DeutschKlinik und Therapie

Stimmenhören muss entmystifiziert werden

Das Stimmenhören wird oft als ein Symptom einer psychotischen Erkrankung verstanden. Das Verabreichen von Medikamenten gilt als erstes Mittel der Wahl, um die Symptome zu reduzieren. Dass es weitere Perspektiven im Umgang mit Stimmenhören und anderen akustischen Halluzinationen gibt, zeigt der „Ratgeber Stimmenhören und andere akustische Halluzinationen“. Mit Annika Bremenkamp, die als psychiatrisch Pflegende an dem Buch mitgeschrieben hat, sprach Christoph Müller, Pflegefachperson, Autor, Dozent und Gastgeber in „Christophs Pflege-Café“.  

Stimmenhören und akustische Halluzinationen Frau hält sich Ohr, weil sie Stimmen hört Foto: Yurii_Yarema/shutterstock

Mit dem Psychologischen Psychotherapeuten Björn Schlier haben Sie als psychiatrisch Pflegende den „Ratgeber Stimmenhören und andere akustische Halluzinationen“ geschrieben. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Björn Schlier und ich haben damals kollegial auf einer akut geschützten Station zusammengearbeitet. Wir beide waren fasziniert von dem Phänomen des Stimmenhörens. Ich habe zu diesem Zeitpunkt ein Thema für meine Facharbeit der Weiterbildung zur Pflegefachkraft Psychiatrie gesucht. Das Thema akustische Halluzinationen hat mich so sehr interessiert, dass ich eine Fragestellung zu diesem Thema bearbeiten wollte. Zeitgleich hat Herr Schlier seine Doktorarbeit über das Thema Stimmenhören verfasst. Gemeinschaftlich haben wir auf unserer damaligen Station eine Klientin betreut, die durch negative Stimmen sehr gequält war. Mit den schon in der vorhandenen Literatur beschriebenen Methoden, die Stimmenhören reduzieren kann, haben wir dann mit der Klientin gearbeitet und dabei positive Fortschritte festgestellt. Björn Schlier vom Hogrefe Verlag eine Anfrage erhalten, ob er nicht einen Ratgeber zum Thema Stimmenhören schreiben wolle. Daraufhin hat er mich dann gefragt, ob ich ihn als Co-Autorin unterstützen könnte. Hierzu habe ich dann eingewilligt.

Das Stimmenhören und auch andere akustische Halluzinationen werden in der Regel als psychiatrische Symptome verstanden. In Ihrem gemeinsamen Buch deutet sich an, dass ein erweitertes Verständnis zu entwickeln ist. Was macht dieses umfassendere Verständnis aus?

Ich verstehe Halluzinationen in Form von Stimmenhören nicht automatisch als krankhaftes Symptom an. Vielmehr würde ich hierbei von einem Phänomen sprechen. Denn nicht jeder Betroffene, der Stimmen hört, wird hierdurch auch psychisch krank. Akustische Halluzinationen können auch bei körperlichen Krankheiten auftreten. Dieses wird leider häufig nicht in Betracht gezogen. Allein deshalb ist es auch wichtig, dieses kenntlich zu machen, um das Auftreten von Stimmen auch in solchen Fällen zu betrachten. Die wichtigste Erkenntnis sollte sein, dass Stimmenhören nicht gleich eine psychiatrische Diagnose zur Folge haben sollte.

Sie ermuntern Stimmenhörende, ihre Stimmen als Interaktionspartner*innen zu nutzen. Verstärkt dies nicht die Symptome? Erschwert dies nicht das Zusammenleben mit Zu- und Angehörigen?

Ganz klar nein! Ich denke, dass genau das Gegenteil eintreten kann. Häufig wird das Phänomen des Stimmenhörens und der akustischen Halluzinationen tabuisiert. Das nicht ansprechen der Stimmen oder das nur sich davon ablenken führt im Endeffekt zu nichts. Wenn aber Stimmen als Interaktionspartner angesehen werden und der Betroffene für sich andere Bewertungen des Gesagten der Stimmen entwickeln kann, so kann ein hilfreicher Umgang mit den Stimmen/ Halluzinationen entwickelt werden. Der Leidensdruck sinkt, Ängste werden reduziert und der Betroffene kann seinen Angehörigen eine plausible Erklärung geben, warum die Stimme etwas kommentiert, befiehlt, Emotionen auslöst. Das offene Gespräch über die Wahrnehmung der Betroffenen mit den Angehörigen entwickelt auch ein gemeinsames Verständnis für dieses Phänomen. Kernaussage sollte sein: Je mehr über akustische Halluzinationen/ Stimmenhören zwischen Betroffenen und Angehörigen kommuniziert wird, desto höher die Chance von gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger hilfreicher Unterstützung. Das Thema Stimmenhören muss entmystifiziert werden.

Das Buch regt an, auch beim Stimmenhören Kontakt zur Selbsthilfe zu suchen. Sie beschränken sich darauf, den Informationsaustausch in den Mittelpunkt zu rücken. In der subjektiven Psychiatrie etablieren sich zunehmend Gruppen, in denen Erfahrungen ausgetauscht werden. Gibt es Gründe dafür, Berührungsängste zu haben?

Die Erfahrung zeigt, dass es derzeit nur sehr wenige Selbsthilfegruppen gibt, die rein und allein sich mit dem Thema akustische Halluzinationen beschäftigen. Vielmehr gibt es Selbsthilfegruppen oder auch Gruppenangebote, die häufig krankheitsbezogen sind (Psychosegruppen, Depressionsgruppen etc.) und sich inhaltlich nur sehr wenig mit akustischen Halluzinationen beschäftigen. Um sich mit dem reinen Phänomen des Stimmenhörens zu beschäftigen, gibt es wie in dem Buch beschrieben, spezialisierte Plattformen und Foren, in denen sich rein über das Phänomen akustische Halluzinationen ausgetauscht wird. 

Im Kontext psychotischer Erfahrungen, aber auch des Stimmenhörens ist die Begleitung der Betroffenen an Begriffen wie Recovery und Empowerment orientiert. Wieso werden die Begriffe in dem Buch vermisst? Macht gerade aus Sicht der psychiatrischen Pflege nicht die Orientierung am Gezeiten-Modell Sinn, das auch hilfreich für das Verstehen seelischer Erschütterungen für Angehörige sein kann

Unser Ratgeber ist extra in leicht verständlicher Sprache verfasst und ist angelehnt an das Prinzip von Empowerment und Recovery. Lediglich die einzelnen Begrifflichkeiten sind nicht explizit erwähnt. In dem Ratgeber befinden sich viele praktische Anteile, die von den Betroffenen erprobt werden können ohne große Unterstützung. Hier findet sich der Empowerment Anteil wieder. Der Recovery Anteil entsteht durch das Üben der einzelnen angebotenen praktischen Hilfen. Und auch die Kernaussage, dass Stimmenhören in Bezug zu nicht ausreichend bearbeiteten Lebensereignissen steht, führt zu Empowerment bei den Angehörigen und fördert das Verständnis für das Phänomen. Ebenfalls die Aufforderung, Stimmenhören untereinander offen zu kommunizieren und dazu zu ermutigen, ist in meinen Augen Empowerment pur. Hiermit ist der Weg zum Thema Recovery geebnet.

Welche Ideen haben Sie als psychiatrische Pflegende noch, das Phänomen des Stimmenhörens und andere akustische Halluzinationen in den Fokus zu rücken?

In meinen Augen müssen viel mehr Fortbildungen zu diesem Thema etabliert werden. Gerne auch untermauert mit Erfahrungsberichten von Betroffenen und den als hilfreich empfundenen Strategien. Es sollte auch einen Fragenkatalog als Ideenratgeber geben, der das Besprechen des Themas Stimmenhören und akustische Halluzinationen erleichtert oder gar erst ermöglicht. Ich glaube, dass häufig die Scheu zu groß ist, offen die Wahrnehmungen des Betroffenen oder die eigenen Beobachtungen am Betroffenen anzusprechen. Häufig kursiert ja auch das Gerücht, man öffne die „Büchse der Pandora“, wenn man unter dem Phänomen Stimmenhören psychisch erkrankte Menschen darauf anspricht. Meine Erfahrung zeigt, dass Betroffene, die unter dem Phänomen einen hohen Leidensdruck verspüren, dankbar für entgegengebrachte Neugier sind und sich auch gerne öffnen, weil sie merken, dass, wenn sie ihre Erlebnisse mitteilen, der Leidensdruck sinkt mit der Zeit. 

Ganz wichtig ist auch eine gute Öffentlichkeitsarbeit in Form von Kampagnen, die das Thema Stimmenhören in der Bevölkerung allgemein zum Thema macht und auffordert, nicht über das Thema hinweg zu sehen.

Annika Bremenkamp

Annika Bremenkamp, geb. 1988. 2006-2009 Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seit 2009 tätig auf einer akut psychiatrischen Station im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg im Zentrum für Psychosoziale Medizin .2018-2021 akademische Fachweiterbildung zur Psychiatriefachpflegerin am Klinikum Bremen Ost, Facharbeit zum Thema Kompetenzentwicklungen von Betroffenen, Angehörigen und Pflegenden im Umgang mit akustischen Halluzinationen. Seit 2021 freiberufliche Dozentin.