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Betriebliche Integration von Geflohenen

Über die Beschäftigung von Geflohenen in deutschen Betrieben gibt es inzwischen auch Forschungsstudien, dabei handelt es sich aber meist um Betrachtungen aus der Unternehmerperspektive. Die befragten Unternehmer benennen Sprachschwierigkeiten, Einschätzung von fachlichen Kompetenzen und weiteres als Problematiken bei der Einstellung.  Irma Rybnikova und Stefanie Wilkmann von der Hochschule Hamm-Lippstadt legen in der Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie eine explorative Studie auf Basis von qualitativen Interviews mit erwerbstätigen Geflohenen vor. Wir haben die Ergebnisse der Studie durch Fragen an unseren Praktikanten Raheem Haidar und unseren Kollegen Ahmad Alhawash ergänzt.

Der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt

Ergebnis der explorativen Studie von Rybnikova und Wilkmann ist es, dass der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt für Geflohene meist in Form von atypischen Beschäftigungsverhältnissen oder -konstellationen geschieht, meist durch Praktika oder eine geringfügige Beschäftigung. Die in den Heimatländern erlangten Kenntnisse und Arbeitserfahrungen spielen dabei offenbar so gut wie keine Rolle. Die Geflohenen wurden alle für niedrigqualifizierte und eher schlecht honorierte Tätigkeiten, oft im Helferbereich, eingestellt. Grund dafür ist meist die fehlende Anerkennung von Ausbildungs- oder Studienabschlüssen. Den Geflohenen wird geraten, sich ganz neu zu qualifizieren. In der Regel entschieden sich die Befragten daher für eine Ausbildung in einem deutschen Betrieb.  Damit bleiben die arbeitsbezogenenEinkommensmöglichkeiten für Geflohene jahrelang auf einem niedrigen Niveau.

Die betriebliche Integration aus Sicht der Geflohenen

Als weitere Erkenntnis wird offenbar, dass es aus Sicht der Teilnehmer*innen ihre Kolleg*innen am Arbeitsplatz sind, die sie in fachlicher, sprachlicher und sozialer Hinsicht unterstützen, beraten, unterrichten und bei Problemen helfen. In einigen Fällen wurden auch die Vorgesetzten benannt, jedoch nicht die Diversitäts- oder Personalbeauftragten. Die Interviewergebnisse verdeutlichen also, wie wichtig die kollegiale Unterstützung ist, nicht nur beim Erlernen fachlicher Kompetenzen, sondern auch beim Erlernen der deutschen Sprache und dabei, normale betriebliche Gepflogenheiten kennenzulernen. Die Kolleg*innen leisten damit einen essenziellen Beitrag zur Integration von Geflohenen, sowohl betrieblich als auch allgemein gesellschaftlich. Interessanterweise kommt diese Art der betrieblichen Integration von Geflohenen sehr nah dem in den meisten Herkunftsländern üblichen Format der Ausbildung: informell, basierend auf Beobachtungen und stellvertretendem Lernen am Arbeitsplatz. Weiterhin ist festzustellen, dass die Sprachproblematik auch aus Sicht der Geflohenen selbst eine der größten Hürden darstellt, was die Klärung fachlicher Probleme angeht und in der täglichen Kommunikation.

Empfehlungen für die Beschäftigungspraxis von geflohenen Personen

Die Autorinnen der Studie entwickeln aus den Ergebnissen einige Empfehlungen für die betriebliche Integration von Geflohenen. So betonen sie die Wichtigkeit von betriebsspezifischen Sprachkursen, die das betriebsnotwendige Fachvokabular vermitteln können. Außerdem empfehlen sie, Schulungen und Weiterbildungen anzubieten, am besten nicht ausschließlich nur für die Geflohenen, sondern eher Kurse, an denen sie gemeinsam mit deutschen Kolleg*innen teilnehmen und teambezogenes Lernen praktizieren können. Die Vermittlung von betrieblichen Werten wie auch die Sensibilisierung aller Mitarbeiter*innen für die Vielfalt der Belegschaft werden als weitere wichtige Aufgaben benannt.

Da deutlich geworden ist, wie wichtig die Kolleg*innen für die Umsetzung der betrieblichen Integration sind, plädieren Rybnikova und Wilkmann dafür, diese Mehrarbeit auch zu honorieren und die Mitarbeiter*innen zu unterstützen. Schließlich betonen sie die Rolle der Personalressorts in Unternehmen: „Wichtig ist, dass die Personalabteilungen die betriebliche Integration der Geflohenen als ihre Aufgabe ansehen und somit als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sowohl für die Geflohenen wie für ihre Führungskräfte und Arbeitskolleginnen und -kollegen agieren.“

Literatur:
Betriebliche Integration von Geflohenen. Irma Rybnikova and Stefanie Wilkmann. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie A&O 2021 65:2, 98-107

Zum Artikel

Interviews mit Kollegen

Fragen an Raheem Haidar:

Herr Haidar, woher kommen Sie ursprünglich und seit wann sind Sie in Deutschland?
Ich komme aus Syrien und bin nach Deutschland vor 4 Jahren gekommen. 

Welchen Beruf haben Sie in Ihrem Heimatland ausgeübt und wie war der Ausbildungsweg für diesen Beruf? 
Ich habe in meinem Heimatland Medienwissenschaften studiert. Dieses Studium erfordert ein Abitur mit einer hervorragenden Note, so dass die Zulassung zu diesem Hauptfach schwierig war. Ich musste während des Studiums arbeiten, um die Studien- und Lebenshaltungskosten zu decken. Ich habe den Journalismus sehr geliebt und ich hatte eine erfolgreiche Zukunft erwartet.
2009 habe ich meinen Abschluss gemacht. Seit 2008 habe ich bei einer Zeitung sowie verschiedenen Webseiten als fest angestellter Mitarbeiter gearbeitet, wodurch ich zusätzliche Qualifikationen für die Vorbereitung von Radioberichten erlangen konnte. Zudem habe ich an Kursen zum Verfassen von Presseberichten teilgenommen.
2012 musste ich Syrien in Richtung Libanon verlassen, da ich für eine Newswebsite gegen das al-Asad Regime gearbeitet habe.  In Libanon habe ich als Online-Content-Manager und Social Media Content Moderator für einen Radiosender gearbeitet.

Sie üben diesen Beruf jetzt nicht mehr aus, woran liegt das?
Der Hauptgrund, der mich daran gehindert hat, in Deutschland zu arbeiten, ist, dass im Journalismus mehr als ein sehr gutes Sprachniveau benötigt wird und die Konkurrenz um die wenigen Stellen sehr hoch ist. Aufgrund meines Flüchtlingsstatus darf ich nicht ohne guten Grund in eine andere Stadt umziehen, wo es vielleicht mehr Stellenangebote gäbe.

Sie machen zurzeit ein Praktikum hier im Verlag, zu welcher Ausbildung gehört dieses Praktikum? 
Ich mache eine Umschulung zum Mediengestalter in Digital und Print, dazu wird ein Praktikum für 6 Monate benötigt.  

Werden Sie in Ihrer Ausbildung ausreichend unterstützt, z.B. was Sprachprobleme oder kulturelle Unterschiede angeht? 
Nein, ich habe keine besondere Unterstützung bekommen, aber die Dozenten im WBS-Training und meine Kolleg*innen im Hogrefe Verlag waren sehr aufgeschlossen.

Wenn es alle Möglichkeiten gäbe, in welchem Beruf würden Sie dann am liebsten arbeiten? 
Ich würde als Mediengestalter arbeiten. 

Fragen an Ahmad Alhawash:

Herr Alhawash, woher kommen Sie ursprünglich und seit wann sind Sie in Deutschland?
Mein Heimatland ist Syrien und ich bin Ende 2015 als Geflüchteter nach Deutschland gekommen.  

Waren Sie in Ihrem Heimatland schon berufstätig oder haben Sie dort eine Ausbildung gemacht?
Ich hatte in meinem Heimatland Jura studiert und befand mich in meinem Vorabschlussjahr als ich fliehen musste. Nebenbei habe ich noch meinen eigenen Handyladen betrieben.

Sie haben hier im Verlag eine Ausbildung gemacht zum Kaufmann für Büromanagement, wie kam es dazu?
Ich habe mich über mögliche Ausbildungsplätze erkundigt, da ich möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ankommen wollte. Zudem wollte ich eine Ausbildung machen, die mir für meine Zukunft viele Arbeitsmöglichkeiten gibt. So bin ich auf die kaufmännische Ausbildung gekommen.

Wurden Sie in Ihrer Ausbildung ausreichend unterstützt, z.B. was Sprachprobleme oder kulturelle Unterschiede angeht?
Ja, in der Berufsschule wurde mir die Möglichkeit gegeben Deutsch-Kurse zu besuchen, allerdings wurden mir dort vor allem die Grundlagen beigebracht, welche ich bereits in meinen vorherigen Kursen gelernt hatte. Mir hätte es mehr gebracht, wenn in den Kursen vor allem das Fachvokabular besprochen werden würde. Es wurden keine Kurse angeboten, in denen ich etwas über die kulturellen Unterschiede hätte lernen können. Ich habe aber viel durch meine deutschen Freunde über die Kultur und die Arbeitswelt lernen können.  

Sie haben Ihre Ausbildung vor Kurzem abgeschlossen, wie geht es jetzt für Sie weiter?
Ich arbeite momentan weiterhin in dem Betrieb, bei dem ich meine Ausbildung gemacht habe. Mir macht die Arbeit dort viel Spaß, weil ich tolle Arbeitskollegen habe und die Arbeit sehr abwechslungsreich ist. In der Zukunft würde ich gerne nochmal studieren, da ich mein Studium in Syrien leider nicht beenden konnte. In welche Richtung ich gehen werde weiß ich momentan aber noch nicht.  

Wenn es alle Möglichkeiten gäbe, in welchem Beruf und in welcher Branche würden Sie dann am liebsten arbeiten?
Wenn ich nochmal alle Möglichkeiten hätte, würde ich gerne mein Jura-Studium beenden und als Richter/Anwalt arbeiten

Hogrefe engagiert sich beim Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge.

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge ist eine Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und wird durch das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt. Die Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG ist Mitglied des Netzwerks und nutzt den gegenseitigen Austausch sowie die angebotenen Informationsveranstaltungen, Webinare und Expertentipps, mit dem Ziel geflüchtete Menschen aktiv und erfolgreich in das Unternehmen zu integrieren.