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IPSY – Suchtprävention in der Schule

Das Lebenskompetenzenprogramm IPSY (Information + Psychosoziale Kompetenz = Schutz) kann eine erfolgreiche, langfristige Evaluation im Rahmen eines langjährigen Forschungsprogamms an der Universität Jena vorweisen und liegt nun in einer aktualisierten Neuauflage vor. Wir haben mit Autorin Apl. Prof. Dr. Karina Weichold über das praxisorientierte Programm und seine vielen Vorteile gesprochen. Dabei wird klar: Es ist nicht nur für die Suchtprävention geeignet, sondern fördert Schüler*innen wie auch Lehrkräfte und stärkt die Schulbindung und den Klassenverband.

IPSY ein effizientes Programm zur Suchtprävention in der Schule. Fröhliche Schüler mit Lebenskompetenzen Foto: shutterstock

Warum wurde das Programm gerade für die Klassenstufen 5-7 entwickelt? Wann gelangen Schüler*innen in der Regel mit Suchtmitteln in Berührung?

Das IPSY-Programm wurde für die Klassenstufen 5 bis 7 entwickelt. Dies hat zwei Gründe: 
Erstens hat das Programm als primärpräventive, universelle Präventionsmaßnahme das Ziel, die breite Populationsgruppe der Schüler*innen in diesem Alter zu erreichen, ohne „Vorselektion“ bestimmter Risikogruppen, und zwar bevor der Erstkontakt mit Suchtmitteln vorliegt oder sich schon regelmäßige oder problematische Konsumformen ausgebildet haben. Für Deutschland wissen wir, dass das durchschnittliche Alter des Erstkonsums bei Alkohol schon bei ca. 12 Jahren (für illegale Drogen später) liegt, sodass Maßnahmen zur Verhinderung der Entstehung problematischer Konsumformen schon davor begonnen bzw. eingesetzt werden sollten. Mit dem Beginn in Klassenstufe 5 und der Fortführung in den folgenden Schuljahren begleitet IPSY Schüler*innen über die Lebensphase hinweg, in der für die meisten jungen Menschen der Einstieg in den Suchtmittelkonsum normativ stattfindet. 

Zweitens liegt der Beginn des IPSY-Programms bewusst kurz nach dem in dem meisten Bundesländern stattfindenden Übergangs der Schülerinnen und Schüler von der Grundschule (4. Klassenstufe) in die weiterführende Schule (5. Klassenstufe). Der oft damit verbundene Schulwechsel und das Neuarrangieren im Klassengefüge stellt für junge Menschen eine besondere Herausforderung dar, die zudem auch bei vielen mit dem Beginn der körperlichen Veränderungen im Zuge fortschreitender Pubertät und anderen typischen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters zusammenfällt. Um Schüler*innen in dieser Phase zu unterstützen und der Entstehung von Anpassungsproblemen entgegenzuwirken, fokussiert das IPSY-Programm darauf, allgemeine Lebenskompetenzen zu fördern, um effektiv mit alltäglichen Herausforderungen umgehen zu können und ein positives Miteinander unter Schüler*innen entstehen zu lassen. 

Die 1. Auflage des Manuals ist vor 10 Jahren erschienen. Was sind die größten Veränderungen in der Neuauflage, in welchen Bereichen wurde aktualisiert?

Das Buch zum IPSY-Programm umfasst neben dem Manual in Form einer strukturierten, praktischen und nutzerfreundlichen Handreichung der Arbeitsmaterialien auch eine Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen, Evaluationsbefunde und Hinweisen zur Implementation im Einleitungsteil. Ziel der Aktualisierung in der Neuauflage war einerseits, den Einleitungsteil im Spiegel neuer empirischer Befunde zum Substanzkonsum und Suchtprävention im Jugendalter zu überarbeiten. Hierbei zeigte sich, dass Lebenskompetenzprogramme im Allgemeinen und das IPSY-Programm im Spezifischen eine ungebrochene Aktualität und Relevanz in der schulischen Suchtprävention besitzen. Zudem wurden neue Evaluationsbefunde zum IPSY-Programm ergänzt, besonders auf die langfristigen Effekte bis ins frühe Erwachsenenalter bezogen. Zusätzlich wurden erste Ergebnisse der laufenden Implementationsforschung um IPSY eingefügt, die beispielsweise die Hürden im Praxistransfer beleuchten und Hinweise geben, wie man diese als Kollegium oder Lehr- oder pädagogische Fachkraft überwinden kann. Andererseits wollten wir das Manual aktualisieren (z.B. bezogen auf Zahlen und Fakten zum Substanzkonsum und Themen, die für heutige Jugendliche relevanter sind), es zeitgemäßer und moderner gestalten und die Nutzerfreundlichkeit verbessern. An den eingesetzten Methoden sowie dem bewährten Aufbau und der Struktur des Manuals selbst wurden dem gegenüber keine Änderungen vorgenommen. In der Neuauflage des Buches sind zudem nun sämtliche Materialien zur Umsetzung des IPSY-Programms digital via Download-Link verfügbar.

Mit welchen Komponenten und Methoden arbeitet das IPSY-Programm?

Im Rahmen des IPSY-Programms findet Suchtprävention in der Schule mit der gesamten Schulklasse in einem umfassenden und evidenzbasierten, nachhaltigen, interaktiven und ressourcenorientierten Modus statt. 

Umfassend und evidenzbasiert: Das IPSY-Programm vermittelt in seinen Inhalten intrapersonale und interpersonale Kompetenzen (z.B. Selbstsicherheit und Standfestigkeit gegenüber Peerdruck), Wissen zum Thema Substanzkonsum und adressiert schulische Themen. Damit werden vielfältige, aus der Forschung bekannte Risiko- und Schutzfaktoren für Substanzkonsum im Jugendalter anvisiert, was die Wahrscheinlichkeit für positive Programmeffekte auf den Konsum von Alkohol, Tabak und illegale Drogen erhöht. 

Nachhaltig: In der Regel wird das IPSY-Programm über drei Jahre in der jeweiligen Schulklasse unterrichtet, 15 Einheiten sind als Basisprogramm für Klassenstufe 5 konzipiert, jeweils 7 Einheiten als Auffrischungssitzungen in den folgenden Schuljahren. Damit liegt das Programm über dem empirisch ermittelten Umfang für effektive Präventionsprogramme und setzt in seinem mehrjährigen Aufbau die Empfehlungen für nachhaltige, optimale Lebenskompetenzenprogramme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um. Neben der Wiederholung und langfristigen Verfestigung des Gelernten wird die Anwendung der erlernten Basiskompetenzen zudem von Jahr zu Jahr spezifischer auf Substanzkonsum zugeschnitten, entsprechend des typischerweise mit dem Alter wachsenden Kontakts mit Suchtmitteln. 

Interaktiv: Jede Programmeinheit nutz interaktive Elemente wie Rollenspiele, Kleingruppenarbeit oder Gruppendiskussionen, in denen sich Schülerinnen und Schüler gemeinsam und in immer wechselnden Konstellationen Themen erarbeiten und Kompetenzen einüben. Dies ist der Schlüssel für effektive schulische Prävention, denn so ist es möglich, Feedback zu (positivem) Verhalten explizit auch von Gleichaltrigen zu erhalten. 

Ressourcenorientiert: Im IPSY-Programm werden die vermittelnden Lehrkräfte geschult, explizit ressourcenorientiert zu arbeiten, also den Blick von der für Schulen typischen Fehlerkultur auf die Identifikation und Förderung von Stärken in jedem jungen Menschen zu legen. Darüber hinaus wird stetig mit Lob statt Kritik (auch unter den Schülerinnen und Schülern) gearbeitet. Schließlich können positive Verhaltensveränderungen durch die dreijährige Anlage des Programms langfristig bekräftigt werden. 

Wie lange dauert die Durchführung des IPSY-Programms, sollte es eher als Block oder z.B. einmal in der Woche stattfinden? Kann jede Lehrkraft IPSY durchführen? Benötigt man mehrere Personen, die das Programm anleiten?

Das IPSY-Programm kann im Block (wie z.B. im Rahmen von Projekttagen) durchgeführt werden oder aber über einen längeren Zeitraum (z. B. eine IPSY-Einheit oder ein „IPSY-Tag“ pro Woche). Studienbefunde legen nahe, dass sich die Programmeffekte zwischen verschiedenen Formen der Durchführung im Prinzip nicht unterscheiden, jedoch ist für die Vermittelnden manchmal eine komplette „IPSY-Woche“ anstrengend, weil das Programm in der Regel durch eine Lehrkraft pro (koedukative) Klasse unterrichtet wird. Dies kann auch eine andere pädagogische Fachkraft sein und IPSY z.B. durch die Schulsozialarbeit oder -pädagogik abgesichert werden. Für die Vermittlung im Block und die Verstetigung des IPSY-Programms an einer Schule ist es demnach sinnvoll, wenn mehrere Lehrkräfte geschult und mit dem Programm vertraut sind. Von der vor Jahren beliebten Implementierung durch ältere Jugendliche (sog. Peer-to-Peer-Education) sollte man dem gegenüber absehen, wie eigene Studienbefunde zeigen.

Es gibt beim IPSY-Programm kurz- und langfristige Effekte, wie kann man diese kurz beschreiben?

IPSY ist ein Programm, das in der Schule durchführbar und umsetzbar ist. Auch bei den teilnehmenden Jugendlichen ist es beliebt. Über die drei Jahre der Programmvermittlung in Klassenstufe 5 bis 7 hinweg verbesserten sich Kompetenzen im personalen und interpersonalen Bereich (z.B. Widerstand gegenüber Peerdruck, Kommunikation), Wissen wurde vermittelt und die Schulbindung und das Klassenklima wurden positiv beeinflusst. Darüber hinaus ergaben sich positive Effekte auf Alkohol- und Tabakkonsum und eine negative Einstellung gegenüber dem Konsum illegaler Drogen bildete sich aus. Diese Effekte (mit im Vergleich zu anderen Präventionsmaßnahmen großen Effektstärken) blieben auch in den Jahren nach Ende des IPSY-Programms größtenteils bestehen. Sogar im frühen Erwachsenenalter sind ehemalige IPSY-Teilnehmende im Vergleich zu Altersgleichen noch besser gewappnet gegen den illegalen Drogenkonsum, nutzen Suchtmittel seltener zur Problembewältigung, sind zufriedener und sehen sich besser in der Lage, mit den täglichen Herausforderungen ihres Alltages umzugehen. All dies spricht aus wissenschaftlicher und auch ökonomischer Sicht dafür, das IPSY-Programm zur Suchprävention und für eine umfassende Entwicklungsförderung bei jungen Menschen breit in der Schulpraxis zu implementieren. 

Viele, die das Programm ausgeführt haben, berichten von positiven Effekten auf das Klassenklima an sich und die Integration von Außenseiter*innen. IPSY hat also vielerlei positive Effekte – wie sind Ihre Erfahrungen?

Die das IPSY-Programm vermittelnden Lehr- oder pädagogische Fachkräfte bemerken im Zuge der Durchführung, dass sich schnell der Klassenzusammenhalt und die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern verbessert. Das macht es ihnen auch leichter, fachspezifische Inhalte im Unterricht zu vermitteln, denn das Management der Klasse erfordert in einem positiven Klima weniger Zeit und Kraft. Die Lehrkräfte nutzen Methoden, die sie im IPSY-Programm kennengelernt haben, später auch für andere Unterrichtsfächer und profitieren damit in ihrem Methodenrepertoire. Darüber hinaus werden sie immer zuversichtlicher für die Bedeutung ihrer Arbeit und ihre berufliche Wirksamkeit in der Schule und sie sind seltener ausgebrannt. 

Kann man also sagen, dass auch eine Schule im Ganzen (oder andere Institution) von der Durchführung von IPSY profitiert?

Definitiv! Von einem Lebenskompetenzansatz, wie im IPSY-Programm umgesetzt, können Schülerinnen und Schüler, Pädagoginnen und Pädagogen sowie die gesamte Schulumwelt, die sich aufgemacht hat, eine positive und gesunde Entwicklung junger Menschen zu fördern, nur profitieren! 

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

apl. Prof. Dr. Karina Weichold

Apl. Prof. Dr. Karina Weichold, geb. 1974. 1992-1998 Studium der Psychologie in Jena und Galway, Irland. 1998-2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie des Instituts für Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2002 Promotion. 2012 Habilitation. 2012-2017 Vertretungsprofessorin Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie bzw. Professur für Psychologie. Seit 2014 Leiterin der Professur für Psychologie bzw. des Arbeitsbereich Jugendforschung. 2018 Ernennung zur apl. Professorin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Arbeitsschwerpunkt: Entwicklung von Problemverhalten und positiver Entwicklung in Pubertät und Jugend unter einem biopsychosozialen und kultursensitiven Forschungsparadigma, Anwendung der Erkenntnisse bei der Entwicklung und Evaluation von Interventionsprogrammen zur Kompetenz- und Persönlichkeitsförderung sowie zur entwicklungsorientierten Prävention von problematischem Verhalten bei Jugendlichen insbesondere im Kontext von Schule, Kommune und Sozialpolitik.

Foto: Anne Günther, Universität Jena

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