DeutschKlinik und TherapieSchule und Entwicklung

Keiner kann es allein

Von Dr. Hans-Joachim Kirschenbauer, Bernhard Gerhards                              


Systemsprenger, Wegläufer, Störer, Problemfälle, „schwierige“ Kinder und Jugendliche oder wie sie auch immer aufgrund ihres Verhaltens benannt werden, sind in den Bereichen der Jugendhilfe, der Pädagogik, der Schule, der sozialen Arbeit oder der Medizin/Psychiatrie bekannt. Jeder der dort Tätigen kennt Beispiele aus dem eigenen Alltag. Sie binden personelle Kapazitäten und emotionale Ressourcen, spalten ganze Teams oder führen zu Frust bei den professionellen Helferinnen und Helfern.
Neben diesen Kindern und Jugendlichen mit herausforderndem Verhalten finden diejenigen, die eher introversive Verhaltensauffälligkeiten oder Störungen zeigen, häufig weniger Beachtung, weil sie kaum Ansprüche stellen. Dessen ungeachtet benötigen auch sie passgenaue und geeignete Hilfen für ihre persönliche Entwicklung.
Beiden Gruppen ist gemein, dass sie für eine qualifizierte personenzentrierte Versorgung eine gut funktionierende Zusammenarbeit sowohl von der Jugendhilfe als auch der Kinder- und Jugendpsychiatrie benötigen. Unter Fachleuten gilt es als erwiesen, dass die Zahl der jungen Menschen steigt, die Hilfen aus beiden Systemen (Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie) benötigen.
 

Junge Frau am Scheideweg Zusammenarbeit ist wichtig

Vom Modellprojekt zu etablierten Abläufen

In Frankfurt am Main hat sich vor über 15 Jahren eine kleine Gruppe engagierter Fachleute aus den Bereichen der Jugendhilfe, der Pädagogik und der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen eines Projektes zum Ziel gesetzt, kooperative Lösungen für die jungen Menschen, bei denen Hilfebedarf sowohl seitens der Jugendhilfe als auch der Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht, zu entwickeln. Entstanden ist ein Projekt mit dem Arbeitstitel „ALFI“ (Ablauflogistik für Institutionen). Das mittlerweile etablierte und preisgekrönte Projekt wurde unter der Federführung des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt am Main entwickelt und wird bis heute erfolgreich umgesetzt.

a) Ausgangslage und Zielgruppe

Neben den für die oben beschriebenen Gruppen damals unbefriedigenden regionalen Versorgungsstrukturen bildeten u. a. die Ergebnisse der Ulmer Heimkinderstudie einen wesentlichen Impuls für das Projekt. Eine der Kernaussagen dieser Studie war, dass gut die Hälfte der untersuchten Heimkinder als psychisch auffällig im Sinne der ICD-10 galt. Der Anteil psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher in der Allgemeinbevölkerung ist demgegenüber mit etwa 20 Prozent deutlich geringer.

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen wurden in den Regeleinrichtungen der stationären Jugendhilfe üblicherweise mit den Ressourcen der Jugendhilfe betreut, während die Zugänge zu kinderpsychiatrischer Diagnostik und Behandlung oft nur begrenzt in Anspruch genommen wurden. Die Folge war, dass die Betroffenen nicht als behandlungsbedürftig erkannt und notwendige, fachlich geeignete Hilfen – insbesondere der Kinder- und Jugendpsychiatrie – nicht genutzt wurden.

Zielgruppe waren demgemäß sowohl Kinder- und Jugendliche, die bereits in stationären/teilstationären Jugendhilfeeinrichtungen lebten und dort im Verlauf der Betreuungszeit als psychisch auffällig erkannt wurden als auch Kinder und Jugendliche, für die nach einem stationären Klinikaufenthalt eine geeignete Unterbringungsmöglichkeit gefunden werden musste, weil die Rückkehr ins Elternhaus nicht möglich war oder nicht geboten erschien

b) Zielsetzung

Ziel des Projektes war und ist, mit Hilfe von gezielten und definierten, d.h. klar beschriebenen Maßnahmen und Möglichkeiten, die mitunter konfliktbeladene, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen sowie den unterschiedlichen Institutionen zum Wohle der jungen Menschen zu optimieren, praxistaugliche Abläufe und Lösungen zu finden und systematisch zu nutzen. Dabei war es den Beteiligten wichtig, transparente, einfache und möglichst unkomplizierte Lösungen zu finden. Geeignete Hilfen sollten nicht von Zufälligkeiten und Beliebigkeiten aufgrund persönlicher Kontakte oder eben des Fehlens dieser Kontakte abhängig sein.

c) Vorgehensweise und Umsetzung

Ausgehend von anonymisierten prototypischen Fallvignetten wurden die Bedarfslagen der beteiligten Einrichtungen (Jugendamt, Heimeinrichtungen Tageseinrichtungen, Klinik, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater*innen, Gesundheitsamt) diskutiert. Die erkenntnisleitende Fragestellung lautete, welche Bedingungen und Abläufe bzw. welche zusätzlichen Hilfen verfügbar sein müssten, um vergleichbare Einzelfälle angemessen, bedarfsgerecht und personenzentriert zu versorgen.

Nach intensiver Diskussion durch die Projektbeteiligten wurden mehrere Bausteine entwickelt. Drei dieser Bausteine erwiesen sich in der Praxis als besonders hilfreich.

Die drei Säulen der erfolgreichen Zusammenarbeit

Hierbei handelte es sich um folgende Bausteine:

1. Einschätzungsbogen zur funktionalen Diagnostik (ICF-CY orientiert)

Psychiatrische Diagnosen allein sagen grundsätzlich noch nichts über Stärken und Schwächen und die dementsprechenden Bedarfe eines Kindes oder Jugendlichen aus. Infolgedessen wurde von den Projektbeteiligten ein Fragebogen entwickelt, der für Kinder und Jugendliche zur Anwendung kam, die in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik stationär behandelt wurden. Der Einschätzungsbogen war im Sinne einer Transformation der medizinisch-psychiatrischen Diagnose (ICD 10) in eine praxisnahe Beschreibung konzipiert, um Auskünfte über die funktionalen Aspekte bei der Alltags- und Lebensbewältigung zu geben, insbesondere in den Bereichen Schule/Ausbildung, Freizeit, Kommunikation, Kontaktverhalten, Körperpflege und Selbständigkeit. Die Erkenntnisse aus dem Klinikaufenthalt sollten systematisch genutzt und dem Jugendamt sowie der potenziell aufnehmenden Jugendhilfeeinrichtung zur Verfügung gestellt werden. Aus der funktionalen Beschreibung lassen sich die notwendigen Unterstützungsmaßnahmen sowie der Hilfebedarf viel besser ableiten.

2. Kinder- und jugendpsychiatrisches Fortbildungs-Curriculum

Ein zwölfteiliges Fortbildungsangebot für Mitarbeiter*innen von Jugendamt, Jugendhilfeeinrichtungen und weiteren pädagogischen und sozialen Einrichtungen zum Thema Diagnosen und deren Besonderheiten im alltäglichen Umgang wurden in der Evaluation besonders positiv bewertet.

Der Wunsch nach zusätzlichen schriftlichen Aufzeichnungen (ausführlicher als die zur Verfügung gestellten Folien-Handouts) konnte zunächst nicht erfüllt werden. Erst durch die Erstellung eines Handbuches „Kinder- und Jugendpsychiatrie für Pädagogik und Soziale Arbeit“ (siehe Hinweis unter dem Artikel) konnte eine weiterführende Arbeitshilfe zur Verfügung gestellt werden.

3. Kinder- und jugendpsychiatrisches Fallgespräch in der Einrichtung

Ein dritter zentraler Baustein waren kinderpsychiatrische Fallgespräche in den teil-/stationären Jugendhilfe-Einrichtungen vor Ort. Jede Einrichtung erhielt die Möglichkeit, pro Jahr 3-4 Termine mit einem*r Kinder- und Jugendpsychiater*in zu vereinbaren. Als Angebot für Bezugsbetreuer*innen und Teammitglieder konnte bei diesen Fallgesprächen jeweils die individuelle Situation eines betreuten Kindes oder Jugendlichen aus psychiatrischer Sicht besprochen werden. Der Schwerpunkt lag dabei auf einem lösungsorientierten, pragmatischen Ansatz, verbunden mit dem Ziel, die Versorgungssituation für den*die Betroffene*n zu verbessern.

Zusätzlich wurden verbindliche Absprachen für etwaige Krisen- und/oder Notfallszenarien getroffen.

Durch die Beteiligung an dem landesweiten Projekt des Hessischen Sozialministeriums zu Thema „Kooperation als Aufgabe von Jugendhilfe und Psychiatrie in Hessen“ sowie dem Nachfolgeprojekt „Prävention und Krisenintervention in Jugendhilfe und Psychiatrie in Hessen“ wurde das Projekt durch die Fachhochschule Wiesbaden evaluiert. Die Ergebnisse waren sehr überzeugend und trugen neben den persönlichen Erfahrungen der Beteiligten, zur Verstetigung und Ausweitung des Projektes bei.

Fazit

Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Projekt ALFI war die Tatsache, dass zu einer qualifizierten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen - neben der Berücksichtigung der Kontexte, in denen die Arbeit stattfindet - insbesondere die berufsübergreifende Zusammenarbeit essenziell für das Ergebnis ist.

Dabei ist neben der Übersetzung der Fachsprache der einzelnen Berufsgruppen die Transformation der Erkenntnisse in funktionale Handlungsbeschreibungen eine notwendige Voraussetzung zur gedeihlichen und erfolgreichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

 

Literatur:

  1. Dimigen, G., Del Priore, C. Butler, S. Evans, S. Ferguson, L. & Swan, M. (1999). Psychiatric disorder among children at time of entering local authority care: questionnaire survey. British Medical Journal 319:675-675
  2. Mc Cann, J., James, A. Wilson, S. & Dunn, G. (1996). Prevalence of psychiatric disorders in young people in rhe care system. British Medical Journal 313:1529-1530
  3. Nützel, J., Schmid, M., Goldbeck L. & Fegert, J (2005). Kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung von psychisch belasteten Heimkindern. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiatrie 54:627-644
  4. Richardson, J. & Lelliot, P. (2003). Mental health of looked after children. Advances in Psychiatric Treatment 9:249-256
  5. Viner, R. M. & Taylor, B. (2005). Adult Health and Social Outcomes of Children Who Have Been in Public Care. Population-Based Study. Pediatrics, 115. No 4:894-899
  6. Projektbericht ALFI des Stadtgesundheitsamtes Frankfurt am Main

Dr. med. Hans-Joachim Kirschenbauer

Dr. med. Hans-Joachim Kirschenbauer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sozialmedizin – Rehabilitation – Suchtmedizin, Leitender Medizinaldirektor i.R., geboren in Frankfurt am Main, Studium und Facharztausbildung, tiefenpsychologische/analytische Psychotherapieausbildung sowie psychoanalytische Psychosen-Therapie. Als Chefarzt erwirkte er die Reorganisation und Neustrukturierung von Kliniken für Psychosomatik und Abhängigkeitserkrankungen. Für die Stadt Frankfurt am Main förderte er als leitender Medizinaldirektor den Aufbau einer neuen städtischen Struktur und der Organisation der psychiatrischen Versorgung unter Implementierung des preisgekrönten Projektes „ALFI“ für die Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Er ist tätig als Dozent und Gutachter, ferner ehrenamtlich in leitender Funktion auf Regional- und Bundesebene. Er ist Mitglied der Expertenkommission der PSNV-Konsensuskonferenzen des Bundes, wo er als Leiter PSNV und PSNV-Fachberater die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) für die Fußballweltmeisterschaft konzipierte und aufbaute. Diverse Veröffentlichungen, intensive Beschäftigung mit den Themen ICF und Qualitätsmanagement.

Bernhard Gerhards

Bernhard Gerhards, Diplom-Psychologe, Diplom-Pädagoge, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst des Amtes für Gesundheit, Frankfurt am Main.

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