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Treue und Vertrauen: Das Gesundheitswesen braucht Veränderung

Das Handbuch Treue und Vertrauen analysiert unser Gesundheitssystem und zeigt, was sich wie ändern muss. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Begriffe, ohne die gute Pflege nicht denkbar ist. Von Thomas Hax-Schoppenhorst

Treue und Vertrauen – auf den ersten Blick mögen Leser*innen geneigt sein, sich mit den Augen rollend dem nächsten Thema zu widmen, weiter zu scrollen …

Wer will denn da das ohnehin schwache Licht der Nostalgie durch die dunkle und zudem stürmische Nacht tragen? Wie passen solche Tugenden bzw. Ressourcen in die Zeit der „alternativen Fakten“, ausufernder Gewalt und hemmungsloser Geschäftemacherei? Und – bezogen auf unser Gesundheitswesen: Warum hält sich die Empörung in Grenzen, wenn zum Beispiel ein Krankenhauskonzern auf seiner Homepage vollmundig von „grenzenlosem Vertrauen“ schreibt, zeitgleich aber zwei Häuser auf dem Markt veräußert und damit alle dort Beschäftigten in die Krise schickt? Wo blieb die Treue zu den Teams in den Kliniken weltweit, als unzählige Pflegekräfte am Coronavirus Erkrankte geradezu schutzlos behandeln mussten, da Masken und Schutzkittel nicht zur Verfügung standen?

Im Handbuch Treue und Vertrauen gehen 43 Autor*innen diesen Fragen nach. Sie geben klare, provozierende, aufrüttelnde und zugleich motivierende Antworten, die sehr wohl in unsere Zeit passen und die längst fällige Perspektiven sowie Reformen aufzeigen.

„Ein Krankenhau­salltag wäre ohne gelebte Treue unmöglich“

Das Wort treu klingt alt­backen. Ein treuer Hund, das mag man noch gelten lassen. Ein treuer Mensch – da fürchtet man schon den treuen Dackelblick. Wenn es heißt „Das ist ein treuer Gesel­le!“, dann ist fast schon das „Treudoof“ mitzuhören. Die Haltung der Treue ist von zentraler Bedeutung für un­ser Leben.

Selbst unser Denken braucht Treue. Anschaulicher und praxisnäher wird es, wenn man Sy­nonyme zulässt. Treue steht für Stetigkeit, Be­ständigkeit, Beharrlichkeit, Zu­verlässigkeit, Verbindlichkeit, Loyalität, eben für dauerhaftes, übergreifendes Verbundensein. Das Gegenteil wäre: Nachlässig­keit, Wortbrüchigkeit, Veruntreu­ung, Schlampigkeit, Trägheit, Will­kür und die Neigung, nur das zu tun, wozu man gerade Laune hat.

Ein Mensch der Treue hält an seiner Verantwortung fest, selbst wenn ihm Schaden droht. Er steht zum gegebenen Wort auch dann, wenn es für ihn ungünstig ist. Treue geht damit weit über eine innere Haltung hinaus. Es geht um die Tat.

Die Parallelen zum Pflegeberuf sind nicht zu übersehen: Ein Krankenhau­salltag wäre ohne gelebte Treue unmöglich!

Vertrauen: Pflegende müssen verlässliche Wegbegleiter*innen sein

Vertrauen ist mitnichten eine süßliche Vokabel oder Produkt des Blicks durch die rosafarbene Brille.

Vertrauen ist der Glaube dar­an, dass man sich auf jemanden (oder auch sich selbst = Selbstver­trauen) oder auf etwas verlassen kann.

Vertrauen ist das Zutrauen in eine relativ bestimmte bzw. er­ahnte Zuverlässigkeit, Fähigkeit und/oder Tugendhaftigkeit. Es gilt als hoffnungsvoller Vorschuss hin­sichtlich bestimmter Erwartungen. Dieser Vertrauensvorschuss wird in seiner Dimension und Form von gemachten Erfahrungen be­einflusst. Erfahrungen sind im negativen Fall Vertrauensmiss­brauch oder Enttäuschungen. Im positiven Fall sind es zuverlässi­ge Treue, Loyalität oder auf Ver­trauen basierte Erfolge (Ergebnis­se, Erlebnisse).

Das Streben nach diesem Gefühl, diesem Zustand kennzeichnet bereits den Säugling – auch schon vor der Geburt. Es bedarf einer Vielzahl sensibler Interaktionen zwischen ihm und den Bezugspersonen, um in ihm die Gewissheit gedeihen zu lassen, dass er willkommen und sicher ist. Kleinste Fehler oder Unterlassungen wirken schon destabilisierend, was zur Folge haben kann, dass der heranwachsende Mensch der Welt prinzipiell skeptisch gegenübersteht. Ein Leben lang muss dieser „Tank Vertrauen“ befüllt werden – je nach Alter mit unterschiedlichem „Treibstoff“. In der psychiatrischen Pflege haben Kolleginnen und Kollegen sehr häufig mit Menschen zu tun, bei denen dieser „Durst“ nie wahrgenommen, nie gestillt wurde. Dabei ist jeder Mensch auf immer wieder einsetzende Vertrauenserfahrungen im Laufe seiner Entwicklung angewiesen.

Hier setzt die große Kraft von Pflege ein: Bieten sich Pflegende unter realistischer Einschätzung der Potentiale und der Absprachefähigkeit ihres Gegenübers – wenn auch nur für kurze Zeit – als verlässliche, vertrauende Wegbegleiter*innen an, kann der Negativkreislauf durchbrochen, kann der Boden unter den Füßen des (seelisch) Kranken stabilisiert werden. Vielfältige gemachte Erfahrungen bestätigen dies. Das hat nichts mit Romantik zu tun.

Der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält

Treue und Vertrauen zwischen Einzelnen, Gruppen und innerhalb von Gesellschaften sind wie Wasser: im Idealfall überall, alles durchdringend, Leben nährend. Wie eine Landschaft ohne Wasser zur Wüste wird, vertrocknet auch Zwischenmenschliches und verdorren Lebensgemeinschaften aller Art. Treue und Vertrauen sind der Kitt, der Kontinente, Länder, Gesellschaften und Gemeinschaften jeder Art zusammenhalten könnte – würde man sich die Mühe machen, sie auch wirklich breitbandig zu leben. Was geschieht, wenn diese beiden Essenzen vernachlässigt werden, wird an den verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerfallserscheinungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte mehr als deutlich.

Systembedingter Vertrauensverlust im Gesundheitswesen

Das Handbuch „Treue und Vertrauen“ bietet eine Vielzahl von Beiträgen (s. Inhaltsübersicht) aus verschiedensten Disziplinen, die diese Begriffe praxisnah beleuchten, (neu) definieren und dabei die aktuelle Situation im Gesundheitswesen sowie den gesamtgesellschaftlichen Kontext einbeziehen; zudem gibt es Orientierung für die persönliche Lebensgestaltung (z. B. Pflege von Freundschaften). So bildet es eine Klammer zwischen Arbeitswelt und Privatleben. Dabei ist es in der Bilanz phasenweise ernüchternd (systembedingter Vertrauensverlust im Gesundheitswesen) und erbauend (Förderung von Vertrauen; Stärkung von Selbstvertrauen, …) zugleich.

Eine Wende ist möglich

Nicht erst mit Ausbruch der COVID-19-Pandemie wurden eklatante Fehlentwicklungen im Gesundheitssektor offenbart; die Pandemie ließ sie vielmehr – neben allen erreichten, grandiosen Fortschritten ­– nur noch intensiver zutage treten. Soziale und ökonomische Konflikte häufen sich im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts massiv und in beängstigender Weise. Gleichzeitig – und das ist hoffnungsvoll – wird aber auch der Ruf nach einer Wende lauter.

Das von 43 Autor*innen verfasste Handbuch „Treue und Vertrauen“ bietet eine umfassende Analyse und ebenso beste Argumentationsgrundlagen sowie Vorschläge für eine Neuorientierung und Veränderung.

Thomas Hax-Schoppenhorst

Thomas Hax-Schoppenhorst ist Lehrer und seit 1987 pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren. Hier war er 16 Jahre in der forensischen Psychiatrie tätig und mittlerweile als Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit sowie Integrationsbeauftragter. Er ist Dozent an Pflegeschulen, gibt Seminare und hält Vorträge. Seit 2001 veröffentlicht er im Hogrefe Verlag.