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Wie gute Gespräche mit Kindern und Jugendlichen gelingen

Gute Gespräche mit Kindern und Jugendlichen entstehen nicht allein durch die richtige Technik. Entscheidend ist, wie Fachpersonen Beziehung gestalten, auf Entwicklungsstand und Lebenswelt eingehen und auch in komplexen Konstellationen mit Eltern, Schule oder anderen Bezugspersonen einen hilfreichen Rahmen schaffen. Im Interview zum praxisorientierten Handbuch „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen“ mit den Autor*innen Dr. Letizia Gauck und Dr. Tobias Kahl geht es darum, was in Therapie, Beratung und anderen psychosozialen Arbeitsfeldern wirklich trägt – vom Erstgespräch über den Umgang mit Widerstand bis hin zu kreativen Methoden der Gesprächsführung.

Ein Jugendlicher in einem fliederfarbenen Hoody sitzt in einem Raum und schaut leicht lächelnd zum Gegenüber. Man sieht einen angeschnittenen Rücken einer weiblichen Person, sie hat die linke Hand im Gespräch leicht erhoben.

Bild: Getty images

Muss man bei Kindern und Jugendlichen andere Techniken der Gesprächsführung (GF) anwenden? Wie unterscheiden sich Gespräche mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen?

Ja, Gespräche mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Die grundlegenden Prinzipien guter Gesprächsführung – etwa Interesse, Wertschätzung oder aktives Zuhören – sind zwar dieselben, ihre konkrete Umsetzung muss jedoch an Alter und Entwicklungsstand angepasst werden. Bei Kindern spielen zum Beispiel Sprache und Aufmerksamkeitsspanne eine wichtige Rolle. Deshalb werden Gespräche häufig durch zusätzliche Methoden ergänzt, etwa durch gemeinsames Spielen, Malen, Visualisieren oder andere kreative Zugänge. Solche Methoden erleichtern es Kindern, ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen auszudrücken. Jugendliche verfügen über deutlich ausgeprägtere sprachliche und reflexive Fähigkeiten. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Autonomie, Selbstbestimmung und Privatsphäre an Bedeutung. Hier ist es besonders wichtig, Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Sichtweisen ernst zu nehmen und ihnen ausreichend Mitgestaltungsmöglichkeiten im Gespräch zu geben.

Sie schreiben, GF sei mehr als eine Technik und v.a. Beziehungsarbeit. Worauf kommt es dabei im Kontakt mit jungen Menschen besonders an?

Alle Menschen sind individuell und möchten ernst genommen werden. Im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen besteht jedoch manchmal die Gefahr, dass ihre Perspektiven vorschnell eingeordnet, bewertet oder von den Sichtweisen der Erwachsenen überlagert werden. Über alle Altersstufen hinweg ist eine authentische, offene, wertschätzend-empathische Haltung der wichtigste Wirkfaktor. Das bedeutet nicht, dass wir Kinder wie kleine Erwachsene behandeln sollten, im Gegenteil: Es ist wesentlich, sie mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und diese genauso ernst zu nehmen, wie wir es bei einem Erwachsenen tun würden. Kinder und Jugendliche merken sehr schnell, ob wir ihnen wirklich zuhören, neugierig auf ihre Perspektive sind und ihnen aufrichtig begegnen. Häufig entsteht Vertrauen nicht durch eine besondere Technik, sondern dadurch, dass sich ein Kind verstanden, respektiert und ernst genommen fühlt.

Warum ist die Vorbereitung eines ersten Treffens und eines ersten Gesprächs so wichtig, was sollte man hier vor allem beachten?

Wenn Kinder involviert sind, haben wir es meist mit mehreren potenziellen Gesprächspartner*innen zu tun: dem Kind selbst, seinen Eltern, eventuell Geschwistern oder weiteren Bezugspersonen. Eine sorgfältige Vorbereitung hilft dabei, von Anfang an ein hilfreiches Gesprächssetting zu schaffen. Wichtig ist vor allem die Frage, wen ich wann einlade und welche Gespräche gemeinsam oder getrennt stattfinden sollten. Oft erhalten wir zusätzliche Informationen, wenn Beteiligte zunächst einzeln sprechen können. Gleichzeitig kann es eine wichtige Intervention sein, wenn ein Kind mit Unterstützung einer Fachperson den Eltern mitteilen kann, wie es ihm wirklich geht.

Kinder und Jugendliche bringen sehr unterschiedliche Lebenswelten mit – Familie, Schule, kultureller Hintergrund. Wie kann man diese Unterschiede im Gespräch angemessen berücksichtigen, ohne zu vereinfachen?

Wichtig ist, dass wir uns dieser Unterschiede bewusst sind und nicht automatisch von einer weitgehenden Gemeinsamkeit ausgehen. Kinder und Jugendliche wachsen in sehr unterschiedlichen Lebenswelten auf, die ihre Erfahrungen, Werte und Sichtweisen prägen können. Gerade bei größeren Unterschieden, beispielsweise zwischen den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft und den kulturellen Hintergründen einer Familie, lohnt es sich, neugierig nachzufragen und nicht vorschnell zu interpretieren. Hilfreich kann es sein, die Familie direkt zu fragen, was für sie wichtig ist und worauf man im Kontakt achten sollte – manchmal schon bei scheinbar einfachen Dingen wie der Begrüßung oder der Ansprache. Letztlich geht es darum, die individuelle Lebenswelt eines Kindes oder Jugendlichen zu verstehen, statt aus kulturellen oder sozialen Zuschreibungen vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Wie gelingt es in der Praxis, die oft unterschiedlichen Erwartungen von Kind, Eltern und Schule so zu klären, dass ein gemeinsames Ziel entsteht – etwa in Familiengesprächen oder in belastenden Situationen?

Häufig ist es eine Frage der “Flughöhe”: Bei übergeordneten Zielen wie dem Wohlbefinden des Kindes oder dem Schaffen guter Entwicklungsbedingungen sind sich die Beteiligten oft einig. Im Streit um den Weg dorthin verlieren die Konfliktparteien dies jedoch leicht aus den Augen. Daher kann es sehr hilfreich sein, nach dem gleichberechtigten Anhören aller Beteiligten zunächst einen Konsens über das gemeinsame übergeordnete Ziel herzustellen. Erst danach wird der Blick auf die unterschiedlichen Vorstellungen und Lösungswege gerichtet.

Wie kann man damit umgehen, wenn Kinder oder Jugendliche mit Widerstand oder einer "Null-Bock-Haltung" kommen?

Sehr hilfreich kann es sein, zunächst die eigene Haltung zu diesem “Widerstand” zu hinterfragen. Wenn ein Kind oder ein*e Jugendliche*r nicht sofort unsere Ziele teilt oder nicht begeistert am Gespräch teilnimmt, bedeutet das nicht automatisch, dass keine Motivation vorhanden ist. Häufig verfolgt die Person einfach andere Ziele oder hat gute Gründe, zurückhaltend, skeptisch oder ablehnend zu reagieren. Widerstand kann viele Ursachen haben: Vielleicht wurde das Gespräch von anderen initiiert, vielleicht hat das Kind bereits die Erfahrung gemacht, nicht verstanden zu werden, oder es sieht schlicht keinen Nutzen darin, über das Thema zu sprechen. In solchen Situationen ist es oft hilfreicher, den Widerstand nicht als Problem zu betrachten, sondern als wichtige Information über die aktuelle Situation und Perspektive des Kindes oder Jugendlichen. Gewinnbringend ist es deshalb, gemeinsam zu erforschen, wofür das Kind oder der/die Jugendliche motiviert ist: Was ist ihm oder ihr wichtig? Was möchte die Person erreichen, bewahren oder vermeiden? Wenn wir zunächst an den Anliegen unseres Gegenübers anknüpfen, entsteht oft eine tragfähige Arbeitsbeziehung.

Man sieht eine Frau auf dem Boden sitzen in einem Raum. Davor steht ein Junge mit einer Handpuppe auf der linken Hand. Er sieht aus, als ob er gerade spricht. Die Frau lächelt.
Bild: Shutterstock

Das Buch stellt viele konkrete und kreative Methoden für die GF vor. Können Sie einige beschreiben, mit denen Sie gerne arbeiten?

Schön ist es, wenn man verschiedene Methoden und damit eine Art “Werkzeugkoffer” zur Verfügung hat, aus dem man sich je nach Erfordernissen der Situation bedienen kann. Sehr häufig setzen wir Materialien während des Gesprächs ein, zum Beispiel zum Malen, zum Spielen oder um eine Situation nachzustellen – etwa mit Spielfiguren, Karten oder Steinen. Solche Methoden können Kindern helfen, Gedanken, Gefühle und Beziehungen sichtbar zu machen, die sich allein über Sprache oft nur schwer ausdrücken lassen. Metaphern oder Geschichten können sehr hilfreich sein, um auf einer imaginativen Ebene kognitive Inhalte zu vermitteln. Sie ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, schwierige Themen mit etwas Abstand zu betrachten und neue Perspektiven zu entwickeln. Ein Kind muss dann nicht direkt über sich selbst sprechen, sondern kann beispielsweise über einen mutigen Ritter, einen inneren Kritiker oder einen schweren Rucksack erzählen, den es mit sich herumträgt. Auch Visualisierungen setzen wir häufig ein: Gemeinsam etwas aufzuzeichnen oder eine Situation zu skizzieren kann Gespräche strukturieren und neue Einsichten ermöglichen. Entscheidend ist, ob die Methode zum Gegenüber und zur jeweiligen Situation passt und dabei hilft, miteinander in einen echten Dialog zu kommen.

Gesprächsführung hat auch viel mit der eigenen Person zu tun: Welche Rollen spielen eigene Haltung, Biografie oder emotionale Reaktionen – und wie kann man damit professionell umgehen?

Die eigene Befindlichkeit und die eigenen biografischen Erfahrungen haben einen großen Einfluss auf die Gesprächsführung. Vermutlich haben wir alle schon die Erfahrung gemacht, dass wir in Gesprächen, die uns herausfordern, besser ruhig, aufmerksam und geduldig bleiben können, wenn wir ausgeschlafen sind und nicht gerade unter großem Stress stehen. Auch unsere eigenen Beziehungserfahrungen prägen, wie wir auf unser Gegenüber reagieren. Je nachdem, welche Erfahrungen wir selbst mit wichtigen Bezugspersonen gemacht haben, sprechen uns bestimmte Verhaltensweisen von Kindern, Jugendlichen oder Eltern besonders an – oder fordern uns besonders heraus. Manche Menschen reagieren beispielsweise empfindlich auf Rückzug, andere auf Widerstand, Lautstärke oder Kritik. Professionell handeln bedeutet nicht, frei von solchen Reaktionen zu sein. Vielmehr geht es darum, sich der eigenen Prägungen, Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden und nicht automatisch darauf zu reagieren. Wenn ich spüre, dass ich emotional stark beteiligt bin, kann schon eine kurze innere oder äußere Unterbrechung hilfreich sein, um etwas Abstand zu gewinnen. Mit dieser Distanz kann ich mich fragen: Was passiert gerade in mir? Was ist mein Ziel in diesem Gespräch? Und was wäre jetzt für mein Gegenüber hilfreich? So wird es möglich, weniger aus dem Affekt heraus und stärker aus einer professionellen Haltung heraus zu handeln.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Letizia Gauck

Dr. Letizia Gauck ist Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie. Das Psychologiestudium absolvierte sie in Konstanz, München und London. Sie war an der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Ludwig- Maximilians-Universität München, in eigener Praxis sowie an der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Ulm tätig. Aktuell arbeitet sie am Claraspital/ Universitätsspital Basel und leitet das Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel. Sie ist Dozentin unter anderem an Pädagogischen Hochschulen und in Weiterbildungen für Kinder- und Jugendpsychologie.

Dr. Tobias Kahl

Dr. Tobias Kahl ist Psychologe und Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie. Er studierte Psychologie in Münster und Bielefeld; an der Universität Basel absolvierte er das Doktoratsprogramm SEED (Schulpsychologie, Entwicklungsdiagnostik und Erziehungsberatung). Tobias Kahl arbeitete viele Jahre am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) der Universität Basel in der Beratung von Kindern, Jugendlichen und Familien und war auch in internationalen Kontexten tätig, unter anderem in Kolumbien. Er engagiert sich in der Weiterbildung von Fachpersonen aus Psychologie, Schule und Beratung.

Empfehlung des Verlags

Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen Ein praxisorientiertes Handbuch von  Letizia Gauck, Tobias Kahl
Dieses Buch richtet sich an: Jugendpsycholog*innen, Schulpsycholog*innen, Entwicklungspsycholog*innen, Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen, Pädagog*innen in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sowie StudierendeGespräche mit Kindern und Jugendlichen zählen zu den zentralen und zugleich anspr…

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