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Gesundheitskompetenz fördern durch professionelle Kommunikation

Von Prof. Dr. Sonia Lippke und Christina Derksen, MSc., PhD.

Sind Sie mit Patient*innen, Klient*innen oder deren Angehörigen tätig? Arbeiten Sie mit anderen Gesundheitsfachkräften zusammen? Oder organisieren Sie Fort- und Weiterbildungen für Fachkräfte oder Studierende? Kennen Sie das Gefühl, dass die Kommunikation „hakt“, die Zeit nicht reicht und „gerade so“ Schlimmeres abgewendet wurde?

Gesundheitskompetenz lehren und lernen Kommunikation im Gesundheitsbereich ist extrem wichtig.

Wenn ja, dann sind Sie nicht allein und wir haben ein Buch für Sie, das Sie im Versorgungsalltag unterstützen kann. Denn eine professionelle und patient*innenzentrierte Kommunikation des Fachpersonals ist wesentlich für eine gelungene Behandlung: Patient*innen brauchen diese, um ihre gesundheitlichen Probleme und die Behandlung zu verstehen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Für Angehörige ist eine gute Aufklärung zentral für die optimale Unterstützung der Patient*innen. Auch Mitarbeitenden macht die Arbeit mehr Freude, wenn alle gut miteinander kommunizieren und so die Versorgung von Patient*innen interdisziplinär und interprofessionell reibungslos funktioniert.

Insgesamt ist die sichere und effektive Kommunikation eine Voraussetzung, um die Gesundheitskompetenz der Patient*innen sowie die der Angehörigen zu fördern. Auf diese Weise werden alle Beteiligten zu einer aktiven Rolle bei der Behandlung oder Genesung befähigt, was wiederum eine qualitativ hochwertige Versorgung vereinfacht. So kann ein aktives Gesundheitsverhalten erreicht und die langfristige Gesundheit und Zufriedenheit aller sichergestellt werden. Durch gute Kommunikation und aktive Zusammenarbeit können auch Fehler vermieden und Probleme überwunden werden.

Gesundheitskompetenz lehren und lernen

Wie sich diese Zusammenhänge erklären und in der Praxis sicherstellen lassen, darum geht es im Buch „Gesundheitskompetenz lehren und lernen“. Es werden Hintergründe beleuchtet, Zusammenhänge erklärt und ein Schulungsprogramm und Curriculum bestehend aus drei praxiserprobten Workshops beschrieben. Damit sollen Sie, die Leser*innen, die Materialien direkt in Trainings und Fortbildungen zur Verbesserung von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu Kommunikation, Gesundheitskompetenz und Patient*innensicherheit einsetzen können.

Die Ansätze sind dabei evidenz- und theoriebasiert sowie wissenschaftlich an Kliniken in Deutschland als wirksam nachgewiesen. Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur eine innovative Beschreibung und Darstellung von wissenschaftlich gesicherten Hintergründen, sondern die praxisnahe und flexible Darstellung eines interdisziplinären Schulungsprogramms für Mitarbeitende im Gesundheitswesen. In dieser Form stellt das Buch auch viele wissenschaftliche Hintergrundinformationen und theorie-basierte Erklärungen so dar, dass sie einen systematischen Entwicklungsprozess von eigenen Trainingsansätzen unterstützen und Impulse für weitere Anwendung und Forschung geben.

Denn auch wenn schon vor vielen Jahren auf die Bedeutung der Kommunikation und die Schulung bzw. Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonal hingewiesen wurde (z.B. Kripalani & Weiss, 2006), so liefert dieses Buch erstmalig für den deutschsprachigen Raum ein strukturiertes Programm, das nicht nur theoriebasiert, sondern dessen Inhalte auch international erprobt sind (z.B. van Gaalen et al., 2021): Das beschriebene Schulungsprogramm hat das Ziel, dass diejenigen, die mit Patient*innen, Klient*innen und allgemein Hilfesuchenden arbeiten,

  • ihre Fähigkeiten aus- und weiterbilden,
  •  sich im Umgang sicherer fühlen,
  • die knappen Ressourcen gut nutzen können und
  • auch mit anderen Kolleg*innen besser kommunizieren.

Das Schulungsprogramm baut auf klassischen und aktuellen Theorien der Gesundheitsverhaltensänderung (Lippke et al., 2018), Kompetenzentwicklung und Kommunikation auf. So werden konkrete Fähigkeiten und Handlungsabläufe für den Alltag vermittelt und eingeübt. Die Grundlage des Trainings ist in internationaler Zusammenarbeit für die Anwendung in verschiedenen europäischen Ländern entwickelt worden (Papa et al. 2023). Das Schulungsprogramm ist partizipatorisch bzw. co-kreativ in Deutschland an Bedingungen in einem typischen Krankenhaus weiterentwickelt (Lubasch et al., 2021), angepasst und positiv evaluiert worden.

Alle Schulungen sind in Präsenz und digital durchführbar und in Lehrveranstaltungen für angehende Medizin- und Psychologiestudierende geprüft worden. Damit ist das Schulungsprogramm eines der ersten dieser Art, die in verschiedenen Kontexten eingesetzt und in unterschiedlichen Formaten angewendet werden kann. Die Trainingsmaterialien sind auf der Website des Hogrefe Verlags mit dem im Buch enthaltenen Zugangscode abrufbar. Im Buch selbst gibt es die Anleitung zur Nutzung der Materialien sowie viele praktische Übungen neben dem reinen Wissen und harten Fakten, Checklisten und Links zu weiteren Informationen.
 

Voneinander lernen und langfristig die Versorgung verbessern

Im Training wird nicht nur Wissen aufgebaut und Zusammenhänge vermittelt, sondern wesentlich ist auch, Probleme zu erkennen und neu erlernte Kompetenzen anzuwenden und kritisch zu hinterfragen. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn es um die Umsetzung im stressigen Versorgungsalltag geht. Dafür wird im Schulungsprogramm auch daran gearbeitet, Selbstwirksamkeitserwartungen auszubilden, also die optimistische Überzeugung, auch in schwierigen Situationen die gesetzten Ziele erreichen zu können. Dazu setzt das Schulungsprogramm wesentlich an der Interaktion zwischen den Lernenden an. Eine zentrale Frage ist: Wie können wir so voneinander lernen, dass nicht nur kurzfristige Ziele erreicht werden, sondern dass auch langfristiges Vertrauen aufgebaut und so gefestigt wird, dass wir langfristig die Kommunikation und Versorgung verbessern?

Theorien und Modellen sind wichtig, um sich darüber klar zu werden: Was ist das Ziel? Was ist derzeit nicht optimal und soll verbessert werden? Wenn wir mit unserem Training erfolgreich waren, woran können wir das dann messen? Ein zentraler Zielparameter ist die Gesundheitskompetenz von Patient*innen. Wussten Sie, dass Patient*innen mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz häufiger Schwierigkeiten haben, sich im Gesundheitssystem zu orientieren und dass sie von Gesundheitsfachpersonal spezielle Unterstützung und Erläuterungen brauchen? Sie brauchen entsprechende professionelle Hilfe von Ihnen und sind noch stärker auf eine bessere Kommunikation angewiesen. Wenn die Patient*innen diese Unterstützung nicht bekommen, dann müssen sie häufiger in ein Krankenhaus eingewiesen werden oder den ärztlichen Notfalldienst aufsuchen, so dass höhere Kosten und damit eine stärkere Belastung für das Gesundheitssystem entstehen.
 

Professionelle Gesundheitskompetenz und Patient*innensicherheit hängen eng zusammen

Dieses Beispiel zeigt, wie professionelle Gesundheitskompetenz und Patient*innensicherheit zusammenhängen. Studien belegen, dass die professionelle Gesundheitskompetenz sogar auf die Mortalität von Patient*innen Einfluss nehmen kann und hohe finanzielle und emotionalen Kosten nach sich zieht. Finanzielle Kosten können die Institution wie die Klinik (z. B. bei Regressansprüchen usw.) und langfristig auch ganze Gesundheits- und Sozialsysteme belasten (z. B., wenn Pflegeleistungen notwendig werden). Dieser Zusammenhang zwischen der Professionellen Gesundheitskompetenz und Patient*innensicherheit kann vor allem über die Kommunikation erklärt werden (He et al., 2019). Diese lässt sich sehr gut in Trainings verbessern. Damit kann gute Kommunikation zu Kosteneffizienz und Kostenvermeidung beitragen sowie die Zufriedenheit von Mitarbeiter*innen (Curtis et al., 2011; Emmerling, 2019; Wright, 2011) und Patient*innen verbessern. Gleichzeitig kann sie auch zu einer stärkeren Bindung von Mitarbeiter*innen bzw. deren Arbeitsfähigkeit (Buchberger et al., 2011) sowie einer höheren Attraktivität von Berufen im Gesundheitswesen und Pflegeeinrichtungen führen (Munch et al., 2021).

Wissen und Kompetenzen auch im stressigen Alltag nutzbar machen

Konkrete Techniken und „Werkzeuge“, die Trainings, Fort- und Weiterbildungen trainiert werden können, sind zum Beispiel Zwei-Wege-Kommunikation und Motivierende Gesprächsführung, Empathy Maps und 10für10. Aber auch das beste Wissen um diese Werkzeuge hilft nicht, diese auch wirklich sinnvoll und nachhaltig einsetzen zu können. Deswegen werden im Training die verschiedenen Stufen der Lerntiefe nach der Blooms Lerntaxonomie adressiert, diese sind:

  • Wissens-Stufe: Gelernte Inhalte (z. B. Begriffe, Fakten, Theorien, Regeln etc.) anhand bestimmter Hinweisreize erinnern
  • Verstehen-Stufe: (Komplexe) Zusammenhänge verstehen und diese auf ähnliche Situationen transferieren
  • Anwenden-Stufe: Theorien, Regeln, Begriffe etc. in konkreten, bisher unbekannten Situationen nutzen
  • Analysieren-Stufe: Einzelteile, Ideen und Elemente zu geordnetem Ganzen mit neuer Struktur zusammenzufügen und Zusammenhänge erkennen
  • Evaluieren-Stufe: Entscheidungen und Sachverhalte beurteilen, abschätzen und rechtfertigen
  • Erzeugen-Stufe: Neue und innovative Produkte entwickeln und herstellen

Das Modell hilft bei der Planung, Durchführung und Evaluation von Schulungs- und Trainingseinheiten: Denn wenn die Lernenden Wissen anwenden können, und dies nicht nur in Übungen zu dem betreffenden Thema, sondern auch in neuen Situationen, dann ist dieser Transfer der Garant dafür, das neue Wissen und die neuen Kompetenzen auch im Alltag unter Zeitdruck und unter Stress zu nutzen. Es kommt also Erfahrungslernen zum Einsatz, das auch hilft Selbstwirksamkeitserwartung auszubilden.

Natürlich ist auch ein wesentlicher Aspekt, bei der Schulung die interaktionalen Möglichkeiten zu nutzen: Es kommt darauf an, die Interaktion zwischen den Schulenden und den Lernenden so gestalten, dass nicht nur kurzfristige Ziele erreicht werden, sondern dass auch dauerhaftes Vertrauen aufgebaut und Kompetenzen in verschiedenen Situationen angewendet und auf andere Herausforderungen transferiert werden können.

Literaturhinweise:

Buchberger, B., Heymann, R., Huppertz, H., Frieportner, K., Pomorin, N. & Wasem, J. (2011). The eff ectiveness of interventions in workplace health promotion as to maintain the working capacity of health care personal. GMS Health Technology Assessment,7, Doc06.

Curtis, K., Tzannes, A. & Rudge, T. (2011). How to talk to doctors – a guide for eff ective communication. International Nursing Review, 58(1), 13–20. https://doi.org/10.1111/j.1466-7657.2010.008 47.x

Emmerling, P. (2019). Ärztliche Kommunikation. Thieme. https://doi.org/10.1055/b-006-160391

He, C., Jia, G., McCabe, B., Chen, Y. & Sun, J. (2019). Impact of psychological capital on construction worker safety behavior: Communication competence as a mediator. Journal of Safety Research, 71, 231–241.

Kripalani, S. & Weiss, B. D. (2006). Teaching about health literacy and clear communication. Journalof general internal medicine, 21(8), 888. https://doi.org/10.1111/j.1525-1497.2006.00543.x

Lippke, S., Preißner, C. & Whittal, A. (2018). Facilitating health literacy and behavior change by computer-tailored interventions. In A. K. Mayer (Ed.), Health Literacy across the Life (pp. 39–58). Pabst Science Publishers.

Lubasch, J. S., Voigt-Barbarowicz, M., Lippke, S., De Wilde, R. L., Griesinger, F., Lazovic, D., Citláli, P., Villegas, O., Roeper, J., Salzmann, D., Gesine, G. H., Torres-de la Roche, L. A., Weyhe, D., Ansmann, L. & Brütt, A. L. (2021). Improving professional health literacy in hospitals: study protocol of a participatory codesign and implementation study. BMJ open, 11(8), Artikel e045835.

Munch, P. K., Rasmussen, C. D. N., Jorgensen, M. B. & Larsen, A. K. (2021). Which work environment challenges are top of mind among eldercare workers and how would they suggest to act upon them in everyday practice? process evaluation of a workplace health literacy intervention. Applied Ergonomics, 90, 103265. doi.org/10.1016/j.apergo.2020.103265

Papa, R., Sixsmith, J., Giammarchi, C., Lippke, S., McKenna, V., Di Furia, L., ... & De Winter, A. (2023). Health literacy education at the time of COVID-19: development and piloting of an educational programme for university health professional students in 4 European countries. BMC Medical Education, 23(1), 650. https://doi.org/10.1186/s12909-023-04608-3

van Gaalen, A. E., Brouwer, J., Schönrock-Adema, J., Bouwkamp-Timmer, T., Jaarsma, A. D. C. & Georgiadis, J. R. (2021). Gamification of health professions education: a systematic review. Advances in Health Sciences Education, 26(2), 683–711. https://doi.org/10.1007/s10459-020-10000-3

Wright, K. B. (2011). A communication competence approach to healthcare worker conflict, job stress, job burnout, and job satisfaction. Journal for Healthcare Quality, 33(2), 7–14. https://doi.org/10. 1111/j.1945-1474.2010.00094.x


 

 

Prof. Dr. Sonia Lippke

Prof. Dr. Sonia Lippke ist seit 2011 Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Constructor University (vormals Jacobs University Bremen) und forscht zu Themen der Gesundheitskompetenz, Kommunikation und Gesundheitsverhalten. Darüber hinaus war sie 2018–2021 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für den Dritten Teilhabebericht der Bundesregierung und seit 2021 im Projektbeirat des Kompetenznetzes Einsamkeit. Seit 2022 ist sie Mitglied der Neunten Altersberichtskommission der Bundesregierung und Fellow des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, BiB.

Christina Derksen

Christina Derksen, MSc., PhD, ist Postdoctoral Research Assistant am Wolfson Institute for Population Health an der Queen Mary University of London und Gastwissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin, Constructor University Bremen. Sie ist promovierte Gesundheitspsychologin mit einem Schwerpunkt im Bereich der Kommunikation im Gesundheitswesen. Ihre Forschungsschwerpunkte und Trainingsinteressen liegen im Bereich der Kommunikation, Gesundheitsversorgung und Patient*innensicherheit.

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