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Expertenwissen für den ergotherapeutischen Praxiseinsatz

Im Rahmen der theoretischen Vorbereitung für den anstehenden Praxiseinsatz in den Fachgebieten Pädiatrie und Motorisch-Funktionelle Therapie nahm das vierte Fachsemester der Ergotherapieschule Lippoldsberg im März 2021 an einer Schulung mit dem Team der Hogrefe Academy teil: An zwei Tagen wurde intensiv das Basiswissen im Bereich der Testdiagnostik vertieft und die Auszubildenden arbeiteten sich in ein spezifisches Testverfahren ein. Ihre Eindrücke von der Schulung haben die Schüler*innen hier beschrieben.

Ein Erfahrungsbericht von Sarah Andrasch, Anna Hermann, Leonie Otto, Marwin Rieger und Nane Römer.

Ausbildungsalltag und der "Ergo-Werkzeugkoffer"

Nachdem wir den Morgen über noch auf Gymnastikmatten die zentralen Bewegungsabläufe der kindlichen Entwicklung im Selbstversuch nachempfunden haben, analysieren wir im anschließenden Unterricht selbstgefilmtes Videomaterial für eine klientenzentrierte Betätigungsanalyse. Auf den Neurologieunterricht zur fachlich-präzisen Anamnese mit Patienten der Rehaklinik Lippoldsberg folgt eine Einheit Neurophysiologischer Behandlungsverfahren, in der wir gegenseitig unsere Fähigkeiten in der Schulter- und Rumpfmobilisation vertiefen können. Das bunte Kinesio-Tape für erste eigene Versuche mit dieser Behandlungstechnik läge auch noch bereit.– Ein typischer Schultag im vierten Semester der Ausbildung zur Ergotherapeut*in an der Ergotherapieschule Lippoldsberg ist vor allem eins: Abwechslungsreich.
Unsere insgesamt dreijährige Ausbildung ist für eine größtmögliche Nähe von der vorbereitenden Theorie zur Anwendung des Erlernten in den fachpraktischen Abschnitten so strukturiert, dass uns dieses Semester auf den nachfolgenden Einsatz in Fachpraktika in den Bereichen Pädiatrie und Motorisch-Funktioneller Therapie (z. B. in der Neurologie oder Orthopädie) vorbereitet. Für unsere Zeit als Praktikant*innen in Ergotherapiepraxen oder Kliniken packen wir uns also ein halbes Jahr lang unseren „Ergo-Werkzeugkoffer“ so voll wie möglich mit Theoriewissen und Praxiskompetenz zu breitgefächerten Themengebieten und Methoden von Spielentwicklung und kindgerechten Therapiemitteln, über Innere Medizin und Neuropsychologie bis hin zu therapeutischer Gesprächsführung und Clinical Reasoning. Im Arbeitsalltag von Ergotherapeut*innen in den Fachbereichen, auf die wir uns damit so vielfältig vorbereiten, stellt unter anderem auch der Einsatz von Testverfahren eine zentrale Rolle dar: So werden z.B. im pädiatrischen Bereich häufig standardisierte Tests eingesetzt, um etwa psychomotorische Einschränkungen oder Auffälligkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung verlässlich und vergleichbar diagnostizieren zu können. Mit der selbstständigen Anwendung solcher Testverfahren beginnen sich Ergotherapeut*innen in der Regel erst zum Berufseinstieg auseinander zu setzen; Fortbildungen oder Seminare zur zielgerichteten Anwendung und Auswertung spezifischer Tests richten sich an fertig ausgebildete Therapeut*innen.

Durch die seit 2020 bestehende Zusammenarbeit unserer Ergotherapieschule mit dem Hogrefe Verlag Göttingen konnten wir schon in unserem zweiten Ausbildungssemester an zwei Schulungsterminen zu Basiswissen der Testdiagnostik teilnehmen und uns zum Einsatz psychologischer Testverfahren fortbilden. Im Rahmen des vierten Fachsemesters folgte nun eine zweitägige Schulung, in der die Theorie zur Testdiagnostik und -auswertung aufgefrischt und um das praxisorientierte Kennenlernen und Ausprobieren von Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung – Jugendliche und Erwachsene (FEW-JE) erweitert wurde. Durchführung, Auswertung und Interpretation dieses Testverfahrens unter der fachlichen Anleitung von Theresa Streit und Martin Aßmann vom Team der Hogrefe Academy sollten dafür sorgen, dass wir den FEW-JE als zusätzliches „Werkzeug in unserem Koffer“ mit in unsere Praktika tragen können.

Der FEW-JE kurz vorgestellt

Der FEW-JE ist eine nahtlose Weiterführung des FEW2, der nur bis 9 Jahre anwendbar ist. Der FEW-JE ist ein Testverfahren aus der Tradition Marianne Frostigs, er ist anders als der FEW2 ab 9 Jahre durchführbar, wohin nach oben im Alter keine Grenzen gesetzt sind. Denn der Test ist auch für ältere Personen bis 90 Jahre anwendbar. Das bedeutet, dies ist ein Testverfahren, das nicht nur für Jugendliche geeignet ist, sondern auch für Erwachsene. Es gibt verschiedene Berufsgruppen, wie z.B. Ergotherapeuten, Psychologen, Ärzte und auch Erzieher, die dieses Testverfahren anwenden. Die Dauer der Testdurchführung beträgt ca. 20 Minuten, wodurch der Test auch für Personen geeignet ist, die eine eingeschränkte Konzentration haben. Da der FEW-JE auf die visuelle Wahrnehmung der Testperson spezialisiert ist, ist das Einsatzgebiet das Erfassen von visuellen Wahrnehmungsstörungen und visuomotorischen Störungen. In den 6 verschiedenen Untertests werden die verschiedenen Arten der visuellen Wahrnehmung getestet, wobei auch die Motorik der Testperson mitberücksichtigt wird. Jeder dieser 6 Untertests hat individuelle Auswertungstabellen. Um den Test auswerten zu können, benötigt man unter anderem das Manual, in dem die Auswertungstabellen der Untertests enthalten sind und auch die Kriterien, wann der Test gewertet werden kann und wann er als ungültig gilt.

Fortbildungsflair mit Videochat und Häppchen

Die Fortbildung zum FEW-JE fand aufgrund der aktuellen Situation diesmal online und digital in den Räumlichkeiten der Ergotherapieschule Lippoldsberg statt. Hier wurde uns ein Raum mit digitaler Ausstattung zur Verfügung gestellt. Für unser leibliches Wohlbefinden wurde zu jeder Zeit bestens gesorgt. Jeder der einzelnen Arbeitsplätze verfügte über Informations- und Testmaterial zum FEW-JE. Die Fortbildung fand an einem Vormittag in der Zeit von 9:00-ca.14:00 Uhr statt. Während der Fortbildung wurden uns immer wieder kurze Pausen angeboten. Die Fortbildung wurde von zwei Mitarbeiter*innen des Hogrefe Verlags durchgeführt: Theresa Streit (Ergotherapeutin) und Martin Aßmann (Psychologe). Wir starteten mit einem kurzen Überblick über den uns bevorstehenden Schulungstag. Anschließend wurde von den Schulungsleiter*innen der theoretische Hintergrund, die Durchführungsregeln sowie die einzelnen Untertests vorgestellt und erläutert. Nach der theoretischen Grundlage zum FEW-JE, gab es in Kleingruppen für uns die Möglichkeit den FEW-JE praktisch durchzuführen. Wir haben den Test sowohl als Testleiter als auch als Testperson durchgeführt. Jederzeit standen uns Theresa Streit und Martin Aßmann für mögliche Fragen und Anregungen via Videochat zu Verfügung. Nach der Durchführung des Testverfahrens fand eine gemeinsame Auswertung und Interpretation des FEW-JE statt. Während der Fortbildung bestand stets der Praxisbezug zum ergotherapeutischen Arbeiten. Wir wurden mit Schulungsmaterial versorgt, welches wir später zu Übungszwecken an unseren Mitschüler*innen und nachfolgend in der Fachpraxis anwenden können.

Feedback zum Erleben der Schulung

Nane Römer: „Zu Beginn der Schulung hatte ich Sorgen, dass der Vormittag mit viel theoretischem Input belagert wird. Diese Sorgen wurden aber schnell beseitigt. Die beiden Schulungsleiter haben den Vormittag sehr gut gestaltet, so dass wir selbst die praktische Erfahrung mit dem FEW-JE als Testperson und als Testleiter machen durften. Ich hoffe, dass sich die Möglichkeit ergibt, dass ich den Test in meinem Praktikum anwenden kann.“

Sarah Andrasch: „Für mich war es berieseln lassen mit Informationen über den FEW-JE in kurzer Zeit. Es war lehrreich und die aktiven Zeiten haben die Fortbildung aufgelockert. Das Essen war gut. Ich fühle mich nun bereit den Test auszuprobieren. Trotzdem halte ich nach wie vor nicht viel von psychologischen Testverfahren. Es war gut einen Rahmen für Fortbildungen bereits in der Ausbildung kennenzulernen.“

Anna Hermann: „Das ausführliche Anwenden und Durchführen des Tests in entspannter Gruppenarbeit sowohl als Testleiter als auch als Testperson und die Veranschaulichung von Auswertung und Interpretation durch gemeinsam bearbeitete Fallbeispiele konnten für mich auch zunächst etwas sperrige, mir noch unbekannte Grundbegriffe der Testdiagnostik gut veranschaulichen. Vor allem die thematische Einbettung in die allgemeine Rolle von psychologischen Testverfahren im Therapieprozess und der Praxisbezug im Hinblick auf die Interpretation waren für mich interessant – das Wissen hierzu würde ich gerne bei Gelegenheit vertiefen bzw. bin ich gespannt, ob sich im Praktikum auch speziell zu diesen Aspekten Anknüpfungspunkte bieten werden.“

Leonie Otto: „Mein persönliches Gefühl vor der Schulung zum FEW-JE war durchwachsen. Ich hatte ein bisschen Bedenken, dass der Vormittag sehr viel mit neuen Informationen zu geballt werden würde, doch direkt zu Beginn verging dieses Gefühl. Der Ablauf des Vormittags war sehr gut strukturiert und man konnte der Schulung gut folgen. Es war für mich auch sehr interessant den FEW-JE sowohl als Testerin als auch als Testperson durchzuführen. Ich denke die Fortbildung zum FEW-JE war als Grundlage sehr hilfreich und ich kann mir es durchaus vorstellen, den FEW-JE im kommenden Praktikum anzuwenden. Ich denke man sollte für diese Fortbildung ein gewisses Eigeninteresse mitbringen und würde die Schulung an Interessierte weiterempfehlen.“

Marwin Rieger: „Vor der Schulung hatte ich noch keine wirkliche Ahnung davon worum es denn bei solchen Testungen überhaupt geht. Ich hatte nur eine sehr grobe Vorstellung von dem Thema. Von einem FEW-J hatte ich mal gehört, allerdings eigentlich nur vom Namen. Ich war ohne wirklich große Erwartungen an diese Schulung herangegangen. Schulungen an sich haben ja sowieso eher den Ruf, viel zu vollgestopft an Informationen und einfach nur langweilig zu sein. Vollgestopft mit Informationen war die Schulung tatsächlich; die eine oder andere Pause mehr zwischendurch wäre ganz gut gewesen. Neben ihrer sympathischen und offenen Art haben die beiden Schulungsleiter es allerdings geschafft, dass ich ein Fünkchen ihrer Begeisterung für die Thematik spüren konnte. Dadurch fiel es mir leicht, mich auf die Inhalte der Schulung zu konzentrieren und mich in den Prozess einzubinden. Besonders gut fand ich, dass Theresa auch ihr eigenes Fachwissen als Ergotherapeutin mit in die Schulung hat einfließen lassen. Insgesamt fand ich die Schulung sehr informativ. Es hat mir Spaß gemacht, mich im Rahmen dieser Schulung mit dem FEW-JE auseinanderzusetzen. Ich bin gespannt wie Klienten, insbesondere Kinder, auf diesen Test reagieren und welche Ergebnisse sie erzielen. Deswegen möchte ich diesen Test auch mal in meinem kommenden Praktikum in der Pädiatrie anwenden, sofern das auch für das Kind sinnvoll ist.“

Ausblick in den Praxiseinsatz

Über zwei Vormittage wurden wir von Theresa Streit und Martin Aßmann intensiv über den Einsatz des FEW-JE geschult. Dabei haben wir viel gelernt, angefangen bei den Grundlagen von Testverfahren über verschiedene Untertests des FEW-JE bis hin zur praktischen Anwendung untereinander. Wir finden, damit wurden uns gute Grundbausteine für die Anwendung des FEW-JE in der Praxis gelegt. Wir wollen nun gerne auch unser gelerntes Wissen im Rahmen unserer zukünftigen Praktika an einigen Klienten anwenden und diese anhand des FEW-JE testen. Dabei legen wir allerdings auch Wert darauf, dass wir diesen Test auch nur dann anwenden, wenn es auch im Sinne des Clinical Reasonings indiziert ist. Ist die Testung sinnvoll, so würden wir gerne auch mehrere Klienten testen, um unserer in der Schulung gelerntes Wissen zu festigen.
Wir möchten das Testverfahren an Klienten anwenden, die diesen noch nicht kennengelernt haben. Wir erhoffen uns dadurch Einschätzungen geben zu können und mit diesen Einschätzungen eine sinnvolle Therapie ermöglichen zu können. Die Klienten sollten bereits motorische Fähigkeiten wie z.B. Stifthaltung sowie kognitive Grundkenntnisse von Aufgabenverstehen aufweisen. Es ist sinnvoll Klienten auszuwählen, die diese Fähigkeiten besitzen. Bei eventuellen Fragen zur Durchführung oder Auswertung haben wir die Möglichkeit, per Mail oder durch andere Wege Hilfestellungen durch unser Fortbildungsteam vom Hogrefe Verlag zu bekommen. Konkrete Fragen oder eventuelle Stolperfallen in der Praxis würden die beiden mit uns erörtern.

Wir freuen uns auf die Evaluation unserer Erfahrungen im kommenden Herbst!

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