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Wenn Einsamkeit anhält

Etwa 5 bis 10% der erwachsenen Bevölkerung geben an, sich ziemlich häufig bis sehr häufig einsam zu fühlen. Überdauernde oder chronische Einsamkeitsgefühle verursachen einen hohen Leidensdruck und sind mit einer Vielzahl von psychischen und somatischen Beschwerden assoziiert. Wie erkennt man chronische Einsamkeit und welche Interventionsmöglichkeiten gibt es? Wir haben mit Tobias Krieger und Noëmi Seewer gesprochen, die vor kurzem ein Buch zum Thema in der Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“ verfasst haben.

 

Zur Klärung des Begriffs Einsamkeit: Was ist der Unterschied zwischen Einsamkeit, Alleinsein und sozialer Isolation?

Das ist eine wichtige Frage, da die Bedeutung der Begriffe häufig vermischt wird. Dies hat aber auch sprachliche Gründe und ist insofern gut nachvollziehbar. Während „Ich fühle mich allein“ und „Ich fühle mich einsam“ wohl häufig dasselbe bedeuten, ist mit „Ich bin allein“ und „Ich bin einsam“ etwas anderes gemeint. Einsamkeit beschreibt das aversiv empfundene Gefühl, das eine Person empfindet, wenn sie eine Diskrepanz zwischen ihren gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Kontakten und Beziehungen wahrnimmt. Dies kann in Bezug auf die Anzahl aber auch die Qualität von Beziehungen sein. Objektive soziale Isolation und Einsamkeit sind zwei verschiedene Dinge. Während Einsamkeit ein subjektives Gefühl beschreibt, meint soziale Isolation in der Regel die Abwesenheit von Kontakten und ist somit ein objektives Mass für die soziale Eingebundenheit. Entsprechend wird auch von subjektiver (also Einsamkeit) und objektiver sozialer Isolation gesprochen. Obwohl hier eine Korrelation besteht, ist diese nicht sehr groß. Jemand der keine/wenige soziale Beziehungen hat, muss sich nicht einsam fühlen, aber jemand in einer Gruppe oder mit vielen Beziehungen kann sich gleichwohl einsam fühlen. Das Alleinsein wiederum beschreibt einen momentanen Zustand, während dem die Person für sich allein ist oder aber nicht mit anderen Menschen kommuniziert. Das Alleinsein sagt nichts aus über mögliche soziale Beziehungen der Person und kann als positiv empfunden werden, da es beispielsweise Raum für Kreativität oder Zeit für die Beschäftigung mit sich selbst bietet.

Vermutlich kennt jeder Mensch Phasen, in denen man sich einsam fühlt oder auch nur Momente der Einsamkeit. Wann wird Einsamkeit zu einem echten Problem?

Das stimmt und es ist auch gut, dass wir Einsamkeit empfinden können. Einsamkeit ist an sich ein adaptives Gefühl, welches uns über das Brachliegen eines fundamental menschlichen Bedürfnisses informiert. Deshalb wird Einsamkeit manchmal auch als „sozialer Durst“ bezeichnet. Das Gefühl soll uns Menschen dazu motivieren, aktiv zu werden und (mehr) in soziale Beziehungen zu investieren. Einheitliche Schwellenwerte, ab wann Einsamkeit als problematisch anzusehen wird, gibt es nicht. Hier kann jedoch die Differenzierung zwischen einem vorübergehenden Gefühl der Einsamkeit, das die meisten Menschen kennen und einer chronischen Form der Einsamkeit interessant sein. Bleiben Einsamkeitsgefühle über einen längeren Zeitraum bestehen und fehlt der Person aufgrund äußerer oder innerer Umstände die Möglichkeit, auf die bestehende Situation Einfluss zu nehmen, kann dies mit einem starken Leidensdruck, dysfunktionalen Gedanken und Verhalten sowie weiteren negativen Konsequenzen einher gehen. In solchen Fällen spricht man von chronischer Einsamkeit. Vorübergehende Einsamkeit kann, muss aber nicht, in chronische Einsamkeit übergehen.

Sie erwähnen, dass es in Großbritannien seit 2018 ein Ministerium für Einsamkeit gibt. Die Pandemie hat das Thema noch mehr ins Bewusstsein gerückt und vermutlich auch das Problem vergrößert. Wird es in Zukunft immer mehr einsame Menschen geben?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in absoluten Zahlen gesehen in Zukunft immer mehr einsame Menschen geben wird, da die Anzahl der Menschen auf der Welt zunimmt und - beispielsweise -Menschen immer älter werden. Auch wenn Einsamkeit nicht nur im Alter vorkommt, so ist es doch so, dass die ältesten Alten überproportional stark von Einsamkeit betroffen sind.

Lange war es schwierig zu sagen, ob  – relativ gesprochen – heutzutage mehr Menschen von Einsamkeit betroffen sind als früher, auch wenn in den Medien hin und wieder von einer „Pandemie der Einsamkeit“ die Rede ist. Es fehlte schlicht an verlässlichen Daten, diese Hypothese zu überprüfen. Eine kürzlich erschienene qualitativ hochstehende Studie zu diesem Thema von Susanne Buecker und Kolleg*innen zeigt nun zum ersten Mal metaanalytisch, dass es bei jungen Erwachsenen einen leichten Anstieg in puncto Einsamkeit im Zeitraum zwischen 1976 und 2019 zu geben scheint, welcher jedoch nicht überdramatisiert werden sollte, da der Anstieg, wie gesagt, eher klein ist und über die Ursachen für den Anstieg unterschiedliche Interpretationen denkbar sind. Fakt ist aber, dass unabhängig davon, ob es einen Anstieg gibt oder nicht, es jetzt viele Personen gibt, die sich überdauernd einsam fühlen.

Es existieren sehr unterschiedliche (Vor-)Urteile darüber, welche Auswirkungen soziale Medien haben – vergrößern sie Ihrer Meinung nach eher das Problem oder sind sie eher hilfreich für einsame Menschen?

Mit dem Zusammenhang von Einsamkeit und der Nutzung sozialer Medien ist es wie mit so vielem: „Es kommt drauf an“... Hier ist insbesondere zu beachten, wie und wie häufig soziale Medien genutzt werden. Es macht zudem einen grossen Unterschied, ob die Nutzung in aktiver oder passiver Form erfolgt. Zudem scheinen auch junge Personen, die soziale Medien mit Maß benutzen, weniger einsam zu sein als solche die sie gar nicht oder solche, die sie im Übermaß nutzen. Auch hier scheint also die Dosis das Gift zu machen. Aber eine angemessene Dosis und Nutzungsweise, beispielsweise zur Kontaktpflege oder zum Knüpfen von neuen Beziehungen, können durchaus auch Einsamkeit entgegenwirken. Des Weiteren bietet das Internet auch die Möglichkeit, sich mit anderen verbunden zu fühlen, beispielsweise, indem man von anderen Personen erfährt, die bspw. unter demselben Problem oder derselben Krankheit leiden und zu denen man sonst keinen Kontakt hätte. Auch das kann ein Gefühl von Verbundenheit auslösen.

Welche Auswirkungen kann Einsamkeit auf die Gesundheit eines Menschen haben?

Verschiedene Studien zeigen, dass Einsamkeit mit einer beeinträchtigen Gesundheit zusammenhängt. Dies kann sowohl die psychische und/oder die körperliche Gesundheit betreffen. Einsamkeit scheint u.a. mit schlechter Schlafqualität, beeinträchtigten exekutiven Funktionen, beschleunigtem kognitivem Abbau, Diabetes, Herzinfarkten und Schlaganfällen, aber auch einem erhöhten Risiko für psychische Krankheiten, wie Depressionen oder Angststörungen, in Zusammenhang zu stehen. In der Regel finden sich die oben genannten Zusammenhänge sogar, wenn die objektive soziale Isolation kontrolliert wird. Wichtig ist aber auch zu betonen, dass Einsamkeit auch die Folge eines schlechten Gesundheitszustandes sein kann. Folglich kann ein Teufelskreis entstehen.

Lässt sich chronische Einsamkeit diagnostizieren?

Chronische Einsamkeit stellt in keinem der Diagnosekataloge (DSM oder ICD) eine Diagnose dar und lässt sich deshalb grundsätzlich nicht diagnostizieren. Es gibt auch kein klar definiertes Zeitkriterium, ab dem von chronischer Einsamkeit gesprochen wird. Auch in der Forschungsliteratur finden sich verschiedene Kriterien, die von mehreren Monaten bis hin zu mehreren Jahren reichen. Von chronischer Einsamkeit wird im Allgemeinen dann gesprochen, wenn die Einsamkeit über eine längere Zeit andauert und das Einsamkeitsgefühl von der oben beschriebenen adaptiven Einsamkeit abgegrenzt werden soll. Mittels verschiedener Fragebögen, die v.a. in der Forschung eingesetzt werden, kann aber das Ausmaß des Einsamkeitserleben einer Person erfasst werden. Allerdings geben diese Fragebögen in der Regel keinen Hinweis zur Chronizität der Einsamkeit. Nichtsdestotrotz sollte das Thema bei Gesundheitsfachpersonen präsent sein und bei Hilfesuchenden exploriert werden, da es mit einem grossen Leidensdruck einhergeht, viele negative Konsequenzen haben kann und oft nicht spontan darüber berichtet wird.

Welche Behandlungsmethoden und therapeutischen Interventionen sind bei chronischer Einsamkeit möglich?

Die vorhandene empirische Evidenz lässt den Schluss zu, dass insbesondere Interventionen bei Einsamkeit hilfreich sein können, die auf dysfunktionale Gedanken, Schemata und Verhalten abzielen. Dies steht im Gegensatz zur häufigen Ansicht, dass es genügt, einsame Menschen mit anderen Menschen zusammen zu bringen, damit sie sich nicht mehr einsam fühlen. Hier gilt es aber zu berücksichtigen, dass von Fall zu Fall beurteilt werden sollte, welche Interventionen bei einer chronisch einsamen Person erfolgsversprechend sein können, und ob „soziale“ Interventionen ausreichen oder ob primär „psychologische“ Interventionen indiziert sind oder eine Kombination nötig ist. Beim komplexen Thema Einsamkeit scheint ein „one-size-fits-all“-Ansatz zu kurz zu greifen und es ist eine differenziertere Herangehensweise angezeigt. Wir hoffen mit unserem Buch diesbezüglich hilfreiche Inputs geben zu können.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

PD Dr. Tobias Krieger

PD Dr. Tobias Krieger, geb. 1981. Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut/Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. 2002–2008 Studium der Psychologie an den Universitäten Bern (CH) und Rennes (F). 2009-2014 wissenschaftlicher Assistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich. 2013 Promotion an der Universität Zürich. Seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. 2020 Habilitation. Seit 2009 psychotherapeutische Tätigkeit in verschiedenen Institutionen und seit 2018 leitender Psychologe an der Psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Bern.

 

Noëmi Seewer

Noëmi Seewer, geb. 1993. 2013–2020 Studium der Psychologie in Bern. Seit 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Seit 2021 Auszubildende im Postgradualen Masterstudiengang Psychotherapie an der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie des Instituts für Psychologie an der Universität Bern.

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