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DeutschKlinik und Therapie

Der Methodenkoffer für Beratung und Therapie von Paaren

Mit den “Tools für die Paartherapie” haben Prof. Dr. Guy Bodenmann, Dr. Kathrin Widmer, Roland Anderegg und Dr. Corinne Bodenmann-Kehl einen umfassenden, schulenübergreifenden Werkzeugkoffer für die Beratung und Therapie von Paaren entwickelt. Wir haben mit den Autor*innen über das Buch und die Arbeit mit den verschiedenen Methoden gesprochen.

Ein Paar - man sieht die Köpfe nicht, nur einen Teil des Rumpfes - sitzt auf einem Sofa und spricht mit einem Paartherapeuten

Foto: Getty images

Ihr Manual umfasst 16 evidenzbasierte Methoden, eine Mischung aus etablierten (z.B. Kommunikationstraining, 3-Phasen-Methode, Akzeptanzarbeit) und neueren Ansätzen (z.B. Beziehungspyramide, Kapitalization, Umarmungsmeditation). Nach welchen Kriterien haben Sie diese Auswahl zusammengestellt?

Guy Bodenmann:
Wir wollten einen Methodenkoffer schaffen, der Paartherapeut*innen in der Praxis nützliche, hilfreiche und evidenz-basierte Tools an die Hand gibt. Die Auswahl erfolgte vor allem nach diesen Kriterien. Dabei wurden Interventionsmethoden berücksichtigt, die einerseits etabliert und bezüglich ihrer Wirksamkeit ausgewiesen sind, andererseits in der Praxis einen hohen therapeutischen Zugewinn bedeuten. Auf der Basis eigener langjähriger paartherapeutischer Erfahrung der Autor*innen sowie Erkenntnissen und Erfahrungen aus Ausbildungen von Paartherapeut*innen und deren Supervision legten wir gemeinsam diese Auswahl fest. Der Methodenkoffer versteht sich explizit als Werkzeugkasten und verzichtet bewusst auf theoretische Ausführungen. Es soll ein Hilfsmittel sein, um in der praktischen Arbeit zielgerichtete und effiziente Impulse für die Arbeit mit Paaren zu erhalten.

Jedes Modul folgt derselben Struktur: Indikation, Ziele, formale Kriterien und detaillierte Anleitung. Welche Vorteile hat diese Standardisierung?

Kathrin Widmer:
Es bestehen Vorteile sowohl für die Paare selbst als auch für die Paartherapeut*innen: 
(a) Diesen ermöglicht die Struktur einen Kurzüberblick zu den einzelnen Methoden, aus einer Meta-Perspektive. In einer kurzen Übersicht werden sowohl einzelne Schritte wie die Diagnostik, Voraussetzungen für die Umsetzung und Ziele der Methode, die Materialien, das Setting, die Sitzungsanzahl kurz zusammengefasst, was hilfreich in der praktischen Arbeit ist.
(b) Auch für das Paar schafft die wiederholte, gleichbleibende Struktur Klarheit und Vorhersagbarkeit des Ablaufs, und durch die dadurch entstehende Orientierung und erlebte Sicherheit kann sich das Paar mehr auf sich, die eigentlichen Probleme und die emotionale Tiefe fokussieren. 

Auf der Grundlage einer sorgfältigen Diagnostik wird mit dem Paar die Reihenfolge der zu bearbeitenden Themen bestimmt. Innerhalb der Diagnostik ist die Kommunikationsdynamik nur ein Konfliktfeld von möglicherweise vielen Konfliktthemen, das bearbeitet werden muss. Indem nach der Klärung und Veränderung der Kommunikationsdynamik ein sicherer Rahmen entsteht, können die weiteren Konfliktbereiche getrennt und Schritt um Schritt bearbeitet werden. Indem die einzelnen Problembereiche diagnostisch geklärt worden sind, die Zielerfassung mit dem Paar erarbeitet, sowie auch dem Paar bei jedem Bereich/Modul detaillierte Informationen zum Ablauf der Bearbeitung der Problematik gegeben werden, erleben Paare die Erfüllung des Grundbedürfnisses Orientierung und Kontrolle, was nebst einer wertschätzenden und zuwendenden Gesprächsführung die Grundbedingungen für eine konstruktive Bearbeitung der Konfliktthemen im Paar sind.

Auch wir Paartherapeut*innen lernen einerseits einfacher, wenn uns eine klare Übersicht der Thematik geboten wird, da damit unserem Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle genauso Rechnung getragen wird. Anderseits können wir uns sowohl in die konkrete Umsetzung einer Methode vertiefen als auch gezielt nur einzelne Materialien für die Diagnostik oder die Methoden nachschlagen und unabhängig von der theoretischen Ausrichtung einsetzen oder ergänzen. 

Eine intuitive und vor allem situativ adäquate Vorgehensweise hat aus unserer Sicht vor allem dann auch Platz, wenn wir die strukturierte Vorgehensweise verinnerlicht haben. Vorher laufen wir im Paar-Setting Gefahr, Themen zu übersehen, und durch eigene Unstrukturiertheit für das Paar nicht hilfreich durch die Problemklärungen und -lösungssuche zu führen. Wenn wir als Paartherapeut*innen für das Paar ein förderliches Klima zur Verfügung stellen wollen, sind wir gefordert, nebst den therapeutischen Basisbedingungen von Carl Rogers, «einfühlendes Verstehen» (Empathie), wertschätzendes Akzeptieren, Echtheit (Kongruenz) auch strukturierend einen sicheren Rahmen für das Paar zu gewähren, die beiden den gleichen Raum gewährleistet.

Die konkreten Anleitungen geben sowohl den Therapeut*innen wie auch dem Paar eine emotionale Sicherheit, ermöglichen relativ rasch erste Erfolgserlebnisse von durch erlebte Selbstwirksamkeit, sowohl im emotionalen Verstehen wie auch der Veränderung der Paardynamik.

Differenzialdiagnostischer Entscheidungsbaum bei Untreueproblematik

Ein besonderes Merkmal des Buches sind die differenzialtherapeutischen Entscheidungsbäume. Wozu dienen sie und wie werden sie eingesetzt?

Roland Anderegg: 
Die differenzialtherapeutischen Entscheidungsbäume sollen Therapeut*innen dabei helfen, die im Buch vorgestellten Methoden und Interventionen im Therapieprozess einzuordnen und sie bei der Therapieplanung zu unterstützen. Sie bilden ein idealtypisches Vorgehen ab und zeigen auf, welche Interventionen in welchen Situationen typischerweise sinnvoll sein können, ohne ein starres Vorgehen vorzugeben. In den dazugehörigen Fallbeispielen wird exemplarisch sichtbar, wie sich der Einsatz der Methoden je nach Ausgangslage und Problemanalyse, Dynamik und Fortschritt der Therapie unterscheiden kann. Dabei decken die Entscheidungsbäume und Fallbeispiele fünf verschiedene Konstellationen ab (zunehmende Unzufriedenheit, emotionale Entfremdung, Sexualitätsprobleme, Untreue sowie Gewaltproblematik). Gerade in der Arbeit mit hochproblematischen Paaren – beispielsweise bei Vorliegen von physischer Gewalt – erweist sich ein regelhafter Ablauf häufig als unrealistisch. Zu Beginn nimmt bei diesen Paaren meist die Krisenintervention eine zentrale Stellung ein. Im Verlauf kommen dann jedoch die weiteren Module, die in unserem Buch vorgestellt werden, zum Einsatz. Somit geben die Entscheidungsbäume Orientierung, ohne die notwendige Flexibilität einzuschränken: Die konkrete Reihenfolge und Auswahl der Interventionen soll stets individuell und maßgeschneidert am Fallverständnis, an der aktuellen Situation und an den Ressourcen des jeweiligen Paares ausgerichtet erfolgen.

Sie unterscheiden zwischen triadischem und dyadischem Setting. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Setting zum Einsatz kommt, und wie beeinflussen diese Settings die Interaktion während einer Sitzung?

Corinne Bodenmann-Kehl:
Viele Paartherapeut*innen arbeiten ausschließlich im triadischen Setting und nutzen daher die Chancen des dyadischen Settings nicht, was sehr schade ist. Viele kennen dieses nicht und orientieren sich am individualtherapeutischen Setting, wo der*die Patient*in der*dem Therapeut*in gegenübersitzt und die Interaktionen von der*dem Therapeut*in gestaltet werden. Das ist anders im dyadischen Setting, welches eine Reihe von Vorteilen hat. Im dyadischen Setting interagieren die Partner*innen miteinander, sie setzen Übungen um, machen durch gezielte Hilfestellungen des*der Therapeut*in konkrete Lernerfahrungen, erhalten informative Rückmeldungen, können dadurch direkt adjustieren und motivierende Fortschritte machen. Dadurch werden ihre Kompetenzen und ihre dyadische Selbstwirksamkeit gestärkt. 

Je häufiger die Paare ihre Kompetenzen in den Übungen während der Therapiesitzungen im dyadischen Setting stärken können, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die erworbenen Fertigkeiten auch in den Alltag transferieren können. Anstatt über die*den Therapeut*in mit dem*der Partner*in häufig in dritter Form zu kommunizieren («Er gibt mir nie das Gefühl, dass er mich schätzt und sieht, was ich alles für ihn mache»), macht es sehr viel mehr Sinn, direkt mit dem anderen zu sprechen und eine funktionale Kommunikation zu trainieren («Es macht mich traurig, wenn ich mich von dir nicht wahrgenommen und geschätzt fühle»). Dazu eignet sich das dyadische Setting, kombiniert mit der Technik des Prompting seitens der*des Therapeut*in hervorragend.

Sie betonen die Perspektive des „Paares als Patient“. Welche Vorteile hat diese Sichtweise – und wie verändert sie die therapeutische Beziehung?

Kathrin Widmer:
Diese Sichtweise nimmt auf, dass sich im Paar schon nach kurzer Beziehungsdauer eine nur diesem Paar eigene Paardynamik entwickelt, die von beiden aufrechterhalten wird. Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass wir aus Selbstwertschutz dazu neigen, den*die Partner*in für die Schwierigkeiten mehr in der Pflicht zu sehen. Aber aufgrund der emotionalen Resonanz wird jede*r Partner*in von Emotionalität des/der andern Partner*in infiziert und beide erwidern und reagieren reziprok darauf. Beide Partner*innen reagieren, und somit entsteht die Dynamik 50:50 von beiden Partner*innen, auch wenn die Verhaltensweisen unterschiedlich sind. 

Diese Sichtweise unterstützt uns in der Allparteilichkeit vom Anfang einer Paartherapie an. Konsequent von Beginn an wird mit dem*der anfragenden Partner*in nur die Indikation zu Paartherapie kurz geklärt. Zu Beginn der Paartherapie steht die Kommunikationsdynamik des Paares, und damit beider Partner*innen im Zentrum. Es sind beide Partner*innen 50:50 am Agieren wie Reagieren, nur der Beitrag kann variieren. Auch Schweigen und Rückzug sind Reaktionen auf ein Verhalten des andern, die ein destruktives Kommunikationsmuster aufrechterhalten und dazu beitragen, dass das Paar Konflikte nicht konstruktiv klärt und bewältigt. 

Ein homosexuelles Paar im Gespräch mit einem Paartherapeuten
Bild: Shutterstock / YAKOBCHUK VIACHESLAV

Während der Paartherapie lernen wir die beiden Partner*innen in Bezug auf ihre Verletzlichkeiten mehr und mehr kennen, und unsere Empathiefähigkeit für beide Partner*innen nimmt laufend zu, da wir zuerst rational die Wahrnehmungsfoki sowie Verarbeitungsmuster, und immer mehr auch die damit verbundenen Gefühle von beiden Partner*innen kennenlernen. 

Wenn Paare miteinander den Weg gehen, ihre Konfliktdynamik sowie ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und Positionen wieder konstruktiver zu verhandeln, gehen Partner*innen zusammen den Weg, sich selber emotional mehr zu kennen, es konstruktiver mitzuteilen, nicht auf kindliche Erfüllung zu pochen, sondern selbst ein Containment für ihre Gefühle zu entwickeln und die gegenseitige Empathie zu stärken. Da sich das Paar selbst gewählt hat, und das Paar zumindest zu Beginn oft eine zufriedenstellende Zeit zusammen erlebt hat, ist während einer Paartherapie zumindest eine Annäherung an diesen zufriedenstellenden Umgang miteinander oftmals wieder möglich.

Die 3-Phasen-Methode und das Problemlösetraining richten sich stark auf gemeinsame Bewältigung. Was bewirkt das Einüben des dyadischen Coping?

Guy Bodenmann:
Studien belegen, dass dyadisches Coping über die Kommunikation hinaus eine Schlüsselrolle zur Vorhersage der Partnerschaftsqualität und -stabilität spielt. So zeigte eine 10-Jahres-Längsschnittstudie, dass das dyadische Coping die Beziehungszufriedenheit im Verlauf besser vorhersagt als die Konfliktkommunikation. Dyadisches Coping erhöht die emotionale Intimität des Paaren durch die wechselseitige Verbundenheit, Verlässlichkeit und das Vertrauen, auf den anderen in Belastungssituationen zählen zu können und stärkt dadurch das Wir-Gefühl des Paares, die Bindung und dadurch die Beziehungszufriedenheit und die Stabilität der Partnerschaft. 

Obgleich beide Aspekte (Konfliktkommunikation und dyadisches Coping) sehr wichtig sind, wurde in der Paartherapie lange Zeit fast ausschließlich auf die Verbesserung der Konflikt-kommunikation fokussiert. Entsprechend gehört das Kommunikationstraining zu den klassischen Hauptkomponenten paartherapeutischer Interventionen. 

Beim dyadischen Coping geht es nicht nur darum, wie man miteinander redet, sondern darum, welche Taten man den Worten folgen lässt. Kann man sich auf den anderen verlassen, ist er für einen in Notlagen da, versucht er einen zu verstehen und einen engagiert zu unterstützen? Ist diese Unterstützung passend und angemessen, ist sie hilfreich und zufriedenstellend? 

Beim dyadischen Coping geht einerseits um die gemeinsame Emotionsregulation, andererseits um die gemeinsame Problemlösung. Die 3-Phasen-Methode, die ich entwickelt habe und die wir seit vielen Jahren erfolgreich umsetzen, zielt auf eine Stärkung der gemeinsamen emotionsbezogenen Stressbewältigung ab, und indem (a) das aufmerksame, emphatische Zuhören, (b) die vertiefte stressbezogene emotionale Selbstöffnung sowie (c) die Passung zwischen Unterstützung durch Partner*in B und den Bedürfnissen von Partner*in A und umgekehrt trainiert werden, um das dyadische Copingrepertoire des Paares zu erweitern und zu fördern. Zentral sind insbesondere emotionsbezogene Formen des dyadischen Copings (z.B. Interesse zeigen, empathisches Mitschwingen, Mut machen, sich solidarisieren, beim Umbewerten helfen).

Im Problemlösetraining lernt das Paar Alltagsprobleme, die häufig Sand im Getriebe darstellen, effektiver zu lösen, anstatt sie zu vermeiden oder zu zerreden. 

Beide Aspekte des dyadischen Coping braucht es für den Erfolg einer Beziehung, eine angemessene dyadische Emotionsregulation, ebenso wie die Fähigkeit des Paares, Probleme wirksam bewältigen zu können.

Viele Tools zielen darauf ab, Positivität, Empathie, Commitment und dyadisches Coping zu stärken. Welche Intervention erleben Sie als besonders wirksam, um festgefahrene Muster aufzubrechen?

Kathrin Widmer:
Es braucht alle Interventionen, um festgefahrene Muster aufzubrechen, aber je nach Ausgangslage zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Paartherapie. Bei Paaren mit einer hostil-aggressiven Paar-Dynamik z.B. ist zu Beginn - und selbstverständlich in Abhängigkeit der Eingangsdiagnostik -, die Stärkung der Grundpositivität wie z.B. mehr Respekt einander gegenüber absolut notwendig, um als ersten Schritt noch vor der Analyse der destruktiven Kommunikationsdynamik ein wertschätzendes ‘Grundklima’ im Paar wiederherzustellen. Erst auf der Grundlage dieses sicheren Rahmens, sowie einer Klärung des Commitment füreinander und den darauffolgend klaren Leitplanken im Kommunikationsverhalten ist eine Förderung der gegenseitigen Empathie bei emotional tiefen Emotionen wie im dyadischen Coping sinnvoll. Im Kern der Paartherapie sind es das Erleben der tiefen emotionalen Begegnung und Beziehung, die im dyadischen Coping oder der Umarmungsmeditation (emotional-körperliche Begegnung) möglich werden, die Paaren hilft, festgefahrene Muster tiefgreifend zu überwinden, und sich emotional wieder wohlwollend, feinfühlig und mit Liebe und Zuneigung zu begegnen.

Corinne Bodenmann-Kehl: 
Ja, ich stimme zu, es braucht eine Palette von Interventionen, da nicht immer die eine Methode bei allen Paaren wirkt und je nach Zeitpunkt in der Therapie andere Interventionen erforderlich sind. Der Methodenkoffer bietet diese Vielfalt und erlaubt damit, unterschiedliche Probleme bei verschiedenen Paartypen in unterschiedlichen Phasen der Therapie zielgerichtet anzugehen. 

Sie bieten spezifische Interventionen an, beispielsweise zu Gewalt bei Paaren. Welche besonderen Leitlinien oder Mindeststandards sind aus Ihrer Sicht für Therapeut*innen unverzichtbar?

Corinne Bodenmann-Kehl: 
Damit Gewalt bei Paaren wirksam behandelt werden kann, gilt es zuerst das Gewaltmuster beim jeweiligen Paar zu erkennen. Dazu braucht es eine sorgfältige funktionale Bedingungsanalyse und ausführliche Diagnostik, um sich ein valides Bild machen zu können, welche Ursachen die Gewalt hat, wer in welcher Weise zu den eskalativen Prozessen beiträgt, und welche Möglichkeiten bestehen, um diese Dynamiken günstig zu beeinflussen. Dabei geben während der Gewalt und kurz danach empfundene Emotionen (z.B. Empfinden von Reue, Schuld, Scham, Empathie) oder die physiologische Erregung (starkes physiologisches Flooding versus kaltblütige, unbeteiligte Regungslosigkeit) wichtige Hinweise auf den Typ der Gewalt. 

Guy Bodenmann: 
Man kann verschiedene Gewalttypen bei Paaren unterscheiden, je nachdem um welchen Typ es sich handelt, sind die Leitlinien der Behandlung anders. Am häufigsten haben wir es in der Paartherapie mit reziproken Aufschaukelungsprozessen zu tun. Der Konflikt verläuft hitzig, es kommt zu verbalen Attacken, Abwertungen, Provokationen, Drohungen, die dynamisch in ein Handgemenge und leichtere Formen der Gewalt (Schubsen, Stoßen) übergehen können und dann die Schleuse für grobe physische Gewalt öffnen. Es gilt diese Dynamiken zu erkennen und «Triggerpunkte» zu finden, bei denen angesetzt werden kann. Bei Gewalt aufgrund problematischer Persönlichkeitsmerkmale (z.B. Psychopathie, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Borderline) ist Paartherapie nicht indiziert. 

Corinne Bodenmann-Kehl: 
Mit der SENF-Methode wird Paaren, welche in eine negative reziproke Abwärtsspirale hineingeraten, ein Hilfsmittel an die Hand gegeben, wie sie bei zunehmender negativer Emotionalität rechtzeitig Stoppen können (S), sich beruhigen und entspannen können (E), in Ruhe nachdenken und ergründen können, was sie so stark aufwühlt (N), um ihre Bedürfnisse und das Störende klarer formulieren zu können (F).

Weiter zeigen Sie im Buch Möglichkeiten des Umgangs mit sexuellen Problemen auf, betreffen diese viele Paare und welche Interventionen werden vorgeschlagen?

Kathrin Widmer:
Sexualität ist ein sehr sensibler Gradmesser für die Partnerschaftsqualität generell. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass viele Paare zu Beginn der Paartherapie über Unerfülltheit, Unzufriedenheit oder Probleme in der Sexualität berichten, oder das Problem im Verlauf der Therapie und mit zunehmendem Vertrauen erwähnen. Wenn wir uns in der Beziehung nicht gesehen, nicht verstanden und emotional nicht unterstützt fühlen, keine Wertschätzung erfahren, und keine faire Rollen- und Aufgabenteilung erleben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch die Sexualität nicht als erfüllend und emotional nahe erlebt wird. 

Aus den genannten Gründen ist es deshalb oft so, dass erst nach der Bearbeitung der Konfliktbereiche Kommunikationsdynamik, oder der unterschiedlichen Bedürfnisse und Positionen in anderen Paarbereichen auch der Wunsch nach Nähe und Sexualität überhaupt wieder entsteht. Sehr oft kommen Paare auch in Paartherapie, wenn sie viel paarexternen und -internen Stress erleben. Beide Stressarten wirken sich in der Regel insbesondere bei Frauen stärker als bei Männern auf das Verlangen nach Sexualität aus. Auch hier beginnt die Paartherapie sinnvollerweise nicht bei der Bearbeitung der Sexualität, sondern bei den aus empirischer Forschung nahegelegten ursächlichen Problembereichen. 

Falls die sexuelle Unzufriedenheit oder tiefergehende Schwierigkeiten in der Sexualität dann aber bestehen bleiben, oder nur dieser Bereich als einziger Bereich als schwierig empfunden wird, steigen wir direkt mit unterschiedlichen Methoden zur Klärung der Probleme in diesem Bereich für beide Partner*innen und der Lösungssuche in diesem Bereich ein.

Ausgehend von einer sorgfältigen Diagnostik bezüglich der Entstehungsgeschichte und den aufrechterhaltenden Bedingungen der sexuellen Unzufriedenheit und/oder sexuellen Schwierigkeiten, sowie den Wünschen beider Partner*innen beginnen wir die Arbeit mit dem Paar. 

In der Paartherapie unterscheiden wir generell zwischen Interventionen, die a) Partner*innen darin unterstützen, mehr ihre Wünsche in der Sexualität zu kommunizieren und eine erfülltere Sexualität zu erleben, und b) Interventionen bei sexuellen Funktionsstörungen.

Generell wünschen sich Partner*innen und Paare oft, wegzukommen von einer sehr oft verbreiteten Sichtweise eines rigiden mechanischen Ablaufs von Sex und Leistungsdruck aufgrund von postulierten Häufigkeiten und rigid erlebten Skripten innerhalb der Sexualität. 

Am wichtigsten ist für die Zufriedenheit beider Partner*innen in diesem Bereich, zu einer für das Paar einzigartigen, stimmigen, selbst bestimmten Häufigkeit (Quantität) von Sex einerseits, und einer sinnlicheren Sexualität (Qualität) andererseits zu kommen: je nach Lebensphasen und auch Beziehungsdauer gewichten die Partner*innen zudem die emotional-zärtliche Intimität oder die körperliche Lusterfahrung im Paar höher oder als gleich wichtig. Beide Partner*innen bestimmen zusammen, welchen Stellenwert bei ihnen im Paar die emotionale Nähe und Zärtlichkeit und/oder die sinnliche erotische Lust einnehmen sollen.

Sie präsentieren in Ihrem Buch weniger bekannte respektive neuere Methoden wie die Beziehungs-Lifeline oder die Beziehungspyramide. Können Sie etwas zu deren Einsatz sagen?

Corinne Bodenmann-Kehl:
Die Lifeline wird in der Individualtherapie bereits länger erfolgreich eingesetzt, in der Paartherapie kommt die Methode seltener zum Einsatz, was schade ist. Sie ermöglicht es dem Paar zu erkennen, wie ihre Beziehung verlaufen ist, welche Ereignisse und äußeren Einflüsse den Verlauf geprägt haben und welche Weichenstellungen zu welchem Ausgang geführt haben. Indem beide Partner*innen unabhängig voneinander ihre Beziehungs-Lifeline zeichnen, kann der*die Therapeut*in diese beiden Sichtweisen anschließend vergleichen, besprechen und damit Verständnis für das Erlebte schaffen. Wie im Diathese x Stress Modell psychischer Störungen, sind auch Beziehungsstörungen im Lichte von Belastungen und deren Kumulation zu sehen. Indem Paaren bewusst wird, welche Stressoren sie in die Krise geführt haben, welche Herausforderungen sie aber auch gemeinsam bewältigen konnten und was der Stress mit dem jeweilig anderen und ihrer Beziehung gemacht hat, wird eine wichtige Voraussetzung für Motivation und eine positive Erwartungshaltung geschaffen, um die Probleme gemeinsam anzugehen. 

Guy Bodenmann:
Die Beziehungspyramide ist eine sehr schöne Methode, um anstatt rein verbal über Dinge zu sprechen, sie durch das Legen einer Pyramide zu visualisieren und damit sehr viel tiefere Gefühle hervorzurufen. Wenn wir fragen, was dem Paar in der Beziehung wichtig ist, erhalten wir rationale Antworten. Wenn wir die beiden Partner*innen bitten, jeweils eine Pyramide zu legen, bei der zuoberst das Wichtigste und in absteigender Reihenfolge zunehmend weniger wichtige Belange hingelegt werden, resoniert dies emotional ganz anders. Die Pyramide des*der Partner*in zu sehen, mit der eigenen zu vergleichen oder gemeinsam eine Pyramide zu legen, schaffen eindrückliche dyadische Momente der persönlichen Begegnung, der wechselseitigen Wahrnehmung und des gegenseitigen Verstehens, aber auch der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.

Welche Rolle spielen Interventionen zur Dankbarkeit und Versöhnung? Wann werden sie eingesetzt und bei welchen Paaren?

Guy Bodenmann: 
Paare, welche in Paartherapie kommen, berichten von vielfältigen Verletzungen, kleineren und größeren emotionalen Wunden, die der andere ihnen zugefügt hat, oftmals unbewusst, manchmal absichtlich oder vorsätzlich. Häufig handelt es sich um Versäumnisse («Als ich dich damals bei der schweren Erkrankung meiner Mutter am meisten gebraucht hätte, warst du nicht für mich da, dein Job war dir wichtiger»), Unterlassungen («Als mich dein Vater vor allen am Geburtstag deiner Schwester blamiert hatte, hast du mich nicht geschützt») oder aktiven Verletzungen (unsensible Reaktionen, beleidigende, abwertende oder bloßstellende Bemerkungen, Gewalt, Untreue etc.). Diese Verletzungen stehen zwischen dem Paar wie eine meterhohe, unüberwindbare Wand, und wenn sie nicht überwunden werden können, stehen sie dem Erfolg der Therapie im Wege. Es gilt behutsam den Verletzungen Raum zu geben, sie nachvollziehen und verstehen (kognitive Empathie) und sie nachempfinden zu können (emotionale Empathie), was wir meistens mit der Trichtermethode herausarbeiten. Erst wenn Versöhnung zugelassen werden kann, ist eine Heilung der Beziehung möglich. 

Ein lesbisches Paar im Alter um die 60 im Gespräch mit einem Therapeuten
Bild: Shutterstock / LightField Studios

Corinne Bodenmann-Kehl: 
In dem Zusammenhang oder bei Paaren in Trennung oder Scheidung arbeiten wir auch häufig mit Dankbarkeitsinterventionen. Wofür ist man trotz allem dem anderen dankbar, was hat er*sie einem ermöglicht, was hat man vom anderen gelernt, welche Entwicklungsmöglichkeiten hat er*sie einem ermöglicht etc. 

Dankbarkeitsinterventionen sind sehr wertvoll, sie öffnen die Herzen und zeigen auf, dass nicht alles nur negativ war, dass man auch viel Schönes und Positives erleben durfte, das es wahrzunehmen und zu würdigen gilt.

Außenbeziehungen scheinen ein häufiger Trennungs- und Scheidungsgrund zu sein. Können Sie Paaren bei dieser Problematik mittels Paartherapie helfen? Unter welchen Voraussetzungen?

Kathrin Widmer: 
Außenbeziehungen betreffen sehr viele Paare. Man geht davon aus, dass mindestens 30-50% der Paare im Verlauf ihrer Partnerschaft eine Außenbeziehungen erleben. Wir gehen dabei aber von einer noch höheren Dunkelziffer aus. Und nur wenige wählen den Weg zu einer Paartherapie.

Es besteht tatsächlich nach wie vor die weit verbreitete Annahme, dass Außenbeziehungen ursächlich ein häufiger Trennungs- und Scheidungsgrund seien. Dabei sind es sehr häufig andere Faktoren wie vor allem externe, chronische Alltagsstressauswirkungen auf das Paar, die dazu führen, dass Paare wenig qualitativ genussvolle Zeit miteinander verbringen, die Kommunikationsqualität massiv abnimmt, unter Stress beide Partner*innen mehr zu Gereiztheit oder Rückzug tendieren, oder unter chronischem Stress psychische und physische Symptome entwickeln. All’ diese Faktoren führen im Paar zu Entfremdung und Unzufriedenheit. So werden oft aufgrund von fehlender Zuwendung, Wertschätzung und erlebten Verletzungen im Paar Grenzziehungen zu anderen Personen durchlässiger, bis sich eine*ein Partner*in dazu entschließt, eine Affäre einzugehen oder eine Außenbeziehungen zu leben. Auch persönliche Faktoren wie eigene Unzufriedenheit oder kontextuelle Faktoren können Grenzöffnungen mitbegünstigen.

Wenn zu der Affäre oder Außenbeziehungen auch das Erleben von Verrat aufgrund von Heimlichkeit/fehlender Ehrlichkeit dazu kommt, und die Liebe zueinander nie sehr stark oder über Jahre nicht sorgfältig gehütet und gepflegt worden und deshalb erkaltet ist, kommt es häufig zu Trennungen, da die Erschütterung in Kombination mit wenig «Substanz» und tiefem Commitment nicht ausreichen, um die als Paar die Außenbeziehungen zu bewältigen. 

Wird vom Paar eine Paartherapie in Angriff genommen, muss das Paar bereit sein, miteinander sehr viel Arbeit zu leisten, um neben der Verarbeitung der Verletzungen auch emotional wieder zusammenzufinden. Die Bearbeitung der Verletzungen einer Außenbeziehungen verlangt von Paartherapeut*innen viel Wissen in Bezug auf die Auswirkungen auf individueller wie der Paar-Ebene, und spezifisches Wissen zur Unterstützung des Paares in dieser hoch emotionalen Krisensituation.

Es ist möglich, dass Paare nach dieser Krisensituation wieder zusammenfinden. In Bezug auf weitere Voraussetzungen muss nach unserer Erfahrung viel Liebe und Commitment zueinander vorhanden sein, zumindest in den für das Paar glücklicheren Jahren, damit eine Paartherapie eine reale Chance hat, die Verletzungen emotional tief zu bearbeiten, die Gründe für die Verschlechterung der Beziehungsqualität auf der individuellen, paarbezogenen Ebene oder den Umgebungsfaktoren zu klären und in eine positive Richtung einer gemeinsamen Versöhnung und eines ‘Neustarts’ zu verändern. 

Die Paartherapie bei Außenbeziehungen dauert im Durchschnitt meist länger als bei Paaren, die mit anderen Konfliktbereichen eine Paartherapie beginnen, da Außenbeziehungen die Bindungssicherheit der betroffenen Partner*in massiv erschüttern, und der Aufbau von Vertrauen und Wiedergutmachungshandlungen von beiden Partner*innen für die erlebten Verletzungen vor und durch die Grenzöffnung viel Zeit und Geduld erfordern.

Ihr Buch versteht sich als schulenübergreifender Methodenkoffer. Was unterscheidet ihn von herkömmlichen Büchern zur Paartherapie?

Guy Bodenmann: 
Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit Paaren und vermissten immer einen solchen Methodenkoffer. Viele Bücher sind zu theoretisch, zu wenig praxisbezogen, geben ungenaue Hinweise, wie man die Methode konkret umsetzen soll und bleiben unspezifisch in den Anleitungen. Es war uns ein Bedürfnis, diese Lücke mit dem Buch „Tools für die Paartherapie“ zu schliessen. 

Kathrin Widmer: 
Die Tools des Methodenkoffers basieren auf jahrzehntelanger empirischer Paarforschung. Sie bauen auf wertvollem, empirisch gesichertem Wissen zu wesentlichen Faktoren für eine langfristig zufriedenstelle Partnerschaft auf. 

Wir erhoffen uns, dass Paartherapeut*innen und -berater*innen in dem «Koffer» viele kognitiv-emotionale Methoden finden, die sie ergänzend zu und mit ihren Methoden kombinieren können. 

Für Paartherapeut*innen erleichtern die Entscheidungsbäume anhand von vier prototypischen, vollständig anonymisierten Paarbeispielen die Nachvollziehbarkeit der vorgeschlagenen Reihenfolge der Methoden und damit aus unserer Sicht sinnvollen Einsatz.

Die benutzungsfreundliche Diagnostik zu den einzelnen Problembereichen in den Sitzungen anhand von Spinnendiagrammen beziehen die Partner*innen sehr aktiv in die diagnostische Phase ein. So bringen sich bereits zu Beginn beide Partner*innen geführt in die Schaffung eines gemeinsamen Problemverständnisses ein, was das Commitment für eine Paartherapie stärkt.

Die leicht nachvollziehbaren, detaillierten Anleitungen zu den Methoden erlauben ein Modelllernen ‘aus der Distanz’, sei es beim Kennenlernen der Methoden, oder sei es beim kurzen Nachschlagen als Erinnerungshilfe vor der anstehenden Durchführung in der Paartherapiesitzung. 

Wir haben uns bemüht, die Methoden sehr anschaulich darzustellen, damit sie Paartherapeut*innen Sicherheit in der Umsetzung bieten. Wir erhoffen uns, dass damit eine Brücke zwischen dem empirischen Wissen aus der Paarforschung und der Praxis gebaut werden kann, und sowohl den Paaren wie auch den Therapeut*innen Erfolgserlebnisse in der Komplexität der Probleme ermöglichen. So tragen wir dazu bei, dass Paare konstruktiv unterstützt werden können, ihre gewünschten Ziele in der Paartherapie zu erreichen. 

Corinne Bodenmann-Kehl: 
Es war uns wichtig, einen Methodenkoffer von Praktiker*innen für Praktiker*innen zu schaffen.

Sie stellen zahlreiche digitale Arbeitsmaterialien (Infos, Übungsblätter, Diagnostik) bereit. Wie unterstützen diese Materialien die Umsetzung in der Praxis – und wie werden sie typischerweise eingesetzt?

Roland Anderegg: 
Die zur Verfügung gestellten Arbeitsmaterialien bilden einen wesentlichen Bestandteil der vorgestellten Interventionen und Methoden. Sie dienen einerseits als diagnostische Instrumente – etwa in Form von Spinnendiagrammen – zur Ersteinschätzung von Schwierigkeiten und Ressourcen des Paares sowie zur Verlaufsbeurteilung. Andererseits unterstützen insbesondere die Übungsblätter die Umsetzung der in der Paartherapie wesentlichen Übungen im Alltag zwischen den Sitzungen. Viele Interventionen zielen darauf ab, zentrale Kompetenzen und Ressourcen des Paares aufzubauen und zu stärken. Diese werden in den Sitzungen eingeführt, gemeinsam erarbeitet und schrittweise eingeübt. Die Anwendung und Übung zwischen den Sitzungen wird durch die Übungsblätter strukturiert begleitet, während die Informationsblätter die während den Sitzungen behandelten Inhalte kompakt zusammenfassen. In den Modulen wird jeweils auf die passenden Materialien verwiesen, sodass Therapeut*innen erkennen können, zu welchem Zeitpunkt im Therapieprozess welche Übungs- oder Informationsblätter sinnvoll eingesetzt werden können. Zudem lassen sich zahlreiche Materialien direkt in den Sitzungen nutzen, um den therapeutischen Prozess gezielt zu unterstützen.

Kathrin Widmer: 
In den Sitzungen werden die Materialien typischerweise wie folgt eingesetzt: In den Sitzungen regt eine benutzungsfreundliche Diagnostik zu den häufigsten Problembereichen direkt mit den Paaren während den Sitzungen zu gemeinsamer Reflexion an, was ein gemeinsames Problembewusstsein schafft. Das wiederum schafft eine hilfreiche Ausganslage für Verhaltensänderungen bei beiden Partner*innen. Die Informationsblätter erhöhen mit der Zunahme des Wissens zu einem Problembereich das kognitiv- emotionale Commitment für Verhaltensänderungen beider Partner*innen. Die Übungsblätter und Anleitungen zu den geführten Gesprächen im dyadischen Setting ermöglichen die emotionale Klärung, Explizieren von Wünschen und Problemlösungen bei verschiedenen Problemen. Bereits erlebte emotionale Klärungen in der Sitzung erhöhen nachweislich die Wiederholungswahrscheinlichkeit der Gespräche im Alltag. Und damit befinden wir uns bei dem Teil Ihrer Frage, wie diese Materialien die Paare bei der Umsetzung in der Praxis unterstützen. Nur die konstante Umsetzung von konstruktiverem Verhalten auch im Alltag ermöglicht das Überwinden von eingeschliffenen Interaktionsmustern im Paar, die zu Unzufriedenheit, Leiden oder auch Trennungswünschen geführt haben.  Bei chronischen Konflikten in einem Paar sind oft über eine mehr oder weniger lange Zeit negative Veränderungen auf mehreren Ebenen entstanden: im Verhalten selbst (negative Reziprozität), auf der emotionalen Ebene (Enttäuschung, Wut, etc.), auf der kognitiven Ebene (negative Attribuierungen und generalisierte negative Erwartungen) und auch auf der physiologischen Ebene (hohes physiologisches Arousal bei destruktiv verlaufenden Konfliktgesprächen).

Die Anleitungen für konstruktive Gespräche im Paar wie auch die Anleitungen für die Problemlösungen als gleichberechtigtes Team z.B. geben den Paaren eine strukturierte Erinnerungshilfe an die Sitzungen und gleichzeitige Anleitung für die Gespräche, ohne dass jemand dazu anleitet, was für den*die andere Partner*in als bevormundend erlebt werden könnte. Das konstruktive Kommunikationsverhalten in den Gesprächen bei unterschiedlichen Wünschen und Positionen wird so wieder mehr und mehr zum vertrauten, respektvollen Umgang miteinander. Damit erleben Paare einander wieder zugewandt, und die vorangegangenen negativen Auswirkungen von chronifizierten destruktiven Konfliktverhalten werden laufend durch positive Neuerfahrungen überlernt.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Guy Bodenmann

Prof. Dr. Guy Bodenmann ist ordentlicher Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich. Zuvor leitete er während 14 Jahren das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stress und Partnerschaft, Partnerschaft und psychische Störungen, Partnerschaftskonflikte und die Entwicklung von Kindern sowie die Prävention und Therapie von Beziehungsstörungen.

Dr. Kathrin Widmer

Dr. Kathrin Widmer ist Fachpsychologin für Psychotherapie FSP,  Paartherapeutin, Ausbildnerin und Supervisorin in Master-Nachdiplom-Studiengängen angehender Psychotherapeut*innen. Ihre Praxisinteressen in der Paartherapie gelten der Flexibilisierung der kulturellen Geschlechtsrollen, der Förderung des beidseitigen Engagements bezüglich Positivität, Konflikt- und Problemlösefähigkeiten sowie dyadischen Copings (Bodenmann, 2000). Weitere Praxisinteressen gelten der Stärkung von Herzens- und Geistestugenden beider Partner*innen für die Verbundenheit und Eigenständigkeit im Paar und mit anderen Menschen.

M.Sc. Roland Anderegg

M.Sc. Roland Anderegg ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und MAS in Kognitiver Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Seine Praxisinteressen gelten der Stärkung von Kindern, Jugendlichen und Familien in einem zunehmend instabilen Ökosystem mit hohen Anforderungen. In der Überzeugung, dass dafür insbesondere die Eltern gestärkt werden sollen, liegt ein Hauptfokus in der Förderung von Eltern- und Paarkompetenzen. Ein weiteres Praxisinteresse gilt dem Einbezug der Natur in therapeutische Interventionen.

 

Dr. Corinne Bodenmann-Kehl

Dr. Corinne Bodenmann-Kehl ist Psychotherapeutin und Paartherapeutin an der Hochschulambulanz Zürich (zuvor Fribourg), Paarlife-Trainerin und –Ausbildnerin sowie Supervisorin. Ihre Praxis- und Forschungsinteressen beziehen sich auf Paar- und Familienkompetenzen sowie familiäre Resilienzfaktoren. Sie unterstützt Paare in der Paartherapie auch gezielt in Bezug auf Erziehungsfragen. Mit dem Programm KIO (Konflikt ist okay) bietet sie Eltern evidenz-basierte Hilfestellungen im Umgang mit Streiten an. 

Empfehlung des Verlags

Tools für die Paartherapie Schulenübergreifende Methoden für die Praxis von  Guy Bodenmann, Kathrin Widmer, Roland Anderegg, Corinne Bodenmann-Kehl
Dieses Buch richtet sich an:Paarberater*innen, Eheberater*innen, Paartherapeut*innen, Ehetherapeut*innen, Beziehungscoaches, Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen.Dieser Methodenkoffer beinhaltet evidenzbasierte und in der Praxis bewährte Tools für die Paarberatung und Paartherapie.Es werden Methoden, w…

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