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Wie wir Kinder bei belastenden Themen unterstützen können

Die Reihe «Psychologische Kinderbücher» ist etwas ganz Besonderes. Liebevoll illustriert und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft führt die Buchreihe in verschiedene psychische Belastungen des Kindes- und Jugendalters ein. Die Reihe wendet sich vor allem direkt an Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren, aber auch an ihre Bezugspersonen. Die neuen Bände «Sam kann nicht schlafen», «Nuris Zaubergarten» und «Yaras Sternenhimmel» beschäftigen sich mit herausfordernden Themen. Wir haben mit Reihenherausgeberin Prof. Dr. Hanna Christiansen über die aktuelle Situation von Kindern, die neuen Bände, die Reihe allgemein und die Vorteile der Text-Bild-Ebene gesprochen.   

Illustration. Ein Mädchen und ein Junge schauen nachts in den Sternenhimmel.

In der Reihe «Psychologische Kinderbücher» sind in diesem Herbst 3 Bände zu den Themen Migration und Freundschaft, Kriegsangst und Trauma erschienen. Schwierige Themen – sind sie nicht zu herausfordernd für Kinder? 

Kinder werden mit diesen Themen im Alltag konfrontiert und nicht darüber reden löst häufig Unsicherheit und Angst aus. Alle Kinderbücher der Reihe Psychologische Kinderbücher funktionieren nach dem Prinzip, dass mit einer kindgerechten Geschichte in die Thematik eingeführt wird. In der Geschichte werden die Wahrnehmungen und Gefühle der Kinder aufgegriffen, so dass Kinder einen Bezug zu ihrem eigenen Erleben herstellen können. In dem anschließenden Mitmach-Teil erhalten Kinder, aber auch relevante Bezugspersonen, weitergehende Informationen. Im Mitmach-Teil werden zunächst Zahlen und Fakten zum Thema vorgestellt und dann niedrigschwellige Interventionen, die Kinder entweder allein oder mit Unterstützung durch ihre Bezugspersonen durchführen können. Damit stärken wir die Mental Health Literacy (MHL), ein zentraler protektiver Faktor zur Reduktion psychischer Belastungen bei Kindern.

In den Medien häufen sich Berichte über die schlechte psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Wie können die Bände der Reihe dazu beitragen, dass Kinder trotz der Herausforderungen stark und glücklich werden?

Die Bände allein werden das nicht erreichen. Wir sind als Gesellschaft gefragt, unser Handeln und die Politik viel stärker auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien auszurichten, da die aktuellen Zahlen zum psychischen Wohlbefinden, Belastungen und sogar so harten Daten wie der Lebenserwartung höchst beunruhigend sind. In 2024 litt weltweit jeder achte junge Mensch an einer psychischen Störung. Zwischen 2007 und 2022 haben sich psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen nahezu verdoppelt und ihr psychisches Wohlbefinden halbiert. Zugleich zerbricht ein historisches Muster – früher zeigte sich ein U-förmiger Verlauf des Wohlbefindens. Heute ist das Wohlbefinden dauerhaft niedriger bei jungen Menschen, was insbesondere auf die starke Zunahme von Stress, Angst, Depression und Hoffnungslosigkeit bei den unter 25-Jährigen bedingt ist. D. h. die Hochrisikogruppe sind heute Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Psychologischen Kinderbücher können allerdings dazu beitragen, das Bewusstsein für psychische Belastungen von Kindern zu schärfen und geben ihnen eine Stimme. Für die Bücher, die 2026 erscheinen werden, haben wir erstmals auch ein Testimonial eines Kindes aufgenommen. Das würde ich mir wünschen, dass uns dies noch häufiger gelingt.

In «Yaras Sternenhimmel» geht es um die Themen Migration, Fluchterfahrung, Vorurteile – und Freundschaft, Verständnis, interkulturelle Kompetenz. Wendet es sich eher an Kinder mit Migrationserfahrung oder an Kinder ohne diese Erfahrungen?

Es wendet sich an alle Kinder und ihre Bezugspersonen. Menschen ohne Migrationshintergrund nehmen Alltagsrassismus oftmals gar nicht wahr oder merken auch nicht, wenn sie sich selber so verhalten. Hier zu sensibilisieren kann verändernd wirken. Für Kinder mit Migrationshintergrund macht das Buch hoffentlich Mut, dass rassistische Muster veränderbar sind.

 

Illustration, zwei Kinder an einem Tisch, die Memory spielen

Sich in andere einfühlen und interkulturelle Kompetenz erwerben – das ist auch für Erwachsene ein lohnendes Ziel. Können auch diese von der Geschichte und den Mitmachübungen profitieren?

Kinder sind in der Regel offen und nicht vorurteilbehaftet. Vorurteile und Rassismus werden gelernt und in der Regel im nahen Umfeld. Insofern hoffe ich, dass auch Erwachsene aus dem Buch Impulse für Verhalten und v.a. Haltung mitnehmen.

In «Sam kann nicht schlafen» geht es um Kriegsangst. Wie kommt es, dass Kinder und Jugendliche so stark von dieser Angst betroffen sind, obwohl sie hier in den DACH-Staaten nicht unmittelbar betroffen sind?

Tagtäglich kommen in den Nachrichten Berichte über den Krieg in der Ukraine, aber auch in anderen Ländern. Hinzu kommt die Dauerdiskussion über die Wehrpflicht, und dass die Europäer wieder «wehrtüchtig» werden müssen. Das bekommen Kinder mit – über Fernsehen, Radio, Social Media, die Gespräche ihrer Eltern. Und das beunruhigt, insbesondere wenn nicht mit ihnen gesprochen wird und die Ängste und Sorgen nicht ernst genommen und aufgegriffen werden. Auch hier geht es um Mental Health Literacy und das Verständnis, dass Sorgen über verschiedene Dinge Angst auslösen können.

Illustration. Ein Junge mit einem gestreiften Shirt und einem Halstuch steht vor einer Wand voller Graffiti.

Welche Strategien lernt Sam, um mit seiner Angst besser umgehen zu können?

Sams Mütter nehmen seine Sorgen ernst und schauen sich mit ihm auf der Karte an, wo der Krieg stattfindet, was für Folgen er für die Bevölkerung hat, und dass aufgrund des Krieges Geflüchtete in anderen Ländern Schutz suchen. Das bewegt ihn, da diese Menschen ihr zu Hause und alle vertrauten Menschen und Dinge verlassen müssen. Es motiviert Sam zu helfen und gemeinsam mit seiner Familie überlegt er, was sie tun können, um den von Krieg betroffenen Menschen zu helfen. Die Forschung zeigt klar, dass anderen helfen ein Resilienzfaktor ist und positives Handeln ein Weg aus der Lageorientierung, d. h. raus aus der Problemfokussierung und dem Grübeln.

Nuri, Hauptfigur in «Nuris Zaubergarten», lebt auf einer magischen Insel mit schönen Zaubergärten. Er verliert seine Zauberkraft, kann nicht schlafen, ist manchmal wie gelähmt – was ist passiert?

Nuris magischer Garten, aus dem er seine Zauberkraft schöpft, ist von einem bösen Zauberer verwüstet worden. Mit dieser Metapher wird in dem Buch das Erleben eines schweren Traumas, das mit einer körperlichen Beeinträchtigung einhergeht, dargestellt, so dass es für Kinder nachvollziehbar ist. Die Anknüpfung an magische Erzählungen ist eine Brücke für Kinder, sich auf das oftmals schwierige Thema einzulassen.

Illustration. Ein kleiner Elf schaut erschreckt und ist umgeben von Schrift, Wörter wie Scham, Vermeidung, Erinnerungslücken stellen Symptome eines Traumas dar.

Mit traumatischen Erlebnissen umzugehen, ist besonders herausfordernd und verlangt behutsames Vorgehen. Was müssen Eltern und andere Bezugspersonen beachten, wenn sich z.B. eine PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hat?

Kinder können ganz unterschiedliche Symptome zeigen – von Alpträumen und Wiedererinnerungen im Alltag über aggressives, wütendes Verhalten, tiefe Trauer und Konzentrationsprobleme. Wichtig ist, dass Eltern, wenn sie solche Veränderungen bei ihrem Kind wahrnehmen, professionelle Hilfe suchen und das Kind schützen. Traumafolgestörungen können sehr gut und evidenzbasiert mit traumafokussierter Therapie behandelt werden. Dabei müssen sich Eltern und Kinder mit dem Trauma in einer sicheren Umgebung auseinandersetzen, d. h. das Trauma in Worte fassen, z. B. in Form einer Geschichte. Mit dieser Geschichte wird das Kind konfrontiert, so dass es die Erfahrung machen kann, dass die Erinnerung an das Trauma und das Sprechen darüber im Hier und Jetzt nicht mehr gefährlich ist. Wichtig: Kinder werden dadurch nicht re-traumatisiert. Die belastenden Erinnerungen sind ja schon da. Es geht darum, dass das Kind lernt, dass es diese Erinnerungen kontrollieren kann, und dass sie nicht mehr bedrohlich sind. D. h. nicht, dass danach alles weg ist. Es ist mehr wie mit einer Wunde, die gesäubert wird, damit sie gut verheilen kann. Die Narbe bleibt dennoch sichtbar, aber sie schmerzt nicht mehr und die Kinder können mit der Narbe leben, ohne in ihrem Alltag beeinträchtigt zu werden.

Illustration. Ein Bild, auf dem ein Drache zu sehen ist, ein älterer weiblicher Drache mit menschlicher Kleidung und Brille. Sie erklärt dem kleinen Elfen Nuri etwas, der sie neugierig anschaut. Im Hintergrund ist ein Raum zu erkennen mit einer Treppe, Regal und Tisch.

Ein Merkmal der Reihe «Psychologische Kinderbücher» ist die liebevolle Illustration der Bände. Welche Rolle spielt sie, wie kann sie helfen, die anspruchsvollen Themen zu vermitteln?

Ein Bild sagt oft mehr als 1000 Worte. Und dies zeigen eigentlich alle bisher in der Reihe erschienenen Bücher. Durch die Text-Bild-Ebene gewinnen die Bücher eine Qualität, die sie von z. B. Psychotherapiemanualen unterscheidet und Kinder auf einer anderen Ebene ansprechen. Gerade die liebevollen, oft sehr detailreichen Bilder laden die Kinder (und auch Bezugspersonen) ein, sich in das Buch und die Geschichte zu vertiefen.

Wie sind die Rückmeldungen zur Reihe und wie wird über kommende Themen entschieden?

Die Rückmeldungen sind bislang überwältigend positiv, worüber wir uns sehr freuen. Hinsichtlich der Themen überlegen wir, wo es noch Lücken gibt, was gerade aktuelle Themen oder auch Forschungsprojekte sind, die durch ein Kinderbuch ergänzt werden könnten. So gelingt es, eine Bandbreite an Themen, z. T. auch sehr aktuellen, abzudecken – wie z. B. mit den Kinderbüchern zu Migrationserfahrungen und Krieg.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!
 

Die Illustrationen stammen aus den erwähnten Büchern, die zu «Yaras Sternenhimmel» sind von Anna-Lena Bolz, die zu „Sam kann nicht schlafen“ von Laila Büchler, die von „Nuris Zaubergarten“ von Mike Loos.

Prof. Dr. Hanna Christiansen

Hanna Christiansen absolvierte von 1994 bis 2002 ein Doppelstudium der Psychologie und der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und Medienwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg, dieses schloss sie mit dem Diplom im Fach Psychologie ab. Im Anschluss war sie an den Rheinischen Kliniken Essen, Universität Duisburg-Essen tätig und promovierte 2009. Von 2008 bis 2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg und habilitierte sich 2012 für Psychologie. In den Jahren 2013 bis 2016 hatte sie eine W2-Professur für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie in Marburg inne, 2016 wurde sie auf eine gleichnamige W3-Professur berufen. Seit 2014 hat Christiansen die Leitung des Instituts für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ausbildung Marburg sowie des Instituts für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz Marburg inne. Zudem ist Christiansen Herausgeberin der Fachzeitschrift Kindheit und Entwicklung und der Reihe «Psychologische Kinderbücher» im Hogrefe Verlag.

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