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Wege aus der Essstörung finden

Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa), Binge Eating oder Bulimie haben vielfältige Ursachen, es gilt, den Glaubenssätzen, Gedanken und der inneren Haltung auf die Spur zu kommen, die dahinter stecken. Sandra Steiner Roth hat lange Erfahrung in der Beratung mit essgestörten Menschen und hat ein Buch mit hohem Praxisbezug geschrieben. In „Ein Stück Brot ist wieder ein Stück Brot“ zeigt sie, wie wichtig es ist, den Betroffenen wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen und wie man den Weg zu einem gesunden Essverhalten wiederfindet. Wir haben mit der Autorin über das Buch und ihre Erfahrungen gesprochen.

Brot ist wieder ein Stück Brot. Viel Arbeit bei einer Essstörung wie Bulimie, Magersucht Brot wird geschnitten

„Das Stück Brot ist wieder ein Stück Brot“ lautet der Titel Ihres Buches. Wie viel Arbeit steckt für Essgestörte dahinter, dies wieder zu erreichen?

Der Titel geht zurück auf eine Äußerung einer Klientin von mir, die ausdrücken wollte, dass es ja bei einer Essstörung eigentlich um etwas ganz anderes geht und dass ein Stück Brot einfach ein Stück Brot sein sollte. Für Menschen mit Essstörungen ist das Stück Brot nicht einfach Nahrung, sondern  ein Schauplatz für verschiedene Ängste: Dick zu werden, das Falsche zu essen, zu viel oder zu wenig zu essen, die Kontrolle zu verlieren, um nur einige zu nennen. Für Betroffene ist es viel Arbeit, bis der Stellenwert eines Stückes Brot wieder der ist, der er eigentlich sein sollte. Es handelt sich um eine ernste psychosomatische Erkrankung. Es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit die Krankheit entsteht. Essstörungen sind eine Bewältigungsstrategie, Betroffene greifen darauf zurück, weil für sie vieles im Leben schwierig und unkontrollierbar erscheint. Mit Essanfällen oder Hungern können sich Betroffene ein Stück weit der Realität und allen Anforderungen entziehen. Und ja, der Weg zu einem normalen Essverhalten braucht viel Arbeit und Zeit, wichtig ist, dass die Betroffenen sich und das Leid, das mit einer Essstörung verbunden ist, ernst nehmen. Und sich darauf einstellen, dass es viel Geduld, Kraft und Arbeit braucht, um sie zu überwinden. Für viele Betroffene, die ja oft sehr perfektionistisch sind, hohe Ansprüche an sich selbst haben, ist es dann eine ganz neue Erfahrung, dass das vielleicht nicht auf Anhieb klappt, dass sie mit Rückschlägen kämpfen müssen.

Das Buch ist inhaltlich und optisch in verschiedene Bereiche eingeteilt, was steckt dahinter?

Das Buch richtet sich in erster Linie an Betroffene und Angehörige. Die Passagen, in denen ich die Betroffenen direkt anspreche, sind optisch abgesetzt durch eine andere Schriftfarbe. Im ersten Teil des Buches geht es vor allem um fachliche Informationen und therapeutische Interventionen, im zweiten Teil schließen sich Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen an, zuletzt gebe ich allgemeine fachliche Informationen zu Essstörungen, diagnostische Kriterien, Frühwarnzeichen etc.

Warum ist es für Betroffene so schwierig, über Ihre Essstörung zu reden und sich Hilfe zu holen?

Meiner Erfahrung nach ist es vor allem Scham. Essstörungen sind mit sehr großer Scham verbunden, die Betroffenen glauben häufig, dass sie selbst schuld an der Krankheit sind. Und dass sie es auch selbst schaffen müssen, damit klarzukommen Das funktioniert aber nicht so, weil die Essstörung nicht mit den Strategien bewältigbar ist, die die Betroffenen sonst kennen, nicht mit Ehrgeiz und Disziplin, nicht mit guten Leistungen. Dann leidet das Selbstwertgefühl noch mehr: Ich bin selbst schuld und bekomme es nicht hin, mich von der Essstörung zu befreien. Deshalb getrauen sie sich nicht, sich jemandem anzuvertrauen, aus Angst, abgelehnt und verurteilt zu werden. Das glauben Betroffene insbesondere, weil sie von sich auf andere schließen. Gerade von Magersucht Betroffenen fehlt häufig die Krankheitseinsicht. Sie fühlen sich, zumindest zu Beginn, stark und diszipliniert und setzen alles daran, dass niemand sie am Abnehmen hindert.

Außerdem muss man beachten, dass viele betroffene Menschen gerade z.B. mit Essanfällen, die Realität ausblenden. Viele sagen, erst wenn sie sich getrauen, mit jemandem darüber zu sprechen, dann wird wahr, dass sie eine Essstörung haben. Ein weiterer Faktor ist, dass sie glauben, wenn sie darüber sprechen, auch etwas unternehmen zu müssen. Betroffene möchten nicht auf diese Bewältigungsstrategie verzichten, weil sie noch keine Alternative dafür haben. Sie haben Angst, dass die Essstörung quasi weggenommen wird und sie keinen Ersatz dafür haben.

Auch für die Menschen im Umfeld ist es zum Teil schwierig, die Betroffenen anzusprechen. Sollte man es tun und wenn ja, wie könnte dies aussehen?

Unbedingt! Je ehrlicher, je klarer, desto besser, weil die Betroffenen ein sehr feines Gespür für Echtheit haben. Ich würde allen empfehlen, sie einfach in einem guten Moment direkt anzusprechen, mit einer konkreten Beobachtung. Z. B.: Mir fällt auf, dass du nur noch einen Apfel isst, oder mir fällt auf, dass im Schrank immer die Biskuits verschwunden sind. Möglichst die eigene Sorge zum Ausdruck bringen, ohne zu werten, Hilfe anbieten, ein offenes Ohr haben und auf keinen Fall wegschauen. Es ist nicht einfach eine Phase, die von allein vorübergeht. Die Essstörung sollte man unbedingt ernstnehmen. Man kann die Betroffenen für eine Therapie ermutigen und bei der Suche nach einem Therapieplatz behilflich sein. Sich darauf einstellen, dass die Genesung viel Kraft und Zeit erfordert. Hilfe anbieten und das umsetzen, was die Betroffenen sich an Hilfe wünschen.

Selbstwertgefühl – genauer gesagt: mangelndes Selbstwertgefühl – spielt bei Essstörungen eine große Rolle. Welche weiteren Faktoren begünstigen die Entwicklung von Magersucht, Bing Eating etc.?

Das Selbstwertgefühl ist bei den Betroffenen sehr abhängig von äußeren Einflüssen wie Leistung in Beruf und Sport, Aussehen und sozialem Erfolg. Hinter dem ausgeprägten Perfektionismus versteckt sich oft ein niedriges Selbstwertgefühl. Und auch der ständige Vergleich mit anderen Menschen ist so ein individueller Faktor – häufig zuungunsten von sich selbst. Die Betroffenen sind oft nicht in der Lage, andere Menschen unabhängig von sich zu sehen, sich zum Beispiel zu sagen: Diese Person ist hübsch oder diese Person hat diese Leistung erbracht, aber das hat nichts mit mir zu tun. Es findet immer ein Vergleich zu sich selbst statt, man ist besser oder schlechter, der Vergleich ist permanenter Stress. Und die Essstörung hilft dann unter anderem, diesen Stress ein bisschen besser auszuhalten und die Stimmen im Kopf für eine kurze Zeit auszuschalten. Menschen, die eine Essstörung entwickeln, haben oft Mühe damit, einen angemessenen Umgang mit vor allem unangenehmen Gefühlen zu finden. Die Essstörung wird dann genutzt, um diese nicht spüren zu müssen. Das Schönheitsideal verursacht meines Erachtens keine Essstörung, kann diese aber sicherlich begünstigen. Die Betroffenen eifern einem Ideal nach, weil sie sich damit Akzeptanz und Anerkennung von anderen Menschen erhoffen, um sich besser zu fühlen. 

Wie lässt sich das Selbstwertgefühl dauerhaft stärken und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Essstörungen?

Das Wichtigste ist in meinen Augen, mithilfe einer Therapie einen anderen Blick auf sich, das eigene Leben und die sozialen Beziehungen zu entwickeln; Glaubenssätze und Handlungsmuster zu erkennen, die oft unhinterfragt von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das geht mit einem Perspektivenwechsel einher- auf der Bühne das eigene Leben von außen zu betrachten. Plötzlich erkennt man vielleicht, dass vieles anders ist, als man immer gedacht hat.

Es geht darum, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, ernst zu nehmen, nicht  zu werten. Das ist typisch bei Essstörungen: dieses Vergleichen und Werten. Die Betroffenen kommen in der Regel in die Therapie mit der Auffassung: Ich bin selbst schuld, ich müsste nur … Wenn sie  mit der Zeit Verständnis für sich selbst entwickeln, weil sie merken, dass die Essstörung nicht aus dem Nichts gekommen ist und sie nicht schuld daran sind, dann führt das auch zu mehr Selbstliebe und einem besseren Selbstwertgefühl. Dann fangen sie an, für sich einzustehen, sich anderen zuzumuten und neue soziale Erfahrungen zu machen. Sie erleben, dass sie in ihrem Leben etwas bewirken können. Die Essstörung in kleinen Schritten und mit viel Geduld zu überwinden, kann den Selbstwert der Betroffenen nachhaltig stärken.

Was die Behandlung betrifft, möchte ich gerne meinen Ansatz schildern. Da Essstörungen auch eine Sucht sind, braucht es meines Erachtens erstens  die Arbeit am konkreten Essverhalten, wie ich es im Buch beschreibe. Es geht auch darum, die Suchtstimmen im Kopf als Suchtstimmen zu identifizieren, davon innerlich Abstand zu nehmen, sich abzulenken und vor allem diesen zwanghaften Gedanken rund ums Essen und Gewicht nicht mehr zu glauben Dies ist eine sehr kräfteraubende Arbeit!

Dann geht es zweitens darum, im Gespräch herauszufinden, was sich hinter der Essstörung an Schwierigkeiten, ungelösten Konflikten und Ängsten verbirgt. Es folgt der vorhin erwähnte Perspektivenwechsel, der oft zu mehr Verständnis für sich selbst und die Essstörung führt, zu mehr Akzeptanz und Selbstliebe. Dann wird es zunehmend möglich, zu eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu stehen, sich ernst zu nehmen.

Drittens geht es darum, sich wirklich zu fragen  – und das geschieht tatsächlich oft zum ersten Mal  – : Welche Bedürfnisse, Vorstellungen, Wünsche habe ich eigentlich unabhängig von den Erwartungen anderer? Ich ermutige die Betroffenen, Detektiv oder Detektivin zu sein, Neugier auf sich selbst zu entwickeln: Wer bin ich ohne die Essstörung?

Entscheidend ist – und das hilft meiner Erfahrung nach wirklich am meisten – dass die Betroffenen ernst genommen werden, ihnen auf Augenhöhe begegnet wird und dass sie sich verstanden fühlen.

Wie kann gelingende Prävention aussehen, wie erkenne ich überhaupt, dass eine Essstörung drohen könnte?

Ich denke, dass Prävention vermehrt auch in der Familie ansetzen müsste. Ich leite zurzeit eine Gruppe für Mütter mit einer (ehemaligen) Essstörung. Dort geht es darum, darüber zu sprechen, wie es gelingen kann, die Denk- und Verhaltensmuster, welche die Essstörung aufrechterhalten, zu identifizieren und nach Strategien zu suchen, damit diese nicht unhinterfragt an das Kind weitergegeben werden. Dies erfordert sehr viel Arbeit und ist oft auch mit Schmerz verbunden. 

Tabelle Frühwarnzeichen aus „Ein Stück Brot ist wieder ein Stück Brot“

Entscheidend ist es, den Kindern zu einem guten Selbstwertgefühl zu verhelfen, welches sie psychisch widerstandsfähig macht. Indem die Eltern ihre Kinder ernst nehmen und in ihrer Eigenheit sehen, ohne ihnen die eigenen Erwartungen überzustülpen. Den Kindern helfen, die eigenen Gefühle zu spüren, zu benennen und zu regulieren – damit sie keine Essstörung brauchen, um Gefühle zu unterdrücken. Den Kindern mit Liebe und Respekt zu begegnen. Dies ist die beste Form der Prävention.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sandra Steiner Roth

Sandra Steiner Roth beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Essstörungen, sowohl in der Prävention als auch in der Beratung. Als Gründungsmitglied und langjährige Mitarbeiterin half sie mit, am Inselspital Bern die Fachstelle «Prävention von Essstörungen Praxisnah» aufzubauen. Die Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit stand damals im Vordergrund. Nach verschiedenen Weiterbildungen und einem Masterabschluss MAS in Systemisch-lösungsorientierter Therapie wandte sie sich vermehrt der Beratung von Betroffenen zu. Seit 15 Jahren ist Sandra Steiner Roth in eigener Praxis in Bern tätig, wo sie Betroffene und deren Angehörige begleitet. Zudem bietet sie begleitete Gesprächsgruppen und Intensivwochen an. Sandra Steiner Roth ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Bern. www.sandra-steiner.ch

Foto: Franziska Rothenbühler

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