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Wie soziale Netzwerke den beruflichen Wissensaustausch fördern

Im Job ist es häufig nötig, Wissen auszutauschen. Medienpsychologische Befunde deuten darauf hin, dass Social Media das leichter macht.

Längst haben Soziale Netzwerke, wie Facebook und Twitter, Xing und LinkedIn den Weg in unseren beruflichen Alltag gefunden. Immer mehr Unternehmen setzen zudem interne Social Media für den Wissensaustausch ein. Mit gutem Grund, wie es scheint.

Das Potenzial von Social Media für den Wissensaustausch liegt vor allem darin, dass der Aufbau und die Pflege eines großen und vielfältigen Netzwerks erleichtert wird. Ein solches Netzwerk ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Wissensaustausch überhaupt stattfinden kann. Darüber hinaus kann Social Media dabei helfen, innerhalb dieses Netzwerks Experten zu identifizieren und Vertrauen aufzubauen, so die Theorie.

Medienpsychologische Befunde zur sozialen Informationsverarbeitung und Beziehungspflege in sozialen Medien liefern empirische Unterstützung für diese Annahmen und geben Aufschluss über die zugrundeliegenden Prozesse.

Netzwerke pflegen

Social Media hilft sowohl in beruflichen als auch privaten Kontexten, ein großes Netzwerk zu pflegen und zu erweitern.

Sichtbare Verbindungen als Besonderheit von Social Media

Die Merkmale der Kommunikation auf Social Media sind eine hohe Sichtbarkeit, Editierbarkeit, Persistenz von geteilter Information. Beispielsweise sind Profilangaben und Nachrichten für eine große Gruppe von Personen sichtbar und können im Nachhinein bearbeitet werden. Gleichzeitig können sie häufig nur schwer gelöscht werden.

Zusätzlich sind auf Social Media Verbindungen zwischen Personen und Personen und Inhalten sichtbar dargestellt. Daraus erwachsen Chancen für die Vergrößerung des eigenen Netzwerks. Zum Beispiel kann man sehen, wer an bestimmten Veranstaltungen interessiert ist. So lassen sich Personen finden, die ähnliche Interesse haben oder aus demselben Berufsfeld stammen.

Struktur von Business-Netzwerken bietet größte Vorteile

In sozialen Netzwerken lässt sich zwischen strong ties und weak ties unterscheiden. Strong ties sind enge Verbindungen zu Freunden und Familienmitgliedern oder Kollegen, mit denen man tagtäglich zusammenarbeitet. Mit weak ties werden schwächere Verbindungen zu Bekannten bezeichnet.

Vor allem die Pflege der weak ties wird durch Social Media erleichtert. Sie wird verstärkt auf Business-Netzwerkseiten wie Xing oder LinkedIn betrieben. Auch Studien bestätigen, vor allem die Nutzung von Business-Netzwerken wie Xing oder LinkedIn bereichert den berufliche Wissensaustausch.

Enge Verbindungen werden bevorzugt genutzt

In Business-Netzwerken kann die Anzahl der weak ties die Informationsvorteile durch die Netzwerknutzung vorhersagen. Trotzdem wenden sich Nutzer*innen lieber an ihre strong ties, auch wenn weak ties mehr Expertise hätten. Als Erklärung wird das größere Vertrauen in die Kompetenz der strong ties angenommen.

Verbundenheit und Vertrauen trotz oberflächlicher Kommunikation

Verbundenheit und Vertrauen scheinen auch im beruflichen Kontext relevant zu sein. Gerade wenn unter den Kontakten auch potenzielle Mitbewerber und Konkurrenten sind, ist es wichtig einschätzen zu können, wem man vertrauen kann.

Obwohl die Kommunikation oberflächlich ist, können positive und unterhaltsame Nachrichten ein Gefühl von Verbundenheit stärken. Das hat eine Studie mit Facebook-Nutzer*innen ergeben.

Das Schreiben positiver Statusmitteilungen hat in der Studie allerdings weniger zum Gefühl der Verbundenheit beigetragen. Stattdessen hat vor allem das Lesen positiver Nachrichten die Verbundenheit gefördert. Dies steht im Gegensatz zu sozialpsychologischen Theorien, die davon ausgehen, dass Beziehungen vor allem durch intime Selbstoffenbarung aufgebaut werden. Obwohl für die Kommunikation in sozialen Medien also zum Teil andere Effekte zu finden sind als für die analoge Kommunikation, macht die Studie doch deutlich, dass der Kontakt über Facebook zur Stärkung von Beziehungen beitragen kann.

Es wird vermutet, dass Ähnliches auch für Business-Netzwerke gilt. Durch das Lesen von Statusmitteilungen könnte ambient intimacy, ein Gefühl von Vertrautheit entstehen, das den Wissensaustausch fördert.

Expertise identifizieren

Um vom Austausch mit den eigenen Kontakten optimal profitieren zu können, müssen die Nutzer*Innen zudem beurteilen, wer was weiß.

Valide Informationen bestimmen die Eindrucksbildung

Auf der Suche nach Expert*innen, haben Nutzer*innen die Möglichkeit sich durch Ihre Kontaktliste zu klicken. Für die Einschätzung, wer die benötigte Expertise vorweisen kann, können beispielsweise Angaben auf dem Profil der Kontakte hinzugezogen werden.

Allerdings stellen sich Nutzer*innen auf Sozialen Netzwerk-Seiten gerne idealisiert dar. Die Informationen, die Nutzer*innen selbst veröffentlichen, wie ihre Profilangaben oder Statusmeldungen, sind also häufig verzerrt und können sogar gänzlich falsch sein. Es ist daher wichtig, dass Nutzer*innen beurteilen können, auf welche Informationen sie sich verlassen können und auf welche nicht.

Neben den Informationen, die Nutzer*innen aktiv über sich selbst veröffentlichen gibt es vom System bereitgestellte Informationen, wie zum Beispiel die Anzahl der Kontakte oder der Profilbesuche. Zusätzlich gibt es von anderen Nutzer*innen stammende Informationen wie Kommentare auf dem eigenen Profil.

Studien zu sozialer Informationsverarbeitung im Internet haben gezeigt, dass Social Media Nutzer*innen je nach zu beurteilender Eigenschaft bestimmte Informationen einbeziehen oder vernachlässigen. So beurteilen sie die soziale Attraktivität einer Person mithilfe von Kommentaren von Freunden des Kontakts und der Anzahl der Freunde.

Nutzer*innen sind also in der Lage die verlässlichen Informationen herauszufiltern. Insgesamt werden von Freunden und vom System stammende Informationen sowie besonders authentisch wirkende Informationen besonders berücksichtigt, wenn Nutzer*innen sich eine Meinung zu einer Person auf Social Media bilden.

Vor allem bei der Beurteilung von Expertise sollte von Anderen stammende Information einbezogen werden, da die Neigung zur idealisierten Selbstdarstellung im beruflichen Kontext häufig stark ist. Einige Netzwerke wie LinkedIn und ResearchGate unterstützen die Bildung dieser Information gezielt. Sie fordern die Nutzer*innen zu sogenannten endorsements auf, in denen sie Angaben zu den Kompetenzen ihrer Kontakte machen sollen.

Beiläufig entsteht ambient awareness

Neben dieser bewussten Beurteilung von Eigenschaften wie der Expertise gibt es zudem Hinweise auf einen automatischen Prozess zur Beurteilung. Nutzer*innen müssen gar nicht zwingend den Aufwand leisten, sich auf der Suche nach einem Experten durch ihre Kontaktliste zu klicken. Stattdessen scheint durch das beiläufige Lesen von Status-Updates oder Tweets nicht nur Verbundenheit, sondern ebenso ein Bild davon zu entstehen, wer was weiß.

Dieser beiläufig entstandene Eindruck wird als ambient awareness bezeichnet. Bisher ist das Konstrukt noch wenig untersucht. Es gibt aber bereits erste empirische Hinweise darauf, dass es den beruflichen Wissensaustausch fördert.

Unklar ist dabei, ob ambient awareness über affektive und soziale oder kognitive Prozesse wirkt. Entsteht also eher ein diffuses Gefühl, das den Gesprächseinstieg mit einem möglichen Experten erleichtert? Oder erlangen Nutzer*innen durch ambient awareness sogar explizites Wissen über ihre Kontakte?

Dieser Frage sind Levordashka und Utz 2016 in einer explorativen Studie nachgegangen. Sie baten aktive Twitter-Nutzer*innen einzuschätzen, ob und für wie viele ihrer Kontakte sie ambient awareness erfahren. Außerdem sollten die Teilnehmer*innen angeben, was sie über diejenigen Twitterkontakte wissen, die sie ausschließlich über das Lesen ihrer Tweets kennen. Es zeigte sich, dass die Mehrheit der Nutzer*innen ambient awareness erfahren und Angaben zu Persönlichkeit, Humor und Expertise einiger Kontakte machen konnten. Dies deutet darauf hin, dass kognitive Prozesse beteiligt sind.

Nutzer*innen berichten höhere Informationsvorteile

Eine Online-Umfrage hat ergeben, dass diejenigen, die Businessnetzwerke, Twitter und Facebook beruflich nutzen, höhere Vorteile für den Wissensaustausch angeben als Nicht-Nutzer*innen.

Unklar bleibt allerdings bislang die Frage, ob diese Einschätzung durch einen tatsächlichen Informationsvorteil verursacht wird. Es wäre auch denkbar, dass Personen, die ohnehin über mehr Informationen verfügen eher zur Nutzung von Business-Netzwerken und anderen Social Media tendieren.

Links

Utz, Sonja: Wie social media den beruflichen Wissensaustausch fördern können, Psychologische Rundschau 2016 67:2, 118-124, DOI: doi.org/10.1026/0033-3042/a000304