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Wie man Digitale Gesundheitsanwendungen effektiv in die Behandlung integrieren kann

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind längst Teil der ärztlichen Versorgung, sie fördern Therapieadhärenz, Behandlungserfolg und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten.

Dr. Alexandra Widmer hat einen neuen Kartenfächer erarbeitet, er unterstützt Ärztinnen und Ärzte mit 77 praxisnahen Impulsen dabei, DiGA fundiert einzuschätzen und verständlich zu vermitteln. Im Interview haben wir über Chancen und Potentiale gesprochen, die Digitale Gesundheitsanwendungen bieten und darüber, wie sie effektiv und erfolgreich in der Behandlung einsetzbar sind.

Ein Smartphone, auf dem eine digitale Gesundheitsanwendung zu sehen ist, zwei Personen, eine hält Smartphone in der Hand, beide betrachten den Bildschirm Bild: Shutterstock / Dragon Images

Können Sie kurz erklären, was eine DiGA ist und was sie von einer normalen Gesundheits-App unterscheidet?

Eine DiGA ist eine medizinisch geprüfte App oder Webanwendung, die ärztlich verordnet werden kann. Sie ist Teil einer Behandlung und nicht einfach nur ein digitales Angebot. Der Unterschied zu einer normalen Gesundheits-App liegt in der klinischen Prüfung, der Zulassung durch das BfArM und der Kostenerstattung durch die Krankenkassen. DiGA sind damit digitale Therapien, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist.

Welche Vorteile können DiGA im Praxisalltag bieten, gerade im Hinblick auf Effizienz und Patientenbindung?

DiGA fördern die Gesundheitskompetenz, weil Menschen bzw. Patientinnen und Patienten sich mit ihren eigenen Erkrankung auseinandersetzen. Auch wenn das nicht immer das Hauptziel einer Anwendung ist, entsteht dabei oft ein wichtiger Nebeneffekt. Viele verstehen ihre Symptome besser und können unterscheiden, was sie selbst beeinflussen können und wann sie ärztliche Unterstützung brauchen. Das führt dazu, dass weniger Termine für Wiederholungen nötig sind und mehr Zeit für die komplexen Fälle bleibt. Ärztinnen und Ärzte erleben, dass sich die Gespräche verändern. Die Patientinnen und Patienten kommen vorbereiteter, bringen Daten und Erfahrungen mit. Das macht die Begegnung interessanter, weil Therapie eben nicht nur im Behandlungsraum stattfindet, sondern auch zwischen den Terminen. 

Ihr Fächer soll helfen, DiGA stressfrei in das Arzt-Patienten-Gespräch zu integrieren. Wie funktioniert das konkret?

Im Fächer finden Ärztinnen und Ärzte kurze Praxisbeispiele, Formulierungen und Gesprächsbausteine, mit denen sie das Thema leicht ansprechen können. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man das Thema DiGA natürlich ins Gespräch bringt. Der Fächer begleitet durch den gesamten Prozess. Von der Auswahl des passenden Patienten oder der passenden Patientin über die Einführung bis zur Nachbesprechung. Viele Ärztinnen und Ärzte schätzen, dass sie dort einfache Erklärhilfen finden, die sich direkt im Alltag nutzen lassen. Nicht jeder Impuls passt für alle, aber je nach Fachrichtung oder Patientengruppe kann man sich das Passende heraussuchen. Oft reicht schon eine kleine Idee, um das Gespräch entspannter und strukturierter zu gestalten.

Viele Ärztinnen und Ärzte empfinden digitale Anwendungen als zusätzlichen Aufwand. Welche Haltung oder Routine hilft, DiGA leichter in den Alltag zu bringen?

Ich kann dieses Empfinden gut nachvollziehen. Am Anfang fühlt es sich tatsächlich so an, als müsse man extra Zeit investieren. Wenn man sich aber einmal überlegt hat, was man wann und wie sagt, wird es schnell zur Routine. Dann dauert es oft nicht länger als zwei bis drei Minuten, eine DiGA ins Gespräch einzubauen. Das ist reine Übungssache. Und es gehört heute zu unserer ärztlichen Aufgabe, neben medikamentösen Therapien auch digitale Therapien mitzudenken.

Sie betonen die Rolle der Sprache und des Vertrauens. Welche Formulierungen oder Kommunikationsansätze haben sich im Gespräch über DiGA besonders bewährt?

Ich versuche, Patientinnen und Patienten in einer einfachen Sprache und mit Bildern zu erklären, was eine digitale Gesundheitsanwendung eigentlich ist. Ein Beispiel, das ich gern nutze, ist der Vergleich mit einem Blumenstrauß. Ein Medikament ist wie ein Strauß, den man sich kauft, ins Wasser stellt und sich kurzfristig darüber freut. Eine DiGA dagegen ist wie Tulpen, die man selbst einpflanzt und pflegt. Da geht es um Verhaltensänderungen, Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Krankheitsbild. Das braucht Zeit, wirkt aber nachhaltig. Das A und O ist, dass die Ärztin oder der Arzt selbst überzeugt ist. Wenn die Patienten oder der Patient spürt, dass jemand wirklich hinter der digitalen Anwendung steht, entsteht Vertrauen. Die Art, wie etwas vorgestellt wird, macht einen großen Unterschied. Wenn ich sage „Versuchen Sie das mal“ oder „Das ist gut zur Überbrückung der Wartezeit“, fühlt sich die Patientin oder der Patient nicht ernst genommen. Wenn ich dagegen klar und überzeugt erkläre, dass diese digitale Therapie genauso wichtig ist wie Medikamente oder andere Maßnahmen, hat das eine ganz andere Wirkung. Die Patientin oder der Patient spürt, dass sie oder er ein wesentlicher Teil der Behandlung ist.

Wenn ich klar und überzeugt erkläre, dass diese digitale Therapie genauso wichtig ist wie Medikamente oder andere Maßnahmen, hat das eine ganz andere Wirkung. Die Patientin oder der Patient spürt, dass sie oder er ein wesentlicher Teil der Behandlung ist.

In Ihrem Fächer zeigen Sie, dass DiGA in verschiedenen Behandlungsphasen eine Rolle spielen können. Wo sehen Sie aktuell das größte Potenzial für ihren Einsatz?

Am stärksten sehe ich den Nutzen derzeit bei chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen und in der Nachsorge. Überall dort, wo regelmäßige Begleitung, Motivation und Selbstmanagement eine Rolle spielen. DiGAs können Brücken bauen. Zwischen Terminen, aber auch zwischen Praxis und Alltag der Patienten.

Sie haben Checklisten und Selbsttests integriert – etwa den „WID-Check“ (Wirksamkeit, Integration, Durchführbarkeit) für Ärztinnen und Ärzte. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, und wie erleichtern solche Tools den Einstieg in die DiGA-Beratung?

Die Checklisten sind aus der klinischen Arbeit entstanden und fassen zusammen, worauf es im Praxisalltag wirklich ankommt. Sie helfen, schnell einzuschätzen, ob eine Patientin oder ein Patient für eine digitale Anwendung geeignet ist und wo mögliche Hürden liegen. Dabei geht es nicht nur um die Diagnose, sondern auch um Motivation, digitale Erfahrung und Stabilität. Diese Struktur schafft Klarheit und spart Zeit. Viele Ärztinnen und Ärzte berichten, dass sie dadurch einen leichteren Zugang finden und Gespräche gezielter führen können. Ich hoffe, dass diese Skalen in Zukunft wissenschaftlich überprüft werden, damit wir sehen, ob sie das leisten, was sie in der Praxis versprechen.

Wenn Sie nach vorn schauen: Wie könnte der selbstverständliche Umgang mit DiGA in der medizinischen Versorgung künftig aussehen? Wie können Ärztinnen und Ärzte die digitale Transformation mitgestalten?

DiGA werden künftig ein Teil der medizinischen Versorgung sein, besonders dann, wenn dort auch KI integriert wird. Das wird sie deutlich von frei verfügbaren Tools unterscheiden. Wir Ärztinnen und Ärzte werden dabei die Rolle von Übersetzerinnen und Lotsen übernehmen. Wir erklären, was medizinisch geprüft ist, ordnen digitale Anwendungen fachlich ein und begleiten ihre Nutzung. Unsere Verantwortung bleibt, Vertrauen zu schaffen und die Verbindung zwischen Medizin und Technologie zu halten. Digitale Medizin kann nur gemeinsam mit der ärztlichen und der Patientenperspektive gestaltet werden. Sonst verliert sie ihre Wirksamkeit und ihren Sinn.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Alexandra Widmer

Dr. Alexandra Widmer ist seit 2003 approbierte Ärztin, Fachärztin für Neurologie und ärztliche Psychotherapeutin. Seit 2017 beschäftigt sie sich intensiv mit der Entwicklung und Anwendung digitaler Gesundheitsanwendungen und setzt diese auch in der ambulanten Versorgung ein. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie sich digitale Lösungen wirksam und alltagstauglich in die ärztliche Kommunikation integrieren lassen. Mit diesem Kartenset möchte sie Kolleginnen und Kollegen Einblicke aus der klinischen Praxis geben, Impulse für den Einsatz im Alltag bieten und zur Weiterentwicklung sowie Forschung anregen.

Empfehlung des Verlags

77 Impulse für das Arzt-Patienten-Gespräch mit DiGA Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) einfach und stressfrei integrieren von  Alexandra Widmer
Dieses Buch richtet sich an:Niedergelassene Ärzt*innen (Hausärzt*innen).Dieser Kartenfächer richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, die digitale Anwendungen fundiert einschätzen und mit ihrer fachlichen Expertise begleiten möchten. Die 75 Impulse basieren auf konkreten Situationen und Rückmeldungen aus…

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