für jeden Menschen wichtig. Wir können auf Dauer nur dann gut arbeiten, wenn wir gesund sind.
  • Die therapeutische Arbeit ist mit einem expliziten Fokus auf die Bedürfnisse unserer Patient*innen verbunden. Eine bewusste Selbstfürsorge ist ein notwendiger Ausgleich für unsere Gesundheit.
  • Wir sind dann besonders glaubhaft, wenn wir selbst leben, was wir unseren Patient*innen empfehlen. Selbstfürsorgliche Psychotherapeut*innen sind damit gute Modelle in der Therapie.

Selbstfürsorge ist also eine wichtige Kompetenz für unseren Berufsstand. Wir erleben seit vielen Jahren in unseren Workshops zur Ressourcenaktivierung von Psychotherapeut*innen viel Interesse von Kolleg*innen, die eigenen Grundbedürfnisse auszuloten und Kraftquellen in der Arbeit und im Privatleben zu aktivieren.

Ressourcenbegriff von Klaus Grawe

Was verstehen wir unter Ressourcen?

Wir beziehen uns dabei auf den Ressourcenbegriff von Klaus Grawe. Ressourcen sind Erfahrungen, die zur Erfüllung von körperlichen und psychischen Grundbedürfnissen beitragen. Wenn es uns gelingt, Ressourcen gezielt zu aktivieren und damit die Bedürfnisbefriedigung zu verbessern, wirkt sich das positiv auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit aus (Deppe-Schmitz & Deubner-Böhme, 2018). Damit stellt Ressourcenaktivierung zum einen eine wichtige psychotherapeutische Kompetenz dar, die wir unseren Patient*innen vermitteln wollen, zum anderen ist Ressourcenaktivierung auch der Schlüssel für unser eigenes Wohlbefinden und unsere Gesundheit.

Wie können wir als Psychotherapeut*innen nun ganz praktisch unsere Ressourcen gezielt aktivieren?

Zunächst könnten wir unsere körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse betrachten und nach Möglichkeiten im privaten und beruflichen Alltag suchen, diese Bedürfnisse ausreichend zu erfüllen. Wir könnten den Arbeitsablauf der Psychotherapeut*innen aus einem ressourcenorientierten Blickwinkel betrachten: Wie kann es uns gelingen, feste Erholungszeiten im Arbeitsalltag zu etablieren, wie kann die Pausengestaltung aussehen, wie können wir Grenzen setzen und den eigenen Anspruch reflektieren?

Mit dem Fragenfächer zur Selbstfürsorge

Diese Themen greift der Fragenfächer „Die eigenen Ressourcen aktivieren – Selbstfürsorge für Psychotherapeuten“ auf und bietet zahlreiche Anregungen, das eigene Verhalten zu reflektieren und die eigene Selbstfürsorge einzuschätzen. Ressourcenaktivierende Fragen leiten zu den eigenen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen.

Stimmen von Therapeuten aus der Praxis

Nun stellen wir Ihnen beispielhaft Antworten von Kolleg*innen aus unseren Selbstfürsorge-Workshops für vier Fragen aus verschiedenen Bereichen des Fragenfächers „Die eigenen Ressourcen aktivieren – Selbstfürsorge für Psychotherapeuten“ vor:

Beispielseiten aus dem Fragenfächer

Behalten Sie im Therapiealltag, aber auch privat die eigene Gesundheit und Selbstfürsorge im Blick, um weiterhin den Herausforderungen als Therapeut*in positiv zu begegnen. Reflektieren und aktivieren Sie Ihre eigenen körperlichen und psychischen Ressourcen. Der Fächer bietet mit 120 Fragen den passenden Rahmen und Unterstützung!

„Die eigenen Ressourcen aktivieren - Selbstfürsorge für Psychotherapeuten“ von Miriam Deubner-Böhme und Uta Deppe-Schmitz

Welche Freiheiten im Arbeitsalltag kann ich für mich nutzen?

Manfred S., niedergelassener Psychotherapeut: Ich genieße die Selbstbestimmung bei der Gestaltung meines Arbeitstages: Wie viele Patienten ich pro Tag sehe, wann ich anfange zu arbeiten, wie lange ich Pausen mache und in welcher Reihenfolge ich meine Patient*innen hintereinanderlege. Dann nutze ich den Wechsel von verschiedenen Therapiesettings. Zum Beispiel gehe ich bei schönem Wetter mit den Patient*innen für eine kurze Achtsamkeitsübung raus. Als Verhaltenstherapeut nutze ich auch die Vielzahl an Möglichkeiten für Expositionsübungen im Alltag außerhalb des Therapieraums, z.B. beim Einkaufen, Bahn fahren etc.

Welche persönlichen Grenzen sind mir für mein Wohlbefinden wichtig?

Silke A., Psychotherapeutin in einer Suchtberatungsstelle: Ich achte darauf, auch meine eigenen Bedürfnisse im Blick zu haben und mich zu fragen, was mir gerade gut tut. Wichtig für mich ist es, dass es mir gut gelingt, mich innerlich von meinen Patient*innen nach der Therapiestunde abgrenzen zu können, indem ich die Akten wegpacke und frische Luft in den Therapieraum lasse.

Peter K., Psychiater: Besonderen Wert lege ich auch darauf, einen getrennten Kalender für Arbeits- und Privattermine zu haben. Die Fahrt mit dem Fahrrad nach der Arbeit nach Hause, hilft mir runterzukommen und die Patient*innen nicht gedanklich mit nach Hause zu nehmen.“

Mit welchen Kolleginnen und Kollegen habe ich gerne im Arbeitsalltag Kontakt?

Lisa W., niedergelassene Psychotherapeutin: Das ist gar nicht so leicht, ich arbeite in einer Einzelpraxis. Tatsächlich finde ich es manchmal belastend, so viele Stunden eines Tages nur mit Patient*innen zu verbringen. Ich gehe gerne zur Supervision, da habe ich schon seit vielen Jahren eine feste Gruppe. Die gemeinsame Zeit mit den Kolleg*innen ist wertvoll. Meist gehen wir im Anschluss an die Supervision noch in ein Café. Der Austausch mit anderen niedergelassenen Kolleg*innen ist immer wichtig.

Ulrike M., Psychotherapeutin in einer Akut-Psychiatrie: Es gibt einen Raum für Mitarbeiter*innen in unserer Klinik mit Getränken und Keksen. Ich bin oft zu erschöpft, um mit Kolleg*innen über die Arbeit zu reden. Das zieht mich eher runter. Wir versuchen eigentlich alle, in unseren kleinen Pausen nicht über die Patient*innen zu sprechen. Lieber über unsere Wochenendaktivitäten. Ich mag es, wenn wir herumalbern.

Wie kann ich innerhalb der Therapiesitzungen für mehr Abwechslung sorgen?

Sandra L., Bezugstherapeutin in einer psychosomatischen Klinik: Ich überlege mir vorher Medien, die ich in der Therapie im Rahmen von Übungen nutzen möchte. Das können an einem Tag schwerpunktmäßig Bildkarten sein, an einem anderen Tag mein Therapie-Zoo oder das Seil für Lebenslinien. Diese Medien kann man eigentlich bei fast jedem Thema einbringen. Ich finde es immer wieder spannend, wie Patient*innen beispielsweise auf Bildkarten reagieren. Mein Eindruck ist, dass auch Patient*innen Abwechslung in der Therapie mögen. Es ist hilfreich, die Medien bereits morgens gut sichtbar zu platzieren, damit sie tatsächlich zum Einsatz kommen.

Michael B., ambulant tätiger Psychotherapeut: Ich biete Patient*innen an, den Platz im Therapieraum zu wechseln, dadurch eröffnen sich für ihn/sie und für mich neue Perspektiven. Abwechslung käme auch durch einen Platzwechsel zustande: auf verschiedenen Plätzen zu sitzen würde verschiedene Perspektiven ergeben.

Ressourcenschatz aktivieren

Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass wir all das Wissen für Selbstfürsorge für unsere Patient*innen zur Verfügung haben. Es gilt nur, diesen wertvollen Ressourcenschatz auch für uns selbst zu aktivieren. Das, was wir Patient*innen tagtäglich beibringen, sollten wir unbedingt auch auf uns selbst anwenden!

Denn auf die Ressourcen kommt es an – für uns und für unsere Patient*innen!

Dr. Miriam Deubner-Böhme

Diplom-Psychologin. Approbation zur Psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Seit 2003 Tätigkeit in eigener Praxis für Psychotherapie und Coaching in Berlin. 

Dr. Uta Deppe-Schmitz

Diplom-Psychologin. Approbation zur Psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Seit 2003 Tätigkeit in eigener Praxis für Psychotherapie und Coaching in Berlin.

Darüber hinaus leiten sie das Institut für Ressourcenaktivierung in Berlin.