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Der Klimawandel – Gefahr für die Gesundheit

Mit „Gesundheitsrisiko Klimawandel“ erscheint ein Band in dem die Expertise von mehr als 70 Autor*innen einen aktuellen Blick auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit bietet. Was bedeutet die zunehmende Hitze für Alltag und Sport? Wie wirken sich Extremwetterereignisse aus? Wie kann man besonders gefährdete Gruppen schützen? Und welche Präventionsmaßnahmen versprechen Erfolg? Bandherausgeber Prof. Dr. Sven Schneider hat uns diese und weitere Fragen im Interview beantwortet.

Gesundheitsrisiko Klimawandel. Mann auf Baustelle trinkt Wasser wegen Hitzebelastung

Hitzerekorde, Überschwemmungen, fast täglich erreichen uns Meldungen über Extremwetterereignisse. Welche Folgen hat der Klimawandel auf die Gesundheit, können Sie uns einen kurzen Überblick geben?

Die bereits stattfindenden und die erwarteten Klimaveränderungen bergen direkte und indirekte Gefahren für die Gesundheit. Direkte Effekte des Klimawandels umfassen die Zunahme thermischer Belastungen (z.B. durch immer häufigere, längere und extremere Hitzewellen), die Zunahme weiterer Extremwetterereignisse wie Unwetter und die Zunahme der UV-Exposition. Die daraus resultierenden Gesundheitsrisiken reichen vom Hitzschlag und anderen Hitzeerkrankungen über Unfälle und Verletzungen etwa durch Überschwemmungen, Vegetationsbrände, Sturmereignisse und Lawinen bis hin zu UV-Erythemen und Hautkrebs. Zu den indirekten Effekten des Klimawandels zählen die Zunahme der Ozon- und Feinstaubbelastung, die Zunahme allergischer Belastungen (z.B. durch mehr und aggressivere Pollen), erhöhte Infektions- und Vergiftungsrisiken sowie vermehrte mentale Belastungen. Diese indirekten Effekte haben unter anderem einen Anstieg von Atemwegserkrankungen und allergischem Asthma, Infektionen durch heimische und neue Vektoren wie Zecken und die Asiatische Tigermücke, wasserbürtigen Infektionen und psychischen Belastungen zur Folge.

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen von den Folgen des Klimawandels?

Durch Hitzestress und viele der übrigen oben beschriebenen Risiken besonders gefährdet sind Säuglinge, Kleinkinder, Ältere und chronisch Kranke, aber ebenso weitere vulnerable Personengruppen wie Schwangere, Beeinträchtigte und Wohnungslose, bei denen das Thermoregulationssystem nur eingeschränkt funktionsfähig ist bzw. mangelndes Durstempfinden zu einer ungenügenden Flüssigkeitsaufnahme und damit schnell zu einer Dehydratation führt. Hinzu kommen die über 7 Millionen Außenbeschäftigten sowie ein großer Teil der rund 30 Millionen Sportler*innen in Deutschland, die etwa der Hitzebelastung berufs- oder sportbedingt kaum aus dem Weg gehen können. 

In dem von Ihnen herausgegeben Buch „Gesundheitsrisiko Klimawandel“ sind Expert*innen aus ganz verschiedenen Bereichen versammelt, warum ist diese Zusammenarbeit so wichtig?

Das Thema ist aus zwei Gründen äußerst komplex. Zum einen ergeben sich höchst unterschiedliche Krankheitsrisiken, um die sich spezialisierte medizinische Fachrichtungen präventiv und kurativ kümmern. Zum anderen unterscheiden sich auch die Risikogruppen soziodemografisch und in ihrer spezifischen Risikoexposition. Deswegen verfolgt das Buch einen inter- und transdisziplinären Ansatz. Konkret vereint es die Expertise von 70 Autor*innen aus 42 Institutionen aus Wissenschaft, Arbeitswelt und Sport. Dazu zählen nationale staatliche Einrichtungen wie das Umweltbundesamt, das Robert Koch-Institut, der Deutsche Wetterdienst, führende universitär tätige Wissenschaftler*innen in ihrem Fachgebiet sowie den DOSB und zahlreiche Sportverbände. Somit kann etwa der Sport aus den langjährigen Erfahrungen in der Arbeitswelt - konkret aus den Regelungen im Arbeitsschutz - lernen und kann Kita-Personal aus erster Hand - nämlich etwa von Expert*innen des Bundesamtes für Strahlenschutz – erfahren, warum UV-Strahlung für Kinder noch viel schädlicher ist als für Erwachsene. Dieser Ansatz führte nicht zuletzt dazu, dass die Expert*innen weitgehend auf Fachterminologie verzichtet haben und jedes einzelne Kapitel auch ohne spezifische Vorkenntnisse gut lesbar ist.

Der Klimawandel hat nicht nur körperliche Folgen für Menschen z.B. durch Hitze oder Überschwemmungen, inwiefern ist auch die Psyche betroffen von den Folgen?

Die Klimaveränderungen wirken sich auf Körper und Seele aus. Luftverunreinigungen und Hitze erhöhen das Risiko für Stress und Angst. Schadensereignisse (Naturkatastrophen, Lawinenabgänge und Überflutungen) bewirken Störungen wie etwa posttraumatische Belastungsstörungen. Klima-Angst ist die verbreitetste Erscheinung klimapsychischer Syndrome. Nach Klimaschäden treten darüber hinaus auch Phänomene wie Klimakummer oder Klimadepression auf. Solastalgie bezeichnet den überdauernden Verlustschmerz von naturverbundenen Menschen. Hierzu gehören naturnahe Berufe u. a. wegen ihrer Hitzeexposition (wie etwa Landwirt*innen, Bergbäuer*innen usw.). Outdoorsportler*innen leiden unter Wettkampfabsagen und belastenden Rahmenbedingungen. Kinder reagieren empfindsam auf Störungen ihrer affektiven Schutzzone mit angstgebundenen Symptomen. Bei Jugendlichen treten vermehrt ärgerlich-empörte Regungen auf. Ältere Menschen leiden unter Verwirrtheiten und Demenzsymptomen. Da insbesondere die Forschung zu mentalen Risiken noch in ihren Anfängen steckt, widmet sich ein eigenes Kapitel ausführlich dieser Thematik. 

Wir stehen kurz vor der Europameisterschaft in Deutschland, viele Sportarten werden im Freien ausgeübt. Müssen wir uns darauf vorbereiten, dass irgendwann kein Sport mehr draußen stattfinden kann?

Sportler*innen gelten laut Weltgesundheitsorganisation explizit als Risikogruppe für die Gesundheitsrisiken des Klimawandels. Im Sommer sind Sportunterricht, Outdoortraining und Ligaspiele in der Mittagshitze und unter praller Sonne keine Seltenheit. Lehrplan, Platzbelegung und Spielpläne lassen Sportlehrer*innen, Übungsleiter*innen und Trainer*innen oft keine andere Wahl. Gerade körperliche Anstrengung bei großer Hitze gilt als Risikofaktor für Hitzeerschöpfung und Hitzschlag. Hinzu kommen im Outdoor-Sport Risiken durch Extremwetterereignisse, Blitzschlag, Sturm und Astbruch. Spezifische Risiken bergen Extremwetterereignisse für den Berg-, Ski- und Wassersport wie häufigere Bergstürze, Steinschläge, Gletscherspalten, Großlawinenlagen und Hochwasser. Im Zuge des Klimawandels sind viele Sportler*innen außerdem vermehrt den schädlichen Wirkungen des Sonnenlichts ausgesetzt. Auch die indirekten Risiken sind im Sport relevant. Hierzu zählen aufgrund des höheren Atemminutenvolumens die absehbare Zunahme von Ozon, Feinstaub und Allergenen in der Atemluft sowie größere Infektionsrisiken durch Zecken und Stechmücken.

Welche Auswirkungen wird es voraussichtlich auf die Arbeitswelt haben, werden wir dort vor allem mit klimaanpassenden Schritten zu tun haben?

Insbesondere Außenbeschäftigte sind in hohem Maße klimabedingten Gesundheitsrisiken wie beispielsweise ansteigender Umgebungstemperatur, erhöhter ultravioletter Strahlung oder Extremwetterereignissen ausgesetzt. Diese können schwerwiegende Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit haben und die Arbeitsleistung einschränken. Der Arbeitsschutz reagiert darauf mit entsprechenden Gesetzen, Regeln und Verordnungen: Diese beinhalten personenbezogene Maßnahmen, die das Gesundheitsverhalten von Außenbeschäftigten fördern und verhältnispräventive Maßnahmen, die durch Anpassung von Arbeitsprozessen, Arbeitsumgebung und Arbeitsorganisation das Expositions- und Erkrankungsrisiko minimieren können. Für zahlreiche Berufsfelder sind diese Maßnahmen in dieser Neuerscheinung des Hogrefe-Verlages sehr detailliert dargestellt. 

Welche präventiven Maßnahmen halten Sie für besonders sinnvoll?

Wir unterscheiden in der Präventionsforschung Verhaltens- von Verhältnisprävention. Während Verhaltensprävention Anpassungsmaßnahmen der Individuen meinen, wie zum Beispiel ausreichenden Sonnen-, Hitze- und Impfschutz, umfasst die Verhältnisprävention alle Maßnahmen, die baulich, technisch, strukturell und organisatorisch Risikogruppen schützen. Dies sind etwa Maßnahmen der Arbeitgeber*innen, der Sportvereine und der Pflegeheimleitung. Seit Langem ist bekannt, dass gerade verhältnispräventive Maßnahmen besonders effektiv und effizient sind, weil sie auch ohne aktives Zutun der Zielgruppen dauerhaft und niederschwellig wirken. Im Bereich etwa des Hitzeschutzes ist eine solche Maßnahme der Hitzeaktionsplan. Zahlreiche Kommunen arbeiten derzeit an solchen Hitzeaktionsplänen. Aus meiner Sicht wären drei konkrete Maßnahmen wünschenswert: Erstens sollten Hitzeaktionspläne auf evidenzbasierten Maßnahmen, also solchen Maßnahmen, für die eine tatsächliche Effektivität nachgewiesen ist, fußen. Zweitens sollte das Rad nicht jedes Mal neu erfunden werden, indem jede Kommune ihren eigenen Hitzeaktionsplan erstellt. Und drittens sollten Hitzeaktionspläne auch auf die weiteren, oben besprochenen Klimarisiken erweitert werden. Ein Konzept hier haben wir mit dem SC3-Pyramidenmodell für den Sport zusammen mit zahlreichen Expert*innen erarbeitet und in unserem Buch „Gesundheitsrisiko Klimawandel“ ausführlich vorgestellt.

 

Wie kann man erreichen, dass aufgrund der vielen negativen Nachrichten und Prognosen nicht eine Art Lähmung auftritt, ein Aufgeben, wie kann man Menschen wirkungsvoll zu präventiven Maßnahmen motivieren?

Dass eine Zunahme an Kohlendioxid unsere Atmosphäre erwärmen wird, wurde bereits im Jahr 1895 entdeckt. Spätestens seit Anfang der Siebziger Jahre  - konkret seit der Veröffentlichung „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome - weiß die Menschheit um den drohenden Klimawandel. Je später wir vor dem Abgrund bremsen, desto heftiger muss das Bremsmanöver sein. Diese Erkenntnis setzt sich nun endlich auch in breiten Bevölkerungsschichten durch. Ein interessantes Argument wird in dem nun veröffentlichten Buch vom Robert Koch-Institut dargelegt: So argumentieren die Autoren, dass klimaschutzrelevantes Verhalten für jeden von uns auch unmittelbare positive Auswirkungen auf die eigene Gesundheit haben kann. Wenn Menschen vermehrt zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren, statt das Auto zu nutzen, und weniger tierische Lebensmittel verzehren, reduziert das nicht nur klimarelevante Gase. Beide Verhaltensweisen – aktive Mobilität und reduzierter Verzehr von Fleisch u.ä. – verringern gleichzeitig das Risiko für chronische Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Diese positiven Effekte werden als Co-Benefits bezeichnet und könnten die Motivation zu klimagerechtem Verhalten erhöhen. 

Dennoch sind natürlich die individuelle Motivation und der Widerstand, gewohntes und bequemes Verhalten aufzugeben, eines jeden einzelnen von uns höchst unterschiedlich. Deswegen kann ich abschließend nur für mich selbst sprechen: Ich möchte mir in einigen Jahren von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, nicht alles getan zu haben, um ihnen eine lebenswerte Welt überlassen zu haben. 

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Dr. phil. Sven Schneider

Prof. Dr. phil. Sven Schneider lehrt und forscht als Professor für sozialmedizinische Epidemiologie und als Sport- und Medizinsoziologe an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nach langjähriger Tätigkeit als Forschungsgruppenleiter an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg und als stellvertretender Stabsabteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum arbeitet er nun in den Themenfeldern „Sport“ und „Klimawandel“ an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er ist u. a. Mitglied der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und der Gesellschaft zur Förderung Medizin-Meteorologischer Forschung. Seit etwa 30 Jahren besitzt er mehrere DOSB-Trainerlizenzen, u. a. für den Leistungssport, trainiert seitdem Nachwuchsathlet*innen und bildet ebenso lang bundesweit für zahlreiche Sportverbände Trainerinnen und Trainer – mittlerweile auch zum Thema „Klimawandel und Sport“ – aus.

 

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