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Kommunikation und Interaktion in der Pflege

Heinz-Joachim Büker und Margret Schumacher haben ein Kurzlehrbuch zu „Kommunikation und Interaktion in der Pflege“ verfasst, das nicht nur die Grundlagen der Kommunikation und der Funktionen von Sprache vorstellt, sondern auch mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis ganz unterschiedlicher Kommunikationssituationen punktet. Wir haben mit den beiden Autor*innen über das Lehrbuch gesprochen.

 

Was war die Motivation für Sie, ein Buch zum Thema Kommunikation in der Pflege zu schreiben?

Heinz-Joachim Büker:
Zum einen gibt es persönliche Gründe. Da ist die Freude am Schreiben und sicher auch der Spaß daran, etwas gemeinsam zu entwickeln. 

Margret Schumacher: 
Daneben steht selbstverständlich das fachliche Interesse im Vordergrund. Wir sind beide Germanisten und uns der grundlegenden Bedeutung dieses Themas bewusst. Langjährige Unterrichtspraxis und die Betreuung von Studierenden in unterschiedlichen Praxisfeldern haben darüber hinaus gezeigt, wie wichtig es ist, für diese Thematik zu sensibilisieren.

Warum ist das so wichtig? Können Sie das etwas genauer beschreiben?

Margret Schumacher: 
Sprachlicher Austausch ist ein komplizierter Vorgang und wird von vielfältigen Faktoren bestimmt. Er kann gut gelingen, er kann aber auch der Ausgangspunkt für Missverständnisse sein, die sich dann immer auch auf die Beziehung zwischen Menschen auswirken.

Heinz-Joachim Büker:
Wichtig ist dabei auch, den Kommunikationsprozess als zwischenmenschliche Handlung – Interaktion – zu verstehen. Da findet zwischen zwei oder mehreren Personen ein vielschichtiger Austausch statt, von dem z.B. auch der pflegerische Erfolg abhängig ist.

Worin unterscheidet sich Kommunikation in pflegerischen Zusammenhängen von der in anderen Gebieten?

Heinz-Joachim Büker:
Die Grundprinzipien – wie z.B. die Überlegungen von Schultz von Thun – bleiben gleich, verändern sich nicht. Was sich jedoch deutlich unterscheidet, ist das Setting. Kommunikation trifft in der Pflege auf besondere Voraussetzungen, die berücksichtigt werden sollten: Da ist auf der einen Seite die zu pflegende Person, die oftmals in einer abhängigen Rolle ist. Diese Rolle ist von Einschränkungen gekennzeichnet, Ängste und Unsicherheiten, fehlende Selbstwirksamkeit sind charakteristisch ebenso wie eine völlig andere – entprivatisierte – Umgebung.

Margret Schumacher:
Das alles fordert die Pflegekräfte heraus, Kommunikation so zu gestalten, dass sich Patient*innen – und auch deren Angehörige – angenommen fühlen. Wir versuchen deutlich zu machen, dass in Gesprächen nicht nur die Sachebene von Bedeutung ist. Es geht – unter anderem – immer auch um Botschaften auf der Beziehungsebene. Empathie, Gestik und Mimik sind hier wesentliche Bestandteile einer Handlungskompetenz. Sie tragen dazu bei, dass sich Menschen, ob im Krankenhaus oder in der stationären Altenhilfe, in ihrer Situation verstanden und angenommen fühlen.

Pflege steht aktuell unter den Vorzeichen des Fachkräftemangels, Pflegekräfte stehen häufig am Rand ihrer Leistungsfähigkeit, kann man sich da überhaupt noch mit Anforderungen an die Kommunikation beschäftigen?

Heinz-Joachim Büker:
Ja, völlig richtig, die personellen Rahmenbedingungen sind nicht einfach. Aber: Zum einen geht es um eine veränderte Haltung und Wahrnehmung im kommunikativen Prozess. Die kostet nicht mehr Zeit. Im Gegenteil: Der alte Mensch, der sich verstanden und angenommen fühlt, wird weniger - aus Verzweiflung und Einsamkeit - nach dem Pflegepersonal rufen. Darüber hinaus: Pflegekräfte sollten um die Grundbedingungen gelingender Kommunikation Bescheid wissen. Diese spielen nicht nur in der Beziehung zu den Pflegenden eine Rolle. Sie sind auch wichtig für den Austausch mit den Angehörigen und nicht zu vergessen: im Team, im interprofessionellen Bereich.
 

Pflegekräfte treffen auf Menschen unterschiedlichen Alters. Welche Bedeutung hat das?

Margret Schumacher:
Eine erhebliche Bedeutung. Bei Kindern ist oft die Sprachentwicklung noch gar nicht abgeschlossen. Pflegekräfte, die in Kinderkliniken bzw. auf Kinderstationen arbeiten, sollten Kenntnis von der Sprachentwicklung bei Kindern haben, um adäquat auf kindliche Sprachäußerungen reagieren zu können. Längere Krankenhausaufenthalte können für die Kinder in ihrer gesamten Entwicklung zum Problem werden. Da ist es wichtig, dass sich Kinder auf der einen Seite ganzheitlich verstanden fühlen und Pflegekräfte gleichzeitig sprachfördernd arbeiten, z.B. Sprachanreize bieten.

Wie könnte das funktionieren?

Margret Schumacher:
Wie gesagt: Pflegekräfte sollten wissen, wie Spracherwerb funktioniert. Welche biologischen, motorischen, sozial-emotionalen und auch kognitiven Voraussetzungen wichtig sind, damit kindliche Entwicklung insgesamt – neben der sprachlichen Entwicklung – erfolgreich verläuft. Nehmen wir den sozial-emotionalen Aspekt einmal heraus: Ein Kind, das Geborgenheit, liebevolle Zuwendung und positive Resonanz auf seine Lautäußerungen bekommt, ist motiviert zu sprechen und wendet sich seiner Umwelt zu.

Heinz-Joachim Büker:
Das Krankenhaus ist für die kindliche Entwicklung eine besondere Herausforderung. Die European Association For Children in Hospital (EACH) hat die Anforderungen an eine möglichst optimale Behandlung von Kindern in Krankenhäusern beschrieben. In 10 Punkten werden diese differenziert im Buch dargestellt.

Margret Schumacher:
Dazu kommt dann auch noch die räumliche Gestaltung, die kindgerechte Architektur. Hier hat die Kinderklinik Augsburg im Projekt ‚Heilungsfördernde Innengestaltung‘ Maßstäbe gesetzt. Das macht deutlich, wie breit das Thema Kommunikation und Interaktion einzuordnen ist.

Kommen wir von den Kindern zu den älteren Menschen. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie hier?

Heinz-Joachim Büker:
Im Buch “Kommunikation und Interaktion in der Pflege” geht es einerseits darum, welchen Beitrag Pflegekräfte im Alltag aktiv leisten können. Wie funktionieren Tür- und Angelgespräche? Welche Bedeutung haben sie im Alltag? Wie können Erzählkreise gestaltet werden? Daneben stehen zwei bedeutsame Themen an: Verlusterfahrungen im Alter, Tod und Sterben und die Auseinandersetzung mit Demenz. Beide Fragestellungen sind zentral für die Altersphase und für Pflegekräfte nicht einfach zu händeln. Hier ist Professionalität, die durch theoriegeleitetes Handeln gekennzeichnet ist, gefordert.

Sie hatten auch auf die Bedeutung der Kommunikation außerhalb des unmittelbaren Pflegebezugs verwiesen. Könnten Sie hierzu noch Erläuterungen geben?

Margret Schumacher:
Pflegekräfte sind im Alltag in Teamstrukturen eingebunden, auf der Station arbeitet niemand allein. Es gilt, sich zu unterstützen, zu begleiten. Kollegiale Beratung oder Supervision werden in diesem Zusammenhang im Buch als standardisierte Gesprächs- und Reflexionsformate vorgestellt.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Heinz-Joachim Büker

Heinz-Joachim Büker studierte Sozialpädagogik, Deutsch und Deutsch als Fremdsprache für das Lehramt Sekundarstufe II an berufsbildenden Schulen. Er war in unterschiedlichen Bereichen der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe sowie als Fachbuchautor und Herausgeber im Bereich Altenpflege tätig.

 

Margret Schumacher

Margret Schumacher absolvierte ein Studium in Germanistik und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien sowie ein Studium der Gerontologie an der Universität Osnabrück, Abt. Vechta, das sie als Diplomgerontologin abschloss. Sie unterrichtete an berufsbildenden Schulen, einer ihrer Schwerpunkte war die Ausbildung von Studierenden an Fachschulen im Sozialwesen (u. a. Heilerziehungspflege und Heilpädagogik).

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Kurzlehrbuch für Ausbildung und Praxis

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