Ein Kinderbuch über den Pflegeberuf als «Heldenarbeit»
Was bedeutet es eigentlich, in der Pflege zu arbeiten? Was heißt “Helfen”? Das fragt sich in Angelika Zegelins Kinderbuch der kleine Außerirdische Logi. Durch seine Augen werfen die Leser*innen einen Blick auf die ungeheure Vielfalt der Tätigkeiten im Pflegeberuf. Sie entdecken einen Beruf, der anspruchsvoll und erfüllend ist und von echten Superheld*innen ausgeübt wird. Wir haben mit der Autorin über die Idee zum Buch und ihr Anliegen dahinter gesprochen.
Ihr Kinderbuch erzählt Pflege aus der Sicht des Außerirdischen Logi. Wie kam es zu dieser Figur und warum ist seine Sicht besonders geeignet, Kindern etwas über den Pflegeberuf zu vermitteln?
Die Idee mit dem Außerirdischen kam vom Illustrator, von Herrn Kappel. Er hat ja bereits Kinderbücher geschrieben, Ich hatte zunächst nur die Gruppe junger Menschen im Blick, die in der Pflege arbeiten, und darüber habe ich mit ihm gesprochen.
Er sagte sofort zu mir: „Frau Zegelin, wir brauchen eine kindgerechte Rahmenhandlung.“ Dann machte er mir einige Vorschläge, und ich habe mich schließlich für den Außerirdischen entschieden. Er stellt viele Fragen, weil er vom Helfen überhaupt keine Ahnung hat. Gerade das fand ich spannend – wenn jemand fragt, der wirklich unvoreingenommen ist.
Das Buch richtet sich an Kinder zwischen 5 und 8, was sollten sie über Pflege lernen – und was können Erwachsene für sich im Buch neu entdecken?
Die Kinder sollen lernen, dass Pflege ein interessanter und sehr vielfältiger Beruf ist, der manchmal auch lustige Momente bereithält. Davon gibt es ja durchaus einige.
Eigentlich richtet sich das Buch aber in erster Linie an Pflegefachpersonen. Ich gehe davon aus, dass sie es an ihre Kinder oder Enkelkinder weitergeben, um ihnen einen Einblick in den Beruf zu ermöglichen. Bei Berufen wie Schreiner oder Bäcker ist das einfacher – da können Kinder sich unmittelbar etwas darunter vorstellen. In der Pflege ist das schwieriger.
Mir ist wichtig – und das gilt auch für Erwachsene –, dass deutlich wird: Pflege ist ein wichtiger Beruf. Er ist kreativ, verantwortungsvoll und erfordert viel Wissen in ganz unterschiedlichen Bereichen. Das sollte modern vermittelt werden – ansprechend, vielfältig, vielleicht auch humorvoll und spannend.
Logi begegnet sehr unterschiedlichen Pflegebereichen, vom Rettungsdienst bis zur Altenpflege. Welches Bild von Pflege war Ihnen dabei besonders wichtig zu vermitteln?
All diese Bereiche sind wichtig. Sie unterscheiden sich natürlich stark voneinander. Das Verbindende ist jedoch immer der Mensch – also die Person, um die es geht. Entscheidend ist die Frage: Was braucht dieser Mensch? Und wie kann ich ihm helfen?
Es gibt kaum einen anderen Beruf, der so vielfältig ist wie die Pflege. Allein im Krankenhaus gibt es etwa fünfzehn verschiedene Fachabteilungen. Die konkreten Tätigkeiten unterscheiden sich dort deutlich voneinander. Trotzdem muss man sich immer wieder neu auf den einzelnen Menschen einstellen. Deshalb war mir diese Bandbreite wichtig – von der Akutversorgung bis zur Langzeitpflege.
Das Wort „Helfen“ spielt im Buch eine zentrale Rolle und wird neu erklärt. Was bedeutet „Helfen“ in der Pflege für Sie persönlich?
Zunächst einmal heißt es, sich auf den jeweiligen Menschen einzulassen – selbst wenn zwei Personen dieselbe Krankheit haben - sie gehen sehr unterschiedlich damit um und brauchen unterschiedliche Unterstützung. Letztlich geht es immer darum, dass Menschen mit ihrer Situation zurechtkommen, möglichst selbstständig und unabhängig werden und weniger Beschwerden haben. Wie das erreicht wird, unterscheidet sich je nach Erkrankung und Person erheblich.
Das bedeutet: Ich muss aufmerksam sein, meine „Antennen“ ausfahren und erkennen, was für diesen Menschen im Moment am wichtigsten ist. Und dann entsprechend handeln – angemessen und situationsgerecht. Das ist im Grunde die Auslegung des Begriffs „Helfen“ in der Pflege.
In anderen Bereichen, etwa bei der Feuerwehr, bedeutet Helfen etwas anderes. In der Pflege heißt es vor allem: sich einlassen, wahrnehmen, was gebraucht wird, und Menschen dabei unterstützen, wieder zu sich zu finden und möglichst selbstständig zu werden. So würde ich es im Pflegekontext beschreiben.
Viele Szenen im Buch zeigen ruhige, alltägliche Momente wie Zuhören, Begleiten und Dasein. Warum gehören diese Aspekte für Sie unbedingt zu einer kindgerechten Darstellung von Pflege?
Ruhige, alltägliche Momente, das ist mir auch wichtig, weil es eine Hetzarbeit geworden ist. Minutenpflege heißt das ja auch. Wir können oft keinen Berufsstolz mehr entwickeln, weil wir durch den Tag hetzen. Deswegen ist es mir wichtig, auch diese Momente zu zeigen, das Zuhören, Begleiten und da sein. Das ist ein wesentlicher Teil von Pflegearbeit, der nicht nur Kindern bewusst sein sollte, sondern natürlich auch den Erwachsenen.
Pflege erscheint im Buch zugleich menschlich und hochprofessionell. Welche Seite des Pflegeberufs wird Ihrer Erfahrung nach oft unterschätzt oder missverstanden?
Für Kinder ist diese fachliche Tiefe natürlich noch nicht so interessant – dafür bräuchte es eigentlich ein deutlich höheres Einstiegsniveau. Deshalb habe ich im Buch eher Aspekte wie Dankbarkeit, Helfen und Vielfalt in den Vordergrund gestellt, weil sich das kindgerecht vermitteln lässt.
Ich selbst habe allerdings eine sehr hohe Meinung vom Pflegeberuf. Und ich bin überzeugt: Auch Roboter werden daran nichts Grundlegendes ändern. Wenn in fünfzehn Jahren jemand ein Buch nur über Roboter in der Pflege schreibt, kann ich darüber nur schmunzeln. Pflege ist und bleibt etwas zutiefst Menschliches – und zugleich hochprofessionell. Dabei geht es nicht in erster Linie um einzelne Tätigkeiten, sondern um die Fähigkeit, sich auf völlig unterschiedliche Menschen einzulassen. Auf einer Krankenstation mit dreißig Patientinnen und Patienten bedeutet das, sich immer wieder neu einzustellen. Genau das ist das eigentlich Professionelle.
Diese Seite wird häufig unterschätzt – sowohl die menschliche als auch die professionelle. Pflegende arbeiten mit ihrer eigenen Person, und das wird oft nicht ausreichend gewürdigt. Gleichzeitig wird die Professionalität häufig auf einzelne „Verrichtungen“ reduziert – so heißt es ja auch in der Pflegeversicherung. Aber das greift zu kurz. Beides gehört untrennbar zusammen.
Daher bin ich auch absolut für eine Akademisierung der Pflege, habe mich früh dafür eingesetzt, aber da sind wir noch lange nicht am Ziel. Ich war Curriculums-Beauftragte für den ersten pflegewissenschaftlichen Studiengang an einer deutschen Universität und wir Pionierinnen – Christel Bienstein und ich – haben gedacht, wir schaffen eine Vollakademisierung. Bisher sind die Pflegefachpersonen mit akademischen Abschluss aber bei nur etwa ein Prozent – und nur wenige arbeiten im Patientenkontakt.
Wenn Kinder das Buch gelesen oder vorgelesen bekommen haben: Mit welchen Gedanken oder Gefühlen sollen sie am Ende auf Pflege blicken?
Die Kinder – und auch die Erwachsenen – sollen auf die Pflege als wichtigen, spannenden und zutiefst menschlichen Beruf blicken. Am Ende geht es darum, mit welchen Gedanken und Gefühlen sie zurückbleiben. Sie sollen spüren, dass es sich lohnt, diesen Beruf zu ergreifen.
Die Ausbildungsstellen im Frühjahr sind derzeit nur zur Hälfte besetzt. Natürlich konkurriert die Pflege mit vielen anderen Berufen. Umso wichtiger ist es mir, einen positiven Eindruck vom Pflegeberuf zu vermitteln.
Die Bandbreite habe ich im Buch nur angerissen, es gibt noch unzählige andere Orte, an denen Pflegefachpersonen zum Einsatz kommen, dazu findet man auch etwas auf meiner Homepage
(www.angelika-zegelin.de).
Sie fordern am Schluss des Buches auf, Ihnen weitere kindgerechte Geschichten zu senden, haben Sie schon eine Idee, was Sie damit vorhaben? Wird es vielleicht eine Fortsetzung geben?
Ich möchte einfach Gute-Nacht-Geschichten sammeln, Geschichten mit einem positiven Ende. Das müssen auch keine Geschichten zum Thema Pflege sein, mir geht es um Empathie allgemein. Es wird ja immer wieder beklagt, dass die Kinder keine Empathie mehr lernen. Ich denke, dass viele Eltern schon solche Geschichten erzählen. Es können auch welche mit Tieren sein, es soll darum gehen, wie man helfen, sich einfühlen, Empathie entwickeln kann. Einfach eine DIN A4-Seite, kleine 5-Minuten-Geschichten zum Vorlesen. Vielleicht werde ich auch einen Preis stiften und die besten prämieren, im Frühjahr werde ich damit beginnen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Alle Abbildungen sind aus dem Buch “Hurra - wir sind für euch da!” entnommen und stammen von Uwe Kappel.
Hier finden Sie unsere psychologischen Kinderbücher:
Prof. Dr. Angelika Zegelin
Prof. Dr. Angelika Zegelin Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin, Magisterabschluss Erziehungswissenschaften, langjährige Tätigkeit in der Pflege- Aus- und Weiterbildung, von 1995 bis 2015 Curriculumbeauftragte im Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke, Promotion zum Thema Bettlägerigwerden, Honorarprofessur der Mathias-Hochschule Rheine, Arbeitsschwerpunkte: Patienten-und Familienedukation, Mobilitätsförderung im Altenheim, Sprache und Pflege, Professionalisierung. Seit 8/2015 im Ruhestand. Zahlreiche Publikationen, vielfältige Gremienarbeit, mehrere Auszeichnungen, u.a. Bundesverdienstorden.
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