Narzissmus – Wie können wir mit ihm umgehen?
Es lohnt sich, den Begriff Narzissmus genauer zu beleuchten, denn zwischen gesundem Narzissmus, problematischen narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt es wichtige Unterschiede.
In dieser Folge von Blaue Reihe nachgefragt geht es darum, wie sich Narzissmus äußern kann, woran man problematische narzisstische Verhaltensweisen erkennt und welche unterschiedlichen Formen von Narzissmus es gibt. Im Gespräch mit Prof. Dr. Claas-Hinrich Lammers geht es außerdem darum, wie Narzissmus Beziehungen und den Alltag beeinflussen kann, welche Rolle Selbstwert, Scham und Empathie spielen und welche Möglichkeiten der Behandlung bestehen.
Außerdem wird die Perspektive von Angehörigen thematisiert: Wie kann man mit narzisstischem Verhalten umgehen, welche Grenzen können sinnvoll sein und wann kann eine Trennung die bessere Lösung sein?
Gast der Episode: Prof. Dr. Claas-Hinrich Lammers
Prof. Dr. Claas-Hinrich Lammers
Prof. Dr. Claas-Hinrich Lammers ist Professor und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie ärztlicher Direktor der Asklepios Klinik in Hamburg.
Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf psychischen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Im Gespräch erklärt er komplexe Zusammenhänge rund um Narzissmus verständlich und aus der Perspektive von Psychiatrie und Psychotherapie.
Was ist Narzissmus?
Narzissmus ist nicht grundsätzlich etwas Problematisches. Ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit, das Streben nach Erfolg, Selbstbewusstsein oder der Wunsch nach Anerkennung gehören zum menschlichen Erleben.
Wenn narzisstische Verhaltensweisen stark ausgeprägt sind und zu negativen Folgen führen, etwa zu wiederkehrenden Konflikten in Partnerschaften und im Berufsleben, sodass sogar Jobverlust und Trennungen drohen, kann Narzissmus problematisch werden. Entscheidend ist dabei, wie hoch der Leidensdruck der betroffenen Person selbst ist, die diese narzisstischen Verhaltensweisen zeigt.
Im Gespräch wird zwischen verschiedenen Ausprägungen unterschieden. Besonders wichtig zwischen grandiosem Narzissmus und vulnerablem Narzissmus. Während grandiose Narzissten häufig selbstsicher, charismatisch und überzeugend auftreten, können vulnerable Narzissten nach außen eher zurückhaltend und unsicher wirken.
Das erwartet Sie in dieser Episode:
- Was unter Narzissmus verstanden wird und wann er problematisch werden kann.
- Welche Formen von Narzissmus es gibt.
- Was grandioser und vulnerabler Narzissmus bedeuten.
- Woran sich narzisstische Persönlichkeitsmerkmale erkennen lassen.
- Warum nicht alle Menschen mit narzisstischen Eigenschaften ein geringes Selbstwertgefühl haben.
- Welche Rolle Selbstwert, Scham und innere Leere spielen.
- Wie Narzissmus Beziehungen und zwischenmenschliche Kontakte beeinflussen kann.
- Warum vulnerable Narzissten häufig nicht wahrgenommen werden.
- Wann Menschen mit narzisstischen Problemen selbst Hilfe suchen.
- Welche Möglichkeiten der Behandlung und Psychotherapie bestehen.
- Welche Rolle Schematherapie und andere therapeutische Methoden spielen können.
- Wie kognitive Empathie und Perspektivübernahme trainiert werden können.
- Was Angehörige im Umgang mit Narzissmus tun können.
- Warum klare Grenzen und eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten wichtig sind.
- Weshalb der Begriff „Narzisst“ im Alltag häufig zu pauschal verwendet wird.
- Welche drei wichtigen Botschaften man über Narzissmus mitnehmen sollte.
Die Folge macht dabei deutlich: Narzisstische Merkmale bewegen sich auf einem Spektrum und werden erst dann zum Problem, wenn sie übermäßig ausgeprägt sind und die betroffene Person und ihr Umfeld erheblich beeinträchtigen.
Nicht jeder, der stört, ist gestört
Eine zentrale Botschaft der Folge lautet: Nicht jeder Mensch, der sich egoistisch oder rücksichtslos verhält, hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Narzisstische Merkmale können in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen. Erst wenn sie übermäßig stark ausgeprägt sind und zu erheblichen Problemen im Umgang mit anderen Menschen oder im eigenen Leben führen, kann von problematischem Narzissmus gesprochen werden.
Auch der Begriff „Narzisst“ wird im Alltag häufig sehr schnell und unreflektiert verwendet. Dadurch besteht die Gefahr, Menschen zu etikettieren, ohne ihr Verhalten und die dahinterliegenden Zusammenhänge genauer zu betrachten.
Hilfreicher kann es sein, konkrete Verhaltensweisen zu benennen: Wie geht jemand mit Kritik um? Wie behandelt die Person andere Menschen? Wie wichtig sind Anerkennung und Bewunderung? Kann sie Verantwortung übernehmen und die Perspektive anderer berücksichtigen?
Diese differenzierte Betrachtung ist besonders wichtig, wenn es um die Frage geht, wie mit Narzissmus umgegangen werden kann.
FAQ
Gesunder Narzissmus kann beispielsweise mit Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit, Erfolgsstreben oder Freude an Anerkennung verbunden sein. Diese Eigenschaften sind für sich genommen nicht problematisch.
Problematischer Narzissmus kann sich unter anderem durch starke Selbstüberhöhung, Abwertung anderer, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung und Schwierigkeiten mit Empathie zeigen. Entscheidend ist jedoch immer das Gesamtbild und die Ausprägung der Verhaltensweisen.
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist ein klinisches Störungsbild. Sie geht mit ausgeprägten und langfristigen narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen einher, die zu Beeinträchtigungen im Alltag und im zwischenmenschlichen Umgang führen können.
Nein. Laut Gespräch ist die Aussage, alle Narzissten hätten ein niedriges Selbstwertgefühl, zu pauschal. Bei grandiosem Narzissmus kann die Selbstwertregulation anders funktionieren als bei vulnerablem Narzissmus.
Ja. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, problematische Verhaltens- und Beziehungsmuster zu verstehen und zu verändern. Im Gespräch werden unter anderem schematherapeutische, kognitive und verhaltensorientierte Ansätze beschrieben.
Empathie ist ein wichtiger Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen. Dabei wird zwischen emotionaler und kognitiver Empathie unterschieden. Insbesondere die kognitive Empathie beziehungsweise die Fähigkeit zur Perspektivübernahme kann gezielt geübt werden.
Angehörige können versuchen, die Situation realistisch einzuschätzen, klare Grenzen zu setzen und gemeinsame Regeln für den Umgang zu entwickeln. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen. In manchen Situationen kann auch eine Trennung die sinnvollste Lösung sein.
Einen einfachen Trick gibt es nicht. Eine Behandlung kann insbesondere dann schwierig sein, wenn die betroffene Person selbst keinen Leidensdruck wahrnimmt. Eine Paartherapie kann in manchen Fällen einen Zugang zu therapeutischer Unterstützung ermöglichen.
Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Folge
- Narzissmus ist ein Spektrum. Narzisstische Eigenschaften kommen in unterschiedlicher Ausprägung vor. Nicht jede Form von Selbstbezogenheit oder Erfolgsstreben ist problematisch oder sogar krankhaft.
- Narzissmus ist nicht automatisch problematisch. Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und der Wunsch nach Anerkennung gehören zum menschlichen Verhalten.
- Grandioser und vulnerabler Narzissmus können sehr unterschiedlich aussehen. Während grandiose Narzissten häufig selbstsicher und charismatisch auftreten, kann sich vulnerabler Narzissmus eher durch Scham, Selbstzweifel und eine hohe Empfindlichkeit zeigen.
- Nicht alle Menschen mit sehr augeprägtem Narzissmus haben ein niedriges Selbstwertgefühl. Die Regulation des Selbstwerts kann bei unterschiedlichen Formen von Narzissmus verschieden funktionieren.
- Problematischer Narzissmus kann Beziehungen belasten. Schwierigkeiten mit Empathie, Abwertung, Konkurrenz und ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung können den Umgang mit anderen Menschen erschweren.
- Psychotherapie kann bei problematischem Narzissmus unterstützen. Psychotherapie kann dabei helfen, problematische Muster zu erkennen, Selbstwert und Emotionsregulation zu verbessern und neue Verhaltensweisen einzuüben.
- Kognitive Empathie kann trainiert werden. Die bewusste Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen, kann ein wichtiger Bestandteil der Veränderung sein und kann gefördert werden.
- Angehörige sind nicht für die Veränderung des anderen verantwortlich. Sie können Grenzen setzen, Unterstützung anbieten und gemeinsam nach Lösungen suchen. Gleichzeitig müssen sie ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst nehmen.
- Der Begriff „Narzisst“ sollte möglichst vermieden werden. Eine konkrete Beschreibung des Verhaltens ist häufig hilfreicher als eine pauschale Zuschreibung.
- Es gibt Grund zur Hoffnung. Auch wenn problematische, narzisstische Verhaltensweisen tief verankert sein können, können Menschen neue Formen des Umgangs mit sich selbst und anderen entwickeln.
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