Psychologie der Verschwörungstheorien
Das Buch „Die Psychologie der Verschwörungstheorien“ widmet sich dem Phänomen aus psychologischer, aber auch aus interdisziplinärer Sicht. Wie entsteht ein verschwörungstheoretisches Weltbild, welches sind die kognitiven Grundlagen? Was ist die Sicht der Forschung und kann es eine Prävention gegen Verschwörungsglauben geben? Über diese und andere spannende Fragen haben wir mit Herausgeber Prof. Dr. Roland Imhoff gesprochen.
Verschwörungstheorien gibt es schon lange, einige wurden in Büchern oder Filmen aufgegriffen, aber ein Thema für die Forschung waren sie lange Zeit nicht. Wie kommt es, dass sich das geändert hat, wird das Phänomen jetzt quasi ernster genommen?
Solche Konjunkturen wissenschaftlicher Aufmerksamkeit sind selten leicht zu erklären, für den vorliegenden Fall gibt es allerdings eine exponentielle Zunahme der Forschungstätigkeit mit der COVID-19-Pandemie. Selbst an das Homeoffice gefesselt wollten zahlreiche Forscher*innen ihren Teil beitragen, die negativen Folgen der Pandemie abzumildern. Mediziner*innen haben sich auf die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten zur Linderung der Symptome gestürzt, Physiker*innen und Mathematiker*innen auf prädiktive Modelle der Entwicklung von Infektionen und Verhaltenswissenschaftler*innen eben auf Möglichkeiten, menschliches Verhalten wie die Bereitschaft, sich an empfohlene Maßnahmen zu halten, zu verstehen. Verschwörungsglauben trat hier sehr prominent als eine Determinante ins Auge, die assoziiert war mit geringerer Impfbereitschaft, geringerer Bereitschaft eine Maske zu tragen oder Abstand zu halten und einer größeren Bereitschaft gegen die diversen Eindämmungsmaßnahmen zu protestieren – auch gewaltsam. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die Forschung zu Verschwörungsglauben schon seit 2012 stetig zugenommen hat, zum Teil auch durch EU-Finanzierung gefördert, nur mit der COVID-19 -Pandemie hier ein zusätzlicher Beschleuniger ins Spiel kam.
Die DGPs hat die Taskforce „Verschwörungstheorien“ ins Leben gerufen, der Sie angehören. Warum ist dies gerade für die Psychologie ein wichtiges Feld, was kann sie beitragen, um Verschwörungstheorien zu erforschen?
Auch diese Taskforce ist im Lichte der COVID-19-Pandemie entstanden. Viele Menschen hatten das Gefühl steigender gesellschaftlicher Polarisierung, und viele haben auch die Erfahrung gemacht, dass ihnen nahestehende Menschen auf einmal scheinbar paranoide Ideen über einen geheimen Ursprung des Virus entwickelten. Das war für viele Menschen und ihre Beziehungen sehr belastend. Die Psychologie kann hier zu einem Verständnis des Phänomens beitragen: Was genau ist eine Verschwörungstheorie und was wissen wir darüber, unter welchen Umständen Menschen besonders geneigt sind, eine solche Theorie zu akzeptieren. Weit weniger erforscht, aber nicht weniger wichtig ist auch die Frage, wie man weiterhin mit Angehörigen im Gespräch bleiben kann, die sich in den sogenannten Kaninchenbau einer verschwörungstheoretischen Weltsicht geflüchtet haben und wie man ihnen Angebote machen kann, die ihnen helfen, die zum Teil festgefahrene Weltsicht wieder zu öffnen.
Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien, sind bestimmte Menschen anfälliger, welche Erkenntnisse gibt es dazu aus psychologischer Sicht?
Es gibt eine ganze Reihe Befunde und Annahmen, die in ihrer Fülle den Rahmen sprengen, aber grob vereinfacht lässt sich sagen, dass viele Menschen Verschwörungstheorien glauben, weil dies für sie einen Vorteil hat. Sie fühlen sich gegebenenfalls besonders, weil sie im Besitz einer überlegenen Wahrheit sind. Sie haben auch weniger das Gefühl, dem Zufall ausgeliefert zu sein, weil in einer Verschwörungstheorie eben nicht der Zufall, sondern das planvolle Handeln geheim agierender Mächte den Lauf der Dinge bestimmt. Dies gibt ihnen unter Umständen auch das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben und die Welt zu haben: VerschwörerInnen kann man das Handwerk legen, dem Zufall, Naturkatastrophen oder einem noch nicht verstandenen Virus sehr viel schwerer.
Die Medien, vor allem die sozialen Medien, spielen eine durchaus zwiespältige Rolle, wie würden Sie dies bewerten, etwa in Hinblick auf die COVID-19-Pandemie?
Es stimmt, dass Verschwörungstheorien vor allem durch soziale Medien verbreitet werden. Dies allein ist allerdings eine vergleichsweise triviale Feststellung, weil das für nahezu alle anderen Informationsgenres auch stimmt: Kochrezepte, Katzenvideos, auch Nachrichten wandern heute schneller und weiter dank digitaler Medien. Die kritische Frage ist, ob soziale Netzwerke dafür sorgen, dass Verschwörungstheorien gegenüber anderen Arten von Informationen einen Vorteil genießen, sie also besonders von sozialen Medien profitieren. Hier ist die Evidenz nicht so eindeutig, wie Stephan Winter in seinem Kapitel im Buch sehr detailliert seziert.
In dem von Ihnen herausgegebenen Buch „Psychologie der Verschwörungstheorien“ geht es nicht nur um psychologische Perspektiven – warum wurde ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, welche Vorteile bietet er?
Teil des Problems an Verschwörungstheorien ist, dass Menschen Informationen konfirmatorisch verarbeiten. Das heißt, sie suchen Informationen selektiv auf, gewichten sie auf eine Art und Weise und erinnern sie so, dass sie bereits vorab bestehende Überzeugungen verstärken. Wenn ich schon glaube, Lady Di vom britischen Geheimdienst ermordet wurde, suche ich gezielt nach Hinweisen dafür (und nicht für Alternativerklärungen), halte Evidenz für einen harmlosen Unfall für gefälscht oder irrelevant und so weiter. Diese konfirmatorische Informationsverarbeitung ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal von Verschwörungstheorien, wir alle unterliegen ihr, auch die Wissenschaft. Deshalb ist es essenziell, sich nicht in bequemen Gewissheiten zu bestätigen, sondern aktiv die Konfrontation mit Widerspruch zu suchen. Erst eine solche Reibung erzeugt Wärme und das Potenzial, seine eigenen Ansichten zu korrigieren. Wir haben deshalb Nicht-Psycholog*innen aufgefordert, nicht nur die spannende Forschung zu Verschwörungstheorien in ihren Disziplinen zu berichten, sondern auch mit der psychologischen Forschung hart ins Gericht zu gehen. Vielleicht am deutlichsten ist Michael Butter dieser Aufforderung gefolgt, der aus kulturwissenschaftlicher Perspektive die Defizite psychologischer Forschung kritisiert.
Nicht nur Vorgänge aus der jüngsten Vergangenheit – wie z. B. der Sturm aufs Kapitol 2021 – zeigen, dass Verschwörungstheorien gefährlich sind. Gibt es sinnvolle Maßnahmen der Intervention und Prävention gegen Verschwörungsglaube?
Hier lohnt es sich erst einmal einen Schritt zurückzugehen und zu fragen: Unter welchen Umständen wären solche Interventionen gerechtfertigt. Kai Sassenberg und Kolleg*innen diskutieren das in ihrem Beitrag ausführlicher, aber ich denke, es lässt sich ein starkes Argument dafür machen, dass die Gedanken erst einmal frei sind. Selbst wenn Verschwörungstheorien immer falsch wären (was in dieser Absolutheit nicht haltbar ist), gäbe mir das kein Recht, etwas so Privates wie die persönlichen Überzeugungen von außen verändern zu wollen. Gerechtfertigter scheint es mir persönlich, einerseits Angebote zur kognitiven Öffnung zu machen, die Personen die Option geben, sich gesichtswahrend für Evidenz zu öffnen, die gegen eine Verschwörung spricht und andererseits daran anzusetzen, dass sich Verschwörungsglauben nicht in problematisches Verhalten übersetzt. Glauben dürfen Menschen ja was sie mögen, ihr Handeln muss aber bestimmten allgemeingültigen Regeln folgen, die sich an den Rechten Dritter orientieren. Sie dürfen also keine Gewalt anwenden, nicht demokratische Prozesse stören oder andere durch ihr Handeln gesundheitlich gefährden. Dieser Fokus auf das Verhalten erscheint mir legitimer als gegen den Glauben an sich zu intervenieren.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Roland Imhoff
Prof. Dr. Roland Imhoff, geb. 1977. 1998–2005 Studium der Psychologie in Bonn. 2005-2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Bonn. 2006-2010 Promotionsstipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst e.V. 2010 Promotion. 2012-2015 Juniorprofessor für Sozialpsychologie: Social Cognition an der Universität zu Köln. Seit 2015 Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Arbeitsschwerpunkt: Kategorisierung und Stereotype, Verschwörungsglauben, soziale Vergleiche, Repräsentationen von Geschichte.
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