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Wie die Fachbücher auf die Welt kommen

Pflegefachpersonen in Ausbildung, Weiterbildung oder Studium benötigen einen ganzen Werkzeugkasten an Fertigkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten. Wer sich diese in kompakter, konkreter und praxisnaher Form aneignen möchte, der ist mit dem Lehr- und Arbeitsbuch «Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege», herausgegeben von Eva-Maria Panfil (2022), bestens beraten. Neben einer Einführung in wissenschaftliches Arbeiten beschreiben die Autor*innen konkret, wie man kritisch denkt, englische Texte liest und schreibt, gut zuhört, effektiv mitschreibt, klug fragt, klar argumentiert, gewinnend referiert, auf den Punkt zusammenfasst, anschaulich visualisiert, effektiv Literatur recherchiert, bibliografiert und verwaltet, korrekt zitiert und verständlich schreibt. Als Produkte wissenschaftlichen Arbeitens zeigen die Autor*innen, wie man Themen findet, ein Exposee oder einen Projektplan schreibt, ein wissenschaftliches Manuskript verfasst, Artikel einreicht, ein Buch rezensiert, einen Vortrag hält, ein Poster präsentiert, Haus- und Abschlussarbeiten sowie Fachbuchbeiträge und Fachbücher verfasst.

In der täglichen Arbeit sind Schreibfähigkeiten vor allem zur Pflegedokumentation gefragt. In Aus-, Weiterbildung und Studium stellen Haus- und Abschlussarbeiten sowie Fachartikel die eigenen Fähigkeiten Texte zu verfassen auf die Probe. Eine Herausforderung der besonderen Art kann darin bestehen ein eigenes Fachbuch zur publizieren. Da es eine «schwierige Geburt» werden kann, ein Fachbuch mit 200 bis 800 Seiten zu verfassen wird hier aus Sicht eines erfahrenen Büchergeburtshelfers skizziert, wie Pflegefachfrau oder -mann möglichst komplikationsfrei zu ihrem Werk kommt.
 

Die Empfängnis

Wenn Sie mit dem Gedanken schwanger gehen, ein Buch zu schreiben, dann prüfen Sie, ob Sie auch wirklich „schwanger“, d.h. ausreichend motiviert sind, um eine „Kopfgeburt“ zur Welt zu bringen. Außerdem gilt es, einen Verlag für ihre Buchbaby empfänglich zu machen. Beschreiben sie dazu in einer Buchbegründung ihres Wunschbuches:

  • was der Titel, das Thema Ihres Buches ist
  • wer die Autor*in/Herausgeber*innen des Buches sind
  • was der Inhalt und die Gliederung des Buches ist
  • warum ihr Werk notwendig, einzigartig oder besser als andere ist
  • wie umfangreich und groß wird das Buch sein
  • wie das Buch ausgestattet sein sollte (gebunden, kartoniert; ein-, zwei- oder vierfarbig)
  • welche Zusatzmaterialien notwendig sein werden
  • wie viele Abbildungen und Tabellen das Buch beinhalten sollte
  • wie viele Abbildungen Sie selbst einbringen und wie viele Illustration oder Grafiken neu zu zeichnen sein werden
  • wie das Buch didaktisch strukturiert sein wird und mit welchen Formen und Elementen Sie die gewünschten Eigenschaften des Buches umsetzen werden (Strukturelemente)
  • bis wann das Manuskript des Buches fertiggestellt sein wird
  • ob das Buch auch in digitaler Form vorliegen sollte
  • wie viel das Buch kosten darf
  • ob Sie Möglichkeiten der Bezuschussung durch Dritte einbringen können
  • wer das Buch kaufen wird
  • wie und wo das fertige Buch beworben werden kann- Was Sie werbend selbst beitragen können als Dozent*in oder Referent*in
  • welche Zeitschriften, Plattformen oder sozialen Netzwerke ihr Buch rezensieren und bewerten könnten

 

Die Geburtsstation

Bei der Frage, in welchem Umfeld Sie Ihr Werk platzieren und auf die Welt bringen möchten, ist abzuwägen, in welchem Verlag Sie Ihr Buch publizieren möchten. Welche*n Lektor*in Sie sich als Begleitung für Ihr Buchprojekt wünschen. Wie das Programm des Verlages aussieht und ob es bereits thematisch ähnliche Titel in einzelnen Programmsegmenten gibt. Ferner gilt zu klären, ob der Verlag für bestimmte Schwerpunkte (Ausbildung/Studium, Praxis, Wissenschaft) oder Themenschwerpunkte (Altenpflege, Palliative Care, Akutpflege o.ä.) steht, zu denen Ihr Buch passen würde. Trifft Ihr Buch einen „Nerv“, ist das Thema für den Verlag aktuell/relevant? Rechnet sich das Projekt für Sie?

Die Geburtsvorbereitung

Hat sich ein Verlag für Ihre Idee begeistert, weil er denkt, diese Idee sei es wert, aus inhaltlichen, programmatischen, finanziellen und Aktualitätsgründen auf die Welt gebracht zu werden, wird er Ihnen eine Bücherhebamme in Person einer Lektorin oder einen Lektor an die Seite stellen, die u.a.

  • erklärt und transparent macht, welche Vertragskonditionen Sie unterschreiben
  • erläutert, wie ein Buchprojekt mit wessen Hilfe verläuft
  • mit Ihnen einen realistischen Zeitplan aufstellt und an dessen Einhaltung erinnert
  • erklärt, welche formalen und technischen Dinge beim Schreiben und Korrigieren zu beachten sind
  • hilft, Ihre Projektidee zu konkretisieren, zu strukturieren und umzusetzen
  • hilft, weitergehende Literatur zu identifizieren
  • darstellt und aufzeigt, wie Ihr Text visualisiert und didaktisiert werden kann
  • redaktionelle Ressourcen zur Optimierung ihres Textes zur Verfügung stellt
  • aufzeigt, welche Fehler vorhersehbar und vermeidbar sind
  • ihr Netzwerk für die Dauer des Projektes zur Verfügung stellt
  • aufzeigt, wie Sie Ihr Buch als wichtigen Karrierebaustein nutzen können.

 

Die Schwangerschaft und die Geburt

Mit Hilfe dieser geburtshilflichen Unterstützung wird es Ihnen gelingen, aus Buchstaben Worte, Sätze, Absätze und Kapitel zu formen und Ihr Buchbaby bis zum Manuskript auszutragen. Zur eigentlichen Geburt wird die Bücherhebamme das Manuskript redigieren, Ihnen nochmals vorlegen, nach Ihrer Zustimmung durch die Herstellung für den Satz vorbereiten und setzen lassen; mit Ihnen den Umbruch korrigieren, alle Korrekturen ausführen lassen und prüfen, Werbetexte schreiben, ein Cover entwerfen, um abschließend das „Gut zum Druck“ zu geben. Die einzelnen Schritte des Ablaufs eines Buchprojektes fasst Tabelle 1 zusammen.

Das Wochenbett

Endlich ist es so weit. Sie halten Ihr Werk in Händen, mit Fäden gebunden in Leinen und Cellophan gewickelt, können Sie es in seine Krippe in Ihr Bücherregal betten und aller Welt die frohe Botschaft verkünden „Euch ist heute ein Büchlein geboren“.

Die Taufe und der Kindergarten

Noch bevor Sie mit stolzer Brust Ihr Werk in Händen halten, hat der Verlag während des redaktionellen Prozesses damit begonnen, Ihr Werk anzukündigen. Dazu wurden von Lektorat und Marketing Texte für Halbjahresvorschauen, Gesamtverzeichnisse, Anzeigen, Flyer und Folder geschrieben. Messen, Lesungen, Tagungen, Kongresse, Seminare, Rezensionen, Vorabdrucke vorbereitet, um das Erscheinen Ihres Werkes breit gestreut zu verkünden – alles natürlich im Rahmen des bescheidenen Werbebudgets. Diese Aktivitäten können Sie kongenial unterstützen, indem Sie Ihre Fähigkeiten, Talente und Kontakte einbringen, um den Bekanntheitsgrad ihres Werkes zu steigern und den Verkauf des Buches zu fördern. Die folgende Ideensammlung möge Ihnen einige Anregungen für eine effektive Selbstvermarktung von A bis Z geben:

  • Adressen. Stellen Sie dem Verlag Ihnen zugängliche Adressen von Personen und Institutionen zur Verfügung, die über Ihr Buch informiert werden möchten oder daran interessiert sein könnten. Oder informieren Sie Ihre „Kontakte“ über das Erscheinen ihres Buches.
  • Artikel. Verarbeiten Sie das Thema Ihres Buches zu unterschiedlichen Artikeln für Fachzeitschriften. Variieren Sie die Textsorten von Forschungsberichten, über Reportagen, Editorials, Interviews bis hin zu Geschichten rund um Ihr Buch. Achten Sie darauf, dass Ihr Buch zitiert und wenn möglich zum Artikel abgebildet wird.
  • Buchvernissage. Wer hart arbeitet, darf auch feiern. Stellen Sie Ihr Buch in Verbindung mit einem Buffet und/oder Vortrags- und Kulturprogramm Ihren Kolleg*innen vor.
  • Diversifikation. Denken Sie darüber nach, was sich aus Ihrem Buch evtl. noch machen ließe: ein Arbeitsbuch zum Lehrbuch, ein Kurzlehrbuch, ein Notes-Buch oder ein Praxishandbuch? Ließe sich Ihr Thema auch auf andere Abschnitte in der Lebensspanne übertragen, z. B. Pflegediagnosen in der Pflege von Frühchen, Kindern, Adoleszenten oder alten Menschen? Kann Ihr Thema auch im Rahmen anderen Pflegesettings angewandt werden, z. B. Basale Stimulation in der Langzeit-, Intensiv-, Rehabilitations- und Palliativpflege?
  • Expertenimage. Arbeiten Sie an Ihrem Image als Expert*in für ein bestimmtes Fachgebiet. Bieten Sie Ihre Mithilfe bei Planungs- und Curriculums-Sitzungen an, engagieren Sie sich berufspolitisch und wirken Sie auf berufs- und gesundheitspolitische Entscheidungen ein.
  • Flyer. Verteilen oder verschicken Sie ohne falsche Scham Werbematerial über Ihr Buch. Der Verlag stellt Ihnen gerne auch schon vor dem Erscheinen entsprechende Flyer zur Verfügung.
  • Internetauftritt. Präsentieren Sie das Buch auf Ihrer persönlichen Homepage, und richten Sie einen Link zum Verlag ein. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Buch bei Internetbuchhändlern rezensiert wird, und geben Sie es in Internet-Lexika als Referenz an.
  • Interviews. Bieten Sie sich Fachzeitschriften und Zeitungen als Experte zu Ihrem Thema an und vereinbaren Sie Interviews. Versichern Sie sich vor dem Interview, dass auf Ihr Buch verwiesen wird.
  • Lesungen.Arrangieren Sie Lesungen mit Ihrer heimischen Buchhandlung, oder bieten Sie Ihr Thema im Rahmen von überregionalen Autorenworkshops an.
  • Networking.Gründen Sie oder treten Sie Netzwerken zu Ihrem Thema bei.
  • Networking (Social Media Plattformen).Weisen Sie auf Social Media Plattformen auf Ihr Werk hin.
  • Neuauflagen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Erkundigen Sie sich rechtzeitig im zuständigen Lektorat über die Verkaufsentwicklung, um bei guten Absätzen Materialien, Meinungen und Ideen für eine überarbeitete Neuauflage zu sammeln.
  • Rezensionen. Bitten Sie Kolleg*innen, sich an eine Fachzeitschrift zu wenden, um Ihr Buch zu rezensieren und kritisch zu würdigen.
  • Seminare. Entwickeln Sie Seminare oder Module zu Ihrem Buchthema und bieten Sie diese regionalen und überregionalen Bildungsinstitutionen an. Seminarteilnehmer*innen sind potenzielle Leser*innen und Multiplikator*innen Ihres Buches. Seminartätigkeiten bieten gute Verdienstmöglichkeiten und ein Buch steigert Ihren Marktwert.
  • Vorträge. Verarbeiten Sie Inhalte Ihres Buches zu Reden und Vorträgen und halten Sie diese an Kongressen, Tagungen oder Wissen-Cafés. Die große Zuhörerschaft an Kongressen und Tagungen gibt Ihnen die Gelegenheit, Ihr Buch einer größeren Zahl von Personen vorzustellen und sich als Autor*in live zu präsentieren. Evtl. können Sie mit dem Veranstalter eine Signierstunde vereinbaren. Diese macht Ihr Buch zum Unikat.

Mehr zum Schreiben eines Pflegefachbuchs in Form von Autor*innen-, Herausgeber*innenchecklisten, Musterexposees, Verlagsübersichten, Programmstrukturen, Strukturelementen und Projektablaufplänen finden Sie in dem Beitrag von Georg (2022). Die ganze Welt des wissenschaftlichen Arbeitens in der Pflege bietet Ihnen das ausgezeichnete Lehr- und Arbeitsbuch von Eva-Maria Panfil (2022). – Ich freue mich auf Ihren Publikationsvorschlag.
 

Literatur

Georg, J. (2003). Bücher. In K. Reinhardt, Schreiben in der Pflege. Huber: Bern.
Georg, J. (2022). Ein Pflegefachbuch (mit)schreiben. In E.-M. Panfil (Hrsg.). Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege (4. Aufl.) (S. 373–391). Hogrefe: Bern.
Panfil, E.-M. (Hrsg.) (2022). Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege (4. Aufl.). Hogrefe: Bern.

Jürgen Georg

Jürgen Georg ist Programmleiter der Fachbereiche Pflege und Greencare beim Hogrefe Verlag in Bern. Er hat als „Büchergeburtshelfer“ schon über 500 „Buchbabys“ auf die Welt gebracht.

 

 

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