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Bewegung und psychische Gesundheit von Kindern

Nicht nur, aber besonders deutlich in den Zeiten der Pandemie, leiden Kinder und Jugendliche unter Bewegungsmangel. Dies hat nicht nur erhebliche negative Auswirkungen auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gesundheit. Dass gerade komplexe Bewegungsabläufe und der Sport im Team nachweisbar wichtige positive Effekte haben, erläutert uns unsere Autorin Prof. Dr. Caterina Gawrilow im Gespräch.

Frau Prof. Dr. Gawrilow, über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Monaten viel geschrieben und diskutiert worden. Müssen wir aus Ihrer Sicht mit einer deutlichen Zunahme von behandlungsbedürftigen psychischen Krankheiten rechnen?

Schulschließungen, Social Distancing und Isolation im Rahmen der Corona-Krise sowie die damit einhergehende Einsamkeit, erhöhte Bildschirmnutzung und mögliche finanzielle Probleme haben negative psychische Effekte bei Kindern und Jugendlichen. Zusätzliche Risikofaktoren sind ein erhöhtes Risiko elterlicher psychischer Erkrankungen, häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung. Es ist, denke ich, mit einem Anstieg von Diagnosen in den Bereichen Depressionen und Angststörungen zu rechnen. Die Belastungen der Corona-Krise hängen aber auch mit Schlaf- und Appetitstörungen oder problematischen sozialen Interaktionen zusammen. Verglichen mit Erwachsenen könnte die Pandemie bei Kindern und Jugendlichen durchaus längerfristige negative Konsequenzen haben, weshalb es wichtig ist, ihre psychische Gesundheit zu beobachten und entsprechende Angebote/Behandlungen für Kinder und Jugendliche zu schaffen – auch bei eventuellem Fortbestehen der pandemischen Lage. Deswegen kommt (neben der Telemedizin) der Telepsychiatrie und -psychotherapie eine besondere Bedeutung zu. Umfassende Daten gibt es jedoch noch nicht.

Alarmierend war der Bewegungsmangel, laut einer Studie der Uni Münster haben sich fast 25% der Schüler*innen so gut wie gar nicht mehr bewegt. Gibt es einen Zusammenhang zur Zunahme von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen?

Bei Erwachsenen zeigt sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen sog. „sedentary behaviour“, d.h. einem weniger aktivem Lebensstil und Depressionen sowie Ängstlichkeit bzw. Angststörungen, wobei ein quantitativer Anstieg an „sedentary behaviour“ das Risiko entsprechend erhöht.
Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich in der Forschung vielfach ein negativer Zusammenhang zwischen „sedentary behaviour“ und der psychischen Gesundheit, das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche, die im Alltag mehr sitzen, eine schlechtere psychische Gesundheit aufweisen.
Dabei scheint sich bei Kindern und Jugendlichen „sedentary behaviour“ insbesondere auf das Depressionsrisiko auszuwirken (im Vergleich zu Ängstlichkeit, Selbstwert, „psychological distress“ und Lebensqualität). Häufig sind diese Daten jedoch korrelativ – d.h. nicht kausal zu interpretieren. Fernsehkonsum spielt hierbei auch eine Rolle und scheint ein Moderator für den negativen Effekt zu sein.

Sie beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Bewegung auf exekutive Funktionen bei Kindern, können Sie kurz beschreiben, wie diese aussehen?

Die bisherige Forschungslage deutet darauf hin, dass sich Bewegung und Aktivität positiv auf die exekutiven Funktionen auswirkt.
Die Wirkung von Bewegung auf die exekutiven Funktionen wird einerseits auf neuronaler Ebene erklärt (neurostrukturell: verstärktes neuronales Wachstum; neurofunktionell: erhöhte synaptische Übertragung in EF-bezogenen Bereichen) sowie anhand von Lernprozessen (aufgrund ähnlicher kognitiver Anforderungen und dem Transfer von Bewegungs- auf EF-Kontext). Bei (komplexen) Bewegungen ist eine ständige Neuausrichtung der Aufmerksamkeit nötig, was auch bei exekutiven Funktionen wichtig ist.
Insbesondere die kognitive Anforderung der Bewegung scheint wichtig zu sein: bei einer hohen Komplexität (z.B. bei Teamspielen aufgrund der erhöhten sozialen Interaktion oder bei koordinativ anspruchsvollen Bewegungen) scheinen Bewegungsinterventionen einen positiveren Effekt auf die exekutiven Funktionen von Kindern zu haben (als z.B. bei reiner Wiederholung der motorischen Übungen oder einfachem Ausdauertraining). Dies bedeutet also, dass wir in diesem Bereich schon von Kausalzusammenhängen sprechen können, da Studien darauf hinweisen, dass Aktivität und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen positive Auswirkungen auf deren exekutiven Funktionen haben.

Verschiedene Studien legen nahe, dass Bewegung und Sport bei Depressionen helfen können, ist dies auch bei Kindern und Jugendlichen der Fall?

Es gibt Hinweise aus Metaanalysen und Reviews, die besagen, dass körperliche Bewegung bei Jugendlichen zur Reduktion einer klinisch auffälligen depressiven Symptomatik führt. Dabei hatten die genaue Dauer und Häufigkeit der Interventionen hier keinen Einfluss auf die Stärke des Effekts. Stattdessen scheint der Kontext einen Effekt zu zeigen: insbesondere Jugendliche, die in Vereinen und Gruppen Sport machen, zeigen geringere depressive Symptomatik als Jugendliche, die Individualsport oder keinen Sport machen. Dieser psychosoziale Effekt konnte in unterschiedlichen westlichen Ländern gefunden werden. Insgesamt kann man sagen, dass Bewegung und Sport bei einer diagnostizierten Depression nicht als alleinstehende Intervention eingesetzt werden sollte, sondern in Zusammenhang z.B. mit kognitiver Verhaltenstherapie unterstützend wirken kann. 

Gibt es bestimmte Bewegungs- oder Sportarten, die besonders effektiv sind? Reicht Toben aus, oder müssen es vorgegebene Bewegungsabläufe sein?

Bezogen auf exekutive Funktionen ist die Komplexität der Bewegungssituation von zentraler Bedeutung. Dies kann sich sowohl auf die koordinative Komplexität der Bewegung (z.B. beim Turnen) selbst als auch auf den sozialen Kontext beziehen. Wenn Kinder mit ihren Freunden Fangen spielen, so müssen sie ständig im Blick behalten, wer sich wo befindet, wer wie schnell rennt und wer gerade wen fangen muss. Auch das entspricht einer erheblichen kognitiven Anforderung, die sich positiv auf die exekutiven Funktionen auswirken können. Es muss sich also nicht um bestimmte Bewegungs- oder Sportarten handeln.

Bezogen auf psychische Störungen erweist sich die soziale Interaktion mit den Peers als besonders wichtig: d.h. dass die Bewegung in Gruppen statt allein vorgenommen wird. Dies verringert depressive Symptomatik – insbesondere dann, wenn Sport in Gruppen bzw. im Verein ausgeführt wird. Sport in Gruppen bietet Jugendlichen Kontaktmöglichkeiten und die Möglichkeit ihren Freundeskreis über den Schulalltag hinaus zu erweitern. Sport in Gruppen ist besonders wichtig, da die Bedeutung der Peers in der Pubertät weiter zunimmt (im Vergleich zu Bedeutung der elterlichen Beziehung in der Kindheit).

Könnte Sport geeignet sein, auch präventiv gegen depressive Stimmungen eingesetzt zu werden und wenn ja, wie oft und wie intensiv müssten in etwa die Bewegungseinheiten sein?

Körperliche Aktivität sowie Sportinterventionen stehen im Zusammenhang mit verringertem Depressionsrisiko und scheinen sowohl präventiv als auch bei der Behandlung vorliegender depressiver Symptomatik effektiv zu sein.
Aussagen zu Häufigkeit und Intensivität der Bewegungsintervention sind generell schwierig wegen der wenig homogenen Forschungslage zu solchen Interventionen.
Aber es gibt Hinweise aus einer Metaanalyse (Radovic, Gordon & Melvin, 2017), dass die Häufigkeit oder Dauer von Sportinterventionen („die Dosis“) keinen Einfluss auf den Zusammenhang hatte; sowie Hinweise aus einem Review (Larun et al., 2006), dass Sportinterventionen unabhängig von der Intensität (vigorous vs. low intensity) depressive Symptomatik in einer Stichprobe von nicht klinisch auffälligen Kindern und Jugendlichen verringern. Besonders wirksam scheinen Sportinterventionen zu sein, wenn zusätzlich zur sportlichen Komponente auch pädagogische oder aufklärende Aspekte integriert werden

Was könnte Schule dazu beitragen, damit Kinder mehr in Bewegung kommen, reichen die Angebote Ihres Erachtens aus?

Zunächst und zuallererst: ein Sportunterricht, der Kindern Freude an der Bewegung vermittelt (d.h. Schule sollte hier Leistungsüberprüfungen überdenken bzw. gezielt einsetzen) und Bewegung im Schulalltag. Die Schule ist generell ein guter Ort, um gezielt Bewegung bei Kindern und Jugendlichen zu fördern, da viele (fast alle) Kinder (unabhängig von SES, ethnischem Hintergrund etc.) erreicht werden können.

Es gibt außerdem (z.B. im Biologie-Unterricht) Möglichkeit für Aufklärung über Zusammenhang zwischen körperlicher Bewegung und psychischer Gesundheit, was den positiven Effekt von körperlicher Bewegung unterstützt. Sicher ist dies aber (noch) nicht ausreichend, um langfristig Verhalten und Einstellungen zu ändern. Hier über die Einführung eines neuen Schulfachs – z.B. Lebensstil – nachzudenken, lohnt sich aus meiner Sicht.

Unabhängig von Sportunterricht, sind eher Umfeld bezogene Veränderungen („environmental strategies“) wichtig: insbesondere in Grundschulen sollten Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten ausgebaut werden (z.B. mehr Platz auf dem Pausenhof, mehr Zeit zum Spielen). Solche Veränderungen scheinen konsistent einen positiven Effekt auf das Bewegungsausmaß der Kinder zu haben. Bewegungspausen im Unterricht haben sowohl positiven Effekt auf Bewegungslevel sowie physische Gesundheit der Kinder als auch auf den akademischen Erfolg (d.h. es werden keine Einbußen trotz weniger „klassischer“ Unterrichtszeit beobachtet).

Medikamente bei der Behandlung von Kindern mit Störungen wie ADHS oder Depressionen sind umstritten. Könnte regelmäßiger Sport sogar Medikamente ersetzen?

Im Kindes- und Jugendalter gibt es leider zu wenige Studien – jedoch legen Erkenntnisse bei anderen Erkrankungen und aus dem Erwachsenenbereich nahe, dass dies wirklich so sein könnte und Medikamente in niedriger Dosis, weniger verschrieben werden müssten, bei ausreichender Bewegung. 
Bei Kindern in unterschiedlichen Altersstufen mit ADHS-Symptomatik konnte nach mehrwöchigen Sporttrainings eine Verbesserung der Symptomatik sowie eine Verbesserung kognitiver Leistungen beobachtet werden (Smith et al., 2013; Verret et al., 2012). Sport scheint somit vielversprechend zu sein, um ADHS-Symptome zu verringern.
Außerdem gibt es Hinweise aus einer Metaanalyse (Cerrillo-Urbina et al., 2015), dass Bewegungsinterventionen auch begleitend zu pharmakologischen Behandlungen von ADHS eingesetzt werden sollten, weil sie bei den Kindern effektiv zu sein scheinen, bei denen die medikamentöse Behandlung nicht wirkt. Körperliche Bewegung und pharmakologische Behandlung bei depressiven Erwachsenen scheinen einen ähnlichen Effekt zu haben (Review von Phillips et al., 2003). Unterschiedliche Sportarten (sowohl aerob als anaerob) scheinen einen positiven Effekt auf depressive Symptomatik zu haben und mit der pharmakologischen Behandlung vergleichbar in ihrer Effektivität zu sein.

Es gibt also Hinweise darauf, dass Sport und Antidepressiva auf ähnliche neuronale Weise wirken könnten – aber, wie bereits eingangs erwähnt, ist weitere Forschung unbedingt nötig, um einen maximalen Effekt aus Kombination von Sport und Medikation erzielen zu können. Außerdem scheinen auch psychologische Effekte von Sport für die Verringerung depressiver Symptomatik wichtig zu sein (Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung, Selbstwert).

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Unterstützung bei der Recherche zu den Antworten durch Anne Eppinger Ruiz de Zarate, MSc

Prof. Dr. Caterina Gawrilow

Caterina Gawrilow ist seit 2013 Professorin für Schulpsychologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Gemeinsam mit ihrem Arbeitsbereich beschäftigt sie sich mit Selbstregulationsprozessen in verschiedenen Altersgruppen. Sie interessiert u.a. kognitive und neuronale Ursachen von ADHS, die (fehlende) Selbstregulation z.B. bei Schülerinnen und Schülern mit ADHS und der Einfluss körperlicher/sportlicher Aktivität auf Stimmung und kognitive Leistungen von Kindern. Caterina Gawrilow hat an der Philipps-Universität Marburg Psychologie studiert, 2005 an der Universität Konstanz promoviert und sich 2012 an der Goethe-Universität Frankfurt habilitiert.

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