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Warum Menschen an Unfallorten zuschauen

Meldungen über “Gaffer” oder “Schaulustige” bei Unfällen, Bränden oder Naturkatastrophen gibt es immer wieder. Meist mit dem Tenor, dass Menschen Rettungsarbeiten gestört haben, dass vielleicht sogar Rettungskräfte angegriffen wurden. Was steckt hinter diesem Verhalten? Ist es wirklich so, dass das Phänomen zunehmend auftritt? Im Buch „Gaffen“ - Mythen und Faktencheck für Rettungskräfte erfährt man, dass man das Zuschauen an einem Unfallort vielschichtiger sehen und beurteilen muss als gedacht. Wir haben mit den beiden Herausgeber*innen des Bandes, Prof. Dr. Marisa Przyrembel und Prof. Dr. Harald Karutz über die vielen Facetten gesprochen und auch darüber, was Rettungskräfte konkret für Handlungsmöglichkeiten haben, um störendes Schauverhalten zu verhindern.

Schaulustige oder Gaffer, die fotografieren an einem Unfallort mit brennendem Auto Bild: Shutterstock / Christian Peters

Die erste Erkenntnis zum Phänomen "Gaffen", die das Buch bereithält, ist, dass das Thema komplexer ist, als man oft annimmt. Waren Sie selbst von der Vielschichtigkeit der Ergebnisse überrascht?

Marisa Przyrembel:
In der Tat – in unserem kleinen Forschungsteam haben wir recht zügig festgestellt, dass wir selbst auch einem gewissen “Bias” unterliegen! Obwohl wir selbst einen sozialpsychologischen bzw. kognitionswissenschaftlichen Hintergrund haben, sind wir offenbar recht intuitiv der Überzeugung gefolgt, dass die professionell Rettenden quasi dauernd unter klarem Fehlverhalten von Zuschauenden leiden. Mit dem Führen der ersten Interviews mit Expert*innen aus dem Rettungsdienst haben wir dann gelernt: nein, so simpel ist es nicht! Es hat uns die Komplexität deutlich gemacht: wir konnten das Verständnis der Rettenden erleben, dass Menschen, für die ein Unglücksort eben kein alltägliches Bild ist, stehen bleiben - und teilweise wie gelähmt sind. Und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen. Extrem hilfreich waren aus meiner Sicht Hospitationen, bei denen wir Einsätze mit den Rettungswagen begleiten durften. So konnten wir ein unschätzbar wichtiges, reales Bild von der Lage auf der Straße bekommen. Hier habe ich persönlich gestaunt: bei den Einsätzen, in denen ich inkognito zugegen war, haben sich die Umstehenden korrekt verhalten und sich zurückgezogen, sobald die Profis mit dem RTW vor Ort waren. Nachdem sie den Notruf abgesetzt hatten, waren sie noch bei der Person in Not geblieben und hatten dort Beistand geleistet. Das hat mich positiv beeindruckt. Steht es nicht in gewisser Weise diametral der Aussage entgegen, dass die “Gesellschaft immer mehr verroht”? 

Das Buch ist interdisziplinär, welche Bereiche waren involviert und warum war es Ihnen wichtig, diese unterschiedlichen Disziplinen zu beteiligen?

Marisa Przyrembel:
Alles begann mit einem wissenschaftlichen Symposium, das wir an der Akkon Hochschule organisiert haben: wir haben einfach gesehen, wie viele Blickwinkel notwendig sind, um ein ganzheitliches Bild zu erhalten. Neben unseren eigenen Daten verbinden wir im Buch nun verschiedene Bereiche der Psychologie, das psychosoziale Krisenmanagement, Rechtswissenschaft, rettungswissenschaftliche Feldforschung, Erwachsenenbildung und Medienwissenschaft.

Zuallererst spielen rettungsdienstliche Erkenntnisse der Profis eine Rolle – hier haben wir beispielsweise einen erhellenden Beitrag einer Notfallsanitäterin an Bord. Sie schreibt zum eigenen Erleben eines Einsatzes, in dem neben einer Demo die Presse und Zuschauende vor Ort waren. Dennoch konnten die Rettungsmaßnahmen ungestört und zeitlich optimal laufen! Ferner gibt ein datenbasierter Bericht eines rettungsdienstlichen Experten Auskunft über das zum Teil ambivalente Verhalten der eigenen Berufsgruppe. Wenn es um Erstellung von Bildmaterial geht, müssen wir die Medienwissenschaft und Medienpraxis ins Boot holen: warum und was fotografieren Menschen, und was geschieht mit diesen Aufnahmen? Dann sollten wir weiter fragen: welche juristischen Optionen haben wir, wenn es Fehlverhalten gibt, und wie wirken Sanktionen? Hier kommt das Strafrecht ins Spiel. Und aus der Erwachsenenbildung erfahren wir, in welcher Weise die Arbeit im Rettungsdienst mit all ihren Herausforderungen transformativ auf die Persönlichkeitsentwicklung Einfluss nehmen kann.

Harald Karutz:
Ich möchte sogar noch weitere Disziplinen ergänzen: Wenn wir in den Blick nehmen, welche Auswirkungen bestimmte Bilder von Unglücksfällen und Katastrophen haben können, kommt noch die Psychotraumatologie ins Spiel – auch dazu ist ein Kapitel in unserem Buch enthalten. Weil natürlich auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen, ob und wie jemand bei einem Notfall zuschaut – und wie dieses Zuschauen bewertet wird, müssen Wertvorstellungen, Normen und Regeln des Miteinanders betrachtet werden, aber beispielsweise auch gruppendynamische Effekte am Ort des Geschehens. Dies alles sind Themen der Sozialpsychologie und der Soziologie. Und wenn wir überlegen, wie mit zuschauendem Verhalten möglichst angemessen umgegangen werden kann und wie man das Thema schon präventiv, etwa im Fahrschulunterricht, aufgreifen sollte, sind dies alles pädagogische Fragen. Wir haben selbst gelernt: Dem Phänomen des «Gaffens» können wir nur gerecht werden, wenn wir es aus vielen verschiedenen Blickrichtungen betrachten.

Wie hoch sind eigentlich tatsächlich die Zahlen, was "Gaffen", Störungen oder Bild- und Tonaufnahmen angeht?

Marisa Przyrembel:
An tatsächlichen Zahlen durch störendes Zuschauen waren wir extrem interessiert, da es dazu keine Fakten gab! Es hielt sich hartnäckig die Vermutung, “es wird immer mehr”, “das Problem ist extrem”. So liest es sich auch im Text der Bundesregierung zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches aus dem Jahr 2020. Aber auf welchen soliden empirischen Daten dies fusste, blieb uns trotz Recherche ein Rätsel. Infolge haben wir gemeinsam mit den Standorten der Rettungswachen in 10 Bundesländern über 15 Monate hinweg daran gearbeitet, ein klares Bild zu erhalten. Aus Einsatz- und Wochenprotokollen direkt von den Rettungswachen lässt sich ablesen, dass handfeste Probleme im Zusammenhang mit Zuschauenden selten sind. Die Hälfte der protokollierten Wochen enthielt null Einsätze mit störenden Zuschauenden. Wenn Zuschauende vor Ort waren, bewegte sich deren Anzahl zwischen einer und fünf Personen, also in einer überschaubaren Größenordnung. Und, vielleicht am wichtigsten: in den von Rettenden selbst protokollierten Einsätzen mit Zuschauenden kam es in unter 10% der Einsätze zu Störungen. Auch die über 50 Interviews, die wir mit Rettenden geführt haben, konnten dies qualitativ stützen. 

Dennoch ist jede einzelne Störung eine zu viel, kann wertvolle Zeit kosten und fatale Konsequenzen nach sich ziehen!

Harald Karutz:
In meinen Seminaren weise ich im Übrigen gern darauf hin, dass es zuschauendes Verhalten in Notsituationen immer schon gegeben hat: Blei Gladiatorenkämpfen in der Antike wurde ebenso zugeschaut wie bei Hexenverbrennungen im Mittelalter. Öffentliche Hinrichtungen waren zeitweise eine Art Volksfest, und je schmerzhafter und blutiger jemand getötet wurde, umso mehr wurde dies vom Publikum mit Jubel und Applaus “belohnt”. Die Vorstellung, dass es “immer schlimmer wird mit den Gaffern”, trifft also schlichtweg nicht zu. Im Vergleich zu früheren Zeiten geht es heute ausgesprochen zivilisiert zu. Definitiv gibt es Fälle, in denen Einzelpersonen sich höchst fraglich verhalten. Aber das sind seltene Einzelfälle – auch wenn die Medienberichterstattung einen anderen Eindruck erzeugt.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe hat 2021 die Initiative "Gaffen tötet" ins Leben gerufen, die viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Wie ist das Fazit, was hat die Aktion bewirkt?

Marisa Przyrembel:
Das stimmt, die JUH hat mit Kreativität sehr viel Interesse erzeugen, zugleich auch Aufklärungsarbeit leisten können. Schon in der Frühphase dieser Initiative gab es international wie auch national zahlreiche Anfragen zum Projekt. Wir konnten durch repräsentative Bevölkerungsbefragungen zeigen, dass ca. 20% der Menschen in Deutschland das Projekt kennen. Über 90% der Befragten beschrieben ein hohes Problembewusstsein, waren sich also im Klaren darüber, warum es z.B. kritisch ist, Fotos während Notfalleinsätzen zu machen. Der “Gag” war ja gewissermaßen, dass durch das Nutzen von Smartphones auch ein didaktischer Nutzen entstehen kann: Durch das Filmen oder Fotografieren, und damit das Scannen des QR-Codes auf den RTW, gelangt man auf die Info-Seite www.gaffen-toetet.de. Hier wird mit wenigen Worten erklärt, wie wir uns richtig an Einsatzorten verhalten. Es geht also nicht um Strafandrohung oder Belehrung allein, sondern um originelle Vermittlung von hilfreichem Verhalten. Das konnte zahlreiche Menschen nachhaltiger erreichen. So fanden knapp 70% der Bevölkerung in Deutschland die Initiative hilfreich, um für das Problem zu sensibilisieren.

In den Medien wird meist suggeriert, dass die Gewalt gegen Rettungskräfte ansteigt. Ein Beitrag im Buch hinterfragt kritisch die Hintergründe dieser Berichterstattung, warum sollte man solche Meldungen differenzierter betrachten?

Marisa Przyrembel:
Das ist ein wunderbarer Beitrag, weil er den Blick einmal auf eine andere Ebene richtet: auf welche Weise beobachten wir Gewalt, und wie sprechen wir eigentlich über das Phänomen?

Harald Karutz:
Schon eine bestimmte Wortwahl in Medienberichten ist problematisch. Wir sprechen in unserem Buch ganz bewusst von “zuschauendem Verhalten”, weil dies zunächst eine neutrale, eben nicht wertende Beschreibung ist. In Medienberichten geht es fast immer pauschal um “Gaffer” oder “Schaulustige”, obwohl man gar nicht sicher sein kann, ob wirklich “gegafft” wurde oder tatsächlich ein “Lustgewinn” angestrebt worden ist. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man sehr viel vorsichtiger sein, bevor man eine Wertung vornimmt. Leserinnen und Leser nehmen Medienberichte oftmals wahr, als würden wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse berichtet. Genau das ist oftmals aber nicht der Fall: Was Journalist*innen als “Schaulust” beschreiben, muss noch lange nicht “Schaulust” sein. Eigentlich ist es angebracht, genauer hinzuschauen und sorgfältig zu differenzieren, was für ein Verhalten sich an Unglücksorten zeigt. Diese differenziertere Betrachtung wird in vielen Medienberichten leider nicht vorgenommen, und dies wird dann auch nicht hinterfragt. So entstehen manchmal Zerrbilder und Narrative, die schlichtweg nicht der Realität entsprechen.

Menschen sind sich meist der negativen Konsequenzen des Zuschauens an einem Einsatzort bewusst, tun es aber trotzdem. Welche Erklärungsansätze gibt es dafür?

Harald Karutz:
Es gibt ein sehr breites Spektrum unterschiedlichster Theorien und Hypothesen, die hier herangezogen werden können. Zunächst sorgt eine reflexhafte Orientierungsreaktion dafür, dass wir unseren Blick rasch und ganz spontan auf ein Unglück richten. Es geht ja auch darum zu erkennen, ob vielleicht Gefahr für sich selbst drohen könnte. Natürlich spielt auch Neugier eine Rolle, die grundsätzlich aber gar nichts Negatives ist. Der eine oder andere möchte vielleicht ernsthaft etwas lernen: Wer gesehen hat, dass sich an einer bestimmten Stelle im Straßenverkehr ein Unfall ereignet hat, fährt dort selbst vielleicht etwas vorsichtiger entlang. Manche Menschen empfinden beim Zuschauen an Unglücksorten tatsächlich so etwas wie einen Nervenkitzel, einen gewissen “Kick” - wie beim Anschauen eines spannenden Thrillers auch. Definitiv empfinden aber nicht alle “Gaffer” beim Zuschauen etwas Angenehmes. Ganz im Gegenteil sind manche so schockiert und betroffen, dass sie sich einfach nicht mehr abwenden können. Und nicht zuletzt gibt es den “Zeigarnik-Effekt”: Man möchte etwas bis zu einem psychologischen “Abschluss” verfolgen, weil sonst etwas “offen” bleibt. Solange Rettungsarbeiten laufen, schaut man also weiter zu – erst wenn der Rettungswagen abgefahren ist oder die Straße wieder gereinigt wurde, ist ein Schlussbild entstanden, von dem man sich in einem gewissen Sinne auch beruhigt abwenden kann.

Marisa Przyrembel:
Diese facettenreichen Motive erkennen Rettende oftmals selbst in ihrer Arbeit, und teilweise sehr reflektiert auch an sich selbst. Einige sagten uns in Interviews sinngemäß: Naja, wir sollten uns auch an die eigene Nase fassen. Wenn wir an einem Einsatzort vorbeikommen, schauen wir da nicht auch, was passiert ist und was die Kolleg*innen so machen? Ein Nachwuchswissenschaftler, selbst im Rettungsdienst tätig, erhob daraufhin Daten, die zeigen: unter Rettenden wird auch zu privaten Zwecken Bildmaterial erstellt. Und die oben genannten Motive gelten hier nicht weniger als unter den rettungsdienstlichen Laien.

Welche Folgen kann das Zuschauen an Einsatzstellen für die verschiedenen Gruppen haben, für die Zuschauenden selbst, die Rettungskräfte und die unmittelbar Betroffenen?

Harald Karutz:
Häufig ist zuschauendes Verhalten an Unglücksorten natürlich problematisch. “Gaffende” können im Weg stehen und Rettungsmaßnahmen behindern. Unter Umständen werden Schamgefühle der Verletzten oder Angehörigen verletzt. Rettungskräfte fühlen sich unter Druck gesetzt, wenn ihnen bei ihrer Arbeit “auf die Finger geschaut” wird. Manchmal können zuschauende Personen auch die Aufklärung von Unglücksfällen erschweren. Nach einem Flugzeugabsturz tauchten zum Beispiel Wrackteile bei Privatpersonen auf, die sie als Souvenir vom Unglücksort zunächst mitgenommen hatten. Diese Wrackteile hätten aber auch Hinweise auf die Absturzursache geben können. Hier ist aber wiederum eine differenzierte Betrachtung angebracht: Fotos und Videos von “Gaffenden” können der Polizei nämlich auch wichtige Hinweise für die Aufklärung eines Unfallhergangs oder einer Straftat geben. Zuschauendes Verhalten kann sich also manchmal sogar positiv auswirken, es ist keineswegs nur negativ.

Welche Rolle spielen Smartphones und die sozialen Medien beim Phänomen "Gaffen"?

Harald Karutz:
Beides spielt in unserem Themenspektrum eine große Rolle. Fast jeder hat heute ein Smartphone, und es wird ständig genutzt. Es wird aber kaum darüber nachgedacht, ob es ethisch legitim ist, bestimmte Fotos und Videos anzufertigen. Das ist letztlich ein Bildungsdefizit; Mediennutzungskompetenz müsste zum Beispiel in Schulen viel stärker gefördert werden als bisher. Die sozialen Medien sind insofern relevant, weil man dort “Likes” bekommt, die für eine Bestätigung sorgen. Um solche Bestätigungen zu erhalten, werden dann eben auch Unfallfotos gepostet. Man erzielt dadurch Aufmerksamkeit: “Schaut her, was ich erlebt habe!”

Marisa Przyrembel:
In unseren Interviews sagten Expert*innen aus dem Rettungsdienst: Zuschauen hat es immer schon gegeben. Damit mussten wir stets rechnen und professionell umgehen. Dass die Leute, die zusehen, jetzt Smartphones in der Hand haben, gibt dem Phänomen noch einmal eine andere Qualität, wenngleich nicht zwingend eine andere Quantität. Natürlich wird eine Vervielfältigung eines Bildes durch soziale Medien wahrscheinlicher. Ein Schnappschuss kann hier eine riesige Reichweite bekommen. Das macht das Filmen und Fotografieren auch noch einmal potentiell störender.

Wie sollten Rettungskräfte selbst auf Zuschauende reagieren, gibt es hier Handlungsempfehlungen?

Harald Karutz:
In einem unserer Buchkapitel geht es genau darum. Wir empfehlen, zunächst einmal Ruhe zu bewahren und zuschauendes Verhalten als etwas ganz “Normales” und auch Verständliches hinzunehmen. Das Thema sollte “ent-emotionalisiert” und versachlicht werden. Sicherlich kann man das Zuschauen aber auch unattraktiv machen, z. B. durch Sichtschutzwände oder vorgehaltene Decken. Vielleicht gelingt es auch, einzelne zuschauende Personen in die Hilfeleistung einzubeziehen, wenn man sie gezielt anspricht und ihnen einen konkreten Auftrag erteilt. Um diejenigen, die sich wirklich störend verhalten, Rettungsmaßnahmen behindern oder z. B. Fotos und Videos von Verletzten oder Verstorbenen anfertigen, sollte sich die Polizei kümmern – Strafverfolgung ist keine Aufgabe von Einsatzkräften des Rettungsdienstes oder der Feuerwehr. In unserem Buch wird aber auch diskutiert, ob man zuschauendes Verhalten in bestimmten Fällen und unter bestimmten Umständen nicht sogar explizit legitimieren könnte: Es gab z. B. schon Versuche, in größeren Schadenslagen Räume freizuhalten, von denen aus zugeschaut werden konnte. Der Gedanke war, dass man zuschauendes Verhalten ohnehin nicht gänzlich verhindern kann – man könnte es aber in geordnete Bahnen lenken. In diese Richtung zielt auch ein Merkblatt, das von der Feuerwehr Mainz entwickelt worden ist: Darin wird informiert, dass man grundsätzlich zuschauen darf, dass dabei aber einige Regeln befolgt werden müssen. Anweisungen von Einsatzkräften ist Folge zu leisten, man muss einen Mindestabstand halten, Betroffene dürfen niemals fotografiert oder gefilmt werden usw.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Dr. Marisa Przyrembel

Prof. Dr. Marisa Przyrembel ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit Approbation in der Fachkunde Verhaltenstherapie für Erwachsene. Seit rund 20 Jahren arbeitet sie wissenschaftlich zur Schnittstelle der angewandten Psychologie und den besonderen Herausforderungen in «Blaulichtberufen» wie der Polizei, der Notfallmedizin, der Pflege sowie dem Rettungsdienst. Neben Themen aus Sozial-, Wahrnehmungs- und Kommunikationspsychologie setzt sie ihren praxisnahen Schwerpunkt auf den Stellenwert von Selbstfürsorge und Psychohygiene in helfenden Berufen. Hierbei besitzen kontemplative Techniken eine wichtige Rolle, zu denen Marisa Przyrembel sich regelmäßig intensiv fortbildet.

Prof. Dr. Harald Karutz

Prof. Dr. Harald Karutz ist Diplom-Pädagoge und Professor für Psychosoziales Krisenmanagement an der MSH Medical School Hamburg. Rund 20 Jahre lang war er als Rettungsassistent und Notfallsanitäter selbst im Rettungsdienst aktiv. Außerdem hat er im gleichen Zeitraum eine Berufsfachschule für Rettungsfachpersonal geleitet. Ehrenamtlich engagiert Prof. Karutz sich als Notfallseelsorger und Leiter eines Teams für die Psychosoziale Unterstützung von Einsatzkräften in seinem Wohnort Mülheim an der Ruhr. Ferner ist er u. a. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Seit vielen Jahren beschäftigt Harald Karutz sich intensiv mit psychologischen, pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen im Bereich des Krisenmanagements, des Rettungswesens sowie der Gefahrenabwehr.

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„Gaffen“ - Mythen und Faktencheck für Rettungskräfte Zuschauendes und störendes Verhalten am Unfallort richtig einschätzen und souverän reagieren herausgegeben von Marisa Przyrembel, Harald Karutz
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