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Tabuthemen in der Demenzversorgung: Wie ein offener Umgang gelingen kann

Menschen mit Demenz werden häufig mit Verlust und zunehmender Abhängigkeit gleichgesetzt. Welche Folgen dieses Bild für ihre Versorgung hat und wie Würde, Selbstbestimmung und Teilhabe auch unter schwierigen Bedingungen geschützt werden können, darüber sprechen wir mit Dr. phil. Stefanie Becker, Herausgeberin von “Tabuthemen in der Versorgung demenzerkrankter Menschen”. Im Mittelpunkt stehen die Tabus, die den Umgang mit Demenz prägen – und die Frage, wie Pflege, Therapie und Betreuung diese professionell bearbeiten können.

Drei alte Damen sitzen auf einer Bank und machen die Gesten der "3 Affen", Mund zuhalten, Augen zuhalten, Ohren zuhalten

Bild: Getty images

Das Buch beginnt mit einem Geleitwort einer Demenzerkrankten. Warum ist es so wichtig, dass sich hier eine Betroffene selbst zu Wort meldet?

Ein solches Geleitwort ist mehr als Beteiligung: Wer sprechen darf, bestimmt mit, welche Erfahrungen sichtbar werden. Fachpersonen beschreiben Diagnosen und Unterstützungsbedarfe. Ein Geleitwort aus der Perspektive einer erkrankten Person setzt daher gleich zu Beginn einen wichtigen Massstab: Es zeigt, wie sich die Erkrankung von innen anfühlt; es korrigiert damit nicht zuletzt das, was wir meist unter “Wissen” verstehen. Eine Stimme vertritt zwar nicht alle, aber sie ist Anker für die Perspektive, mit der die weiteren Kapitel immer auch gelesen werden sollten. Es geht nicht nur darum zu fragen “Was ist mit diesem Menschen?”, sondern klar darum “Was ist diesem Menschen wichtig?”. Das Geleitwort einer erkrankten Person eröffnet den Dialog – sie beendet ihn nicht.

Welche Tabus prägen den gesellschaftlichen und professionellen Blick auf Demenz am stärksten, und welche Folgen haben sie für Diagnose, Versorgung, Teilhabe und Lebensqualität?

Das stärkste Tabu ist meines Erachtens nicht ein einzelnes Thema, sondern die generelle Gleichsetzung von Demenz mit vollständigem Verlust und Abhängigkeit: Verlust der Persönlichkeit, der Urteilsfähigkeit, der Beziehung und letztlich des Lebenswerts. Daraus entstehen weitere Tabus, die wirken, lange bevor geschwiegen wird: Sie senken Erwartungen, verengen Versorgung und begünstigen Ausschluss. Wenn man einem Menschen kaum noch etwas zutraut, fragt man ihn seltener; wenn man ihn seltener fragt, wird seine Stimme tatsächlich schwächer. Die Folgen sind konkret: Symptome werden aus Scham oder Angst nicht angesprochen, Diagnosen verzögern sich, Unterstützungsangebote werden zu spät genutzt und Menschen mit Demenz werden aus Entscheidungen und gesellschaftlichen Räumen ausgeschlossen. Tabus beeinträchtigen deshalb nicht nur die Kommunikation; sie beeinflussen Zugänge zur Versorgung, die Versorgungsqualität und die Möglichkeit, weiterhin selbstbestimmt und sozial eingebunden zu leben. Tabus zu überwinden, heisst daher auch, Erwartungen, Strukturen und Zugänge zu verändern.

Im ersten Kapitel geht es um den Begriff der Würde. Warum ist Würde in der Demenzversorgung so zentral, zugleich aber problematisch, wenn sie unreflektiert verwendet wird?

Würde ist zentral, weil eine Demenzerkrankung Abhängigkeiten verstärken und damit Machverhältnisse verschieben kann. Andere deuten Verhalten, verwalten Zeit und entscheiden über Nähe, Risiko und Alltag. Würde ist deshalb nicht nur ein freundliches Zusatzversprechen, sondern eine dieser “Mächte”. Gerade mit steigender Abhängigkeit muss die Person in ihrer Individualität, Biografie und Gegenwart ernst genommen werden. Problematisch wird der Würdebegriff, wenn er an Selbständigkeit, Vernunft oder Körperkontrolle gebunden wird. Würde ist keine Eigenschaft, die mit kognitiven Fähigkeiten abnimmt. Sie zeigt sich im Alltag: darin, ob jemand beteiligt, respektvoll angesprochen, vor Beschämung geschützt und in seinen verbleibenden Handlungsmöglichkeiten unterstützt wird. Entscheidend ist nicht die Absicht der Versorgung, sondern ob der Mensch darin Subjekt bleiben kann und wie sie von der erkrankten Person erlebt wird.

Ein Kapitel trägt den Titel „Reparieren reicht nicht mehr“. Was zeigt Demenz über die Grenzen eines Gesundheitssystems, das vor allem auf Diagnose, Therapie, Heilung und Effizienz ausgerichtet ist?

Demenz legt eine blinde Stelle unseres Systems frei: Wir finanzieren Eingriffe leichter als Beziehung und messen Wiederherstellung genauer als Verlässlichkeit. Demenz macht sichtbar, dass ein gutes Gesundheitssystem mehr leisten muss als Krankheiten zu erkennen und Funktionen zu stabilisieren. Wo sich eine Erkrankung nicht “reparieren” lässt, darf Versorgung nicht enden. Wichtiger werden dann Beziehung, Kontinuität, Orientierung, Alltagsbewältigung und soziale Teilhabe als zentralen Ergebnisse hoher Versorgungsqualität. Diese Leistungen lassen sich jedoch schlechter standardisieren. Sie werden im heutigen System oft als weiche Nebeneffekte verstanden und – wenn überhaupt - unzureichend finanziert. “Reparieren reicht nicht mehr” bedeutet deshalb nicht, Medizin oder Effizienz geringzuschätzen. Es bedeutet, ihre Grenzen anzuerkennen und Versorgung stärker an funktionaler Lebensqualität der erkrankten Person sowie an der Entlastung ihres Umfelds auszurichten. Ein solches Verständnis ergänzt und vervollständigt unseren Begriff von Wirksamkeit. Ein reifes Gesundheitssystem zeigt seine Qualität nicht nur dort, wo es heilen kann, sondern gerade dort, wo es Menschen lange verlässlich begleiten muss. Demenz ist deshalb kein Randthema, sondern ein Stresstest für die Zukunftsfähigkeit des gesamten Systems.

Warum wird Demenz in der hausärztlichen Versorgung häufig spät oder zögerlich angesprochen, obwohl eine frühe Diagnose Betroffenen und Familien mehr Planung, Unterstützung und Teilhabe ermöglichen kann? Wie könnte man dies ändern?

Das Zögern hat meist mehrere Ursachen. Wo nach der Diagnose kein klarer Weg beginnt, fällt bereits das Benennen schwer. Zeitdruck, diagnostische Unsicherheit, fehlende Angebote und die Sorge vor Stigmatisierung verstärken die Zurückhaltung – bei Fachpersonen ebenso wie bei Erkrankten und Familien.

Eine frühe Abklärung ist jedoch weder Selbstzweck noch vorschnelles Screening. Sie soll Veränderungen sorgfältig einordnen und behandelbare Ursachen ausschliessen. Eine Diagnose ist aber nicht schon deshalb gut, weil sie früh gestellt wird und greift ohne anschliessende Unterstützung zu kurz. Sie ist gut, wenn sie zur Tür für verbindliche Begleitung wird. Entscheidend ist deshalb, was am Tag nach der Diagnose geschieht: Sie darf einen Menschen und seine Familie nicht allein lassen oder nur auf seine Erkrankung, ein Etikett festlegen, sondern muss Möglichkeiten öffnen – für Behandlung, Vorausplanung, Entlastung, Teilhabe und die Wahrnehmung von Rechten. Dafür braucht es diagnostische Sicherheit in der Grundversorgung, Zeit für Gespräche, klare regionale Versorgungspfade und verbindliche Begleitung.

Das Buch behandelt Misshandlung, Vernachlässigung und Gewalt in Betreuungsbeziehungen als besonders sensibles Tabu. Wie kann man dieses Thema offen ansprechen, ohne vorschnell Schuld zuzuschreiben?

Eine offene Fehler- und Schutzkultur verbindet Verantwortungsübernahme und Prävention. Denn jede Grenzverletzung verlangt Verantwortung, und ihr Entstehen kann strukturelle Ursachen haben. Sie kann durch Überforderung, fehlendes Wissen, Personalmangel, ungeeignete räumliche Bedingungen oder eine Kultur des Wegsehens begünstigt werden. Wer nur individuelles Fehlverhalten sieht, übersieht Überlastung und ungeeignete Abläufe. Wer nur die Umstände anführt, relativiert das erlittene Unrecht. Denn Kontextfaktoren erklären zwar Risiken, entschuldigen aber keine Grenzverletzungen.

Der Grundsatz muss daher lauten: Schutz zuerst, Erklärung danach, Verantwortung immer. Offen über Themen wie Überforderung oder Unsicherheit sprechen lässt sich, wenn wir nicht mit der Schuldfrage beginnen, sondern mit drei Fragen: Was ist geschehen? Was braucht die betroffene Person jetzt? Und welche Bedingungen haben die Grenzverletzung ermöglicht?

Weil Menschen mit Demenz Widerstand oft nonverbal ausdrücken und ihnen nicht immer geglaubt wird, braucht es verlässliche Schutzmechanismen, klare Meldewege, Fallreflexion und frühzeitige Entlastung. Eine Kultur des Hinsehens ist dann weder Anklagekultur noch Schonraum: Sie schützt Betroffene und macht es möglich, Überforderung anzusprechen, bevor sie gefährlich wird. Professionell ist daher ein Vorgehen, das Warnzeichen ernst nimmt, Betroffene sicher anhört, Zuständigkeiten klärt, Ereignisse dokumentiert und unabhängige Beschwerde- und Beratungswege bereitstellt. Gleichzeitig brauchen Angehörige und Mitarbeitende frühzeitig Entlastung, Supervision und die Möglichkeit, Überforderung anzusprechen, bevor eine Situation eskaliert.

Sterbewünsche, Patientenverfügungen, Sterbefasten und assistierter Suizid gehören zu den heikelsten Themen des Buches. Wie lässt sich über Selbstbestimmung am Lebensende sprechen, ohne gesellschaftliche Negativbilder von Demenz zu verstärken?

Indem wir zwei Ebenen konsequent auseinanderhalten: den individuellen Willen einer Person und die gesellschaftliche Bewertung eines Lebens mit Demenz. Ein Sterbewunsch entsteht nie im luftleeren Raum. Er kann Ausdruck eines beständigen Willens sein, aber auch durch Schmerzen, Depression, Einsamkeit, Angst vor Abhängigkeit oder die Sorge geprägt sein, anderen zur Last zu fallen. Ihn ernst zu nehmen, bedeutet deshalb weder, ihn vorschnell zu bestätigen, noch ihn paternalistisch abzutun. Es bedeutet, seine Ursachen, seine Beständigkeit und die biografischen Werte der Person sorgfältig zu verstehen. Der entscheidende Punkt ist: Eine Gesellschaft, die die Freiheit zum Sterben respektiert, muss auch die Freiheit zum Weiterleben glaubwürdig machen – durch gute Pflege, Palliative Care, soziale Teilhabe und verlässliche Entlastung. Wenn wir Selbstbestimmung wirklich ernsthaft schützen wollen, müssen wir Abhängigkeit besser sozial (und finanziell) absichern. Eine verantwortliche Debatte respektiert individuelle Entscheidungen, schützt vor Fremdbestimmung und vermittelt zugleich klar: Selbstbestimmung ist nur dann geschützt, wenn ein Leben mit Demenz nicht als weniger erwünschte Alternative erscheint und niemand sich aus Mangel an Unterstützung als Last – sei es für die Familie oder die Gesellschaft – erleben muss.

Was brauchen Pflege, Therapie und Institutionen konkret, um tabuisierte Situationen wie Scham, Ekel, Sexualität, Kommunikationsverlust, Dysphagie, oder auch Humor professionell zu bearbeiten, statt sie zu vermeiden?

Institutionen brauchen mehr als Richtlinien und Standards. Sie brauchen eine Sprache für Ambivalenz und Orte, an denen auch ausgesprochen werden darf, was irritiert oder überfordert. Denn was nicht besprechbar ist, verschwindet nicht einfach; im Gegenteil, es kehrt als Vermeidung, Routine, zynischer Humor oder unreflektierter Zwang zurück. Intimpflege, Sexualität, Dysphagie oder Kommunikationsverlust können Scham, Ekel, Angst und damit vor allem die eigenen Grenzen berühren. Professionalität besteht aber nicht darin, solche Reaktionen nicht zu haben, sondern sie selbstreflexiv und offen im Team zu bearbeiten, anstatt sie durch Schweigen und Vermeiden von der betroffenen Person tragen zu lassen. Dazu braucht es Wissen, Fallbesprechungen, Ethikberatung, Supervision, Schutzkonzepte und Kompetenzen in nonverbaler Kommunikation. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Schwieriges vorkommt, sondern ob es früh wahrgenommen, ohne Beschämung angesprochen und verantwortlich bearbeitet wird.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Dr. phil. Stefanie Becker

Dr. phil. Stefanie Becker war von 2015 bis 2025 Direktorin von Alzheimer Schweiz und engagiert sich national wie international für eine menschenzentrierte Alters- und Demenzpolitik. Sie hat Psychologie und Gerontologie an der Universität Heidelberg studiert, wo sie in der Forschung tätig war. An der Berner Fachhochschule baute sie das Institut Alter auf und leitete zahlreiche Projekte an der Schnittstelle von Forschung und Versorgung. Sie hat umfangreiche Erfahrung in Weiterbildung für Fachpersonen und als Autorin von Fachbüchern. Seit 2026 ist sie als selbständige Beraterin tätig und hält verschiedene Verwaltungs- und Stiftungsratsmandate im Gesundheits-/Sozialbereich. Ihre Schwerpunkte sind Versorgungskonzepte im Bereich Alter und Demenz sowie strategische Organisationsentwicklung.

Empfehlung des Verlags

Tabuthemen in der Versorgung demenzerkrankter Menschen Eine interprofessionelle Perspektive herausgegeben von Stefanie Becker
„Tabuthemen in der Versorgung demenzerkrankter Menschen" richtet den Blick auf Aspekte der Versorgung, die häufig unausgesprochen bleiben und dennoch den Alltag von Menschen mit Demenz sowie das Handeln von Fachpersonen maßgeblich prägen. Themen wie Würde, Autonomie, Intimität, Sterben, Gewalt…

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Das sagt der Dorsch zu:

Demenz [engl. dementia; lat. de ohne, mens Verstand], syn. Dementia, [KLI], ist eine mit meist chronischen oder fortschreitenden Hirnerkrankungen (Neurodegenerative Erkrankungen) einhergehende Störung der intellektuellen Fähigkeiten und Persönlichkeitsfunktionen, insbes. von Lernen und Gedächtnis, Denken und Urteilen, Orientierung, Sprache und Rechnen. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung können auch emot. (Emotionen), motivationale (Motivation) und soziale Funktionen beeinträchtigt sein. (…)

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