DeutschWissen und Gesellschaft

Psychologie als Instrument der SED-Führung

Psycholog*innen, die an staatlichem Unrecht beteiligt waren, rücken auch in der Gegenwart immer wieder in den Fokus, wie z.B. zuletzt in den USA. Inwieweit war dies in der SED-Diktatur der Fall, wurde die Psychologie als Wissenschaft missbraucht, ließen sich einzelne instrumentalisieren? Eine Historische Kommission der DGPs hat die Geschichte der Psychologie in der DDR untersucht, die Ergebnisse wurden nun in der Neuerscheinung „Psychologie als Instrument der SED-Diktatur“ zusammengefasst. Die Herausgeber Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker und Dr. Jens Gieseke stellen im Gespräch einige Aspekte vor und versuchen, einen Beitrag für die zukünftige Diskussion über Berufsethik in Einsatzgebieten von Psycholog*innen zu leisten.

 

2017 wurde die Historische Kommission „Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR“ gegründet, deren Ergebnisse die Grundlage für das von Ihnen herausgegebene Buch bilden. Wie kam es dazu?

Jedes Jahr wird der Tag der deutschen Einheit begangen und in dem Zusammenhang an die verschiedenen Lebenswege von Ost- und Westdeutschen erinnert. Das hat auch Relevanz für die Psychologie. Schon zur Wiedervereinigung hatten einzelne kritische Stimmen aus der Psychologie auf die Indienststellung von Teilen der Psychologie für repressive Maßnahmen in der DDR aufmerksam gemacht. So war die Rolle der „operativen Psychologie“ der DDR-Staatssicherheit seit vielen Jahren ein öffentlich stark diskutiertes Thema, aber es gab bislang keine systematische Auseinandersetzung damit seitens der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Zwei Punkte waren dabei besonders wichtig: Die Verwicklung von Vertreter*innen der Fachdisziplin genauer zu untersuchen und zu bewerten: welche Rolle spielten Psycholog*innen beim Wirken der DDR-Geheimpolizei? Und zweitens war es sinnvoll, den Blick etwas zu weiten und nach der Rolle der Psychologie in der SED-Diktatur insgesamt zu fragen. Das führte dann über die Stasi-Fragen hinaus: Welches Selbstverständnis hatte die Psychologie als akademische Disziplin und welchen Instrumentalisierungen war sie ausgesetzt.

Inwieweit lässt sich die Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR mit anderen Ländern vergleichen, z.B. mit den Vorgängen in den USA?

Die Verwendung psychologischen Wissens zu Zwecken, die als Missbrauch gewertet werden können, ist natürlich keineswegs auf die DDR beschränkt. Der Einsatz im Kontext von Foltermethoden kam im Zusammenhang mit „Guantanamo“ und dem Erzwingen von Geständnissen in jüngerer Zeit wieder auf die Tagesordnung. Die Mitwirkung von Psychologen dabei – als Praktiker und auch als Forscher – ist jedoch keineswegs neu, sondern schon seit den 1950er Jahren immer wieder zu beobachten. Es handelt sich um eine spezielle Spielart einer „Verwissenschaftlichung" des gesellschaftlichen Lebens, hier also des Handelns staatlicher Polizeiorgane. Eine solche Verwissenschaftlichung gab es auch mittels anderer akademischer Fächer, aber in der Psychologie ist sie naturgemäß besonders folgenreich und auf ihre ethische Legitimität hin zu prüfen.

Die Psychologie galt in der DDR zunächst als „bürgerliche Wissenschaft“, warum und wie änderte sich das?

Als "bürgerliche Wissenschaft" galt sie insbesondere in den frühen Jahren. Später blieb sie aber immer in der vermeintlichen Gefahr "bürgerlichen Einflüssen" zu unterliegen. Damit war gemeint, dass die Sphäre der subjektiven Empfindungen und der Individualität "bürgerlich" sei und nur der "Klassenkampf für eine kommunistische Gesellschaft" ein kollektives allgemeines Wohlbefinden erreichen würde. Schon in den 1960er Jahren wurde beispielsweise die Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie allerdings als Weg gesehen, um fehlverlaufende individuelle Entwicklungen korrigieren zu können. 

War die Operative Psychologie der DDR wissenschaftlich? Oder, anders ausgedrückt, entsprach sie dem westlichen Verständnis von Wissenschaft?

In der ersten Aufarbeitungswelle der 1990er Jahre entstanden schnell Bilder von einer hoch elaborierten Verwendung psychologischen Wissens durch die Staatssicherheit und ihre interne Hochschule. Mittlerweile wissen wir, dass es mit dem fachlichen Niveau der „operativen Psychologie“ nicht sehr weit her war. In der Verfolgungspraxis der Stasi beobachten wir eher eine Mischung aus Standardlehrbuchstoff und kriminalistischer Laienpsychologie, etwa wenn es um Verhörtechniken wie „good cop – bad cop“ geht. Unser Kommissionsmitglied Heinz-Peter Schmiedebach hat es auf die Formel gebracht: Eher Sozialtechnik als Wissenschaft. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass die Staatssicherheit mit ihren enormen Ressourcen sehr viel Aufwand bei der Bekämpfung von „Feinden“ betrieb, und dieser Aufwand richtete sich darauf, individuelle Angriffspunkte zu finden, um den verfolgten Personen zu schaden. Dasselbe gilt für die Anwerbetechniken bei den allgegenwärtigen Informanten. Dieser Trend ist in den 1970er und 1980er Jahre deutlich zu erkennen. Und letztlich darf man eines nicht vergessen: So dringend das Bedürfnis nach Aufklärung in den Fachkreisen der Psychologie ist – für die Opfer der Staatssicherheit und ihr Leid ist es letztlich belanglos, wie „wissenschaftlich“ die Staatssicherheit arbeitete.

Wie ist es einzuschätzen: War die Wissenschaft, also die akademische Psychologie als solche instrumentalisiert oder waren es einzelne, die sich dort instrumentalisieren ließen, z.B., weil sie überzeugte Kommunisten waren?

Der Begriff der „Instrumentalisierung“ enthält das verführerische Interpretationsangebot, die eigene Fachdisziplin als „sauber“, aber von externen politischen Mächten, wie der SED, für fremde Zwecke eingesetzt zu betrachten. Diese Trennung können wir so nicht bestätigen. Das Spektrum unter den DDR-Psycholog*innen war letztlich sehr breit, von den „bürgerlichen Nur-Wissenschaftler*innen“, die sich in die naturwissenschaftlichen Dimensionen des Fachs zurückzogen, bis zu marxistischen Sozial- und Arbeitspsycholog*innen, die tatsächlich eine – wie auch immer definierte – sozialistische Vision mit ihrer Arbeit verbanden. Jenseits dieser Frage individueller Haltungen geht es bei Instrumentalisierung zudem um die Querverbindungen in den Repressions- und Sicherheitsapparat. Das betrifft insbesondere die Rolle der forensischen Psychologie im direkt mit Polizei und Stasi verknüpften Kriminalistik-Studiengang der Humboldt-Universität, um nur ein besonders markantes Beispiel zu nennen.

Feindbildpflege und Hasserziehung waren Ziele, die nicht zum Ethos psychologischen Berufshandelns gehören – eher im Gegenteil - wie wurden sie in die Psychologie hineingetragen?

In der Tat schockieren solche expliziten Forderungen an die Psychologie wie die Mitwirkung an der „Hasserziehung“ gegen die „Feinde“ des Sozialismus. Andererseits wirken auch in anderen Systemen Psycholog*innen bei Militär und Geheimdiensten an ähnlichen Aufgaben mit, von anderen Manipulationsfeldern ganz abgesehen. Es ist also keineswegs so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Will man das historische Wissen über die Stasi produktiv machen, kommt es – so denken wir – darauf an, auch heute noch darüber zu reflektieren, welche Zwecke der Nutzung psychologischen Wissens aus welchem Grund als legitim gelten und welche nicht.

Filme wie „Das Leben der Anderen“ prägen unser Bild von Überwachung und Verfolgung, zeigen die Stasi als dominant und effektiv. Inwieweit entspricht diese Darstellung der Wirklichkeit?

Der Realitätsgehalt von „Das Leben der Anderen“ ist unter Historiker*innen und ehemaligen Bürgerrechtler*innen hoch umstritten. Der Film ist in erster Linie als Repräsentation des öffentlichen Stasi-Diskurses der frühen 2000er Jahre zu lesen – noch dazu aus der Perspektive eines westdeutschen Filmemachers und insofern hoch artifiziell in Sprache und Story. Was die Stasi betrifft: sie hatte in den 1980er Jahre unglaubliche Dimensionen erreicht und galt der SED-Parteiführung als Allheilmittel. Daraus resultierte eine sehr breite Präsenz bis in den Lebensalltag vieler Menschen hinein – mit Anwerbungen, Überwachung und Drangsalierungen. Allerdings konnte auch die Stasi den inneren Zerfall des Systems nicht aufhalten. Unter der Decke der stabilen Diktatur erstarrten all die Proklamationen zu Ritualen, bis weit in die systemnahen Schichten hinein. Das galt übrigens nicht zuletzt für die jüngeren Generationen von Studierenden und Fachrepräsentant*innen der Psychologie.

Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Ergebnissen ziehen, welche Rolle spielte und spielt heute die Berufsethik in der Psychologie?

Ethische Aspekte und ein berufsethisches kritisches Selbstverständnis spielen heute auf vielen Ebenen in der Psychologie eine Rolle. Das beginnt mit den Ethikanträgen für alle Arten von psychologischen Forschungsprojekten. Dazu wurden an jeder Universität oder Hochschule Ethikkommissionen geschaffen, die prüfen, ob die Forschung mögliche negative Folgen für Gesundheit und Befindlichkeit verursachen kann. Allerdings gibt es auch aktuelle Debatten, in der mit Recht selbstkritisch auf bestimmte Entwicklungen geschaut wird: die Replikationskrise für eine Reihe von wissenschaftlichen Befunden, die außer einer methodischen auch eine ethische Komponente hat – denn in letzter Konsequenz geht es bei inkorrekten Forschungsbefunden um eine Irreführung des Publikums. Bisher noch viel zu selten werden allerdings solche Aspekte der Berufsethik thematisiert, die mit den beruflichen Einsatzgebieten von Psycholog*innen zu tun haben: Welche Grenzen gibt es für das Einbringen psychologischen Wissens in militärisches Handeln, in die Nachrichtendienste oder das Beeinflussen von Wählerverhalten? Alles das betrifft wichtige öffentliche Güter – und unser Buch zielt darauf hin, hier für zukünftige Diskussion einen Beitrag zu leisten.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker studierte Medizin und Psychologie. 1986 promovierte er an der Humboldt-Universität Berlin in Medizin, 1995 promovierte er an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil. 1999 folgte die Fachkundeanerkennung und die Approbation als Psychologischer Psychotherapeut. Von 1988 bis 1989 war er für zehn Monate politischer Häftling in der DDR aufgrund eines Fluchtversuchs in die Bundesrepublik (zu zwei Jahren Haft verurteilt und früher durch die Bundesrepublik Deutschland "freigekauft"). Seit 2005 ist er Lehrstuhlinhaber und Fachrichtungsleiter an Universität Zürich. Im Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts leitet er die Abteilung "Allgemeine Psychotherapie und Schwerpunkte Trauma, Altersprobleme und Online-Behandlung". 2017 Verleihung des deutschen Bundesverdienstkreuz für wissenschaftliche und ehrenamtliche Tätigkeit und des "Distinguished Contributions to Psychotraumatology in Europe" Awards des ESTSS.

Dr. Jens Gieseke

Dr. Jens Gieseke, Studium der Geschichte, Politologie und Rechtswissenschaften an den Universitäten Hannover und Potsdam, 2000 promovierte er bei Christoph Kleßmann an der Universität Potsdam zum Dr. phil. Von 1993 bis 2008 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung des bzw. der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Gieseke leitet die Abteilung "Kommunismus und Gesellschaft“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

 

Foto: Andy Küchenmeister