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Wir sind hier alle Freunde und Familie

Sabine Hommelhoff und Davina Götz haben in einer in der Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie veröffentlichten Studie untersucht, wie Arbeitssuchende auf kommunale Stellenausschreibungen und auf das Versprechen von Freundschaften oder familienähnlichen Beziehungen am Arbeitsplatz reagieren. 

Freunde und Familie Kollegen am Arbeitsplatz

Der Fokus auf Freundschaft und Geselligkeit in Stellenanzeigen

Viele der heutigen Arbeitsumgebungen sind zunehmend informell geworden. Dementsprechend versprechen einige Unternehmen in ihren Stellenausschreibungen oder Grundwerten gemeinschaftliche Beziehungen zwischen ihren Mitarbeitern. Das heißt, sie beschreiben die Beziehungen am Arbeitsplatz als freundschaftlich, herzlich oder familiär. Dieser Fokus auf Freundschaft und Geselligkeit in einigen Stellenanzeigen mag überraschen, da es am Arbeitsplatz in der Regel um unfreiwillige und formelle Beziehungen geht. Beschäftigte überwachen in der Regel das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen und erwarten bedingte Rückzahlungen von Gefallen und Leistungen am Arbeitsplatz - was nicht typisch für Freundschaften oder familiäre Beziehungen ist.

Wie reagieren Arbeitssuchende auf kommunale Stellenausschreibungen?

Verändern kommunale Stellenanzeigen im Vergleich zu herkömmlichen unternehmensorientierten Stellenanzeigen die Absichten und Erwartungen der Arbeitssuchenden gegenüber dem einstellenden Unternehmen? In der Studie wurden zwei Bewerberreaktionen bzw. Ergebnisse vor der Einstellung untersucht - die Absichten der Stellensuchenden bei der Stellenwahl und ihre Erwartungen an die Leistungsstandards des Unternehmens. Dabei sollte herausgefunden werden. ob Arbeitsuchende ein potenzielles Stellenangebot annehmen würden und ob sie den Eindruck haben, dass in dem Unternehmen eine Hochleistungskultur herrscht. Da die westlichen Gesellschaften heute durch eine alternde Erwerbsbevölkerung und einen zunehmenden Wettbewerb der Unternehmen um junge Talente gekennzeichnet sind, wurde auch untersucht, ob das Alter der Arbeitssuchenden einen Unterschied in ihren Reaktionen auf diese verschiedenen Arten von Stellenanzeigen macht.  

Austausch- und Gemeinschaftsbeziehungen

Die Normen, die das menschliche Verhalten bestimmen, können sich je nach Beziehungskontext unterscheiden, Clark und Mills (1979, 1993) führten die Unterscheidung zwischen Austausch- und Gemeinschaftsbeziehungen ein. Austauschbeziehungen sind typisch für Unternehmen und Arbeitsumgebungen, während gemeinschaftliche Beziehungen in Familien und Freundschaften vorherrschen. In Austauschbeziehungen gewähren sich die Mitglieder gegenseitig Vorteile, entweder als Reaktion auf einen bestimmten Nutzen oder in der Erwartung, im Gegenzug einen vergleichbaren Nutzen zu erhalten. Stellenanzeigen sollten eine Beschreibung dessen enthalten, was eine Organisation im Gegenzug für die Leistungen des zukünftigen Stelleninhabers (z. B. harte Arbeit und Fachwissen) zu bieten hat (z. B. ein attraktives Gehalt und vielversprechende Karriereaussichten).  
Im Gegensatz zu Austauschbeziehungen sind gemeinschaftliche Beziehungen durch die Sorge um das Wohlergehen des anderen Beziehungsmitglieds gekennzeichnet. In gemeinschaftlichen Beziehungen unterstützen und helfen sich die Beziehungsmitglieder also gegenseitig, ohne eine vergleichbare Gegenleistung zu erwarten. 

Reaktionen von Bewerbern: Berufswahlintentionen und erwartete Leistungsstandards

Das Image einer Stellenanzeige beeinflusst die erste Entscheidung von Arbeitssuchenden, mit einem Unternehmen in Kontakt zu treten. Unternehmen, die ihre Beziehungen am Arbeitsplatz mit Begriffen beschreiben, die die Gemeinschaft hervorheben, wollen den Lesern positive Hinweise auf ihr soziales Arbeitsumfeld und ihre Organisationskultur geben. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass die Aktivierung bestimmter Beziehungsnormen Wahrnehmungen, Interpretationen und Reaktionen in nachfolgenden Gesprächen verändert. Die Erwähnung freundschaftlicher oder familienähnlicher Beziehungen könnte in den Köpfen der Arbeitssuchenden Gemeinschaftsnormen aktivieren, die nicht unbedingt mit dem Wunsch der Unternehmen nach fleißigen Mitarbeitern vereinbar sind. Aufgrund früherer Studien formulierten die Autorinnen verschiedene Hypothesen, die dann in Experimenten überprüft wurden. 

In der Studie gingen Hommelhoff und Götz von 4 Hypothesen aus: 

 Hypothese 1: Arbeitssuchende berichten über höhere Jobwahlabsichten als Reaktion auf kommunale Stellenanzeigen, die sich auf die Begriffe "Freundschaft" (a) oder "Familie" (b) beziehen, als auf konventionelle Stellenanzeigen, die sich auf Austauschnormen beziehen. 

Hypothese 2: Stellensuchende erwarten, dass die Leistungsstandards der Organisation niedriger sind, wenn die Organisation kommunale Stellenanzeigen verwendet, die sich auf die Konzepte der Freundschaft (a) oder der Familie (b) beziehen, anstatt konventionelle geschäftliche Stellenanzeigen, die sich auf Austauschnormen beziehen. 

Hypothese 3: Der in Hypothese 1 angenommene Effekt wird durch das Alter moderiert. Der positive Effekt von kommunalen Stellenanzeigen, die sich auf die Konzepte Freundschaft (a) oder Familie (b) beziehen, auf die Berufswahlabsicht wird bei jüngeren Arbeitsuchenden stärker sein als bei älteren Arbeitsuchenden. 

Hypothese 4: Der in Hypothese 2 angenommene Effekt wird durch das Alter moderiert. Der negative Effekt von kommunalen Stellenanzeigen, die sich auf die Konzepte Freundschaft (a) oder Familie (b) beziehen, auf die erwarteten organisatorischen Leistungsstandards ist bei jüngeren Arbeitsuchenden stärker als bei älteren Arbeitsuchenden. 

Ergebnisse der Experimente

Die Autorinnen untersuchten, wie Arbeitssuchende unterschiedlichen Alters auf Stellenanzeigen reagieren, die gemeinschaftliche Beziehungen am Arbeitsplatz versprechen. In zwei Experimenten fanden sie übereinstimmende Hinweise darauf, dass solche Stellenanzeigen im Vergleich zu herkömmlichen geschäftsorientierten Stellenanzeigen dazu führen, dass die Arbeitssuchenden von niedrigeren organisatorischen Leistungsstandards ausgehen. Es wurden jedoch keine offensichtlichen Unterschiede in ihren Absichten bei der Stellenwahl gefunden. Obwohl das Alter der Stellensuchenden diese Zusammenhänge nicht beeinflusste, deuteten beide Studien darauf hin, dass ältere Arbeitnehmer im Allgemeinen höhere Anforderungen an die Unternehmensleistung stellen. 

Das Versprechen gemeinschaftlicher Beziehungen am Arbeitsplatz in Stellenanzeigen schien für die Entscheidungsfindung der Befragten nicht ausschlaggebend zu sein. Das Versprechen kooperativer Beziehungen am Arbeitsplatz (wie es in den geschäftsorientierten Stellenanzeigen zu finden ist) scheint ausreichend zu sein. Andere Aspekte, wie z. B. der Standort und die erwartete Vergütung, schienen bei solchen Berufswahlentscheidungen in einer frühen Phase des Bewerbungsprozesses wichtiger sein. 

Stellenanzeigen, die Gemeinschaft unterstreichen, scheinen Arbeitsuchende unterschiedlichen Alters nicht unterschiedlich anzusprechen; auch jüngere Menschen fühlen sich nicht von einem "Freundes- und Familien"-Arbeitsumfeld angezogen.  

Schlussfolgerung

Die Autorinnen kommen zu dem vorläufigen Schluss, dass es möglicherweise nicht im besten Interesse eines Unternehmens liegt, Stellenanzeigen zu verwenden, die sich auf die Konzepte Freundschaft und Familie beziehen. Sie betonen jedoch, dass es wichtig ist, die Entwicklung positiver Beziehungen am Arbeitsplatz auf andere Weise zu fördern. Die Experimente haben auch gezeigt, dass ältere Arbeitnehmer im Allgemeinen höhere Leistungsstandards im Unternehmen erwarten. Diese Erkenntnis könnte dazu beitragen, möglichen Altersstereotypen in Bezug auf geringere Leistung und Alterung entgegenzuwirken. 

 

Quelle:

We Are All Friends and Family Here!
Sabine Hommelhoff and Davina Götz
Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie A&O
econtent.hogrefe.com/doi/10.1026/0932-4089/a000390

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