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Wege aus der Verbitterung

Verbitterung ist eine Emotion, die niemandem völlig unbekannt sein dürfte. Als Reaktion auf ein negatives Ereignis ist sie ganz normal, doch ab einem gewissen Punkt sollte eine verbitterte Person sich Hilfe suchen. Wir haben mit den Autoren Christopher Arnold und Michael Linden darüber gesprochen, wann dieser Punkt erreicht ist.

 

Herr Linden, Herr Arnold, auf welche Situationen reagieren wir typischerweise mit Verbitterung?
Verbitterung dürfte jedem Menschen geläufig sein. Es handelt sich um eine „reaktive“ Emotion, die auftritt, wenn man Ungerechtigkeit oder einen Vertrauensbruch erlebt hat oder herabgewürdigt wurde und sich nicht dagegen wehren kann.

Wie sich Verbitterung äußert

Was sind die klassischen Symptome von Verbitterung?
Das Leitsymptom ist eben diese charakteristische Emotion „Verbitterung“. Bei ausgeprägterer Intensität geht diese typischerweise mit einer Reihe zusätzlicher Beschwerden einher, wie Herabgestimmtheit oder allgemeinen psychosomatischen Beschwerden. Besonders bedeutsam sind der Rückzug aus Sozialbeziehungen und vor allem auch Rache- und Aggressionsgefühle.

Ist es für unser Wohlbefinden sinnvoll, mit Verbitterung auf Rückschläge zu reagieren, oder büßen wir dadurch langfristig Lebensqualität ein?
Verbitterung ist zunächst einmal eine normale menschliche Emotion. Wird man beispielsweise durch eine Kollegin/einen Kollegen gekränkt, dann darf man auch einmal verbittert sein und das zeigen. Man muss nicht immer nett reagieren. Hält Verbitterung aber an und wird möglicherweise sogar intensiver, dann beeinträchtigt sie die Lebensqualität der Betroffenen doch erheblich und zieht zudem auch andere Menschen mit hinein.

Hilfe finden bei Verbitterung

Können Sie einen Zeitpunkt nennen, ab dem eine verbitterte Person sich Hilfe suchen sollte?
Professionelle Hilfe ist dann geboten, wenn durch die Verbitterung das Alltagsleben und die Sozialbeziehungen beeinträchtigt werden. Natürlich sollte man auch gegen Verbitterung etwas tun, wenn man dadurch in eine andauernde schlechte Stimmung kommt und nicht mehr nach vorne sehen kann, weil man ständig in seinen Gedanken und Erinnerungen in der Vergangenheit verhaftet ist.

Gibt es konkret etwas, das auch Angehörige von Betroffenen tun können, um zu helfen?
Verbitterung wirkt sich typischerweise nicht nur auf den Betroffenen selbst, sondern auch auf sein Umfeld aus. Wir bekommen ebenso häufig Anfragen von Angehörigen, die sich nicht mehr zu helfen wissen, wie von Betroffenen selbst. Das Schlimme an Verbitterung ist, dass die Betroffenen oft genau die Personen vor den Kopf stoßen, die ihnen eigentlich helfen wollen. In diesen Fällen hilft keine Diskussion. Stattdessen sollte den Betroffenen vermittelt werden, dass man an ihrer Seite ist, ohne dass man ihre Weltsicht teilen muss.

Muss es immer eine Psychotherapie sein, oder können verbitterte Person auch anders Hilfe finden?
Wie bei vielen anderen psychischen Problemen ist natürlich der erste Schritt, dass man erst einmal wartet, ob man sich nicht selbst aus der Verbitterungsfalle befreien kann. Im nächsten Schritt ist empfehlenswert, sich mit Freund*innen oder Familienangehörigen zu beraten und möglichst auch Ratschläge anzunehmen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es sehr schwer ist, sich von Verbitterung zu lösen. Selbst Psychotherapie ist vielfach nur begrenzt wirksam, weshalb ein sehr spezifisches therapeutisches Vorgehen erforderlich ist. Bevor man in Verbitterung versinkt, sollte man doch professionelle Hilfe suchen

Verbitterung in der Corona-Pandemie

Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, könnte man davon ausgehen, dass die Verbitterung bei Menschen insgesamt zugenommen haben könnte. Ist dem so? Was würden Sie einer verbitterten Person aktuell raten, um ihre Situation zu verbessern?
In der Corona-Pandemie reagieren Menschen dann verbittert, wenn sie das, was ihnen zugemutet wird, als hoch ungerecht erleben und dies sie zugleich in Hilflosigkeit stürzt. Wenn also beispielsweise ein Boutique-Besitzer, in dessen Laden in der Regel nicht mehr als drei Kund*innen gleichzeitig kommen, gezwungen wird, zu schließen und er dadurch in den finanziellen Ruin getrieben wird, während gleichzeitig nebenan ein Supermarkt mit Hunderten von dicht gedrängten Kund*innen geöffnet bleiben darf, dann könnte das Verbitterung auslösen. Das dürfte sich dann sowohl in der individuellen Lebensführung niederschlagen als auch zu politischen und gegebenenfalls dysfunktionalen Reaktionen führen. Betroffene sollten sich klar machen, dass das, was ihnen widerfahren ist, schon schlimm genug ist und dass Verbitterung die Problembewältigung nicht verbessert, sondern den Schaden noch vergrößert.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Christopher Arnold

Christopher Arnold, 2018 Studium der Psychologie in Berlin. Seit 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité Universitätsmedizin Berlin und seit 2020 am Rehabilitationszentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung Berlin, Teltow.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Michael Linden

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Michael Linden, Studium der Medizin und Psychologie in Mainz und Berlin. Promotion an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, 1976- 1998 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und ltd. Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin. Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin. Psychologischer Psychotherapeut. Habilitation und Berufung zum Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Freien Universität Berlin. 1998-2015 Direktor der Abteilung für Verhaltenstherapie und Psychosomatik am Rehabilitationszentrum Seehof der DRV Bund in Teltow/Berlin.